Polling, ehem. Augustiner-Chorherrenstift, Prälatenkapelle


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 1: Die Landkreise Landsberg am Lech, Starnberg, Weilheim-Schongau. Hirmer, München 1976, ISBN 978-3-7991-5737-7, S. 456–458, geschrieben von Bauer-Wild, Anna, Böhm, Cordula, Lüdicke, Lore und Werner-Clementschitsch, Heide. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Ehem. Prälatenkapelle im oberen Geschoß des Prälaturstockes, jetzige Hauskapelle der Dominikanerinnen

Zum Bauwerk: Einfacher, rechteckiger Saal, 5,25 m × 3,10 m, in dem 1775–78 durch Matthias Baader erbauten Prälaturstock

Auftraggeber: Propst Franz Töpsl von Polling (1744–96), dessen Wappen sowie das Klosterwappen sich an der O- und W-Seite der Decke befinden

Autor und Entstehungszeit: Signatur am nordwestlichen Bildrand BADER. pi (Johann Baptist Baader). Das Deckenbild ist undatiert. Fuchs gibt die Entstehungszeit mit 1779 (gleichzeitig mit der Pollinger Bibliothek) an. Das ist sicher falsch; das Bibliotheksfresko zeigt den typischen Spätstil von Baader, steif und vergröbert im Vergleich zu früheren Bildern sowohl in der Darstellung der Bildschauplätze als auch der Figuren. Im Gegensatz dazu stehen der stimmungshafte Reiz der Landschaftsausblicke und die Grazie der Figuren (besonders der Engel) in der Hauskapelle. Ebenso unterscheidet sich der ganz sparsame Stuck in der Bibliothek von dem bewegteren, eleganteren und graziösen in der Hauskapelle (beides von Thassilo Zöpf). In den Rechnungen aus Polling, die im Pfarrarchiv Walleshausen liegen, findet sich unter dem Jahr 1765/66 (Hofmann): »Dem Thassilo Zöpf, Stuccador in Wessobrunn hat die Kapell neben der Propstei ausgemacht und seines Verdiensts erhalten wie auch von Ausstuccadoren der Propstei selbsten 200 fl. Und Johann Baader, Mahler, für das Altarpladl einen fünffachen Dukaten à 25 fl. — »Danr deme für das obere Stuck 12 ganze Carlin, tut 130 fl.«

Befund

Träger der Deckenmalerei: Muldengewölbe Rahmen: Stuckprofil, durch Rocailleornamente unterbrochen

Technik: Öl auf Putz; polychrom Maße: Höhe 3,40 m; 3,60 × 2,10

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Einige Risse wurden offensichtlich bei einer Restaurierung provisorisch ausgebessert. Das Deckengemälde ist im ganzen verschmutzt, die Farbsubstanz jedoch anscheinend gut erhalten; zahlreiche Haarrisse überziehen die ganze Bildfläche

Beschreibung

DER AUFERSTANDENE ALS ÜBERWINDER DES TODES Der Betrachterstandpunkt liegt – vom streng zentralperspektivischen Aufbau des Bildes bestimmt – unter der Bildmitte. Man blickt von unten in ein Gewölbe, das von acht schweren Rustikapfeilern getragen ist. Durch eine Öffnung in der Mitte sieht man in den freien Himmelsraum.

Die acht Pfeiler tragen Bogen, die sich wie eine Arkade den Bildrand entlang ziehen. In den Arkadenöffnungen sind verschiedene Szenen dargestellt oder Ausblicke in die Landschaft gegeben. Die Architektur ist schwer und niedrig. Ranken, die von den Bogen herabhängen, und wuchernde Pflanzen an beiden Längsseiten, dazu die tropfsteinähnliche Rustika und das Überwiegen grüner Farbtöne verleihen ihr den Charakter einer Grotte.

In der zentralen Himmelsöffnung des Bildes schwebt Christus als Auferstandener, die Fahne in Händen, von Engeln und Wolken umgeben. Zu seinen Füßen stürzen Tod, Teufel und Amor carnalis in die Tiefe.

Die umlaufende terrestrische Szenerie hat einen extrem tief liegenden Fluchtpunkt der Horizontallinien, so daß die Bodenfläche des Bildes an den beiden Schmalseiten, dem Rahmen folgend, rampenartig von unten sichtbar wird. Die einzelnen Szenen in den Arkadenöffnungen sind in starke Untersicht gegeben, ebenso wie die drei in der Himmelsöffnung schwebenden Engel und die Gruppe der Stürzenden. Dagegen ist Christus wenig verkürzt dargestellt. Er scheint fast waagrecht in der Glorie zu schweben; so wird die Höhenillusion vermindert.

Die Szenen der südlichen Schmalseite beziehen sich auf den auferstandenen Christus; man sieht in der mittleren Bogenöffnung – der Grabeshöhle – den leeren Sarkophag, auf dem zwei Engel sitzen. Drei Frauen nähern sich von rechts. Nach beiden Seiten, im W bis zur Bildmitte, fliehen die erschreckten Wächter.

Die Mittelarkade der Nordseite bildet einen dunklen, apsidenartigen Raum, dessen Öffnung nach oben vergittert ist; er stellt die Vorhölle dar. Hier sind Figuren des Alten Testamentes versammelt. Links davon, an der W-Seite, sieht man die Auferstehung der Toten: Ein Mann hebt einen schweren Sargdeckel hoch; auf ihm sitzt der Freskant Baader als Gerippe und signiert den Deckel eines Sarges, aus dem sich der Stukkator Thassilo Zöpf eben zu befreien sucht: Signatur auf dem Sarg T. ZÖPF STOC. In der gegenüberliegenden Bogenöffnung steigt Jonas eben aus dem Maul des Walfisches. Wasser fließt über den Rand der Bildbodenfläche.

Sowohl im Aufbau als auch in der Thematik der Gestalter des Alten Bundes hat dieses Bild Verwandtschaft mit dem jüngeren Fresko B der Pollinger Bibliothek.

Nicht nur wegen der einheitlichen und konsequenten Perspektive gehört dieses Deckenbild zu Baaders besten Werken. Es ist in den Details wie auch in der Farbigkeit von großem stimmunghaftem Reiz und hat trotz der vielen Einzelszenen eine geschlossene, dichte Gesamtatmosphäre.

Ikonographie

Das Zentralthema ist die Auferstehung Christi, doch spielt bei der Darstellung des Auferstandenen in der Bildmitte auch die Vorstellung von der Himmelfahrt mit hinein: Die beiden Engel zu seiten Christi tragen Schilde mit der Aufschrift ASCEN = / DENS - IN / ALTUM. (vgl. Act 1,9- 11). Mit Blitzen stürzen die Engel Sünde, Tod und Teufel als Besiegte in die Tiefe. Amor carnalis, eine Puttogestalt, hat in Händen den Bogen mit zerrissener Sehne, er steht für die menschliche Sünde, die durch Christus gesühnt ist. Der Tod ist als Gerippe wiedergegeben, um seinen Arm schlingt sich die Paradiesesschlange mit dem Apfel: Die Ursünde hat den Tod in die Welt gebracht. Der Teufel ist zum Zeichen seiner Überwindung mit kettengefesselten Händen dargestellt.

 
Der Auferstandene als Überwinder des Todes

Auffallend bei der Darstellung der Frauen am Grab, eines Auferstehungsereignisses, ist, daß gemäß dem Lukasbericht (Lc 24,1 ff., vgl. Jo 20,12) zwei Engel auf dem Sarkophag wiedergegeben sind statt wie sonst üblich - nach Matthäus (Mt 28,1 ff., vgl. Mc 16,5) - nur ein Engel. Hinter den fliehenden Wächtern, unter dem Arkadenbogen rechts, werden die drei Kreuze von Golgotha sichtbar.

Gegenüber, in der Vorhölle, erkennen wir, von rechts beginnend, Abel, ganz am Bildrand sitzend, neben sich den kleinen Opferaltar mit einem Lamm, von dem der Rauch – Gott wohlgefällig – aufsteigt. Abel trägt eine Keule, die auf den Mord durch seinen Bruder Kain hinweist. In dem Kerkergewölbe folgen Adam und Eva, beide unbekleidet, Adam mit dem Apfel in der Hand. Dann Noe mit der Arche auf dem Rücken, Moses mit Gesetzestafeln und Stab. Abraham und der Knabe Isaak, der auf seinen Schultern das Holz für das Opfer trägt. Johannes der Täufer in härenem Gewand, den Kreuzstab in Händen, und endlich im Hintergrund König David. Das Gitter des Kerkers ist zerbrochen, Lichtstrahlen fallen vom Himmel zum Zeichen der Erlösung hinein (Höllenfahrt Christi). Ganz rechts in der anschließenden Arkade ist die Jonasszene wiedergegeben. Diese typologische Verbindung der Höllenfahrt Christi mit der Jonasgeschichte entspricht Mt 12,40: »Denn gleich wie Jonas war drei Tage und drei Nächte in des Walfisches Bauch, also wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte mitten in der Erde sein.« Endlich ist durch die Jonasszene typologisch hingewiesen auf die Auferstehung Christi. Diese ist die Voraussetzung der Auferstehung des Fleisches am Jüngsten Tage, wiedergegeben in der Szene der aus Särgen auferstehenden Toten. Dieses zukünftige Heilsereignis haben die beiden Künstler Zöpf und Baader ganz persönlich auf sich bezogen: Sie sind bei den Auferstehenden proträtiert.

Der alle Einzelszenen verbindende gemeinsame Gedanke ist der der Überwindung des Todes durch den Kreuzestod und die Auferstehung Christi. Altes und Neues Testament gehören der einen Heilsgeschichte Gottes an.

Literatur siehe S. 469