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Passau, ,Bürgerliches Waisenhaus heute Lukas Kern Kinderheim

Aus Deckenmalerei-Lab
Dreyer, Angelika:Passau, ,Bürgerliches Waisenhaus‘ (heute Lukas-Kern-Kinderheim), in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2024, URL: www.deckenmalerei.eu/00a2c9e8-b2b9-428e-95f7-1a7d9d3c5a64

Inventarnummer: cbdd20122

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Der Text dieses Artikels steht – ausgenommen Abbildungen – unter der Lizenz CC BY 4.0. Dieser Artikel ist lediglich eine Kopie der Originalveröffentlichung auf deckenmalerei.eu und kann veraltet sein; maßgeblich ist die dortige Originalfassung.

Das ehemalige ,Bürgerliche Waisenhaus‘ in Passau erinnert bis heute an den erfolgreichen Unternehmer Lukas Kern, der aus religiöser Überzeugung seine erzielten Gewinne den sozial Schwächeren zukommen ließ, um ihnen eine sichere Heimstatt und religiös-tugendsame Erziehung bieten zu können.

Passau, Ort 10, Lukas-Kern-Kinderheim
Passau, Ort 10, Lukas-Kern-Kinderheim

Die Lage

Das ehemalige Bürgerliche Waisenhaus befindet sich in der Nähe der Ortsspitze der historischen Altstadt von Passau, wo die Donau und der Inn zusammenfließen.

Der Südflügel liegt ganz nahe am Ufer des Inn. Von der Donauseite aus hat man dank einer bebauungsfreien Platzsituation gute Sicht auf den Nordflügel mit dem gemalten Kapelleneingang. „Das Waisenhaus tritt mit einem hohen architektonischen Anspruch auf, der sich offensichtlich mit fürstbischöflichen Bauten messen möchte, und bildet daher die städtebauliche Dominante des Orts.“[1]

Der Stifter Lukas Kern (1681–1749) und seine Gemahlin Anna Theresia Kern, geb. Schwarz (?-1764)

Das Bürgerliche Waisenhaus stiftete der Passauer Schiffmeister Lukas Kern (1681–1749), der gleichzeitig ein Gasthaus betrieb und seinen wirtschaftlichen Erfolg vor allem der „Wiederbelebung der Holztrift auf der Ilz“[2] zu verdanken hatte.

In seinem Testament „stiftete er 55 000 Gulden für das Waisenhaus, dessen Bau und spätere Erhaltung. Weitere 22 500 Gulden kamen der Waisenhausstiftung beim Tode der Witwe [Anna Theresia Kern, geborene Schwarz (?–1764)] und der Kinder Lukas Kerns zu. Dies war im Testament genau geregelt.“[3]

Darin wurden auch weitere „diverse Armeneinrichtungen der Stadt Passau bedacht: Das St. Gertraud-Spital, das Armenkrankenhaus am Sand sowie das Leprosenhaus in der Rosenau. Die wichtigste kirchliche Stiftung war die eines Monatssonntags in der Stadtpfarrkirche St. Paul [...].“[3] „Auf glücklichste Weise verband sich in Lukas Kern das Ziel der Rettung der eigenen Seele mit sozialer Wohltätigkeit. Er kann für seine Zeit als exemplarisches Beispiel für den tätigen Glauben wohlhabender Stadtbürger angesehen werden.“[3] „Er war der Überzeugung, dass sein Wohlergehen ihn dazu verpflichtet, seine finanziellen Mittel den sozial Schwachen, der Kirche und natürlich auch seiner Familie zukommen zu lassen.“[4]

Die Stiftung des ,Bürgerlichen Waisenhauses‘ am 12. September 1749

Passau, Ort 10, Lukas-Kern-Kinderheim

„Die Idee zur Stiftung des Waisenhauses war – laut Testament – schon lange in ihm gereift. Im 18. Jahrhundert war [...] die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt sehr ungünstig verlaufen. Dies führte dazu, dass eine große Anzahl von Bürgern und Handwerkern verarmte. Durch die Epidemien starben außerdem [...] sehr viele Menschen. Die Zahl verwaister, verarmter Kinder dürfte daher im 18. Jahrhundert sehr groß gewesen sein. In seinem Testament beschreibt Lukas Kern dann auch, dass ihm das ,Wimmern der vielen armen, verwaisten Kinder, welche wegen Mangel an Nahrung oder mangels guter Zucht den leidigen Bettelstab mit sich aufwachsen sehen und darum oft den schurgeraden Weg des Verderbens gehen‘, immer sehr zu Herzen gegangen war.“[5]

„Voraussetzung für die Aufnahme der Waisenkinder war – laut Testament – deren Zugehörigkeit zum Bürgerstand. [...] Eine weitere Voraussetzung für die Aufnahme der Kinder war, dass sie ehelich geboren sein mussten. Obgleich das Haus als Waisenhaus gestiftet worden war, war es nicht zwingend, dass alle Kinder Waisen waren. Kinder von Eltern, die so arm waren, dass die Familie sie nicht ernähren konnte, hatten ebenfalls gute Chancen, in das Waisenhaus aufgenommen zu werden. Der Magistrat legte jedoch bei der Frage der Aufnahme der Kinder die Priorität auf die Vollwaisen. Danach kamen die Halbwaisen, deren Vater gestorben war, sodann die mutterlosen Halbwaisen. Die aufgenommenen Kinder mussten älter als fünf Jahre sein. Findelkinder wurden – bis auf einige Ausnahmen – nicht aufgenommen.“[6]

„Die Kinder sollten im Verlauf ihres Aufenthalts im Waisenhaus zu ruhigen, sittsamen, frommen und vor allem fleißigen Menschen erzogen werden. Ordnung, Ehrbarkeit, Disziplin und Gottesfurcht können als die zentralen Begriffe der Erziehung im Waisenhaus genannt werden.“[7]

Die Aufsicht über die Waisenkinder übernahmen die Waiseneltern, die man mit Sorgfalt auswählte. „Es sollte sich um ein ehrbares Bürgerehepaar handeln, das die Erziehungsgrundsätze durch eigenen, tadellosen Lebenswandel glaubhaft vor den Waisenkindern vertreten konnte.“[7]

Die Bau- und Ausstattungsgeschichte (1749–1762)

Nach dem Ableben des Stifters Lukas Kern am 12. September 1749 begannen die beiden Ratsmitglieder und Testamentvollstrecker, der „Spezereienhändler Johann Anton Braquia und [...][der] Lebzelter Johann Mathias Mayer“,[6] „einen passenden Platz für das Waisenhaus [zu suchen] und fanden ihn im Ort. Sie kauften zwei dort ansässigen Bürgern [Matthias Brugger und Joseph Philipp[1]] ihre Häuser im Wert von ca. zweitausend Gulden ab, ließen die Häuser abreißen und beauftragten den Baumeister des Domkapitels, Johann Michael Schneidmann, mit der Erstellung eines Bauplans für das Waisenhaus. Nach Überprüfung dieses Bauplans und der Besprechung mit dem Magistrat bestellten sie ihn als Bauleiter. Die Bauarbeiten begannen im Frühjahr 1750 und dauerten bis zur endgültigen Vollendung fünf Jahre. [...] Eröffnet wurde das Waisenhaus aber erst am 26. Juni 1758. Der Grund dafür waren finanzielle Probleme.“[6]

„Die Hauskapelle war eine zusätzliche Erweiterung des Waisenhauses. Ihr Bau entsprach ganz dem Willen des gläubigen Lukas Kern. Diese Hauskapelle [...] wurde erst 1762, vier Jahre nach Eröffnung des Hauses, fertig gestellt. Auch hier zeichnete der Baumeister Johann Michael Schneidmann verantwortlich. Bischof Josef Maria von Thun (1761–1763) weihte die Kapelle in einer feierlichen Zeremonie am 21. Juni 1762 ein.“[8]

Baumeister und Künstler

Den Entwurf für die Anlage des Bürgerlichen Waisenhauses und der Hauskapelle fertigte Johann Michael Schneitmann (1720–1795). „Um 1750 besaß er den Titel eines Domkapitelmaurermeisters. 1781 wurde er zum Dombau- und Maurermeister ernannt.“[9] Nach Begutachtung seiner vorgelegten Pläne wurde ihm die Bauleitung übertragen.[6]

Von ihm stammt auch die Gestaltung der Hauskapelle, deren Inneres Giovanni Martino Lurago bereits ab 1753 auszustatten begann.[10]

Für die heute noch bestehenden Wandmalereien am Kapelleneingang und deren Chorseite (Innenhof) sowie die Darstellungen von Lukas und Theresia im Treppenhaus ist bisher kein ausführender Künstler bekannt. Ebenso verhält es sich mit dem Bildnis des Stifterehepaares an der Südfassade.

Das Bauwerk (insgesamt)

Das ,Bürgerliche Waisenhaus‘ bildet heute eine vierflügelige Anlage in Form eines Rechteckes aus. Die Langseiten befinden sich an der Nord- und Südseite und weisen drei Geschosse auf, die acht Fensterachsen gliedern. Das Walmdach mit Gauben festigt den Eindruck eines in sich geschlossenen Baukörpers. Die beiden dreigeschossigen Schmalseiten besitzen hingegen nur fünf Fensterachsen und schließen sich mit den Längsseiten zu einen Baukomplex zusammen, der um einen Innenhof mit Arkaden im Erdgeschoss gruppiert ist.

Diese heutige Baugestalt war von Anfang an anders geplant. Ursprünglich sah der Entwurf von Johann Michael Schneidmann „einen zweigeschossigen Vierflügelbau von 29 x 29 m Seitenlänge, mit Walmdächern und einem Innenhof mit offenen Arkaden [vor]. [...][Aber] dieser Entwurf wurde abgeändert und stattdessen nur im durchgehend gewölbten Erdgeschoss eine Arkade gebaut, während die innen liegenden Gänge in den Obergeschossen geschlossen sind.“

Die Aufstockung des Gebäudes war wohl dadurch notwendig geworden, weil der „Platzbedarf für Waisenkinder offensichtlich so groß“[1] geworden war.

Die Südfassade (Innseite)

Der Südflügel zur Innseite hin ist ein dreigeschossiger Baukörper mit Walmdach und Gauben. Die acht Fensterachsen verteilen sich gleichmäßig in der Wandfläche und bilden damit die gliedernde Ordnung. Die drei Geschosse sind in sich differenziert. Das Erdgeschoss mit seiner Rustikabänderung ist das höchste Stockwerk, während die beiden anderen in ihre4r Höhe sukzessive nach oben hin abnehmen.

Den Charakter eines in sich geschlossenen Baukörpers vermittelt der Architekt durch die Gebäudekanten verfestigenden Wandstreifen, die zusammen mit dem horizontalen Gesimsstreifen unterhalb des Daches rahmende Funktion bekommen. Das optisch auffälligste Motiv an der Fassade bildet die farbige Wandmalerei über der Eingangstüre, die dem Betrachter das Stifter-Ehepaar vorstellt.

Das Stifterbildnis an der Südfassade

Über der Eingangstüre in der vierten Achse, von Osten aus gesehen, befindet sich eine Wandmalerei, deren dreieckige Grundform durch die kurvig gewellte Rahmung gestalterisch aufgewertet ist.

Dargestellt ist das Stifter-Ehepaar Lukas Kern und seine Frau Theresia, die beide, in Festtagskleidung gewandet, auf einem Hügel außerhalb einer Stadt am Boden knien und ihre Hände zum Gebet gefaltet haben. Es ist an den christlichen Gott gerichtet, der symbolisch als Auge Gottes mit einer Strahlenauriole über ihnen sichtbar ist. Die Stifter werden von einem Wappenschild getrennt, auf dem der rote Wolf, Wappentier des Hochstifts Passau, vor dem Silbergrund hochsteigt und eine brennende Fackel in seinen Krallen hält.

Das unter ihnen ausgerollte Schriftband informiert den damaligen und heutigen Betrachter über die Gründung des Gebäudes durch Lukas Kern: „1751 Lukas Kern Stiftung Passau.“

Die Hauptfassade im Westen

Die dreigeschossige und fünfachsige Westseite des Waisenhauses besitzt in der Mittelachse des rustizierten Erdgeschosses ein doppelflügeliges Portal, das seit der Erbauungszeit den Hauptzugang in das Innere des Gebäudes bildet. Darüber befindet sich eine Inschriftentafel aus dem Jahre 1751.

Die Inschriftentafel von 1751 über dem Haupteingang

Direkt über dem Scheitel des Westportals ist eine Inschriftentafel angebracht, deren sie einfassender Rahmen aus Perlstabstegen aufgebaut ist. Das geschuppte Bogenfeld darüber begrenzen lorbeerbekränzte C-Bögen mit Engelskopf.

Der Text auf der auf das Jahr 1751 datierten Tafel lautet: „Stehe, Und Bewundere In Disen Armen den Reichtum Eines von Gott gesegneten Mit=Bürgers und milden Stÿffters Gegenwärtigen Waÿsenhaus Weÿe: Herrn Lucas Kern Gewesten Bürge Schiffmaisters Alhier Welcher, mit viller gefahr Reichtum gesamlet, Damit Er im Leben Gott Loben, und Seinen Nächsen Lieben, Nach den Tod aber Er, und Seine Erben Arme Waisen Reich an Tugend, Und Wissenschaften Machen könten. ANNO 1751." [ergänzt durch ein vierpassförmiges Wappen des Hochstiftes Passau, in dem sich der hochsteigende Wolf vor einer rückwärtigen Dekorplatte nach rechts wendet und durch eine Muschelform zusätzlich umfangen wird.]

Das Treppenhaus: Beschreibung und Maße

Die oberen Stockwerke des Gebäudes werden durch eine doppelläufige Treppe erschlossen, die sich, hat man den westlichen Eingangsbereich durchschritten, nördlich (links) sofort mit einer Kehrtwendung im 180 Grad Winkel anschließt.

Die beiden Treppenläufe sind jeweils circa 1,73m breit und ihre Höhe weicht geringfügig davon ab (1,76m).

Die Wendepodeste auf halber Geschosshöhe werden jeweils von zwei Fensteröffnungen belichtet, so auch auf dem ersten Treppenabsatz. Dort befinden sich zwei freskierte Wandnischen, in denen der Evangelist Lukas und die heilige Theresia dargestellt sind.

Die südliche Wandmalerei im 1. Halbgeschoss: Sankt Lukas

Auf der Südseite des Treppenabsatzes ist in der 2,15m breiten und 1,05m hohen Wandnische die Darstellung des Evangelisten Lukas zu sehen, dessen Identifizierung zusätzlich eine gemalte Kartusche über dem Scheitel erleichtert. Beide Bildelemente werden durch einen profilierten Stuckrahmen zusammengebunden.

Der Evangelist sitzt in einer Nische mit goldener Muschelkalotte und füllt diese mit seinem Körpervolumen und seiner ausladenden Gewandung ganz aus. Gezeigt wird er im Zustand göttlicher Inspiration. Lukas hat aufgehört mit dem Gänsekiel seine eigenen Gedanken in das von ihm gehaltene Buch einzutragen und wartet stattdessen auf Eingebungen aus dem himmlischen Bereich, wohin sein Blick sehnsüchtig gerichtet ist.

Zu Füßen des bärtigen Evangelisten liegt stoisch ein Stier, der „nach der Vision des Propheten Ezechiel“[11] zu seinem Symbol geworden ist. Die sandalenbewehrten Füße, deren rechter auf einem geschlossenen Buch ruht, hat er auf einen Sockel gestellt, wodurch er nicht als Zeitzeuge, sondern als Person mit überzeitlichem Status charakterisiert ist.

Die nördlichen Wandmalerei im 1. Halbgeschoss: Sankt Theresia

In einer halbrunden Wandnische mit goldener Muschelkalotte steht auf einem Sockel die heilige Theresia in Ordenskleidung. Ihre Identifizierung erleichtert die Namenskartusche über ihr.

Dargestellt ist sie im Zustand allerhöchster Liebe, was symbolisch das völlig entflammte Herz mit Strahlengloriole ausdrückt. Ihre ganze Zuneigung ist dabei auf den gekreuzigten Christus, den Erlöser der sündigen Menschheit in Gestalt des Kruzifixus` gerichtet, das sie liebevollst auf ihren rechten Oberarm gelegt hat, genauso wie Mütter ihre Kleinkinder in allumfassender Liebe beschützend halten.

Programm: hl. Theresia und hl. Lukas als Namenspatrone des Stifterehepaares
Passau, Ort 10, Lukas-Kern-Kinderheim

Die Entscheidung für die Thematik der beiden Wandbilder im Treppenhaus folgt nicht zeittypischen, z.T. komplexen oder zyklischen Programmierungsstrategien.

Im Waisenhaus von Passau bezieht sich die Darstellung des Evangelisten Lukas und der heiligen Theresia auf die Vornamen des Stifter-Ehepaars, die nach damaligem Verständnis gleichzeitig als ihre Schutzpatrone zu verstehen sind.

Die Fassade des Nordflügels (Platzseite)

Der Nordflügel ist, genauso wie die Südseite, dreigeschossig aufgebaut und mittels der Fenstergliederung in acht Abschnitte eingeteilt, die allerdings wegen des aufwändig gestalteten Kapelleneingangs nur im 2. Obergeschoss vollzählig sind. Die beiden unteren Stockwerke, das rustizierte Erdgeschoss und das Stockwerk darüber weisen deshalb nur sechs Fensterachsen auf.

Das zentrale gestalterische Motiv an der Nordfassade bildet die gemalte Umrahmung des mittig positionierten Eingangsportals in die Hauskapelle.

Der Kapelleneingang und sein gemalter Portikus: Triumph des Glaubens

Der Haupteingang in die Kapelle ist von der nördlichen Platzseite aus gestalterisch und im Aussagewert höchst aufwendig inszeniert.

Im Gesamtaufbau ist das Portikus-Motiv strukturell erkennbar, das Leon Battista Alberti (1404–1472) erstmals in der neuzeitlichen Architektur für die Fassade von San Andrea in Mantua (ab 1472) entwickelt hatte. Die dortige Kombination aus dreiteiligem Triumphbogen im Wandbereich und abschließendem Dreiecksgiebel diente in der Folgezeit immer wieder als bevorzugtes Fassadenmuster, so auch am Waisenhaus in Passau in einer barocken Variation.

Die grundsätzliche Disposition der dreiteiligen rhythmisierten Wand ist ebenso ersichtlich wie der Giebelaufbau, der hier allerdings nicht der formalen Strenge eines Dreiecks folgt, sondern mit Voluten und C-Bögen einen belebteren Umriss erhielt.

Eine barocke Veränderung erfuhr auch die breitere Mittelbahn, deren ehemalige klare Trennung in Wand- und Giebelbereich ist nun einer diese Zonen überwindenden Gestaltung gewichen, wobei das ungewöhnlich geformte Glockenfenster einen Höhenzug entwickelt.

Die Entscheidung des planenden Architekten für dieses Fassadenmotiv mag sicher auch von deren ihr eigenen kulturellen Aussagekraft angeregt worden sein. Motivgenetisch gesehen galt der dreiteilige Triumphbogen im antiken Rom als Siegeszeichen, das man zu Ehren eines erfolgreichen Feldherrn und/oder Kaisers errichtete.

In der neuzeitlichen Variation von Alberti, der den antiken dreiteiligen Triumphbogen mit dem Dreiecksgiebel eines antiken Tempels zu einem neuen Großmotiv verband, war im christlichen Abendland auch eine Sinnverschiebung einhergegangen.

Den Rang der antiken Kaiser übernahmen danach die christlichen Imperatoren Gottvater, Christus und Maria, deren ruhmvoller Triumph des Glaubens auf diese architektursymbolische Weise kenntlich gemacht werden konnte.

Die Rolle der Gottesmutter Maria im göttlichen Heilsplan wird in Passau auf diese Weise eindrücklich betont.

Die Inschrifttafel am Kapelleneingang

Über dem Keilstein des Türsturzes ist im Architravbereich des Gebälkes eine querovale Inschriftentafel mit dem Chronogramm von 1751 angebracht, das von Flügeln gerahmt und von dem hochgezogenen Gesims geschützt wird.

Die Inschrift lautet: D[eo].T[er].O[optimo].M[maximo]. Sacra sicisia Domus. quae prostat Divitis atfe Pauperis an? dubium, bene, solverit orphana pubes Pulchrior utque micat, decusso Cortice virtus; Sic pius. Effuso fit aureus ustis ab aere. CIVI sVo FVnDatorI pIo Inter. paVCIssIMos Raro gratI orphanIs benIgnI strVXerVnt S[enatus].P[opulusque].P[assaviae].[12]

Die östliche Figur am Kapelleneingang: Der Evangelist Lukas?

In einer hochrechteckigen Nische mit Muschelkalotte ist vermutlich der Evangelist Lukas zu sehen, der mit seiner ausladenden Kleidung den vorhandenen Raum ausfüllt. Er steht auf einem Sockel, rafft seinen Mantel und hält ein Buch, möglicherweise das von ihm verfasste Evangelium in seiner linken Hand und sieht himmelwärts.

Die Bestimmung der Nischenfigur als Lukas erfolgt nicht aufgrund vorhandener Attribute, sondern aus thematischen Überlegungen, in welche einerseits die Funktion des Waisenhauses und andererseits die in seinem Evangelium beschriebene Kindheits- und Familiengeschichte von Jesus, Maria und Joseph einen breiten Raum einnehmen.[13]

Die westliche Figur am Kapelleneingang: Der Evangelist Matthäus?

In einer halbrunden gemalten Nische mit Muschelkalotte steht auf einem Sockel der bärtige Evangelist Matthäus. Diese Bestimmung beruht allein auf inhaltlichen Schlußfolgerungen, weil sowohl die Gebäudefunktion als auch ein wesentlicher Inhalt seines Evangeliums sich der Kindheit von Jesus und seiner Eltern widmet. Ein ihn kennzeichnendes spezifisches Attribut fehlt. In seiner rechten Hand hält er eine Schreibrolle und sieht, im Unterschied zu seinem Gegenüber, auf die in die Kapelle Eintretenden herab.[14]

Der Auszug des Kapelleneingangs: Maria Immaculata

Die Figur der Maria Immaculata, der unbefleckten Gottesmutter, folgt den gängigen Darstellungsformen. Sie erscheint ohne Kind in einem weißen weiten Mantel und steht mit ihrem rechten Fuß auf der Mondsichel, den linken hat sie auf die Erdkugel gesetzt, auf welcher die Schlange mit dem Apfel sich windet und von ihr zertreten wird. Ihr Haupt wird von einem Sternenreif bekränzt und außerdem hält sie den Gläubigen eine weiße Lilie hin.

Alle genannten Elemente spielen einerseits auf die Reinheit von Maria an, die als unbefleckt Empfangene frei von der Erbsünde ist und andererseits auf das apokalyptische Weib und Ende der Welt (Sternenkranz, Mondsichel).[15]

Das himmlische Geschehen begleiten geflügelte Puttenköpfe, die andächtig zu ihr hochsehen.

Die Nordseite des Innenhofes

Hofseitig weißt der nördliche Baukörper auf der Höhe der Kapelle eine Wandbemalung auf.

Die Wandbemalung im Innenhof (Nordseite): Hl. Florian und hl. Sebastian

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Passau, Bürgerliches Waisenhaus

Um das hochovale Chorfenster sind in einem rechteckigen Wandfeld die beiden Heiligen Florian und Sebastian dargestellt.

Ihre ehemalige Zugehörigkeit zum römischen Militär in der Zeit um 300 nach Christus sieht man ihrer Kleidung an. Sebastian, bildlinks, hat sich als Anführer der kaiserlichen Leibwache der Gewandung entledigt und auch Helm, Schild und den Köcher mit Pfeilen abgelegt. Mit seinem nackten Oberkörper und den zwei Pfeilen in seiner linken Hand, die er als sein ihn kennzeichnendes Attribut vorzeigt, verweist er auf sein Martyrium, das er als gläubiger Christ zu erleiden hatte.

Florian wird in römischer Legionärskleidung mit weitem Mantel und Lanze dargestellt. Er schüttet aus einem Holzkrug Wasser auf die Wolken, ein biographischer Hinweis auf ein Erlebnis in seiner Jugend, denn der gläubige Florian soll ein brennendes Haus durch sein Gebet gerettet haben.[16]

Der markante Mühlstein an seiner linken Seite ist hingegen das Zeichen seines Todes, denn Florian, der Christen zuhilfe kommen wollte, wurde daraufhin gefangengenommen und mit einem Mühlstein um den Hals in der Enns ertränkt.[16]

Mit der Darstellung von Florian und Sebastian sind im Innenhof des Waisenhauses zwei sehr volkstümliche Heilige anwesend, die man auch ansonsten gerne als Schutzpatrone wählte. Sebastian verehrte man als Nothelfer gegen die immer wieder in Europa grassierende Pest. Florian hingegen konnte gegen die Gefahr von Feuersbrünsten um Hilfe angerufen werden. Zugleich war er ein spätantiker Glaubenszeuge im Gebiet des später, 739 gegründeten Bistums Passau.

In der Darstellung des heiligen Sebastian ist eventuell indirekt auch auf eine weitere Wohltat des Stifters Lukas Kern verwiesen, denn ihm „war daran gelegen [...] die Sebastiani-Bruderschaft ,wieder in glorificanen Stand‘ zu bringen. Diese Bruderschaft hatte sich der Hilfe für Pest- und Seuchenopfer verschrieben. Angesichts der 1742/43 durch Soldaten eingeschleppten Typhusepidemie ist dieses Anliegen Lukas Kerns nachvollziehbar.“[17]

Die Hauskapelle im Nordflügel

Die Hauskapelle liegt in der Mitte des Nordflügels und erstreckt sich über deren gesamte Tiefe von der Nord- zur Südwand.

Darin entwickelt sich die zweigeteilte und zweistöckige Kapelle mit dem naturgemäß kurzen Gemeinde- und dreiseitigen Altarraum.

Diese planerische Herausforderung löste der Architekt dadurch, indem er den Hauptraum in Gestalt eines querovalen Kuppelraumes in sich zentralisierte. Die entscheidende Rolle bei der proportional äußerst geglückten Einteilung der Räumlichkeiten spielen die beiden Arkaden, die als kannelierte Doppelpilaster die Kapelle gliedern und sich jeweils in dem stuckierten Bandgurt fortsetzen.

Ihre gestalterische Funktion ist eine doppelte: zum einen fassen die Arkaden die Wand und Pendentifkuppel des Gemeinderaumes als eine gegliederte Einheit zusammen und betonen deren Zentralraumidee. Zum anderen ist die Südarkade nicht nur als ein den Hauptraum vereinheitliches, sondern gleichzeitig als ein zum Chor überleitendes und diesen rahmendes Tor-Motiv, als „Raumtor“[18] zu verstehen.

Die hohe Innovationskraft und proportionale Sicherheit bei Entwurf und Ausführung der Hauskapelle zeigt sich ebenso an dem die Wand differenzierenden, schichtenden Einsatz der Gliederung. Trotz der vorgegebenen räumlichen Enge gelang es dem Architekten, die Wände des Zentralraumes zu betonen. Dies erreichte er mittels einer schmalen Pilaster-Rücklage, die zusammen mit dem halbkreisförmigen Bogen eine feinlineare Arkade ausbildet, welche das untere Fenster und das obere Oratorium mit Balkonbrüstung auf grazile Weise umfasst.

Der dreiteilige Chor ist aus der geometrischen Grundform einer halben Rotunde entwickelt.[19] Während die raumschließenden Wände der Kreisform folgen, wird der halbkugelige Gewölbebereich durch drei Stichkappen in ihrer Substanz reduziert, eine Maßnahme, welche durch die Belichtung des Raumes erforderlich wurde.

Nordwestlicher Gurtbogen: Die Klugheit (Kardinaltugend)

In einer achtseitigen Stuckkartusche ist ein geflügelter Putto mit Umhang zu sehen. Auf Wolken stehend hält er die klassischen Attribute einer Schlange, die sich um seinen linken Arm windet und einen Spiegel in der rechten Hand hoch. Den Spiegel als Instrument der Selbsterkenntnis weist er allerdings nur noch vor, denn seine eigene Einsicht hat ihm bereits den christlichen Glauben nahe gebracht, wie sein Blick in den offenen Himmel zeigt.

Nordöstlicher Gurtbogen: Die Mäßigung (Kardinaltugend)

Das Reliefbild zeigt einen geflügelten Putto auf einer Wolkenband sitzend, der in einen großen Weinpokal Wasser gießt. Auf diese attributive Weise wird auf die grundlegende menschliche Charaktereigenschaft der Mäßigung und des Maßhaltens verwiesen. In der Antike entwickelt, bildete die Personifikation der Temperantia in der christlichen Tugendlehre eine wesentliche moralische Kategorie menschlicher Lebensführung. Ein achtseitiger geschweifter Stuckrahmen fasst das Stuckbild ein.

Südwestlicher Gurtbogen: Die Gerechtigkeit (Kardinaltugend)

In einer achtseitigen Stuckkartusche sitzt ein geflügelter Putto auf einer Wolkenbank. Mit der rechten Hand hält er ein Schwert hoch und mit der linken eine Waage. Beide Gegenstände sind Attribute der Kardinaltugend Gerechtigkeit, mit der in der Tugendlehre das vorurteilsfreie Maß für eine menschlich vorbildliche Verhaltenweise verstanden wird.

Südöstlicher Gurtbogen: Die Stärke (Kardinaltugend)

Ein geflügelter Putto mit Mantelumhang sitzt auf einer Wolkenbank. Auf seiner rechten Schulter lastet eine Säule, während er in seiner linken Hand einen Löwenkopf hält. Beide Gegenstände sind Kennzeichen der Personifikation der Stärke. So wie eine Säule ein Gebäude trägt, so kann auch die innere Stärke eines Menschen als tragende Kraft seines Verhaltens und Lebensweise gelten.

Der Löwenkopf ist ein Verweis auf den antiken Helden Herkules, der, vor die Entscheidung zwischen irdischen Verführungen und sittsamen Lebenswandel gestellt, sich für Letzteres entschied und deshalb als Tugend-Exempel gilt.

Das Stuckrelief umfasst ein achseitig geschweifter Rahmen.

Nordwestlicher Kuppelraum: Die christliche Tugend der Liebe

In dem nordwestlichen Pendentif ist innerhalb eines formal aufwändigen Dekorrahmens die Personifikation der christlichen Liebe zu sehen. Sie sitzt auf einer Wolkenbank und wird von drei Kindern umringt, die sie alle auf unterschiedliche Weise nährt. Dem auf ihrem Schoß sitzenden Sprößling gibt sie die Brust, einem zweiten hält sie einen Apfel als Nahrung hin und der dritte, der sie sanft an ihrer Schulter berührt, hat Teil an ihrer inneren emotionalen Kraft. Diese bezieht sie selbst von der göttlichen Liebe, wie die Glaubensflamme auf ihrem Kopf anzeigt.

Nordöstlicher Kuppelraum: Die Personifikation des Gebetes

Das Stuckrelief mit der Darstellung des Gebetes gehört nicht in den klassischen Kanon der drei christlichen Tugenden von Glaube, Liebe und Hoffnung als genereller Ausdruck seelischer Gestimmtheit.

Die naheliegende Vermutung, die vierte Seite der Pendentifkuppel lediglich aus flächenfüllenden Gründen mit einer allgemeinen Gebetsformel zu ergänzen, ist hier nicht zielführend. Der ausführende Stukkateur erweist sich nämlich einerseits als versierter Kenner der etablierten Bildmuster wie sie in Cesare Ripas Iconologia angegeben sind und andererseits als kreativer Künstler, der die bekannten motivischen Vorgaben sinnreich zu erweitern wusste.

So modellierte er bildtraditionell eine bekleidete Frau, die einen Rosenkranz in Händen hält und das Gesicht erhoben hat. „Das erhobene Gesicht [...] bedeute[...]t, [...], dass das Gebet eine Erhebung des Geistes und eine Erregung der Liebe ist, mit welcher der Mensch betend zu Gott spricht und ihm die Geheimnisse und Wünsche seines Herzens offenbart.“[20]

Diese tradierte Sinnebene erweiterte der Künstler, indem die Personifikation des Gebetes einem unter ihr sitzenden Kleinkind mehrere Münzen in einen Geldbeutel wirft, ein Geschenk, das dieses mit zum Himmel gerichteten Blick dankend annimmt.

Es erscheint nicht ganz abwegig, in dieser allegorisierten Spendenfreudigkeit auch die Hilfsbereitschaft des Stifters Lukas Kern mitzudenken, der ein sehr religiöser Mensch war. „Er war der Überzeugung, dass sein Wohlergehen ihn dazu verpflichtet, seine finanziellen Mittel den sozial Schwachen, der Kirche und natürlich auch seiner Familie zukommen zu lassen.“[4]

Ebenfalls biographisch konnotierbar scheint der Hinweis auf den Rosenkranz, da Lukas Kern seinem Geburtsort Obernzell mit der Stiftung eines Rosenkranzes eine große Wohltat erwies.

In dieser (mindestens) zweifach zu lesenden Sinnebene, die allegorische und biographische Elementen zusammenbindet, gelingt die Integration des ripaesken Gebetes in den Kanon der drei christlichen Tugenden. Zugleich ist die Darstellung bis heute sprechender Ausdruck der Frömmigkeit und Spendenbereitschaft des Stifters Lukas Kern, die man deshalb in der Kapelle als vierte Glaubenstugend einpasste.

Den postmortalen Dank und ewigen Lohn für sein tugendhaft-gläubiges Verhalten erhielt er in Form von Gedenk-Gottesdiensten. „Die Kinder wurden angehalten, ihren Wohltäter Lukas Kern und seine Frau Anna Theresia in ihre täglichen Gebete einzuschließen. Jeden Donnerstag musste um die Mittagszeit, bevor der freie Nachmittag begann, von den Kindern ein Rosenkranz für Lukas Kern, seine Frau und alle anderen Wohltäter des Waisenhauses gebetet werden.“[8]

Auf diese Weise war die allegorische Darstellung des Gebetes gleichzeitig auch noch zur konkreten Gebetsaufforderung geworden.

Südwestlicher Kirchenraum: Die christliche Tugend der Hoffnung

Im südwestlichen Pendentif sitzt die personifizierte Darstellung der Hoffnung, eine der drei christlichen Tugenden, auf einer Wolkenbank. „Da der Anker ein Schiff im Hafen und bei Sturm sichert, wurde es zum Zeichen der Hoffnung, der Zuversicht und des Heils [...].“[21]

Südöstlicher Kirchenraum: Die christliche Tugend des Glaubens

In dem südöstlichen Pendentif ist die Personifikation des christlichen Glaubens dargestellt, die, nach Cesare Ripas ,Iconologia‘, „in der linken Hand ein Kreuz [...] und in der rechten einen Kelch [...]“[22] halten soll.

Programm und Synthese der Hauskapelle: Weltlicher und christlicher Tugendkanon

Passau, Ort 10, Lukas-Kern-Kinderheim

Die stuckierte Programmierung im Hauptraum der Waisenhauskapelle ist die Versinnbildlichung der damals bekannten weltlichen und christlichen Tugenden. Die Kombination dieser ethischen Grundwerte ist an sich nicht ungewöhnlich. Besonders wird sie erst durch die jeweilige Anbringung und Verteilung im vorhandenen Raumgefüge, wodurch sich der spezielle Aussagewert der beiden Tugendlehren im Verhältnis zueinander ergibt.

In Passau sind die in der Antike entwickelten vier Kardinaltugenden auf den beiden Gurtbögen angebracht. Diese eher als allgemein-menschlich aufzufassenden Verhaltensangebote konnte jeder tugendsam ausgerichtete Mensch als individuelle Handlungsvorschrift in sein alltägliches Leben als sittsame Orientierungshilfe integrieren.

Die Versinnbildlichung dieser vier erstrebenswerten Charaktereigenschaften fassen die zentrale Kuppel mit den Darstellungen der drei christlichen Tugenden, ergänzt durch die Personifikation des Gebetes, ein.

Allein durch diese räumliche Verteilung ergibt sich eine hierarchische Abstufung und ethische Wertung. Während die vier Kardinaltugenden eher den äußeren Tagesablauf regeln und bestimmen sollten, repräsentieren die drei christlichen Tugenden die innere Einstellung eines an Gott gläubigen Menschen, die von ihm direkt in die Seele der Gläubigen „eingegossen“[23] werden.

In der Hauskapelle wird in dieser räumlichen Verteilung beider Tugendlehren eine doppelte Lesart signifikant. Zum einen bilden die vier weltlichen Kardinaltugenden das umfassende Grundgerüst menschlichen Verhaltens und ihrer Bereitschaft, sich der christlichen Lebensweise zu öffnen. Diese gewünschte Lebensform wird nicht von äußerlichen Handlungen bestimmt, sondern entscheidend ist allein die seelische Gestimmtheit des Gläubigen, seine Lebensführung nach diesen inneren Werten auszurichten.

Bedingt durch die räumliche Anordnung ergibt sich zugleich die interpretatorische Aussage von der Verwurzelung der Kardinaltugenden in den christlichen Tugenden, welche wiederum selbst auf die alltäglichen Handlungen substantiell einwirken.

In welcher Form sich diese Ausrichtung an den christlichen Glauben jeweils äußern kann, zeigen die beiden Reliefs mit dem in der Bibel lesenden Putto einerseits und dem inbrünstig betenden Putto andererseits, der Ausdruck allein seiner inneren Glaubenskraft ist.

Die jeweilige Anbringung der Darstellungen, der lesende Putto auf der Männerseite und der innig betende Putto auf der Frauenseite ist zeithistorisch konnotiert.

Renovierungen

Das ehemalige Bürgerliche Waisenhaus, heute Lukas-Kern-Kinderheim, musste im 20. und 21. Jahrhundert mehrmals renoviert und saniert werden. Eine erste grundlegende Renovierung der Fassaden und Fresken nahm man 1927 vor,[24] der eine weitere Renovierung im Jahre 1996/1997 folgte.[25] „Das historische Hochwasser von Juni 2013 machte auch vorm Lukas-Kern-Kinderheim nicht halt. Nach aufwändigen Sanierungsmaßnahmen wurde am 07.09.2017 die Waisenhauskapelle in einem feierlichen Akt wiedereröffnet.“[26]

Bibliographie

  • Brix, Niederbayern, 2008 — Brix, Michael: Bayern II. Niederbayern (=Georg Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Bayern II. Niederbayern), München/Berlin 2008
  • Fournée, Immaculata, Band 2, 1994 — Fournée, Jean: Immmaculata Conceptio: in: Kirschbaum, Engelbert SJ: Lexikon der christlichen Ikonographie, Band 2, Rom/Freiburg/Basel/Wien 1994, Spalte 338–344
  • Kretschmer, Lexikon, 2008 — Kretschmer, Hildegard: Lexikon der Symbole und Attribute in der Kunst, Stuttgart 2008
  • Kummer, Kern, 2004 — Kummer, Katrin Ellen: Lukas Kern – Ein Passauer Schiffmeister und Gastwirt, in: Boshof, Egon (Hg.): Ostbairische Lebensbilder, Band 1 (=Neue Veröffentlichungen des Instituts für ostbairische Heimatforschung der Universität Passau, Band 54), Passau 2004, S. 81-93
  • Lechner OSB, Lukas, Band 7, 1994 — Lechner, Martin OSB: Lukas, in: Braunfels, Wolfgang: Lexikon der christlichen Ikonographie, Band 7, Rom/Freiburg/Basel/Wien 1994, Spalte 448–464
  • Lechner OSB, Matthäus, Band 7, 1994 — Lechner, Martin OSB: Matthäus, in: Braunfels, Wolfgang: Lexikon der christlichen Ikonographie, Band 7, Rom/Freiburg/Basel/Wien 1994, Spalte 588–601
  • Morsbach u.a., Denkmäler, 2014 — Morsbach Peter/Heckmann, Irmhild/Later, Christian/Niemeier, Jörg-Peter: Denkmäler in Bayern. Kreisfreie Stadt Passau. Ensembles, Baudenkmäler, Bodendenkmäler, Halbband 1, Regensburg 2014
  • Ripa, Iconologia, 2012 — Ripa, Cesare: Iconologia, Mailand 2012
  • Sachs/Badstübner/Neumann, Ikonographie, 1975 — Sachs, Hannelore/Badstübner, Ernst/Neumann, Helga: Christliche Ikonographie in Stichworten, München 1975
  • Schütz, Birnbaum, 1974 — Schütz, Bernhard: Die Wallfahrtskirche Maria Birnbaum und ihre beiden Baumeister (=Kieler Kunsthistorische Studien, Band 4), Frankfurt a.M. 1974
  • Schütz, Neumann, 1986 — Schütz, Bernhard: Balthasar Neumann, Freiburg/Basel/Wien 1986
  • Online

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 Morsbach u.a., Denkmäler, 2014, S. 192.
  2. Kummer, Kern, 2004, S. 84.
  3. 3,0 3,1 3,2 Kummer, Kern, 2004, S. 81.
  4. 4,0 4,1 Kummer, Kern, 2004, S. 92.
  5. Kummer, Kern, 2004, S. 87.
  6. 6,0 6,1 6,2 6,3 Kummer, Kern, 2004, S. 88.
  7. 7,0 7,1 Kummer, Kern, 2004, S. 89.
  8. 8,0 8,1 Kummer, Kern, 2004, S. 90.
  9. https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Johann_Miachel_Schneitmann&oldid=241425189. (zuletzt eingesehen am 7.8.2024)
  10. Morsbach u.a., Denkmäler, 2014, S. 194.
  11. Kretschmer, Lexikon, 2008, S. 412.
  12. Die fett gedruckten Buchstaben verweisen auf das Chronogramm.
  13. Allgemein: Lechner OSB, Lukas, Band 7, 1994, Spalte 448–464.
  14. Allgemein: Lechner OSB, Matthäus, Band 7, 1994, Spalte 588–601.
  15. Allgemein: Fournée, Immaculata, Band 2, 1994, Spalte 338–344.
  16. 16,0 16,1 Sachs/Badstübner/Neumann, Ikonographie, 1975, S. 132.
  17. Kummer, Kern, 2004, S. 91.
  18. Schütz, Birnbaum, 1974, S. 41–42, hier S. 42.
  19. Zum Begriff und Gestalt der Rotunde: Schütz, Neumann, 1986, S. 189.
  20. Ripa, Iconologia, 2012, S. 442.
  21. Kretschmer, Lexikon, 2008, S. 33.
  22. Ripa, Iconologia, 2012, S. 184.
  23. https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Theologische_Tugenden&oldid=229225003.
  24. Morsbach u.a., Denkmäler, 2014, S. 193.
  25. Brix, Niederbayern, 2008, S. 540.
  26. http://www.kinderheim-passau.de/Entstehungsgeschichte.aspx.