Otting, Schlosskapelle Mater dolorosa

Dreyer, Angelika:Otting, Schlosskapelle Mater dolorosa, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2021, URL: www.deckenmalerei.eu/18e2ba55-4bef-4be6-baa4-d6644fea5be0

Inventarnummer: cbdd10139

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In der Gemeinde Otting im landschaftlich attraktiven schwäbischen Donau-Ries ist das Schloss das den Ort dominierende Kulturgut. Räumlich separiert davon steht die ehemalige Schlosskapelle, die in der einfachen, volkstümlich gehaltenen Ausstattung ihren Charakter als Wallfahrtskirche zeigt.

Otting, Schlosskapelle Mater dolorosa
Otting, Schlosskapelle Mater dolorosa

Bauwerk

Bau- und Ausstattungsgeschichte

Eine seit der Stauferzeit bestehende Burg Otting „wurde im 30jährigen Krieg zerstört und das heutige Schloss neben der Burgruine erbaut“[1].

Eine spätmittelalterliche oder frühneuzeitliche[2] Skulptur mit der Darstellung der Mater Dolorosa, die sich in der Burgkapelle befand, konnte nach der Destruktion des Schlosses allerdings gerettet werden. Ihre Existenz bot einerseits das auslösende Moment für die Errichtung einer Schlosskapelle, die jedoch nicht mehr in das Schlossareal integriert war. Andererseits erlaubte gerade ihre räumliche Isoliertheit den Aufenthalt der zahlreichen Wallfahrer, die inzwischen von der Wirkkraft der geschnitzten Gottesmutter gehört hatten und sich ihr anvertrauen wollten. Eine lebendige Vorstellung des Wallfahrtaufkommens vermittelt noch heute ein querrechteckiges Gemälde mit Goldrahmen, das die Frontseite des Altares ziert. Die Wallfahrt bestand bis in das 19. Jahrhundert.[3]

Vermutlich gab Franz Joseph Freiherr von Freyberg die Kapelle 1685 in Auftrag, deren Ursprungsbau, erbaut von Abraham Bluem,[3] in der heutigen Sakristei der Schlosskapelle zu erahnen ist.

Dieser Minibau, der eigentlich nur als beengte Schutzhülle des Gnadenbildes zu denken ist, war wohl wegen der beginnenden Wahlfahrt zu klein geworden, so dass man für die Gläubigen wie auch für die Pietà eine repräsentativere und geräumigere Behausung schaffen wollte. 1702–1705 erbaute man eine schmal dimensionierte Kapelle mit Satteldach und achteckigem Dachreiter, die zwei Fensterachsen und einen eingezogenen Chor aufweist.

Gestalterisch hervorgehoben ist die Eingangsseite, die im Wandbereich als Pilastertravée dorischer Ordnung aufgefasst ist und in der sich das mehrfach profilierte Portal und das stuckverzierte Fensteroval befinden. Der das Satteldach verkleidende dreieckige Giebel ist zweigeteilt und dessen äußerer Umriss wird von Volutenspangen markiert. Die Längsseiten und die Apsis sind ohne Gliederung, allein die vorhandenen Fenster sorgen für ein ordnendes Muster.

Dieser spartanischen Erscheinung des Außenbaues entgegen gesetzt ist die dekorative Wirkung des Innenraumes, der seinen gestalterischen wie ikonographischen Zielpunkt im Chor findet. Der diesen Raum dominierende Hochaltar mit seiner prägnanten Farbgebung aus Schwarz und Gold und dem gliedernden Säulenaufbau beherbergt im Zentrum das Gnadenbild. Die zeittypische Machart des Altares ist ein Produkt von Johann und Melchior Paulus aus dem Jahre 1705.[3] Die vorhandenen Wandfresken malten 1704 Johann Friedrich und Johann Heinrich Dieterich[3] und die Stuckierung der Bildrahmen und der Apsismuschel übernahm Benedikt Vogel.[3]

Die Ikonologie des Chores

 
Otting, Schlosskapelle Mater dolorosa

Freudvolle und schmerzvolle Phasen der jungfräulichen Maria

Im Chor der Ottinger Schlosskapelle sind, obwohl klein in der Dimension und gering in ihrer regionalen Wahrnehmung, trotz großer Unterschiede, Grundprinzipien des sog. „Bildaktes“[4] erkennbar.

In drei verschiedenen Medien (Skulptur, Stuck, Fresko) wird in einer Raumeinheit (Chor) eine ikonologische Gesamtaussage angestrebt, welche die zu unterschiedlichen Zeiten entstandenen Artefakte zusammenbindet.

Ausgangspunkt der inhaltlichen Komposition war die geschnitzte Pietà-Darstellung aus der Zeit um 1500 oder 1590, die aus dem zerstörten Schloss auf wunderbare Weise errettet wurde und den Anlass für den Neubau der Schlosskapelle bot. Die stetig sich steigernde Verehrung ihrer geglaubten Wirkmacht erforderte eine neue Platzierung, aber auch eine neue Konzeptualisierung.

Die Ausstatter (und mit ihnen ihre unbekannt gebliebenen Programmisten) nahmen dies zum Anlass, der thematisch vorgegebenen schmerzvollen Klage der Gottesmutter Maria über den Tod ihres Sohnes Christus in einem antithetischen Sinne freudige Ereignisse aus ihrem früheren Leben entgegenzusetzen. Anders, heilsgeschichtlich relevanter, ausgedrückt: Man verband einzelne Phasen aus Marias erster Lebenseinheit, in der die Menschwerdung Christi im Vordergrund stand, mit der schrecklichsten Erfahrung einer Mutter, die den Tod des Sohnes beweinen muss.

Die beiden angenehmen Freuden im Leben von Maria sind als Wandfresken dargestellt: auf der raumrechten Seite wird über der Sakristeitüre die Verkündigung an Maria gezeigt, auf der raumlinken Seite, als Hintergrundbild der Kanzel, die Heimsuchung. Dieses Treffen von zwei schwangeren Frauen, Maria als Mutter Jesu und Elisabeth als Mutter von Johannes dem Täufer, ist auch gleichzeitig eine Begegnung zweier werdender Mütter, denen die Geburt eines göttlich verheißenen Kindes noch bevorsteht. Ihr hoffnungsvoller Zustand ist in dieser Sichtweise auch freudiger Ausdruck über die Empfängnis als Gabe Gottes.

Bezogen auf die differenzierte Rolle von Maria im göttlichen Heilsplan wird sie, neben ihrer Charakterisierung als Mutter, die sowohl freudvolle wie schmerzvolle Erfahrungen machte, in einem konkret räumlich wie inhaltlich übergeordneten Sinn als Verkörperung von immerwährender Jungfräulichkeit verstanden.

Zugleich markieren die beiden Momente im Leben Mariens, die Verkündigung und der Tod des göttlichen Sohnes, ihr menschliches Einverständnis im Erlösungswerk Gottes.

Materiellen wie symbolischen Ausdruck findet diese von der Kirche institutionalisierte Eigenschaft Mariens in der stuckierten Muschelform der Apsiskalotte. Auf diese Weise überdauert sie alle Räume und Zeiten und behält damit ihre aeternale Gültigkeit.

Bibliographie

  • Bredekamp, Bildakt, 2015 — Bredekamp, Horst: Der Bildakt (WAT). Berlin 2015.
  • Dehio, Handbuch, 2008 — Bushart, Bruno / Paula, Georg: Schwaben (Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Bayern III). 2. Aufl., München/Berlin 2008.
  • http://www.schloss-otting.de/das-schloss/historie/ — Schloss Otting.

Einzelnachweise

  1. http://www.schloss-otting.de/das-schloss/historie/
  2. Dehio, Handbuch, 2008, S. 863: „um 1590“, eine Angabe, die der anschaulichen Analyse widerspricht.
  3. 3,0 3,1 3,2 3,3 3,4 Dehio, Handbuch, 2008, S. 863.
  4. Bredekamp, Bildakt, 2015.