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Ottendichl, Pfarrkirche St. Martin

Aus Deckenmalerei-Lab


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 3, Teil 1: Stadt und Landkreis München. Sakralbauten. Hirmer, München 1987, ISBN 978-3-7991-6111-4, S. 144–148, geschrieben von Böhm, Cordula. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

OTTENDICHL

Pfarrkirche, seit 1969 vom Bezirkskrankenhaus Haar vikariert, Gemeinde Haar, Erzdiözese München und Freising; z.Z. der Ausmalung dem Augustinerchorherrenstift Weyarn inkorporiert, Landgericht Wolfratshausen

Patrozinium: St. Martin

Zum Bauwerk: 1475 gotischer Bau, dessen LHs 1682 als baufällig bezeichnet wird (Brief des Dekans Johann Mittermayer von Oberföhring an den Bischof von Freising von 28. 2. 1682 AEM, Pfarrakten Ottendichl mit Kostenvoranschlag für ein neues LHs über 873 fl. 35 kr. (Maurermeister Wolf Trost von Schwaben 595 fl. 40 kr., Zimmermeister Wolfgang Schäfler von Haching 113 fl. 25 kr. für das LHs und 164 fl. 30 kr. für den Turmbau). 1697 Vollendung des Baues, Weihe am 7. 7. 1698 durch Bischof Johann Franz Eckher von Freising.

Innenausstattung um 1720/30, Stuck von Johann Schwarzenberger aus Aibling (Zuschreibung, vgl. Weihenlinden 1736; in der Festschrift Ottendichl Zuschreibung an Jean Dubut).

Dreijochiger Saalbau mit Empore im W, eingezogener, einjochiger AR mit dreiseitigem Schluß. Pilastergliederung, Belichtung durch sechs Fenster im LHs und vier im AR

Auftraggeber: Propst Praesidius Held von Weyarn (1697-1731), amtierender Pfarrvikar Cerbonius Prix (1702-42; Epitaph an der nördlichen LHs-Wand unter der Empore). Außerdem kommt die Corpus-Christi-Bruderschaft in Frage.

Autor und Entstehungszeit: Die Deckenbilder zeigen stilistische Übereinstimmung mit den Deckenbildern des Anton Zächenberger (* um 1690 bei Salzburg † 1773 München siehe S. 93 f.) in Puch (OB LKr. Pfaffenhofen, signiert und 1720 datiert) und in Perlach, St. Michael (S. 93–96). Vergleichbar sind der marionettenhaft steife Figurentypus und die additive Reihung der Figurengruppen, ebenso ein immer wiederkehrendes Schema der Schauplatzgestaltung.

Entstehungszeit 1720/30

Befund

Träger der Deckenmalerei: LHs (A-C) und AR (D) Stichkappentonne (verschliffene Kreuzgratgewölbe)

Rahmen: A-D Stuckprofile Technik: Fresko; polychrom

Maße: A Höhe 5,80 m; 3,40 × 3,70

B Höhe 5,80 m; 3,40 × 3,70

C Höhe 5,80 m; 3,40 × 3,70

D Höhe 5,40 m; 3,90 × 3,40

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Innenrestaurierungen 1878 und 1911 (kein Nachweis für die Deckenfresken). 1940 Restaurierung der Deckenbilder durch Kunstmaler Konrad Schmid Meil.

Die Deckenbilder sind verschmutzt. In allen Fresken Scheitelrisse und zahlreiche Sprünge. Feuchtigkeitsschäden in A-D jeweils am linken und rechten Bildrand, in C auch im Bereich der Baumkrone; in B rechts (Vorhangdraperie) und D links (bärtiger Mönch) behoben, an diesen Stellen auffällig übermalt. Die Farben Blau (Vorhangdraperie) und Grün (Engelsgewand und -flügel) in B durch Übermalung verdorben. Vereinzelt nachgezeichnete Konturen wie z. B. Saum und Schuhe des vorderen Chorherrn in B.

Beschreibung und Ikonographie

Die Bildfelder A-D und a-b sind im LHs und AR in die üppig mit Putti, Band- und Gitterornamentik stuckierten Gewölbe gesetzt. Die drei LHs-Bilder A-C haben gleiche Form und gleiche Größe. Zwischen A und B ist das runde Medaillonfeld a, zwischen B und C das Hl.-Geist-Loch (ohne Darstellung) und beim Chorbogen, vor D, die ovale Stuckkartusche b eingesetzt. Das Chorfresko D ist durch seine Vierpaßform etwas von A-C unterschieden.

A-D zeigen jeweils eine einansichtige Bildanlage, ohne Untersichten durchgeführt. Betrachterstandpunkt jeweils unterhalb der Bildmitte mit Blickrichtung gegen O, in A gegen W. Die Schauplätze sind – trotz Verwendung von räumlichen Repoussoirs wie Treppen oder terrestrischen Rampen – ausgesprochen flächig. Die Proportionen der einzelnen Figuren bzw. Figurengruppen sind uneinheitlich, die Figuren sind marionettenhaft gereiht.

Gleichmäßig aufgehellte Farbwerte bestimmen die Farbigkeit: Hellgrün, Hellblau, Rosa, Karmin, Lila. Kontraste fehlen weitgehend; nur vereinzelt verwendetes stumpfes Rostrot und das dunkle Blau in der Vorhangdraperie von B bilden farbliche Kontrapunkte.

A PATRON ST. MARTIN Inmitten der Himmelsszene kniet St. Martin im Bischofsornat auf einer Wolkenbank, die Rechte im Fürbittgestus erhoben. Ein Putto mit Soldatenhelm links und ein Engel, der den Mantel mit einem Schwert teilt, sowie ein Bettler darunter, spielen auf die Mantelspende in Amiens während der Soldatenzeit des Heiligen an.

Am linken Bildrand ein aufragender Baum, um den Bittflehende gruppiert sind (die Bildbasis ist von der Orgelempore halb verdeckt).

a Name Mariens MARIA (ligiert)

A Patron St. Martin a Name Mariens

gegen W. Die Schauplätze sind – trotz Verwendung von räumlichen Repoussoirs wie Treppen oder terrestrischen Rampen – ausgesprochen flächig. Die Proportionen der einzelnen Figuren bzw. Figurengruppen sind uneinheitlich, die Figuren sind marionettenhaft gereiht.

Gleichmäßig aufgehellte Farbwerte bestimmen die Farbigkeit: Hellgrün, Hellblau, Rosa, Karmin, Lila. Kontraste fehlen weitgehend; nur vereinzelt verwendetes stumpfes Rostrot und das dunkle Blau in der Vorhangdraperie von B bilden farbliche Kontrapunkte.

A PATRON ST. MARTIN Inmitten der Himmelsszene kniet St. Martin im Bischofsornat auf einer Wolkenbank, die Rechte im Fürbittgestus erhoben. Ein Putto mit Soldatenhelm links und ein Engel, der den Mantel mit einem Schwert teilt, sowie ein Bettler darunter, spielen auf die Mantelspende in Amiens während der Soldatenzeit des Heiligen an.

Am linken Bildrand ein aufragender Baum, um den Bittflehende gruppiert sind (die Bildbasis ist von der Orgelempore halb verdeckt).

a Name Mariens MARIA (ligiert)

b Hl. Dreifaltigkeit, Kartusche am Chorbogen

B TOD MARTINS (Abb. S. 148) Ein blauer, zur Seite geraffter Vorhang am rechten Bildrand führt in die Szene ein. Der sterbende Martin liegt auf einer Bettstatt, die auf einem Stufenpodest steht. Drei Mitbrüder Martins, als Augustinerchorherren gegeben, knien betend am Sterbelager. Zwei Engel tragen die Seele Martins, in Form einer kleinen nackten Menschengestalt, zum Himmel empor. Musizierende Engel haben sich auf einer Wolkenbank unmittelbar über der Bettstatt niedergelassen.

D Corpus-Christi-Bruderschaf

In einem Lichtstrahl, der vom Mund des Sterbenden aus geht, ist das Wort - bestia - zu entziffern, zu ergänzen als die letzten Worte des Heiligen: {ZITAT|NNN} (Sulpicii Severi Opera, Epistula 3, 16, in: CSEL, Bd 1, S 147). Links im Bild wird der angesprochene Teufel vor einem Engel mit erhobenem Flammenschwert vertrieben.

C BAUMWUNDER Eine bergige Landschaft mit einer befestigten Stadt (Amiens) umschließt halbkreisförmig den Schauplatz mit der hohen Fichte, den eine Anzahl schaulustiger Bürger und Soldaten begrenzt. Ein zwergenhaft klein gezeichneter Bauer fällt die Fichte mit der Axt. Rechts im Vordergrund steht Bischof Martin und gebietet mit dem Segensgestus der fallenden Fichte Einhalt, während ein Engel aus dem Himmel den Wipfel seitwärts dreht. Martin gegenüber, am linken Bildrand, stehen unter einem Baum drei Widersacher des Heiligen, als solche durch eine dunklere Farbgebung betont. In dem Begleiter Martins in

Chorherrntracht, der rechts aus dem Bild herausschaut, ist ein Porträt des amtierenden Pfarrvikars zu sehen.

b HL. DREIFALTIGKEIT Am Chorbogen halten freiplastisch ausgeführte Putti einen Stuckvorhang und eine Girlande, die an der Kartusche befestigt ist. Die Kartusche ist vor der Schnittstelle von Gewölbe und Bogen schräg angebracht.

Die Personen der Hl. Dreifaltigkeit sind durch drei völlig übereinstimmende männliche Gestalten im Typus Gottvaters wiedergegeben: bärtig, auf dem Haupt die Tiara mit dem dreifachen Reifen, thronend die Rechte im Segensgestus erhoben und den Erdball in der Linken haltend. Vor ihren Füßen ein Dreifaltigkeitssymbol: das Dreieck mit dem Auge Gottes, einer Glorien-Sonne einbeschrieben. Diese Darstellung hat ihr plastisches Vorbild im Hochaltar der Wallfahrtskirche zur Hl. Dreifaltigkeit in Weihenlinden (Lkr. Rosenheim), die wie Ottendichl dem Kloster Weyarn (LKr. Miesbach) inkorporiert war.

D CORPUS-CHRISTI-BRUDERSCHAFT In der Mitte des Bildes ist ein Sterbender dargestellt, der aus der

B Tod Martins, Deckenbild im Langhaus

Hand des Priesters die hl. Kommunion empfängt. Zur Rechten und zur Linken ist die Bruderschaft mit Vertretern der geistlichen und weltlichen Stände zur Anbetung der Eucharistie versammelt; Papst und Bischof (Tiara und Mitra), Prälaten und Ordensangehörige sowie zwei Weltliche dazwischen links im Bild, König und Kurfürst (mit Krone bzw. Kurhut) und Frauen und Männer aus dem Bürger- und dem Bauernstand.

Die Bruderschaftsmitglieder und die Bettstatt sind auf Stufen angeordnet und von einer geschwungenen, ornamentierten Wand hinterfangen. Darüber erscheint in einer Himmelsglorie die hl. Eucharistie in einer Strahlenmonstranz, angebetet von Engeln. Aus einem Kellergewölbe unterhalb des Stufenpodestes werden Arme Seelen aus dem Fegfeuer von zwei Engeln hinausgeleitet (Gebetsanliegen der Corpus-Christi-Bruderschaft).

Quellen und Literatur

Schmidtsche Matrikel, Bd 2, S. 484 f. Mayer-Westermayer, Bd 3, S. 647 f. KDB I OB (1), S. 799. Zacherl, Georg, Pfarrei und Kirche, in: 1000 Jahre Otten-dichl 981–1981, Neukeferloh 1981, S. 65-95.