Donath, Matthias:Oranienbaum, Schloss, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2025, URL: www.deckenmalerei.eu/f212fd09-2687-417b-be90-be3412d5a3b8

Inventarnummer: cbdd10498

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Schloss Oranienbaum besitzt bedeutende Ausstattungsdetails des 18. Jahrhunderts, doch waren bislang keine barocken Deckenmalereien bekannt. Erst 2016 wurde durch Abnahme aufgezogener Leinwände, im Treppenhaus des Schlosses, eine vollflächige Bemalung der Treppenhausdecken entdeckt und freigelegt.

Schloss Oranienbaum

Henriette Catharina von Oranien-Nassau (1637–1708), eine von vier Töchtern des Statthalters der Vereinigten Niederlande, heiratete 1659 Fürst Johann Georg II. von Anhalt-Dessau (1627–1693). 1660 erhielt die Fürstin das Dorf Nischwitz östlich von Dessau als persönlichen Besitz. Um 1673 gab sie diesem Dorf – in Erinnerung an ihre Herkunftsfamilie – den Namen Oranienbaum. 1683 bis 1685 errichtete der in brandenburgischen Diensten stehende niederländische Baumeister Cornelis Ryckwaert (gest. 1693) für die Fürstin ein Schloss. Gleichzeitig ließ er auf einem geometrischen Grundriss die Stadt Oranienbaum anlegen. Das ursprüngliche Schloss bestand nur aus dem Mittelbau der heutigen Dreiflügelanlage, einem zweigeschossigen Corps de logis mit Walmdach, und zwei freistehenden doppelgeschossigen Pavillons. Nach dem Tod des Fürsten Johann Georg II. im Jahr 1693 bestimmte Henriette Catharina von Anhalt das Schloss Oranienbaum zu ihrem Witwensitz. Etwa zwischen 1698 und 1702 erfolgte eine Erweiterung des Schlosses. Dabei wurden die zweigeschossigen Seitenflügel zwischen dem Corps de logis und den Pavillons ergänzt sowie an die Pavillons lange, eingeschossige Wirtschaftsflügel angeschlossen. Diesen Ausbau zum Witwenschloss leitete Johann Tobias Schuchart. Die Nutzung als Witwensitz endete 1708 mit dem Tod Henriette Catharinas. Schloss Oranienbaum gehörte seitdem zur Residenzlandschaft um Dessau und wurde gelegentlich durch Fürsten von Anhalt-Dessau genutzt. Dabei erhielten einzelne Innenräume im 18. Jahrhundert neue Ausstattungen.

Nach der Abschaffung der Monarchie im Herzogtum Anhalt wurde im Schloss Oranienbaum 1927 eine Außenstelle der Anhaltischen Gemäldegalerie Dessau eingerichtet. Von 1953 bis 2001 diente das Schloss als Archiv – zuerst Außenstelle des Landesarchivs Magdeburg, dann Landesarchiv Oranienbaum. Seit 2003 ist das Schloss für Besucher geöffnet. Es erfolgt eine schrittweise Restaurierung der Räume und ihrer Ausstattungen. Schloss Oranienbaum ist Teil des Gartenreichs Dessau-Wörlitz (seit 2000 Weltkulturerbe).

Treppenhaus

Das Treppenhaus nimmt den hofseitigen Mittelbereich des Corps de logis ein. Es handelt sich um eine Holzkonstruktion. Im Erdgeschoss gelangt man nach einem Vorraum, der sich in drei Kompartimente teilt, zur zweigeteilten Treppe. Links und rechts führen kurze Treppenansätze zu einem Podest. Dann zweigen im rechten Winkel Aufgänge ins Obergeschoss ab. Die Treppenarme sind durch hölzerne Balustraden begrenzt. Sie umfassen einen Mittelraum, der als Korridor zum Gartensaal führt, welchen man durch eine axial angeordnete Tür betritt. Im Obergeschoss wiederholt sich diese Treppenarchitektur. Die beiden Treppenarme führen nunmehr ins Dachgeschoss.

Decke des Treppenhauses

Alle Deckenflächen bestehen aus aneinandergefügten Holzbrettern. Diese besitzen eine durchgehende Ausmalung. Alle Deckenfelder sind von einer hellblau getönten Zierleiste eingefasst. Dazwischen öffnet sich jeweils ein Wolkenhimmel mit grau-weißen Wolken und hellblauen bis tiefblauen Himmelspartien. Das größte Deckenfeld im Erdgeschoss, über dem Mittelkorridor, zeigt oberhalb der Tür zum Gartensaal einen geflügelten Putto, der ein kurzes Girlandenstück mit Blüten und Früchten hält. Das Deckenfeld in der Etage darüber bildet einen fliegenden Putto ab, der in seiner rechten Hand einen Palmwedel hält. Ansonsten ist der Wolkenhimmel nur von Vögeln bevölkert. Insgesamt sind 25 Vögel abgebildet. Keine einziger dieser Vögel lässt sich ornithologisch eindeutig bestimmen.[1] Es handelt sich vielmehr um vereinfachte „Vogeltypen“ bzw. um Phantasievögel, bei denen Körperbau, Schnabelform und Farbe zu keiner bekannten Art passen.

Die Vögel (meist heraldische Adler) mit einem Orangenzweig im Schnabel, die prominenten Stellen im Treppenhaus annehmen, enthalten eine Anspielung auf das Haus Oranien-Nassau und damit auf die Bauherrin, Fürstin Henriette Catharina von Anhalt, die aus diesem Geschlecht stammt. Die Orange fand wiederholt als Symbol des Hauses Oranien-Nassau Verwendung. Dies zeigt etwa das Oraniermonument in Oranienbaum, eine steinerne Vase mit einem geschmiedeten und farbig gefassten Orangenbaum samt goldenen Früchten.

Die Treppenhausdecken wurden zu einem unbekannten Zeitpunkt weiß übertüncht. In einer folgenden Bauetappe brachte man Schilfmatten auf und legte einen Putz an. Da dieser Putz aufgrund der Bewegung des Holzes immer wieder Risse zeigte, erhielten die Deckenfelder weiße Leinwandbespannungen. 2016 nahm man diese schadhaft gewordene Bespannung und den darunterliegenden Putz ab und entdeckte die originale Bemalung. Diese befand sich in sehr gutem Zustand und musste nur an wenigen Stellen retuschiert werden. Seitdem ist das Treppenhaus wieder im bauzeitlichen Zustand zu sehen.

Datierung und kunsthistorische Einordnung

Das Treppenhaus gehört zur ersten Bauetappe des Schlosses Oranienbaum 1683 bis 1685. Die Deckenbemalung dürfte um 1685 entstanden sein. In den Archivalien lassen sich keine Namen der ausführenden Künstler fassen.

Bildprogramme mit fliegenden Vögeln in einem Wolkenhimmel sind im 17. Jahrhundert ungewöhnlich. Bisher konnten keine vergleichbaren Darstellungen ermittelt werden. Da die Vögel nicht ornithologisch bestimmbar sind, ist auch nicht von der Verwendung einer grafischen Vorlage auszugehen. Damit unterscheidet sich diese Ausmalung maßgeblich von der Vogeldecke im Festsaal des Berg- und Lusthauses Hoflößnitz (Radebeul, Sachsen). Dort bildete der niederländische Maler Albert Eckhout zwischen 1653 und 1659 brasilianische Vögel ab, die sich genau bestimmen lassen und die Eckhout auf einer Brasilienreise skizziert hatte. Eine solche naturkundliche Darstellung war im Schloss Oranienbaum nicht angestrebt.

Bibliographie

  • Alex, Reinhard: Oranienbaum, 2. Aufl., Leipzig 1992.
  • Bechler, Katharina: Schloss und Park Oranienbaum, Berlin/München 2000.
  • Bechler, Katharina: Schloss Oranienbaum. Architektur und Kunstpolitik der Oranierinnen in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, Halle/Saale 2002.

Einzelnachweise

  1. Abschläge Antwort von Dr. Markus Ritz, Erster Vorsitzender des Vereins Sächsischer Ornithologen e.V., vom 21. Juni 2024.