Oberschleißheim, Neues Schloss Schleißheim, Speisesaal
Saal im Erdgeschoß, nördlich der Salle des Colonnes (Raum 28)
Zum Bauwerk: Der Saal war in seiner Raumgliederung in der Ausstattungsperiode unter Effner im wesentlichen angelegt worden, blieb zunächst jedoch unvollendet. 1762 wurde er in einer Aufstellung der »unausgemachten« Räume aufgeführt. Die Innenausstattung wurde in den 60er Jahren des 18. Jh. neu in Angriff genommen, zog sich aber, wegen des beschränkten Etats (s. Auftraggeber) bis 1774 hin. Vom 11.–23. 4. 1774 wurden noch Maurerarbeiten ausgeführt, an den Gesimsen wurde vergoldet (BHStAI, HRII, 32, Bauunterhaltsrechnung von Schleißheim, Lustheim und Fürstenried 1774). Es fehlte »der noch abgängige Parged in dem neuen Speis Saal ... « (BHStA I, FS 772 o, Vertrag mit La Fabrique am 4. Juni 1774), an dem noch im gleichen Jahr gearbeitet wurde (HR II, 32, loc. cit.) Stuckdekoration vermutlich von Franz Xaver Feichtmayr (Schmid, S. 122).
Saal (13,00 × 15,00 m) im nördlichen Teil des Mittelbaus, an der W-Seite zu ebener Erde gelegen. Zugang von der Eingangshalle, drei Fenster nach W, drei Fenstertüren nach O zum Billardzimmer, Verbindungstür zum nördlich anschließenden Treppenraum. Pilastergliederung weiß-gelb, auf zartgrünen Wänden. Die drei Achsen der N- und S-Seite sind mit großen Bildnissen der bayerischen Kurfürsten geschmückt. An der Gesimszone rosafarbene Stuckreliefs mit Puttendarstellungen.
Auftraggeber: Kammerrat und Schwaigverwalter Adrian von La Fabrique (1762–77) unter Kurfürst Max III. Joseph von Bayern (1745–77). La Fabrique erhielt zur Bestreitung aller anfallenden Arbeiten in Schleißheim einen monatlichen Etat, vom 1. 4. 1762 – 31. 3. 1766 über 3000 fl., ab 1. 4 1766 nur noch 2000 fl. (BHStA I, HR II, fasc. 463).
Autor und Entstehungszeit: Christian Thomas Wink (* 1738 Eichstätt † 1797 München), 1768/71.
Der Name des Freskanten Wink wird erstmals in der Beschreibung der Schleißheimer Bildergalerie vom 1. Juli 1775 von Johann Nepomuk von Weizenfeld, Hofkammerrat und Galeriedirektor, S. 50 genannt: »In den Speisesaale. Die von dem Churfürstlichen Hofmaler Christian Wink gemalte Oberdecke stellt die Ankunft die Ulysses auf der Insel der Kalypso vor«. Die Autorschaft Winks wurde nie angezweifelt und stimmt mit dem stilistischen Befund überein.

Die späte Vollendung des Saals dürfte die Ursache dafür gewesen sein, daß der Saal im Gemälde-Inventar erst 1775 und in der Augsburger Kunstzeitung, die bis 1773 erschien und laufend über die Neuausstattung von Schleißheim berichtete, gar nicht erwähnt wurde, was in der Literatur zu einer Datierung der Fresken Winks um 1772/74 geführt hat (Clementschitsch, S. 89, Hojer, S. 51, Schmid S. 121 f.). Die Ausmalung wird aber schon am 30. 3. 1771 von La Fabrique in einer Aufstellung aller von ihm vorgenommenen Arbeiten erwähnt, mit der er offenbar als Entgegnung auf einen diesbezüglichen Angriff Rechenschaft über die neun Jahre seit seinem Dienstantritt am 1. 4. 1762 als Verwalter der Gebäude und Gärten zu Schleißheim und Fürstenried sowie sämtlicher Hofgärten ablegte (BHStA I, Kaster schwarz 5290; HR II, fasc. 463): »... 7. Zu ebner Erd nächst dem vestibule den Saal à mange auf welsche Art gewölbt und mit Stuckator- und Malerarbeit, dann Spieglfenstern decoriert.
Wink wurde am 7. 1. 1769 zum Hofmaler ernannt. Möglicherweise steht das Fresko in Zusammenhang mit dieser Ernennung. Für den Hof arbeitete Wink seit 1766/67 als Entwerfer von Kartons für die Gobelinmanufaktur. 1767/68 enstanden die Fresken in Inning (CBD, Bd 1, S. 327-31), Loh (NB) und Raisting (CBD, Bd 1, S. 472-74); für die Ausmalung des Speisesaals wäre demnach ein Datum um 1768 wahrscheinlich
Befund
Träger der Deckenmalerei: Spiegelgewölbe über einer Hohlkehle, die mit zwölf Puttenreliefs dekoriert ist. Rahmen: Die Hohlkehle wird nach oben durch eine stukkierte Laubgirlande abgeschlossen.
Technik: Fresko; polychrom. Maße: Höhe 8,50 m; 10,80 x 12,80 m.
Erhaltungszustand und Restaurierungen: Das Deckenfresko wurde durch zwei Bombentreffer im April 1943 schwer beschädigt; in einem Durchmesser von ca. zwei Metern war die Malerei am Bildrand zerstört, der Mittelteil ist erhalten geblieben. 1957/58 Restaurierung durch Karl Körner, München. In einer Restaurierung 1975 durch Johann Peskoller, Bruneck/Tirol, wurden die dekorative Rahmenzone unter einem braunen Anstrich und die originale Fassung der Stukkaturen und Wände freigelegt.
Das Deckenbild weist zahlreiche Ergänzungen, besonders im figürlichen Bereich, auf. Viele verkittete Risse und Verschraubungen. Feuchtigkeitsschäden, Farbausblühungen und Abblätterungen in der nordöstlichen und nordwestlichen Ecke.
Beschreibung und Ikonographie
KALYPSO EMPFÄNGT ODYSSEUS (Homer, Odyssee V) Das Fresko nimmt den gesamten Deckenspiegel ein. Über dem stuckierten Gesims setzt eine illusionistische Rahmenzone an, ein rhythmisch verkröpftes Gesims, dekoriert mit Ziervasen, Masken und einer umlaufenden Blattgirlande, die von steinfarbenen Putti gehalten wird. Die figürliche Darstellung ist einansichtig und nach N, auf den vom Vestibül eintretenden Betrachter, angelegt.
Den größten Teil der Freskofläche nimmt die Darstellung des Himmels ein. Ein breiter terrestrischer Streifen ist an der O- und W-Seite u-förmig bis fast zu den Seitenmitten hochgezogen. Der Schauplatz ist seicht, über dem Rahmen ansteigend und in die Tiefe hin abfallend; er ist aus kulissenartig gegeneinander verschobenen Erdhügeln und aus Gras, Felsen und Gebüsch gebildet. Die Mittelachse ist deutlich betont durch eine hochaufragende Palme. Auf diese Achse ist die Komposition der Landschaft und des Himmels symmetrisch zugeordnet. Ein Schiff mit hohen Masten links und ein Zelt rechts sind stilistische Hilfsmittel für die Ecklösung. Die kulissenartigen Details wie Brunnen und Zelt sind teilweise in gewagten Untersichten wiedergegeben, im Gegensatz zu den Figuren, die ohne auffallende Verkürzungen in gleichmäßigen Gruppierungen über den Schauplatz verteilt sind.
Die Darstellung des Schauplatzes, der Insel Ogygia, folgt genau der Beschreibung Homers (Odyssee V, 60-73): »... es roch auf der Insel weithin von Düften kleingespaltener Zedern und Lärchen, die dort verbrannten ... Zypressen verbreiteten herrliche Düfte. Strotzend von Trauben umrankte dort die geräumige Grotte, Jung und veredelt der Weinstock. Schließlich flossen auch Quellen ... Rundum blühten die Wiesen in Polster von Eppich und Veilchen.« An zentraler Stelle vor der Palme empfängt Kalypso den gestrandeten Odysseus. Sie ist bekleidet mit einem gelben, goldgesäumten Untergewand, einem grünweiß-gestreiften Tuch und einem leuchtend blauen Umhang, hinter dem sich zwei Nymphen verbergen. Das Haar ist mit Geschmeide und Blüten geschmückt. Odysseus trägt ein kurzes, grün und gelbes Soldatengewand und einen blaßrosa Mantel. Eine Menge von Frauen und Kindern sind auf der Insel beschäftigt. Kalypso weist nach rechts, wo unter einem baldachinartigen Zelt – dem Eingang zur Grotte – die Tafel bereitet wird. Rechts unten werden Trauben gepflückt und an einer sprudelnden Quelle weiße Tücher gewaschen, in der Mitte werden Schalen mit Früchten dargeboten, auf der linken Seite eine Überfülle von Blumen in Körbe verteilt. Dahinter, am Ufer, liegen die zerstörten Schiffe des Odysseus. Windgötter auf dunklen Wolken blasen in die zerfetzten Segel und vollenden das Zerstörungswerk.
Die Himmelsszenerie ist eine weitläufige Wolkenlandschaft aus gelblich-rosigen Wolkenzügen vor zartem Himmelsblau. Die Anordnung der Wolken um einen zentralen Lichtkreis erinnert an den traditionellen Glorienhimmel. Doch ist hier das Zentrum nicht der Ort hellsten Lichts, sondern der einer Verdichtung der rosigen Wolkenmasse, die, im Unterschied zum Landschaftshimmel darunter, den Schauplatz der Götter darstellt.
Zuoberst thronen Jupiter (mit Krone, Zepter und Adler) und Juno vor ihrem Wagen, von dem Putti zwei Pfauen ausspannen. In der gleichen Diagonalen sitzen etwas tiefer Minerva mit Helm, Schild und Speer und neben ihr, zu Minerva gewendet, Merkur mit Flügelhut und Caduceus. Mit der Auswahl der Götter wird bereits auf den Abschied des Odysseus von Kalypso angespielt, wonach Jupiter auf Minervas Bitten Merkur zu der Nymphe schickte mit dem Befehl, Odysseus ziehen zu lassen (Odyssee V, 4–42).
Auf die Schiffsszene bezieht sich eine unauffällige Göttergruppe unterhalb der breiten Wolkenbank: in Rückenansicht Neptun, der dem Odysseus feindlich Gesinnte, nackt, schilfbekrönt und den Dreizack in Händen. Er spricht zu Venus, die auf ihrem Wagen dargestellt ist, Putti spannen gerade die den Wagen ziehenden Tauben aus. In einer entsprechenden Gruppe rechts lagern mit Blumengirlanden die drei Chariten, Göttinnen der Gastfreundschaft, der Wohltaten, der Festmähler und des heiteren Umgangs der Menschen. Ihr Platz ist über dem Zelt, in dem für Odysseus das Mahl bereitet wird.
Weiter links Saturn, bärtig, geflügelt, mit der Sense, ihm gegenüber Vulkan mit dem Hammer; hinter ihm links Ceres mit Ährenkranz und Chloris (= Flora) mit Blüten im Haar; ganz im Hintergrund, kaum zu erkennen, der behelmte Kopf des Mars.
Eine vierte Gruppe ist auf einer Wolke links oben dargestellt: Bacchus, Weinlaub um die Hüften und Pansohren wendet sich einer nicht gekennzeichneten Göttin zu. Hinter ihm ist der Kopf der Diana an der Mondsichel zu erkennen.
Ein bärtiger Flußgott (?) hält einen Zweizack, zwei weitere Göttergestalten sind nicht gekennzeichnet.
Der Götterhimmel im Speisesaal von Schleißheim ist der letzte, der im Bereich der Münchner Hofkunst dargestellt wurde. In einer späten Paraphrase des barocken Glorienhimmels wird Bildungsgut als literarisches Zitat wiedergegeben, die antiken Götter lagen auf Wolken, räumlich und inhaltlich distanziert, sie greifen nicht mehr in das irdische Geschehen ein.
Die Farbigkeit des Freskos wird bestimmt von Grün in verschiedenen Abstufungen und Mischungen mit Weiß, Blau, Grau und Braun. Äußerste Kontrastfarben sind Kobaltblau und ein warmes Rostrot in Gewändern, daneben sind Gelb und ein zartes gelbliches Rosa als Gewand- und Wolkenfarben verwendet. Auffallend und für die Spätstufe der Deckenmalerei typisch ist, daß Grün auch die am häufigsten verwendete Farbe im Götterhimmel ist, nicht mehr die traditionelle Trias Rot-Blau-Gelb. In einem »klar umreißenden, kühlen Licht« betonen »die einzelnen Farben ihren Lokalcharakter« (Clementschitsch, S. 91 f.). »In der Einzelfigur und im Detail beweist Wink seine Meisterschaft mit gut durchgebildeten Akten, ruhiger und schöner Bewegung und klarer Zeichnung« (Clementschitsch, S. 91) Für Winks Fresko war ohne Zweifel das Fresko Amigonis im darüberliegenden Viktoriensaal maßgeblich (S. 515) allein schon durch die verwandte Thematik beider Szenen in denen jeweils ein gestrandeter Held - Aeneas bzw. Odysseus - von einer Herrin gastlich aufgenommen wird Die Gestalt der Kalypso ist der Dido in Haltung, Kleidung und Gebärde sehr ähnlich. Vergleichbar sind auch die Bildanlage und einzelne Motive wie Schiffe und Windgötter. Der Vergleich mit Amigonis Fresko zeigt hingegen auch, »daß das Fresko Winks mit seiner symmetrischen Komposition, dem genauen Eingehen auf die Nebenfiguren und deren Isolierung, sowie durch das Streben nach historisch treuer Darstellung schon stark dem kommenden Stil verpflichtet ist« (Clementschitsch, S. 93). »daß das Fresko Winks mit seiner symmetrischen
Komposition, dem genauen Eingehen auf die Nebenfiguren und deren Isolierung, sowie durch das Streben nach historisch treuer Darstellung schon stark dem kommenden Stil verpflichtet ist«
Quellen und Literatur
Weizenfeld, Johann Nepomuk, Die kurfürstliche Bildergalerie in Schleißheim, München 1775, S. 50. Clementschitsch, Heide, Christian Wink, ungedr. Diss. Wien 1968, S. 89–93. Schmid 1980, S. 121 f. Hojer/Schmid 1984, S. 51 f.