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Oberschleißheim, Neues Schloss Schleißheim, Nördliche Antecamera

Aus Deckenmalerei-Lab


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 3, Teil 2: Stadt und Landkreis München. Profanbauten. Hirmer, München 1989, ISBN 978-3-7991-6358-3, S. 499–502, geschrieben von Bauer-Wild, Anna. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Vorraum zum Appartement der Kurprinzessin, sog. Billardzimmer oder Musikzimmer (Raum 29)

Zum Bauwerk: Der im Erdgeschoß in der NO-Ecke des Mittelbaues gelegene Raum stand mit dem Neubau 1701/04 fest. Stuckierung 1723/24 durch Johann Baptist Zimmermann, die Stuckdekoration wurde 1764, gleichzeitig mit der Ausmalung, überarbeitet (s.u., nach Thon 1756/57 durch Johann Baptist Zimmermann selbst).

Rechteckiger Saal (7,50 × 14,50 m) zu drei Jochen, durch zwei Türen mit der Sala Terrena verbunden, je drei Türen gehen nach O zum Garten und nach W zum Speisesaal, an der N-Seite führt eine Fenstertür zum Garten und eine Tür zum ehem. Appartement der Kurprinzessin.

Auftraggeber: Die Umgestaltung und Ausmalung des Raumes erfolgte unter Kurfürst Max III. Joseph von Bayern (1745-77) im Auftrag des Kammerrats und Schwaigverwalters Adrian La Fabrique (1762–77), der sie von seinem regulären Etat finanzierte (s.S. 502; laut Rechenschaftsbericht von 1771 hat er »das Pilliard-Zimmer mit Stuckatorund fresco-Arbeit ausgezieret«.)

Autor und Entstehungszeit: Philipp Helterhof, 1764. Vermutlich war gleichzeitig mit der Stuckierung Johann Baptist Zimmermanns 1723/24 und mit der Ausmalung der Sala Terrena durch Stuber und der südlichen Antecamera durch Asam auch die Ausmalung der nördlichen durch Nikolaus Gottfried Stuber geplant: »Asam finira son plafon et Stuber le sien, dans les deux pießes sur le jardin«. Zur Ausmalung kam es jedoch offenbar erst 1764: Im Gemäldeinventar von Schleißheim 1770 sind die Deckenbilder erstmals beschrieben (BHStA I, HR I, 211, Nr. 21): »In dem Pilliard-Zimmer – die Oberdecke ist grau in grau gemahlet, und hat die Fortuna zu seinem Gegenstand. Ob dem Hauptgesims ist an einer Seite die Pandora, und gegenüber der Apollo mit dem Drachen Python zu sehen. Philippus Helderhof ao 1764«.

Philipp Helterhof (*um 1725 Cham † 1807 München) war Mitarbeiter J. B. Zimmermanns in St. Peter, München (CBD Bd 3/1, S. 249) und in Andechs (Thieme-Becker). An selbständigen Arbeiten sind von ihm die Ausmalung von St Georg Bogenhausen (CBD Bd 3/1, S. 73 ff.) sowie zwei Fresken in der Moritzkirche in Ingolstadt bekannt.

In den achtziger Jahren des 18. Jh. wurde Helterhof mit einem Jahressold von 300 fl. als Bediensteter in Schleißheim beschäftigt (BHStA I, Kurbayern, HZ fol. 386 v), 1783 erhielt er für Ausmalung (wahrscheinlich Weißeln) von Zimmern in Schleißheim 22 fl. 22 × (STAM, Ordnungs Nr. Grau 4552).

Befund

Träger der Deckenmalerei: Tonne

Rahmen: A, A1-2 gemaltes Rahmenornament innerhalb der dekorativen Gewölbemalerei, W1-2 gemalte ornamentale Rahmenleiste mit seitlichen floralen Motiven.

Technik: Fresko; monochrom grau. Maße: Gesamtdecke Höhe 8,00 m; 7,50 × 14,50

Nördliche Antecamera, N-Seite mit A. Putti und W. Pandora

A 3,10 × 4,50

W1-9 1,00 × 7,00

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Restaurierung 1975/76 durch Johann Peskoller, Bruneck/Tirol; der Zustand der Malerei ist überwiegend original, zahlreiche kleine Risse, A2 ausgebesserte Feuchtigkeitsschäden und Übermalungen.

Beschreibung und Ikonographie

Die ornamentale Gewölbemalerei überzieht die gesamte Decke und rhythmisiert sie in der Abfolge ornamentierter Gurte und Felderungen. In den drei Achsen werden dabei Bildfelder, ein größeres in der Mitte (A) und zwei seitliche Medaillons (A1-2), ausgeschieden (Blickrichtung nach W). Die Ornamentformen orientieren sich an den Bandwerkor-

namenten der Stuckdekoration Johann Baptist Zimmermanns und an der gemalten Dekoration der räumlich entsprechenden südlichen Antecamera. Nur vereinzelte Rocaillen und die Rahmenform des Bildfelds A verweisen auf die relativ späte Entstehungszeit 1764.

A ALLEGORIE DES GLÜCKSSPIELS Darstellung in Wolken, ein spiralförmiger repussoirartiger Wolkenzug lässt in der Bildmitte den Himmel frei.

Die im Inventar als Fortuna bezeichnete Hauptfigur ist eine halbnackte weibliche Gestalt mit auffliegender Draperie, die als Attribut ein Glücksrad bei sich hat. Sie sitzt auf Wolken an einem Tisch, von dem sie Geld in einen Beutel streicht. Der Beutel ist unten offen, und das Geld fällt in die Tiefe. Davor liegt ein umgekehrter Anker. Zusammen mit Rad und Geldbeutel kennzeichnet er das Spielerglück als

unbeständig, den Gewinn als eitel und schnell zerronnen und die Hoffnung auf Dauer des Glücks im Spiel als trügerisch.

Links von Fortuna schwebt eine männliche Gestalt, die ihr ein Buch oder ein Bündel Papiere (Schuldscheine?) vorhält und die von einem Schatten verfolgt wird; vielleicht handelt es sich bei dieser Figur um eine Allegorie des schlechten Gewissens (vgl. Henkel-Schöne, Sp. 1035).

A1-2 PUTTI mit Spielgerät

A1 Putti mit Queues, Billardkugel und Würfel A2 Putti mit Billardkugel (oder Münzen?); wegen Übermalungen nicht eindeutig zu erkennen

W1 APOLL UND PYTHON (Hyginus Fabeln 140) Im Vordergrund einer Landschaft liegen rechts getötete Menschen. Links ist der feuerspeiende, zum Kampf aufgerichtete Drache Python zu sehen. Der in Pytho (Delphi) hausende Drache, der die Gabe der Weissagung besaß, verfolgte Latona, da er wußte, daß ihr Sohn ihn töten werde. Apoll, der aus Wolken mit Pfeil und Bogen auf ihn anlegt, rächte seine Mutter und ergriff wieder Besitz vom chtonischen Orakel

W2 PANDORA Eine Säule mit Draperie, eine Ziervase und Bäume deuten eine Gartenlandschaft an. Auf einer Bank sitzt Pandora unter einem Baldachin, gegenüber ihr Gemahl Epimetheus, der Bruder des Prometheus. Sie überreicht ihm als Geschenk die Büchse, die alle Nöte und Plagen der Menschheit enthält. Diese entweichen in Gestalt kleiner Unwesen, als Epimetheus aus Neugier den Deckel abnimmt. Einzig die Hoffnung (vgl. Anker in A) bleibt – als letzter Halt der Menschheit – hängen.

Die Thematik der Fresken ist auf die Bestimmung des Raumes als Spiel- und Billardzimmer bezogen. Dargestellt sind die verhängnisvollen Folgen der Leichtfertigkeit (Fortuna, Glücksspiel), der Pflichtvergessenheit (Python) und der Neugier (Epimetheus).

Literatur

KDB I OB (1), S. 815. Thieme-Becker, Bd 16 (1923), S. 361 (s. v. Helterhof). Thon 1977, S. 74, 309 f. Schmid 1980, S. 54, 103 f. Hojer/Schmid 1984, S. 52, 54.

SPEISESAAL