Oberschleißheim, Neues Schloss Schleißheim, Große Galerie


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 3, Teil 2: Stadt und Landkreis München. Profanbauten. Hirmer, München 1989, ISBN 978-3-7991-6358-3, S. 519–524, geschrieben von Bauer-Wild, Anna und Holler, Wolfgang. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Gemäldegalerie (Raum 5), auch Schöne Galerie genannt, innerhalb der Repräsentationsräume als Gemäldegalerie der kurfürstlichen Sammlungen bestimmt

Zum Bauwerk: Die Galerie lag mit dem Neubau 1701/04 durch Zuccalli räumlich fest; Innenausstattung 1720/25, Stuckcorniche 1720/21 von Charles Dubut.

Stuckcorniche 1720/21 von Charles Dubut. Eingeschossiger, langgestreckter Saal (61 × 7 m), der die gesamte O-Front des Mittelrisalits einnimmt und dem Treppenhaus, dem Weißen Saal und dem Viktoriensaal östlich vorgelagert ist; Zugang vom Weißen Saal. Belichtung von der Gartenseite durch 11 Fenster, je zwei Türen nach S in das ehem. Appartement des Kurfürsten und nach N in das der Kurfürstin. Bei geöffneten Türen reicht der Blick durch die Enfilade der Räume bis in die Eckpavillons des Corps de Logis. Im Hinblick auf die Bestimmung des Raumes ist die Dekoration – mit Ausnahme der marmorgeschmückten pilasterflankierten Tür zum Weißen Saal und einer reichen Stuckcorniche – zurückhaltend: Wandbespannung und weißgefaßte, goldprofilierte Sockelpanneaux, an den Schmalseiten spiegelbekrönte Kamine.

Auftraggeber: Kurfürst Max Emanuel von Bayern <math>(1680 - 1726)</math>

Autor und Entstehungszeit: Zuschreibung an Johann Paul (?) Waxschlunger, 1720/23, figürlicher Anteil Jacopo Amigoni (?).

Die dekorative Ausstattung der Galerie muß zu den Hochzeitsfeierlichkeiten des Kurprinzen Karl Albrecht im Herbst 1722 weitgehend fertiggestellt gewesen sein, wie aus Bretagnes Bericht (S. 18) hervorgeht:

»une grande Galerie tres éclairée, du coté du parterre; son plafond est peint en Mosaique, à fond d’or, la corniche, que regne a l’entour est dans le mëme goùt, soutenne de pilastres, entre lesquels sont placés des tableaux des plus habiles peintres, tous originaux; les parfeits connoisseurs avouent, qu’il n’est pas dans l’Europe, une plus grande Galerie de peintures, plus riche, plus abondante, et mieux assortie, de tout ce qu’il y a de plus recherché«

.

1723 ist »für die Gallerie der Mahlereyen« von Kaminen, Pflaster, Vergoldung der Lambris, Verkleidung und der »Porthen« die Rede; in diesem Zusammenhang wird auch der Maler Waxschlunger erwähnt: »wegen der Mahlereyen von den Pögen erindert ... Wagschlanger« (BHStA I, FS 147 d, fol. 177 f.). Für Waxschlunger sind demnach die Groteskenmalereien in den Fensterlaibungen gesichert. In den Inventaren des 18. Jh. von Faßmann werden Nikolaus Gottfried Stuber und Jacopo Amigoni als Autoren genannt; 1761 (fol. 9 v): »Stuber. Der Plafond bestehend in ornamenten, Grotesken und einigen Symbolis...«, und 1771 (fol. 85): »... In der Bilder-Gallerie Amigoni und Stuber«. Gegen die Beteiligung von Stuber an der Ausstattung sprechen die Werklisten von 1738 und 1749 (s. S. 490 f.), die bis hin zu unbedeutenden Arbeiten über 8 fl. Stubers Tätigkeit für den Hof bis 1726 aufführen, die Galerie jedoch nicht erwähnen.

An den Maler Waxschlunger sind für das Jahr 1722 Zahlungen in Höhe von 900 fl. überliefert (BHStA I, HR II fasc. 19), die der Arbeitsleistung des dekorativen Anteils in der Galerie entsprechen. Zahlungen über 464 fl. im Jahr 1724 und über 277 fl. im Jahr 1725 sprechen darüberhinaus für die Beschäftigung Waxschlungers in den Schlafalkoven (S. 530, 542) und im sog. Braunen Kabinett (S. 536), die vergleichbare Groteskenmalereien zeigen.

Der Erhaltungszustand der Malereien in der Galerie erlaubt keine stilistische Händescheidung, nachdem durch Kriegsschäden der größte Teil der figürlichen Darstellungen zerstört wurde. Die einzige erhaltene Figur, die der Fama in der Mitte der Decke, zeigt allerdings Verwandtschaft zum Stil Amigonis. Zwischen der Dekorationsmalerei der – für Waxschlunger gesicherten – Fensterlaibungen und der Decke besteht stilistische Übereinstimmung.

Figurenpaare seitlich von 1-4 mit Attributen der bildenden Künste

GROSSE GALER

Aus der Malerfamilie Waxschlunger ist Johann Paul als ältestes bekanntes Mitglied archivalisch faßbar. Er stammt aus Innsbruck (*um 1660 † 17. 9. 1724 in München laut Totenbuch St. Peter, im Zunftbuch der Maler steht der 17. 9. 1724 als Todestag). Seit 1703 war er in München und bewarb sich 1709 um Aufnahme in die Malerzunft.

Bei seinem Tod 1724 könnten die Arbeiten in Schleißheim gerade vollendet gewesen sein. Da in den Quellen nie ein Vorname erscheint, kann es sich bei dem Groteskenmaler in Schleißheim aber auch um ein jüngeres Glied der Malerfamilie oder um mehrere Familienmitglieder handeln, etwa um Franz Anton, Vater des Franz Paul, welcher im April 1729 in München um Aufnahme in die Zunft bittet (StadtA München, Gewerbeamt 1792/2, Gewerbewesen Maler 1708-1826) oder um die bei Oefele genannten Brüder bzw. Vater und Sohn Waxschlunger, einer namens Franz, einer namens Johann Georg (Oefeleana 5, V, fol. 92, 283 ff., 287; Oefeles Notizen sind teilweise unklar bzw. widersprüchlich, sie sind nicht eindeutig zu verwerten). Nach Oefele malte der Vater Franz (Anton?) († 1735 München »sepultus in coemet. Extra muros«) Blumen, der Sohn (Johann Georg oder Franz Paul?) Tiere. Der Sohn »Pinxit varia per Sermo. Electore Bav:

Große Galerie, Ansicht nach N

Oefeles Notizen sind teilweise unklar bzw. widersprüchlich, sie sind nicht eindeutig zu verwerten). Nach Oefele malte der Vater Franz (Anton?) († 1735 München »sepultus in coemet. Extra muros«) Blumen, der Sohn (Johann Georg oder Franz Paul?) Tiere. Der Sohn »Pinxit varia per Sermo. Electore Bav:

a Medaillon mit Putti, seitlich Ariadne und Bacchus

SCHLEISSHEIM, NEUES SCHLOSS

Befund

Träger der Deckenmalerei: Spiegeldecke über stuckierter Hohlkehle

Rahmen: Den oberen Abschluß der Hohlkehle bildet ein vergoldeter, bandumwundener Lorbeerstab

Maße: Höhe 7,80 m; gesamte Decke 56,80 × 6,50

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Schon 1756 wurden in einem Bericht des Schloßverwalters La Fabrique über die »Einrichtung und renovirung der churftl. Dl Lustschlösser« Schäden an den Malereien festgestellt

 
 
Große Galerie, Decke, S-Seite mit b Zephyr und Flora

(BHStA I, Kasten schwarz, 2590, fol. 4 v.): » ... wie dann auch allschon a: 1756 mithin 5 Jahr vor meinem Anstand, zu Schleißheim in der schön und weit bewerthen Galerie der Regen solchergestalten eingedrungen, daß das Wasser allenthalben mit ganzen Tüchern und Laylachern aufzutrocknen gekommen ...« Im 19. und 20. Jh. wurden die Deckenbilder übermalt. Durch Bombenschäden im Zweiten Weltkrieg wurden große Partien der Deckenmalerei, besonders im Randbereich, zerstört (photographische Aufnahme BSV). Letzte Restaurierung durch Willy Walcher 1975/76.

 
Ab Putti mit Kranich
 
 
2 Leda

Beschreibung und Ikonographie

Die Decke zeigt eine zartfarbige Groteskenmalerei auf weißem Grund. Gelbrosa, Ocker bzw. Gold und Grün (pflanzliche Grotesken) sind die bestimmenden Farben. Die Groteskenfelder sind überwiegend gelb- bzw. goldgrundig, figürliche Szenen monochrom grau oder graugrün. Die verschiedenen Darstellungen zeigen mythologische Figuren, Allegorien, Putti, Tiere und Pflanzen, Mischwesen und Masken. Ein einheitliches ikonographisches Konzept ist nicht zu erkennen, möglicherweise auch durch inhaltlich verändernde Übermalungen verloren. Einige Darstellungen ergeben keinen Sinnzusammenhang. Bezogen auf die Bestimmung des Raumes als Gemäldegalerie wird thematisch mehrfach auf die Künste angespielt.

A FAMA In der Mittelachse das einzig polychrome, als Deckenbild angelegte Bildfeld, gerahmt von einem Blattkranz, den Putti halten. Es zeigt in einer Wolkenszenerie die Personifikation der Fama, mit Posaune und Lorbeerkranz, die den Ruhm der Künste verkündet. Es ist nach O, auf den vom Weißen Saal her eintretenden Betrachter gerichtet.

A1-2 Zwei goldgrundige Darstellungen flankieren das Mittelbild, Figuren auf Wolken. Die östliche hält Pinsel in der Rechten (Pictura?), ein Putto zu Füßen der westlichen einen Stift oder Zirkel (Sculptura?).

Aa-d Goldgrundige Felder mit spielenden Putti, darüber jeweils ein monochrom grünes Kartuschenfeld mit einem Flußgott (Ac-d) bzw. einer Flußgöttin (Aa-b)

Aa Putti mit Fasan Ab Putti mit Kranich Ac Putti mit Geißbock Ad Putti mit Schwan

1–4 Auf der Längsachse befinden sich in vier goldrosafarbenen Ornamentfeldern Grisaillemalereien mit mythologischen Darstellungen. 1 Flußgott 2 Leda mit Schwan Paar in einer Umarmung (neu gemalt) 4 Leda mit Schwan (?) (Rekonstruktion nach 2)

Seitlich der Felder 1–4 acht Figurenpaare, die aus Blumenranken herauswachsen. Je zwei halten Winkelmaß und Zirkel, je vier Hammer und Meißel, je zwei Palette und Pinsel. Ihre Attribute beziehen sich auf die Bildenden Künste.

a-b Über den Schmalseiten hält in einer Arabeskenfiguration jeweils ein mythologisches Paar ein Bildmedaillon a Bacchus und Ariadne, im Medaillon Putti, einer mit Windfähnchen, und Hund b Zephyr und Flora, das Medaillon zeigt Putti unter einem Baum (s. Gesamtaufnahme).

Quellen und Literatur

Bretagne 1722, S. 18. Schmid 1980, S. 107 f. Hojer/Schmid 1984, S. 40-42. Holler 1986, S. 45-47, 207.

A. B./W. H.