Obermarchtal, Klostergasthof Adler

Seeger, Ulrike:Obermarchtal, Klostergasthof Adler, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2025, URL: www.deckenmalerei.eu/31b55b5a-f2cd-4cee-b45c-7a68fdb18c25

Inventarnummer: cbdd20229

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Den Gastraum des am Eingang zur Prämonstratenser-Reichsabtei Marchtal erbauten Klostergasthofes ziert an der Decke die Kreuzesvision eines Geistlichen, umgeben von drei großen Schutzengeln für Pilger und Reisende sowie – vielleicht als Hinweis auf das Heilige Land – zwei Palmen vor einem Gebirge.

Canonia Marchtallensis
Canonia Marchtallensis

Klostergasthof Adler

Die Frage der Datierung

Das 1171 gegründete Prämonstratenserkloster Marchtal, das seit 1802 den Namen Obermarchtal trägt,[1] besaß schon vor dem 1686 begonnenen Neubau einen Gasthof, der Klosterbediensteten als Ausweichquartier diente.[2] Auf einer vor 1734 zu datierenden Vogelschau des Klosters von Westen ist der heutige Klostergasthof Adler in seiner Lage und seinen Proportionen bereits zu erkennen,[3] sodass er vor 1734 entstanden sein muss. Das Blatt mit dem Titel „Canonia Marchtallensis“ bezeichnet das Gebäude mit der Nummer „15“ als „Caupona“, also mit dem lateinischen Wort für Gaststätte oder auch Herberge.

Die von Joseph Ignaz Wegscheider (1704–1758) gezeichnete, in Augsburg von Gabriel Bodenehr (1664–1758) gestochene Vogelschau wurde von Abt Ulrich Blank (amt. 1719–1748) für das Geschichtswerk „Sacri et canonici ordinis praemonstratensis annales“ von Charles-Hyacinthe Hugo in Auftrag gegeben, das 1734–1736 im Druck erschien.[4] Ihre Entstehung ist also vor 1734 anzusetzen. Hinzu kommt, dass die Vogelschau das Kloster noch vor der 1737 erfolgten Planung und Errichtung des Gästetrakts im Süden durch die Gebrüder Schneider, Hans Martin Schneider (1692–1768) und Josef Benedikt Schneider (1689–1763), aus Zwiefalten zeigt.

Die Datierung der Vogelschau tangiert insofern den Klostergasthof Adler, als Walter A. Schaupp aus Ehingen an der Donau seine Errichtung mit dem Jahr 1736 angegeben hat.[5] Da Schaupp zudem die Gebrüder Schneider als Baumeister nennt und eine Textstelle für das Einmauern von Reliquien zitiert, die sich ganz offensichtlich nicht auf den Gasthof, sondern auf den 1736–1737 erbauten Gästetrakt bezieht, scheint der Gasthof im Einklang mit der Vogelschau schon vor 1734 erbaut worden zu sein. Die von Schaupp zitierten Reliquien wurden „in der langen Mauer des Portals“ eingearbeitet, „um durch die Fürbitte der Heiligen theils für die Gebäude Abwendung Alles Unglücks des Brandes, des Blitzstrahls, teils Gesundheit und Segen für die Bewohner derselben zu erhalten“.[6]

Auf der Vogelschau von Wegscheider und Bodenehr stellt sich der Gasthof in seinen heutigen Proportionen, allerdings mit einer weniger einheitlich gegliederten Fassade und vor allem mit einem Satteldach dar. Die drei großen Fenster der Gaststube linker Hand der Eingangstür sind gut zu erkennen. Die rechte Haushälfte mit Fenstern unterschiedlicher Größe könnte im Erdgeschoss einen Stall beherbergt haben. Einen wie auch immer gearteten Umbau in späterer Zeit überliefert die heute über der Tür angebrachte Inschrift „HAUS.PATRON ST.BARTHOLOMAEUS. J.G. ANNO 1791“.

Obermarchtal lag an der „Via Regia“ einer auf römische Zeit zurückgehenden Heer-, Reichs- oder Poststraße. Ihren Verlauf haben Wegscheider und Bodenehr auf ihrem Stich festgehalten. Im Frühjahr 1770 beherbergte das Kloster die österreichische Prinzessin Marie Antoinette auf ihrer Brautfahrt nach Versailles.[7]

Gestalt

Das zweigeschossige Gebäude mit ausgebautem Mansarddach erstreckt sich in der Länge über acht, in der Tiefe über fünf Fensterachsen. Die Fensterrahmen aus rotem Sandstein sind ausgesprochen schmal. Ein profiliert durchlaufendes Kranzgesims schließt die verputzte Fassade über aufgemalten Eckquadern ab. Die Gaststube mit der bemalten Holzkassettendecke liegt linker Hand des Eingangs im Erdgeschoss als Eckraum mit je drei Fensterachsen zum Platz und zur Klostermauer.

Gaststube

Die Gaststube erhält als Eckraum von jeweils drei Fenstern über zwei Seiten viel Licht. Die kassettierte Holzdecke betont durch ihre Einteilung in Medaillons, die durch Stege miteinander verbunden sind, die Längserstreckung des Raumes entlang der Fassade zum Platz.

Kassettendecke mit bemalten Feldern

Rahmensystem der Decke

Die Holzkassettendecke bildet ein orthogonales Rahmensystem aus, das in der Mitte einen mehrfach profilierten gelängten Vierpass mit einer Kreuzesvision einfasst. Weniger stark profiliert und dadurch auch weniger stark vertieft sind die vier hochovalen Medaillons mit zumeist Engeln in den Ecken sowie die beiden halben Vierpässe mit Landschaften an den Längsseiten. Die kaum vertieften Flächen zwischen den Bildfeldern wurden marmoriert.

Oberhalb des Mittelfeldes mit der Kreuzesvision befindet sich links der Engel mit dem göttlichen Auftrag, rechts der Engel mit Hut und Stulpenstiefel. Die beiden Engel scheinen aufeinander zuzugehen. Der Engel links unten, dessen Pendant die beiden Palmen vor einem Gebirge bilden, schaut frontal zum Betrachter. Alle bemalten Felder haben dieselbe Ansichtsseite mit dem Rücken zum Koster.

Fehlende Datierung und Urheberschaft

Die hohe künstlerische Qualität der Decke sowohl was das Rahmensystem als auch das noch nicht entschlüsselte Programm anbelangt, fiel bereits 1914 den Bearbeitern des Bandes der Kunstdenkmäler auf. Sie hoben die „schöne kassettierte Holzdecke“ hervor, in „deren vertieften Feldern ornamentale und religiöse Malereien (Kruzifix; Klosterlegende?) erscheinen“, datierten sie in das 18. Jahrhundert, mutmaßten jedoch, dass sie „vielleicht erst nachträglich hierher versetzt“ worden sein könnte.[8] Da die Decke fotografisch schwer zu erfassen ist, wurde sie damals von Georg Loesti (1859–1943) zeichnerisch aufgenommen.[9]

Die Malereien sind weder datiert noch signiert. Ihr Urheber ist nicht bekannt. Sie werden von der Autorin in Anlehnung an die mutmaßliche Entstehungszeit des Gasthofes in das erste Drittel des 18. Jahrhunderts datiert. Die Bedeutung des Bildprogramms ist noch nicht erkannt. Die Vermutung, es könnte sich um drei Erzengel handeln, scheidet aus, da sie nicht an ihren einschlägigen Attributen zu erkennen wären. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz hat in ihrer Publikation den rot bekleideten Engel mit Herz lediglich als „Deckenmedaillon mit Engel“, den Engel mit Pilgerstab als „Engel erhält himmlische Botschaft“ bezeichnet.[10]

Christus am Kreuz als Vision eines Geistlichen

Als Vision eines Geistlichen im weißen Messgewand mit roter Stola erscheint Christus am Kreuz vor einer Lichtgloriole. Da der Geistliche einen Heiligenschein trägt, könnte es sich um den hl. Norbert von Xanten, den Gründer des Prämonstratenserordens handeln. Er kniet mit ergriffen geöffneten Armen in der Landschaft. Das Buch, in welches er sich vertieft hatte, ist ihm aus den Händen gefallen. Neben ihm sprießen junge grüne Triebe aus abgestorbenen Bäumen. Im Hintergrund rechts steht vor einer Flusslandschaft eine Kapelle.

Es kann sich nicht um die Gründungslegende des Klosters Premontré handeln, da dieser Ort dem hl. Norbert durch die Vision der Muttergottes angezeigt wurde. Außerdem wurde der hl. Norbert meist mit einer Monstranz dargestellt, da er sich sehr für die Eucharistie einsetzte.

Engel mit göttlichem Auftrag

Folgt man dem Anbringungsort der Gemälde, so beginnen die die Kreuzesvision umgebenden Medaillons mit einem Engel mit Pilgerstab, der von einer himmlischen Hand einen Auftrag erhält, der sich dem Betrachter mit dem Buchstaben „I“ auf einem ausgerollten Codex zeigt. Der Engel ist barfuß, trägt farblich changierende Gewänder und könnte als Trinkgefäß einen Kürbis an den Gürtel gebunden haben. Sein Haupt umgibt eine Lichtgloriole als Heiligenschein. Im Hintergrund erstreckt sich eine Flusslandschaft.

Engel mit Hut und Stulpenstiefeln

Der zweite Engel der Decke stellt sich als Reisender mit schwarzem Hut, rotem Mantel und kniehohen Stulpenstiefeln dar. Eine brennende Kerze, der Pilgerstab, ein Buch, eine Geißel und ein geflochtener Korb lassen ihn als Pilger, vielleicht aber auch als Wanderprediger erscheinen. Im Hintergrund ist eine Klosteranlage zu sehen, bei der es sich wegen des einzelnen Turms um Kloster Marchtal vor dem barocken Neubau handeln könnte.

Engel mit geflügeltem flammenden Herz

Der Engel im unteren Register schaut mit Heiligenschein frontal auf den Betrachter. Er trägt ein rotes Gewand mit goldenem Besatz unter einem goldenen, im Wind aufflatternden Überwurf. Mit der rechten Hand weist er ein geflügeltes flammendes Herz, mit der linken einen Hostienkelch auf einem Buch. Als Variante zum barfüßigen Engel und dem mit den Stulpenstiefeln trägt er antikische Sandalen.

Zwei Palmen vor einem Gebirge

Als Pendant des Engels mit dem geflügelten brennenden Herz dient eine Landschaft, bei der zwei Palmen vor einem Gebirge stehen. Im Unterschied zu den Landschaften im Hintergrund der anderen Bildfelder wirken die Palmen vor dem Gebirge emblematisch, da der Mittelgrund fehlt. Möglicherweise sollte das Gemälde das Heilige Land versinnbildlichen.

Landschaft mit Architektur

Am linken Bildrand rahmt der halbe Vierpass eine Flusslandschaft mit einer Art Mühle im Mittelgrund und einer Stadt im Hintergrund. Im Vordergrund ragen zwei abgestorbene Bäume ins Bild.

Landschaft ohne Architektur

Der halbe Vierpass am rechten Bildrand rahmt eine Flusslandschaft ohne Architekturkulisse. Die Bäume im Vordergrund tragen viel frisches Laub.

Bibliographie

  • Brüser, Brautfahrt, 2024 = Joachim Brüser, Von Wien nach Versailles. Brautfahrt und Hochzeit der Marie Antoinette im Frühjahr 1770, Münster 2024.
  • Denkmalstiftung, Adler, 2013 = Denkmalstiftung Baden-Württemberg (Hrsg.), Kulinarische Konkurrenz zum Kloster. Der „Adler“ in Obermarchtal, in: Denkmalstiftung Baden-Württemberg, Stuttgart 2013, Nr. 2, S. 1–3.
  • Ebel/Gürtler/Schmidt, Wirtshäuser Schwäbische Alb, 2017 = Frank Ebel / Franziska Gürtler / Bastian Schmidt, 50 historische Wirtshäuser. Schwäbische Alb und mittleres Neckartal, Regensburg 2017, hier S. 151–154.
  • Halder, Schneidermappe, 2023 = Reinhold Halder, Die „Schneidermappe“ aus Zwiefalten. Bauzeichnungen und Architekturstiche geben Einblick in einen familiären Baubetrieb des 18. Jahrhunderts, in: Denkmalpflege in Baden-Württemberg, 52 (2023), S. 270–277.
  • KDM, Donaukreis I, 1914 = Die Kunst- und Altertums-Denkmale im Königreich Württemberg, Die Kunst- und Altertums-Denkmale im ehemaligen Donaukreis I: Oberämter Biberach, Blaubeuren, Ehingen, Geislingen, bearbeitet von Julius Baum, Hans Klaiber, Bertold Pfeiffer, Esslingen am Neckar 1914, S. 591–617.
  • Schaupp, Dokumentation, 2011/2012 = Walter A. Schaupp, Dokumentation zum Klostergasthof Adler in Obermarchtal, MS, Ehingen an der Donau 2011/2012.
  • Schöntag, Marchtal, 2012 = Wilfried Schöntag, Das reichsunmittelbare Prämonstratenserstift Marchtal (Germania Sacra – Das Bistum Konstanz, 6), Berlin 2012.

Einzelnachweise

  1. Schöntag, Marchtal, 2012, S. 90.
  2. Schöntag, Marchtal, 2012, S. 301.
  3. Württembergische Landesbibliothek, Stuttgart, Schef.fol.5844 (http://digital.wlb-stuttgart.de/purl/bsz391468561). Den Hinweis auf diesen Stich bei Schaupp, Dokumentation, 2011/2012. Auf dem Stich wird als Zeichner „Wegschaider, Franc. Ios.“ Angegeben, bei dem es sich jedoch um Joseph Ignaz Wegscheider (1704–1758) aus dem nahegelegenen Riedlingen gehandelt haben muss.
  4. Der Entstehungszusammenhang bei Schöntag, Marchtal, 2012, S. 49–50.
  5. Schaupp, Dokumentation, 2011/2012. Ihm folgen Denkmalstiftung, Adler, 2013, S. 2 sowie Ebel/Gürtler/Schmidt, Wirtshäuser Schwäbische Alb, 2017, S. 151.
  6. Zitiert nach Schaupp, Dokumentation, 2011/2012.
  7. Brüser, Brautfahrt, 2024, S. 206–218.
  8. KDM, Donaukreis I, 1914, S. 614.
  9. KDM, Donaukreis I, 1914, S. 617.
  10. Denkmalstiftung, Adler, 2013.