Nußdorf am Inn, Filial- und Wallfahrtskirche St. Leonhard
NUSSDORF AM INN
Filial- und Wallfahrtskirche, Gemeinde und Pfarrei Nußdor. am Inn, Erzdiözese München und Freising; z.Z. der Ausmalung Erzbistum Salzburg, Archidiakonat Chiemsee. Die Kirche St. Leonhard war Nebenkirche der Nußdorfer Vikariatskirche St. Vitus (ab 1812 Pfarrkirche), die zur Pfarrei Erl in Tirol gehörte. Der Vikar wurde vom Pfarrer von Erl präsentiert. Die Wallfahrt zum hl. Leonhard war ehemals die bedeutendste des Inngebiets zwischen Kundl in Tirol und Buchat bei Wasserburg; im 18. Jh. war sie stark zurückgegangen. An der Kirche bestand die Skapulier-Bruderschaft (1699 eingeführt). Gericht Rosenheim
Patrozinium: St. Leonhard
Zum Bauwerk: Erweiterung und Umgestaltung des romanischen Vorgängerbaus im 15. Jh., um 1420 durch einen neuen Chor, um die Jahrhundertmitte durch die Verlängerung, Erhöhung und Einwölbung des Langhauses. Ein Brand infolge eines Blitzschlags am 16.8. 1754 beschädigte Turm und Langhaus schwer, alle vier Glocken schmolzen, doch konnten Paramente und drei Altäre gerettet werden. Mit Hilfe einer Sammlung konnten noch 1754 eine neue Glocke gegossen und ein Notdach über dem noch stehenden Langhausgewölbe aufgeschlagen werden. Weitere Reparaturen waren zunächst nicht mehr möglich (Überschläge dazu im AEM, Akt St. Leonhard). Es geht aber aus den Quellen hervor, daß die Wallfahrt zu St. Leonhard in Nußdorf weiter bestand und in der Kirche auch Gottesdienste für die immer noch zahlreichen Wallfahrer gehalten wurden. Von seiten des Gerichts und auch von seiten des Archidiakonats Herrenchiemsee wurde in der Folgezeit der Abbruch der Kirche betrieben, da sie als zweite Kirche in Nußdorf entbehrlich schien. Es wurde vorgeschlagen, an ihrer Statt eine Kapelle an die Pfarrkirche St. Veit anbauen zu lassen.
1760 kam als neuer Pfarrvikar Joseph Cajetan Wazinger nach Nußdorf, der sich sofort in Herrenchiemsee um die Erlaubnis zur Wiederherstellung der Kirche einsetzte: St. Leonhard sei ein »so weith berühmbt und florisanter Zufluchts Ort«, dat man ihn nicht eingehen lassen dürfe. Die Gemeinde erklärte sich bereit, auf eigene Kosten den Dachstuhl zu machen; für die Gewölbereparatur (Schlaudern) fand sich ein Guttäter. Die Hauptmauern und Turmmauern waren noch fest und bedurften keiner Reparatur. Im September 1760 meldet Wazinger dem Archidiakon Propst Martin Held von Herrenchiemsee, das Kirchendach »sei in vollkommenen Stand, die Mauren arbeithen innenher mit allen Fleiß, und reparieren für heuer das Gewölb: am kommenden Fruehe Jahr geliebts Gott wird das noch übrige zur Vollkommenheit kommen. Die Gemeynde hat mir ihre Guttwilligkeit auch auf bemelte Zeit zuegesagt«. Die Baureparatur 1760/61 umfaßte das Abschlagen der Rippen, die Vergrößerung der Fenster, Verkleidung der Wandpfeiler und den Einbau einer neuen Doppelempore. Die Arbeiten führte der Rosenheimer Gerichtsmaurermeister Andreas Vordermayr aus, dem Bomhard (Bd 1, S. 333) mit dem Hinweis auf Lauterbach auch die Stuckierung in den für 1760 etwas altertümlichen Formen zuweist. Zimmermeister war Wolfgang Rieder von Gerstland bei Nußdorf.
Der Hochaltar – noch in Rokokoformen – wurde 1799 aufgestellt. Das Altarblatt zeigt den hl. Leonhard ebenfalls als Fürbitter für die Gefangenen, die Gebärenden und das Vieh, wie er sich im Bildtyp der Intercessio an Christus wendet. Darüber schwebt die Taube des hl. Geistes (Gottvater erscheint als Schnitzfigur im Auszug). Unten in einer Landschaft sind die verschiedenen Schutzbefohlenen dargestellt. Im Hintergrund des Bildes sieht man eine kleine Panfigur auf einem Sockel, die von einem Blitz getroffen wird. Das Bild ist von Sebastian Rechenauer d. Ä., wie Dachauer 1844 berichtet.
der Rechenauer d. Ä. noch persönlich gekannt hat. Die Seitenfiguren am Hochaltar stellen die Heiligen Sebastian und Valentin dar.
Die Seitenaltäre wurden 1825 errichtet und 1826 von Sebastian Rechenauer d.J. gefasst. Der nördliche Seitenaltar ist der Bruderschaftsaltar, auf dem das geschnitzte und bekleidete Bruderschaftsbild von 1699 steht: Maria thronend mit dem Jesuskind auf dem Arm, beide gekrönt, Maria mit dem Zepter und das Kind mit der Weltkugel. Der südliche Seitenaltar ist seit 1683 Antonius von Padua geweiht: »weil Nußdorf bei dem Innstromb gar nahe entlegen und denen gefährlichen Wasserschäden unterworfen ist« (Dürnegger). Der Heilige mit dem Jesuskind auf dem Arm steht als Schnitzfigur auf dem Altar; Seitenfiguren sind Joseph und Nikolaus von Myra.
Die Kirche steht am Rande des Dorfes frei. Sie ist, wie bei Leonhardskirchen öfter der Fall, von einer Kette umschlungen. Saal zu fünf Jochen, Pilastergliederung, Doppelempore im W; Belichtung durch Fenster im zweiten und vierten Joch von N und S. AR in fast gleicher Breite zu zwei unregelmäßigen Jochen mit dreiseitigem Schluß, Pilastergliederung; Belichtung von N und S im zweiten Joch und von SO in der Schlußschräge.
Auftraggeber: Um den Abbruch der Kirche nach dem Brand 1754 zu verhindern, übernahm die Gemeinde Nußdorf die Kosten der Reparatur und Dekoration (Notiz im Archivrepertorium Herrenchiemsee über das Gotteshaus, »welches man ganz eingehen lassen wollte, die dasige Gemeinde aber auf eigene Kosten repariert hat«). Treibende Kraft war dabei unmittelbar nach dem Brand der Vikar Franz Anton Kempt von Nußdorf (1752–60), beim Wiederaufbau der Vikar Joseph Cajetan Wazinger (1760–93). Da die Thematik der Fresken auf die an der Kirche bestehende Skapulierbruderschaft Bezug nimmt, ist die Beteiligung der Mitglieder an den Kosten der Ausmalung anzunehmen.
Autor und Entstehungszeit: Zuschreibung an Simon Zaglacher 1760
Unter der Inschriftkartusche in B, die 1898 neu gemalt wurde, las Bomhard noch das durchscheinende Datum Ao. 1760. Als Autoren schlägt er Joseph Höttinger oder Simon Zaglacher vor (S. 334).
Eine eigentliche Zuweisung der Fresken ist wegen der im Detail völlig verändernden Übermalung von 1898 nicht möglich. Für Höttinger oder Zaglacher spricht die historische
Wahrscheinlichkeit. Der Rosenheimer Maler Joseph Höttinger freskierte viel im Gericht Rosenheim und arbeitete mit Andreas Vordermayr auch anderwärts zusammen (Lauterbach 1750/55, Höhenmoos um 1750, beide Freskierungen nicht erhalten). Gegen Höttinger sprechen aber die Kompositionen, die mit denen seiner für ihn gesicherten und gut erhaltenen Freskierungen (Frasdorf 1761 und Kleinhöhenkirchen 1773, CBD, Bd 2, S. 517-22) nichts zu tun haben, sowie das Fehlen für Höttinger typischer Figuren. Wenn Hitzinger bei der Übermalung 1898 die Bild- und Figurenkompositionen nicht verändert hat, dann kommt Höttinger als Autor nicht in Frage. Freskant in Nußdorf war wohl Simon Zaglacher, weil er als Maler in Erl ansässig und Erl der Pfarrsitz von Nußdorf war. Er renovierte 1768 die Deckenbilder in Sachrang. In Roßholzen sind Altarbilder von seiner Hand erhalten
Befund
Träger der Deckenmalerei: LHs (A und B) und AR (C) verschliffene Kreuzgewölbe
Rahmen: A und B Stuckprofil in C-Bogenschwüngen, B in der Querachse von Rocaillekartuschen übergriffen; C Stuckprofil, in der Längsachse von Stuckornamenten übergriffen; a-h, 1-4, Ca-d Stuckkartuschen; I, II halbe Stuckkartuschen
Technik: Fresko, 1898 in Seccotechnik übermalt; A, B, C, I, II polychrom, a–h, 1–4 und Ca–d monochrom ocker
Maße: A Höhe 9,75 m; 5,80 × 3,60
B Höhe 9,75 m; 5,60 × 4,20
C Höhe 9,10 m; 5,55 × 4,00
Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1826/27 gründliche Restaurierung; als Maler arbeiteten Sebastian Stümpfle (Stimpfl) aus Marquartstein und Sebastian Rechenauer d. Ä aus Neubeuern. 1874 Tünchen des Raums, dabei wurden Reste mittelalterlicher Bemalung aufgedeckt. Auf Kosten der kinderlosen Bauerswitwe Elisabeth Schwarzhofer wurde 1897 der Kirchenraum und die Einrichtung zur 200-Jahr-Feier 1898 durch den Teisendorfer Maler Joseph Hitzinger restauriert. Die Stuckaturen wurden neu getönt und gegen das General-Konservatoriums teilvergoldet. Die Fresken wurden von Hitzinger übermalt (laut Bericht Rehrls 1988 im BLfD »fast gänzlich übermalt, figürliche Darstellungen verändert«). Die Bilder am Chorbogen I–II (Verkündigung) dürften damals ganz neu gemalt worden sein. 1949 fand eine Innenrestaurierung mit neuer Raumtönung statt (Bomhard, S. 332).
Letzte Restaurierung 1987 durch Rudolf Rehrl, Freilassing. Die Raumschale wurde gereinigt und konserviert. Die Fresken wurden gefestigt und trocken gereinigt, die Risse geschlossen und Fehlstellen retuschiert, der Zustand mit den Übermalungen von 1898 aber im wesentlichen belassen.
Beschreibung und Ikonographie
Über dem Portal an der Nordseite der Kirche befindet sich ein geschweifter Giebelaufsatz, und im Giebelfeld die Darstellung des hl. Leonhard als Patron der Gebärenden, des Viehs und der Gefangenen. Das Bild dürfte zur Ausmalung 1760 gehören, ist aber stark übermalt.
A DIE HEILIGEN KATHARINA, BARBARA UND CACILIA Ansicht nach W. In einer ockerfarbenen Wolkenszenerie, die am Rande dunkel, in der Mitte aber zu einer sehr hellen Strahlenglorie aufgelichtet ist, sind die drei Heiligen dargestellt. Zuoberst thront Barbara, eine Krone auf dem Haupt, einen Palmzweig in der Rechten. Mit der Linken hält sie einen Kelch hoch, mitten in die Glorie, sodaß deren Strahlen die Hostie umgeben, die über dem Kelch erscheint. Links unter Barbara sieht man Katharina von Alexandrien in fürstlicher Tracht, reich mit Perlen geschmückt, eine Palme in der Rechten. Bei ihr ist ein kleiner Engel, der ihre Marterwerkzeuge, das Schwert und das Rad hält. Auf der gegenüberliegenden Seite sitzt Cäcilia, ebenfalls reich gekleidet an der Orgel. Ein Putto zu ihren Füßen hält ein Notenblatt.
B BRUDERSCHAFTSBILD Das Marienbild der Skapulierbruderschaft von Nußdorf erscheint in Wolken, von einer lichten Glorie umgeben. Es ist eine bekleidete Tragfigur von 1699, Maria mit dem Kind, die sich auf dem nördlichen Seitenaltar befindet. Helle Strahlen gehen von dem Bild aus; am Rand der Strahlenglorie sind Engelsköpfehen dargestellt Maria und das Jesuskind tragen reichbestickte Kleider, beide haben eine Krone auf dem Haupt und ein Zepter in Händen Mariens Haupt ist von einem Sternenkranz umgeben, den Fuß setzt sie auf die Mondsichel. Dicht unter dem Bruderschaftsbild knien zwei Heilige auf Wolken: rechts Simon Stock, den das Jesuskind das Skapulier reicht, und links der hl. Joseph mit der Lilie in Händen. Die Einführung des Skapuliers und der Skapulierbruderschaft U. L. F. gehört zu den Andachtsformen die mit dem Karmelitenorden eng zusammenhängen. Nach der Ordenstradition erschien Maria am 16.7.1251 in Cambridge dem hl. Simon Stock und übergab ihm das Skapulier (als Bruderschaftszeichen zwei viereckige Tuchstücke, die, mit Bändern verbunden, über der Schulter hängend getragen werden) mit der Versicherung, alle, die es bei ihrem Tode tragen, werden das ewige Heil erlangen. Die Verehrung des hl. Joseph war ein besonderes Anliegen der Karmelite Bruderschaft wurde in Nußdorf am 21.9. 1698 feierlich eingeführt. Das Fundationsvermögen stiftete der Nußdorfer Wirt Georg Weiß, Vater des P. Casimir Weiß in Kirchwald (S. 317). Von dieser oberen Szene, die in sich abgeschlossen ist, fallen durch die Wolken Strahlen auf eine tieferliegende Wolkenbank, wo – unten im Bild – links Leonhard sehen ist, der Kirchenpatron, in Benediktinertracht mit Abtstab und Abtskreuz auf der Brust, die Kette, sein Attribut, in Händen. Rechts ist der hl. Antonius von Padua mit Lilie dargestellt; ihm ist der rechte Seitenaltar geweiht. Inschrift in einer gemalten Rocaillekartusche unten im Bild Heilige / Maria schönste Karmeliterzier / Beschütz uns durch das hl: Skapulir (Inschrift wohl 1898).
a-h EMBLEME Stuckkartuschen an den Gewölbezwickeln des Langhauses rahmen Embleme, die sich auf die Skapulierbruderschaft und auf Maria als deren Schutzherrin beziehen. Lemma jeweils in einem Inschriftband über dem Bild.
a Salvant haec signa Salutis (Diese Zeichen des Heils retten). Auf dem aufgewühlten Meer ein Segelschiff, das auf den Segeln ein Marienbild trägt. Das Bild ist eine Anspielung auf den häufigen Vergleich der Kirche oder der Christenheit, die sich in der Welt behaupten muß, mit einem Schiff in den Wellen. Hier ist das Schiff ein Symbol der Bruderschaft, die, weil sie sich Maria als Schutzherrin erkoren hat, alle Gefahren bestehen wird.
b Post fata superstes (Überlebend nach dem Untergang). Auf einem spitzen Felsen ein Feuer. Aus dem Feuer erhebt sich der Vogel Phönix. Dieses Emblem spielt auf den Kirchenbrand 1754 an. Wie der Vogel Phönix sich in den Flammen verjüngt, so hat auch die Bruderschaft den Schicksalsschlag des Brandes neugestärkt überstanden.
c Lilium inter spinas – cant 2 (Lilie unter Dornen). Lilie in einem Dornbusch. Die Lilie ist nicht nur ein Sinnbild der Reinheit Mariens, sondern auch des Menschen, der sich in den Versuchungen der Welt seine Reinheit bewahrt; damit Hinweis auf Maria als Beispiel für die Bruderschaftsmitglieder.
d Quasi Aurora consurgens. cant. 6 (Wie die aufgehende Morgenröte). Weite Landschaft mit aufgehender Sonne hinter dunklem Gewölk. Die Morgenröte ist in der Emblematik ein außerordentlich häufiges Bild für Maria.
e Pacis oliva viret (Der Ölzweig des Friedens grünt). Arche Noah, die Taube bringt den Ölzweig. Das Emblem ist wohl als antetypischer Hinweis auf die Verleihung des Skapuliers zu verstehen: wie einst Gott den Menschen in der Arche als Zeichen des Heils den Ölzweig gesandt hat, so reichte Maria durch Simon Stock der Menschheit das Skapulier als Unterpfand des Heils.
f Ornat et armat (Es schmückt und bewehrt). Einem betenden Kind reicht eine Hand aus dem Himmel das Skapulier. Das Lemma besagt, daß das Skapulier nicht nur Schmuck, sondern auch Schutz und Stärkung ist.
g Protectio qualis (Ein solcher Schutz). Adler, der seine Jungen mit den Flügeln gegen das Unwetter schützt. Auch dieses Emblem spielt auf den Schutz an, den Maria durch das Zeichen des Skapuliers den Bruderschaftsmitgliedern gewährt.
h Ex humeris reiecit amictum (Von den Schultern wirft er das Gewand). Himmelfahrt des Propheten Elias im feurigen Wagen. Unter ihm schwebt über einer weiten Landschaft das Gewand, das Elias dem Elisäus zuwarf. Das Gewand des Propheten Elias tritt hier wohl als typologisches Vorbild für das Skapulier auf, das die Bruderschaftsmitglieder trugen. Elias wird von den Karmeliten als Ordensvater verehrt, weil er auf dem Berg Karmel Schüler um sich gesammelt und mit ihnen in einer ordensähnlichen Gemeinschaft gelebt haben soll; die Ordensüberlieferung besagt, diese Tradition sei nie abgerissen und aus den ersten christlichen Vereinigungen am Berg Karmel sei endlich der Orden der Karmeliten hervorgegangen.
I-II MARIÄ VERKÜNDIGUNG An den beiden halben Gewölbezwickeln vor dem Chorbogen ist in halben Kartuschen die Verkündigung Mariens gezeigt (Hitzinger 1898).
I Maria mit gesenkten Augen vor einem Betpult, über ihr die Taube des Hl. Geistes.
II Der Engel Gabriel, auf Wolken kniend, eine Lilie in der Hand.
C DIE HEILIGEN SEBASTIAN, FLORIAN, VALEN- TIN UND WOLFGANG ALS PATRONE In einer weiten Wolkenlandschaft mit vereinzelten Putten erscheinen vier Heilige als Patrone von Nußdorf. In der Mitte thront auf Wolken Sebastian in römischer Soldatentracht mit Lorbeerkranz auf dem Haupt, Palmzweig und Pfeile in Händen; seine Statue steht am Hochaltar als rechte Seitenfigur. Im 17. Jh. bestandkirchlich nicht bestätigt - neben der Skapulier-Bruderschaft an der Leonhardskirche eine Sebastiansbruderschaft, die anläßlich der offiziellen Einführung der Skapulier-Bruderschaft 1698 mit dieser verschmolzen wurde.
Rechts von Sebastian knien dicht nebeneinander zwei Bischöfe, beide mit Mitra und Pedum. Einer hält ein Schwert; es ist Valentin von Terni (oft im Kult nicht klar zu trennen von Valentin von Rom, der enthauptet wurde), der am Hochaltar als linke Seitenfigur auftritt; Valentin von Terni ist Patron gegen Fallsucht, Sebastian gegen Pest. Neben ihm kniet Wolfgang von Regensburg mit Kirchenmodell und Hacke, der Patron der Schiffer. Links sitzt auf Wolken Florian, der Patron gegen Feuersgefahr, in römischer Soldatentracht, einen Lorbeerkranz auf dem Haupt und eine weiße Fahne in Händen. Der Putto unter ihm schüttet Wasser aus einem Schaff. Sein Erscheinen als Patron hängt wohl auch mit dem Kirchenbrand von 1754 zusammen, das Patronat Wolfgangs bezieht sich weist auf die Gefahren der Schiffahrt auf dem Inn hin. Inschrift in einer Stuckkartusche am O-Rand Venite ad me / omnes. / Mattb. 11
1-4 VIER KIRCHENVÄTER Kartuschen in den Stichkappen des Chors mit Darstellungen der Kirchenväter.
1 AUGUSTINUS Er trägt das bischöfliche Gewand, mit flammendem Herzen und aufgeschlagenem Buch. Vor ihm erscheint ein Putto mit einem Löffelchen, der an die Szene von Augustinus mit dem Kind am Meer erinnert.
2 HIERONYMUS als Büßer ist vor einem Bücherregal mit Totenkopf dargestellt. In der Hand hält er einen Stein. Aus dem Himmel richtet sich eine Posaune auf sein Ohr.
3 GREGOR der Große in päpstlichem Gewand, neben ihm die Tiara; er hält dreifachen Kreuzstab und aufgeschlagenes Buch. Über ihm schwebt die Taube der göttlichen Inspiration.
4 AMBROSIUS in Bischofskleidung, links Bücher, rechts der Bienenkorb. Er hält ein aufgeschlagenes Buch in Händen.
Ca-d EMBLEMÄHNLICHE DARSTELLUNGEN Vier Bilder mit Inschriften in den Kartuschen an den Gewölbezwickeln des Chors beziehen sich auf Patrone gegen verschiedenen Gefahren.
NUSSDORF dene Gefahren, die in den Hauptfresken B (Leonhard) und C (Sebastian, Florian, Wolfgang) dargestellt sind.
Ca Percussi sanabantur Num 21. (Die Geschlagenen wurden geheilt. Num 21,9). Ein Haus, unter dessen Vordach man einen Kranken in seinem Bett sieht. Im Vordergrund zwei plötzlich von der Pest Befallene auf dem Feld liegend. Im Hintergrund Friedhof, in den eben ein Sarg getragen wird. Ganz unten im Bild ein Totenkopf.
Die Darstellung bezieht sich auf die Heiligen Sebastian und Valentin als Patrone: wie im Alten Testament die, die zur ehernen Schlange aufblickten, von den Schlangenbissen geheilt wurden, so heilen Sebastian und Valentin die Kranken, die sich an sie wenden.
Cb Extinxit impetum Ignis. Hebr. 11 (extinxerunt impetum ignis. Er, Florian, löschte die Gewalt des Feuers. Hebr 11,34) Dorf in Feuersbrunst, vom Himmel stürzt ein Unwetter nieder. Diese Darstellung bezieht sich auf St. Florian als Retter in Feuersnot und erinnert an den Kirchenbrand 1754.
Cc Homines et iumenta salvabis. Ps 35 (Du wirst Menschen und Vieh retten. Ps 35,7). Bauernhaus in Weidelandschaft mit Tieren; in der Türöffnung ist ein Mann zu sehen, der mit Ketten gebunden ist. Diese Darstellung bezieht sich auf den Kirchenpatron St. Leonhard als Patron der Gefangenen und des Viehs.
Cd Motum fluctuum tu mitigas. Ps 88 (motum autem fluctuum eius tu mitigas. Du besänftigst die Bewegung seiner Fluten. Ps 88,10). Schiffbrüchiges Boot in wild bewegten Wellen. Über dem Schiff öffnet sich der Himmel und ein Stern erscheint. Die Darstellung erinnert Wolfgang von Regensburg als Helfer in Wassersnot.
EB1-2 PATRONATS-SZENEN An den beiden Brüstungen der Doppelempore befinden sich querformatige Bilder. EB1, MARIA (oben) Weite Landschaft; Maria mit dem Kind in Form des Bruderschaftsbildes erscheint in Wolken. Rechts sind Kranke zu sehen, links Schiffer auf dem Fluß
EB2, LEONHARD (unten) Landschaft, über der Leonhard erscheint. Links sieht man in einem Haus eine Mutter in Kindsnöten, rechts Vieh und in einem Haus (Gefängnis) einen Mann in Ketten. Leonhard von Noblac war Patron der Gefangenen, der gebärenden Mütter und des Viehs.
Quellen und Literatur
BHStA I, KL Herrenchiemsee 107/III: Archivrepertorium BHStA, GL Rosenheim Fasz. 3477 Nr. 87: Brand und Bemühungen um den Wiederaufbau.
AEM, Pfarrakten Nußdorf am Inn: Pfarrbeschreibung, im Akt Bruderschaftsbrief; Bauten II: Restaurierung 1897; Nebenkirche St. Leonhard: Brand und Wiederaufbau 1754, 1760/61; Errichtung der Skapulierbruderschaft 1697–1846. AEM, Kunsttopographie des Erzbistums München und Freising, Dekanat 39/Inntal, Pfarrei Nußdorf am Inn, St. Leonhard (Peter von Bomhard und Georg Brenninger). BLfD, Akt Nußdorf am Inn, Kirche St. Leonhard.
Mayer-Westermayer, Bd 2, S. 759 f. KDB I OB (2), S. 1637.
Gierl, Johann von Gott, Geschichtliches aus den Nußdorfer Matrikeln, in: Das Bayerische Oberland am Inn 2, 1903, S. 39–44.
Gartner, Anton und Hugo Schnell, Nußdorf am Inn (= KK) Nr. 165), München 11936.
Dürnegger, Josef, Nußdorf einst und jetzt. Ein kulturgeschichtlicher Beitrag, Törwang 1951. St. Leonhard S. 56–61 Skapulier-Bruderschaft S. 90 f.; Brand S. 93 f.
Bomhard, Bd 1, S. 330–37, 431 f., 460 f.
Historischer Atlas I, Bd 38 Rosenheim. Die Landgerichte Rosenheim und Auerburg und die Herrschaften Hohenaschau und Wildenwart (Gertrud Diepolder, Richard van Dülmen und Adolf Sandberger), München 1978, S. 51. Jahrbuch der bayerischen Denkmalpflege 40 (für 1986), München 1989, S. 436.
Dehio 1990, S. 890 f.
A.B