Nordstrand, Hof Jacobsen, Neuer Koog

Laß, Heiko:Nordstrand, Hof Jacobsen, Neuer Koog, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2024, URL: www.deckenmalerei.eu/3d995307-5b4f-4c5f-8937-baff675462f0

Inventarnummer: cbdd20169

Lage: Auf OpenStreetMap anzeigen

Der Text dieses Artikels steht – ausgenommen Abbildungen – unter der Lizenz CC BY 4.0. Dieser Artikel ist lediglich eine Kopie der Originalveröffentlichung auf deckenmalerei.eu und kann veraltet sein; maßgeblich ist die dortige Originalfassung.

Aus dem Hof Jacobsen hat sich im Altonaer Museum die komplett ausgemalte ehemalige Gerichtsstube erhalten. Zu den Personifikationen der Gerechtigkeit, des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung kommen ein Wächter und ein Gerichtsdiener.

Nordstrand, Wandmalerei aus dem ehem. Hof Jaocbsen
Nordstrand, Wandmalerei aus dem ehem. Hof Jaocbsen

Der Hof Jacobsen

Bau-, Ausstattungs- und Nutzungsgeschichte

Der Hof Jacobsen wurde 1705 erbaut.[1]

Beschreibung

Der eingeschossige Hof hatte ein sehr hohes Satteldach mit drei Obergeschossen. Der mittige Eingang des reetgedeckten Hauses befand sich unter einem Zwerchhaus. Im obersten Dachgeschoss im Giebel war eine Gerichtsstube gelegen.[1]

Die translozierte Gerichtsstube

Bau- und Ausstattungsgeschichte

Die Gerichtsstube[2] wird anhand ihrer Malerei im Allgemeinen auf die Zeit um 1735 datiert,[3] wahrscheinlicher ist aber eine Entstehung um 1760 und ihre Ausmalung durch Jacob Hopp aus Husum.[4] Nach ihrem Ausbau wurde die Stube beim Einbau in das Altonaer Museum aus museumstechnischen Gründen verändert. An der Eingangsseite vertauschte man die Tür und das Wandbett und an der gegenüberliegenden Fensterwand kam für den Museumsrundgang eine weitere Tür hinzu. Die Stube wurde im zweiten Weltkrieg ausgelagert und 1948/49 wieder eingebaut.[5]

Funktion

Die Stube diente den Gemeinderatsversammlungen als Amtszimmer, in dem auch Gerichtssitzungen vorgenommen wurden.[6]

Beschreibung

Die Stube misst 4,04 auf 3,79 Meter und ist 1,79 Meter hoch. Die Wand gegenüber dem Fenster nimmt in der einen Ecke die Eingangstür und in der anderen Ecke einen Alkoven auf. Über den beiden Seitenwänden vermittelt eine Katschur zur Decke. Das Doppelfenster befand sich ursprünglich in der Mitte der Wand. Die Stube ist dunkel. Dominierende Farben sind braun und schwarz bzw. dunkelgrün.[7]

Decke und Katschur

 

Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die Kiefernholzdecke ist um 1760 vermutlich von Jacob Hopp bemalt worden.[8]

Beschreibung und Ikonographie

Die Decke wird durch einen braun gefassten Balken in zwei Hälften geteilt. Jede Hälfte ist auf schwarzem Grund mit roten Akanthusschlingen mit goldenen Blättern bemalt. Über die ebenfalls braune Katschur hängen an jeder Seite scheinbar zwei Festons mit grünen Blättern und rosaroten Blüten herab. Oberhalb der Festons ist jeweils ein rotes expressiv gezacktes Bandelwerk mit weißen Lichtern gemalt. Der Raum zwischen den Festons über der Wand nimmt jeweils ein schwarz-weißes Ornament aus Akanthus und stilisierten Blumen bzw. Früchten ein.[9]

Die Wände

Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die Kiefernholzwände wurden um 1760 vermutlich von Jacob Hopp bemalt. Beim Einbau in das Museum wurde das Fenster nach rechts verschoben, um links eine Tür einzubauen, und an der Eingangsseite sind Tür und Alkoven vertauscht.[10]

Beschreibung und Ikonographie

In den Raumecken stehen hell gemalte Säulen. Die Wände dazwischen sind oberhalb eines braunen Streifens mit einem sehr dunklen Grün bemalt. In die Wände sind an den Längsseiten scheinbar je zwei braune Rundbogennischen eingetieft, in die insgesamt vier annähernd lebensgroße Personifikationen (Gerechtigkeit und die drei theologischen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung) gestellt sind. Rechts, links und zwischen diesen Nischen sind schlanke grüne Ranken mit rosafarbenen Blüten gemalt. An der Eingangsseite ist zwischen Tür und Alkoven eine weitere Nische zu sehen, in der ein ebenfalls nahezu lebensgroßer Wächter steht. Auf die Tür ist ein etwas kleinerer Gerichtsdiener gemalt. Oberhalb des Alkovens und der Nische mit dem Wächter befindet sich ein Band von rotem Akanthus mit goldenen Blättern und weißen Lichtern. Über der Tür ist es frei ergänzt, hier erblickte man ursprünglich Blumen. Ganz oben, unter der Decke, sind auf hellem Grund stilisierte Rosen und Akanthus in Rot gemalt.[11]

Programm

Die Tugenden und der Türwächter waren in der Region ein typisches Bildprogramm für Gerichtsstuben.[12]

Türwächter und Gerichtsdiener

Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Türwächter und Gerichtsdiener wurden um 1760 vermutlich von Jacob Hopp gemalt.[4]

Beschreibung und Ikonographie

Zum Verständnis von beiden Figuren ist es wichtig, zu wissen, dass Tür und Alkoven beim Einbau in das Museum vertauscht wurden. Ehemals schritt der Wächter auf die Tür zu und nicht von ihr fort.[13] Der rotgewandete Türwächter sieht die Betrachtenden an. Seine rechte Hand umfasst den Lauf seines Gewehrs, das mit dem Kolben auf dem Boden steht. Er trägt eine Grenadiermütze, Kniehosen und schwarze Schuhe.[14] Der modisch gekleidete Gerichtsdiener auf der Tür begrüßt die Eintretenden, wenn die Tür in den Vorraum geöffnet ist. Über seinem Kopf ist zu lesen: „Wol kom̅en, ihr Herrn“. Dazu vollführt er eine einladende Geste und komplimentiert sie so in die Stube.[15]

Programm

Eine Gerichtsstube von einem gemalten Türwächter schützen zu lassen, war in der Region sehr beliebt.[16]

Gerechtigkeit
 
Gerechtigkeit

Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die Personifikation der Gerechtigkeit wurde um 1760 vermutlich von Jacob Hopp gemalt.[4]

Beschreibung und Ikonographie

Die Gerechtigkeit wird als eine Frau auf Stöckelschuhen in einer schlichten Tracht des Rokoko mit rotem Obergewand und dunklem Mantel sowie dunkelgrünem Rock gezeigt. Über ihrem Kopf steht „Geräichtikeit“. Es handelt sich um die symbolische Herrin der Gerichtsstube. Sie steht auf einem Hügel oder Postament und hat große Augen. Ihre Stirnhaare sind aus dem Gesicht über den Kopf gekämmt und sie hat Locken über den Ohren. Wie in Norddeutschland weit verbreitet, sind ihre Augen nicht verbunden. In der Rechten hält sie ein erhobenes Schwert, in der Linken die Waage.[17]

Vorlagen und Vergleiche

Die aus dem Gesicht über den Kopf zurückgekämmten Stirnhaare und die Locken über den Ohren erinnern an die Justitia der Decke der Stube im Haus Kirchenweg 24 in Keitum.[18]

Glaube
 

Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die Personifikation des Glaubens wurde um 1760 vermutlich von Jacob Hopp gemalt.[4]

Beschreibung und Ikonographie

Die Personifikation des Glaubens ist als eine blau gewandete Frau auf Stöckelschuhen dargestellt. Sie ist über ihrem Kopf mit „Glaube“ beschriftet und steht ebenfalls auf einem Hügel oder Postament. Sie hat große Augen, ihre Stirnhaare sind aus dem Gesicht über den Kopf gekämmt und über ihre Ohren hängen Locken. Als Attribute hält sie einen Kelch mit Hostie sowie ein Kreuz.[19]

Vorlagen und Vergleiche

Die aus dem Gesicht über den Kopf zurückgekämmten Stirnhaare und die Locken über den Ohren erinnern an die Justitia der Decke der Stube im Haus Kirchenweg 24 in Keitum.[18]

Liebe
 

Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die Personifikation der Liebe wurde um 1760 vermutlich von Jacob Hopp gemalt.[4]

Beschreibung und Ikonographie

Auch die Liebe ist als eine Frau auf Stöckelschuhen auf einem Hügel oder Postament stehend personifiziert. Über ihrem Kopf ist sie mit „Liebe“ beschriftet. Sie trägt ein blaues Gewand und hält ein Kind auf dem Arm. Zwei weitere zupfen an ihrem Kleid. Sie hat wie die anderen Personifikationen im Raum große Augen, ihre Stirnhaare sind aus dem Gesicht über den Kopf gekämmt und über den Ohren trägt sie Locken.[19]

Vorlagen und Vergleiche

Die aus dem Gesicht über den Kopf zurückgekämmten Stirnhaare und die Locken über den Ohren erinnern an die Justitia der Decke der Stube im Haus Kirchenweg 24 in Keitum.[18]

Hoffnung
 
Nordstrand, Wandmalerei aus dem ehem. Hof Jaocbsen

Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die Personifikation der Hoffnung wurde um 1760 vermutlich von Jacob Hopp gemalt.[4]

Beschreibung und Ikonographie

Die Hoffnung ist über ihrem Kopf mit „Hoffnung“ beschriftet und hält als Attribute einen Anker und einen Vogel in ihren Händen. Sie trägt wie die Gerechtigkeit Stöckelschuhe, ein rotes Obergewand und einen dunklen Mantel. Ihr Rock ist grün. Sie steht gleichfalls auf einem Hügel oder Postament und hat große Augen. Ihre Stirnhaare sind aus dem Gesicht über den Kopf gekämmt und sie hat Locken über den Ohren.[19]

Vorlagen und Vergleiche

Die aus dem Gesicht über den Kopf zurückgekämmten Stirnhaare und die Locken über den Ohren erinnern an die Justitia der Decke der Stube im Haus Kirchenweg 24 in Keitum.[18]

Bibliographie

  • Literatur:
  • Brauer/Scheffler/Weber, Husum, 1939. – Brauer, Heinrich/Scheffler, Wolfgang/Weber, Hans (Bearb.): Die Kunstdenkmäler des Kreises Husum (Die Kunstdenkmäler der Provinz Schleswig-Holstein). Berlin 1939.
  • Kaufmann, Bauernstuben, 1979. — Kaufmann, Gerhard: Bauernstuben. Vortrag im Altonaer Museum am 18.1.1977 in der Reihe „Das Altonaer Museum – Ein Norddeutsches Landesmuseum“, in: Altonaer Museum in Hamburg. Norddeutsches Landesmuseum 16/17 (1978/79), S. 93-139.
  • Koehn, Inseln, 1961. – Koehn, Henry: Die Nordfriesischen Inseln. Die Entwicklung ihrer Landschaft und die Entwicklung ihres Volkstums. Hamburg 1961.
  • Röper, Innenraumgestaltung, 1984. – Röper, Gerhard: Die Innenraumgestaltung der ländlichen Profanarchitektur Schleswig-Holsteins vornehmlich des 18. Jahrhunderts. Lüdinghausen 1984.
  • Schlee, Türwächterbilder, 1942. – Schlee, Ernst: Türwächterbilder in Schleswig-Holstein und die Scheunentürmalereien in Eiderstedt, in: Nordelbingen 17/18 (1942), S. 1-50.
  • Schwindrazheim, Bauernstuben, 1967. – Schwindrazheim, Hildamarie: Führer durch die Bauernstuben des Altonaer Museums (Altonaer Museum Hamburg. Schausammlungen des Altonaer Museums, 2). Hamburg 1967.

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 Koehn, Inseln, 1961, S. 126, Tafel 149.
  2. Röper, Innenraumgestaltung, 1984, S. 592-595; Schwindrazheim, Bauernstuben, 1967, S. 54-57.
  3. Röper, Innenraumgestaltung, 1984, S. 592; Schwindrazheim, Bauernstuben, 1967, S. 57.
  4. 4,0 4,1 4,2 4,3 4,4 4,5 Kaufmann, Bauernstuben, 1979, S. 121.
  5. Röper, Innenraumgestaltung, 1984, S. 592; Kaufmann, Bauernstuben, 1979, S. 100; Schwindrazheim, Bauernstuben, 1967, S. 55-56.
  6. Schwindrazheim, Bauernstuben, 1967, S. 55.
  7. Röper, Innenraumgestaltung, 1984, S. 593; Schwindrazheim, Bauernstuben, 1967, S. 55; Koehn, Inseln, 1961, S. 126, 190, Tafel 149; Brauer/Scheffler/Weber, Husum, 1939, S. 132.
  8. Röper, Innenraumgestaltung, 1984, S. 593; Kaufmann, Bauernstuben, 1979, S. 121.
  9. Röper, Innenraumgestaltung, 1984, S. 592-593; Schwindrazheim, Bauernstuben, 1967, S. 56.
  10. Röper, Innenraumgestaltung, 1984, S. 593; Kaufmann, Bauernstuben, 1979, S. 121; Schwindrazheim, Bauernstuben, 1967, S. 55-56; Schlee, Türwächterbilder, 1942, S. 15.
  11. Röper, Innenraumgestaltung, 1984, S. 592-593; Schwindrazheim, Bauernstuben, 1967, S. 54, 56.
  12. Schwindrazheim, Bauernstuben, 1967, S. 56.
  13. Schwindrazheim, Bauernstuben, 1967, S. 56; Schlee, Türwächterbilder, 1942, S. 15.
  14. Röper, Innenraumgestaltung, 1984, S. 592; Schwindrazheim, Bauernstuben, 1967, S. 56; Schlee, Türwächterbilder, 1942, S. 15.
  15. Röper, Innenraumgestaltung, 1984, S. 592-593; Schwindrazheim, Bauernstuben, 1967, S. 54; Schlee, Türwächterbilder, 1942, S. 16.
  16. Schlee, Türwächterbilder, 1942, S. 16.
  17. Röper, Innenraumgestaltung, 1984, S. 593; Schwindrazheim, Bauernstuben, 1967, S. 56; Schlee, Türwächterbilder, 1942, S. 15.
  18. 18,0 18,1 18,2 18,3 https://www.deckenmalerei.eu/e3fd613b-8dbc-4b2b-a0ad-95aa65ed4c9b.
  19. 19,0 19,1 19,2 Röper, Innenraumgestaltung, 1984, S. 593; Schwindrazheim, Bauernstuben, 1967, S. 56.