Niedergottsau, Expositurkirche Mariä Himmelfahrt


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 9: Landkreis Altötting. Hirmer, München 2003, ISBN 978-3-7774-9690-0, S. 144–147, geschrieben von Böhm, Cordula. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

NIEDERGOTTSAU

Expositurkirche, Pfarrei und Gemeinde Haiming, Bistum Passau; z.Z. der Ausmalung Filialkirche von Haiming. Die Skapulierbruderschaft an der Kirche wurde 1690 gegründet. Zum spätgotischen Mariengnadenbild bestand eine Wallfahrt. Niedergottsau gehörte ab 1774 zur Hofmark Piesing (Inhaber die Grafen von Berchem). Gericht Neuötting

Patrozinium: Mariä Himmelfahrt

Zum Bauwerk: Gotischer Bau von 1443. Ein seit 1741 geplanter barocker Umbau mit Erweiterung der Kirche um ein nördliches Seitenschiff mit Empore kam erst 1760 zur Ausführung. Dabei wurde auch das im 17. Jh. im Süden des Schiffs angebaute Beinhaus mit Vorhaus und Sakristei-Nebenraum mit einer in den Raum einbezogenen Empore und mit einem Oratorium versehen. Am 29.5.1783 Brand des Kirchturms und des Kirchendachs. 1971 bauliche Einbeziehung des Vorraums, des Leichenhauses und eines Nebenraums der Sakristei in den Kirchenraum.

Am Hochaltar von 1780 steht das Gnadenbild aus der Zeit um 1500. Die ausdruckstarken Altarfiguren der Heiligen Joachim und Anna, Joachim von Theben und Magdalena können dem Burghausener Bildhauer Johann Georg Lindt zugeschrieben werden. Die Seitenaltäre sind 1638 datiert.

Langhaus zu drei breiten Jochen, AR zu zwei Jochen, dreiseitig geschlossen. Das LHs hat Seitenschiffe mit Emporen. Westempore, Turm im Westen. Gliederung im LHs durch schwere, im Kern gotische Pfeiler, im AR durch Pilaster. Indirekte Belichtung im LHs über die Seitenschiffe, im Chor durch fünf Fenster auf der N- und O-Seite.

Auftraggeber: Das Bruderschaftsbild C legt nahe, daß die Skapulierbruderschaft von Niedergottsau bzw. ihre Mitglieder die Freskierung finanzierten, wobei sich sicher auch der Pfarrer beteiligte, Joseph Paul Mayr (1730/40) bzw. Johann Paul Reischl (1741/94), der Präses der Bruderschaft gewesen sein dürfte.

Autor und Entstehungszeit: Maler unbekannt, um 1740

Der Autor der Fresken war ein einfacher Maler, der nach Stichvorlagen einigermaßen gewandt arbeiten konnte, zu eigenen Kompositionen aber kaum fähig war (C). Nach den Kirchenrechnungen arbeitete 1740 der Maler Joseph Mall von Marktl für Niedergottsau (zwölf Apostel auf ausgeschnittenen Brettern). Er kommt auch für die Freskierung infrage, aber nur hypothetisch, da Vergleichsbeispiele fehlen. In der 2. Hälfte des 18. Jh. arbeiteten Burghauser Maler für Niedergottsau, so malte Franz Joseph Soll den Kreuzweg, Kajetan Forster zwei Fastentücher und Clemens Evangelist della Croce das rechte Seitenaltarbild > Heiligste Dreifaltigkeit <.

Das Fresko an der Emporenbrüstung ist ins 17. Jh. zu datieren. Der Autor ist unbekannt.

Befund

Träger der Deckenmalerei: Tonnengewölbe mit Stichkappen (verschliffenes Rippengewölbe) D 1 C 1 C1

Rahmen: Stuckprofil

Technik: Fresko; polychrom

Masse: A Höhe 8,50m; 3,30×3,30

B Höhe 8,50m; 3,80×3,30

C Höhe 8,50m; 3,30×3,30

EB Höhe 4,70 m; ca 2,50×7,20

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Restaurierung des Innenraums 1873/74; dabei wurden die Wände verputzt und die barocke Freskierung durch den Maler Xaver Zattler von Wurmannsquick mit nazarenischen Fresken übermalt (StAM). Datum in der Chorbogeninschrift Renoviert 1873. 1955/57 Freilegung der barocken Deckenbilder und des Bildes an der Emporenbrüstung durch den akademischen Maler Gotthard Bauer, München. Im AR wurde ein gotischer Freskenzyklus aufgedeckt (Inschrift an der Emporenbrüstung). Letzte Restaurierung der gotischen und barocken Fresken an Gewölben und Wänden 1991/92 durch Kirchenmaler Fritz Riedel, Marktl. Die Deckenbilder sind deutlich abgerieben, die Konturen nachgezeichnet.

Beschreibung und Ikonographie

Innerhalb des ungewöhnlich reichen mittelalterlichen Freskenzyklus im Chor und an den Wänden ergänzen die barocken Fresken das ornamental ausgemalte gotische Langhaus der Kirche zum geschlossenen Bildteppich. Sie beziehen sich alle auf Maria, die Kirchenpatronin, die im Gnadenbild am Hochaltar verehrt wird.

A HEIMSÜCHUNG Ansicht nach Westen. Die Darstellung folgt Johann Georg Bergmüllers Kupferstich nach seinem Rosenkranzzyklus in der Dominikanerkirche Augsburg (Karin Friedlmaier, Johann Georg Bergmiller. Das druckgraphische Werk, München 1997). Aus dem Portal ihres Hauses treten Elisabeth und Zacharias. Elisabeth wendet sich Maria zu, die mit einem großen Sonnenhut auf der Eingangstreppe steht. Ihr folgt Joseph mit dem Gepäck. Im Hintergrund ein Obelisk

B MARIÄ TEMPELGANG Bildschauplatz ist eine große Freitreppe, überwölbt von einer hohen Portalarchitektur, die sich in Bögen zum Hintergrund hin öffnet. Der Hohepriester steht oben und fordert mit Gesten das vor ihm auf der Treppe kniende Mädchen Maria auf, ihm in den Tempel zu folgen. Rechts sind die Eltern Anna und Joachim zu sehen, der Vater bringt als Opfergabe zwei weiße Tauben. Links eine Assistenzfigur mit Krug und Kerze. Putten mit einem Kranz von Rosen sind auf hellen Wolken in den Raum eingedrungen und schweben über der Szene.

 
C Bruderschaftsbild
 
 
 
EB Maria und die Vierzehn Nothelfer

C BRUDERSCHAFTSBILD In offenem Gelände haben sich die Mitglieder der Bruderschaft versammelt. Links sind die Männer in grauen Bruderschaftskutten dargestellt, Kapuzen auf dem Kopf, in den Händen die Bruderschaftsstäbe; rechts die Frauen und Mädchen in zeitgenössischen Kleidern. Im Vordergrund kniet der weißhaarige Pfarrer in Chorkleidung. Alle halten Rosenkränze in den Händen. Über ihnen in Wolken schwebt Maria mit dem Kind. Zwei Engel breiten ihren blauen Mantel weit aus. Das Kind hält in den Händen das Bruderschaftsskapulier, das auf einer Seite das Altöttinger Gnadenbild zeigt.

Das Skapulierfest wurde in Niedergottsau am 16. Juli als größtes Fest des Jahres begangen – nach den Kirchenrechnungen kamen an den sog. drei goldenen Samstagnächten vor dem Fest die Kapuziner aus Altötting und mehrere Weltpriester zum Beichthören. Der Türmer von Burghausen war für die Gestaltung der Ämter und der Musik verantwortlich.

Nach der Marienvision des hl. Karmeliters Simon Stock am 16.7.1251 sollte das Skapulier ein Unterpfand des Heils für alle sein, die mit ihm bekleidet sterben. Die 1690 in Niedergottsau gegründete Skapulierbruderschaft besteht noch immer.

EB MARIA UND DIE VIERZEHN NOTHELFER Die Emporenbrüstung schneidet wie eine Lettnerwand in den Kirchenraum ein, rote Säulen tragen auf Spitzbogen die Mauer. Bei der Freilegung des barocken Freskos wurde darunter eine gotische Darstellung des gleichen Themas festgestellt. Der vierzehnte Nothelfer ist durch eine moderne Inschrift übermalt.

In der Mitte thront Maria in einer Lichtgloriole, von Engeln umgeben. Links an sie reihen sich die Heiligen Vitus mit dem Kessel, Ursula mit dem Pfeil und Georg mit dem Drachen. Es folgen Christophorus mit dem Kind auf der Schulter, Achatius mit Dornen und Fahne, Pantaleon mit auf dem Kopf genagelten Händen und Aegidius mit der Hirschkuh. Rechts schließen an Maria an die Heiligen Barbara mit dem Turm, Erasmus mit der Winde, Blasius mit überkreuzten Kerzen, Dionysius mit seinem Kopf in der Hand, Margareta mit dem Kreuz und Katharina mit dem Rad (zu den Nothelfern ausführlich s. Margarethenberg, S. 120).

Quellen und Literatur

BHStA, GL F. 3048 Nr. 55 Gericht Neuötting, Geistl. Rat 1767–87 Nr. 1–14.

BHStA, GL 3055 Gericht Neuötting Nr. 76 Niedergottsau. StAM, Kirchenrechnungen Neuötting 1745, 1750, 1755, 1760, 1770, 1775, 1780, 1785.

StAM, LRA 63715: Restaurierung 1873/74

Pfarrarchiv Altötting, Kirchenrechnungen Pfleggericht Neuötting 1768, 1774, 1777–79, 1781, 1807.

Handbuch des Bistums Passau 1981, S. 170f. Heimatbuch der Gemeinde Haiming, 1989.

Dehio 1990, S. 882f.

Haug, Heinrich, Albert Huber, Alois Stockner, Niedergottsau Mariä Himmelfahrt (Kirchenführer, Hg. Kath. Kirchenstiftung Niedergottsau), 1993.

 
B Mariä Tempelgang