Neuburg an der Donau, Schloß, Diana-Zimmer

Zum Bauwerk: Kabinett im ersten Obergeschoß (4,45×3,65; Höhe 4,55 m) des Philipp-Wilhelm-Baus. Fünfter Raum von N, belichtet durch ein Fenster von O, Zugänge in der Enfilade von den anstoßenden Räumen. Das Kabinett ist zur Korridorseite in der Tiefe verringert, dort schlossen sich ursprünglich Nebenräume an und eine Wendeltreppe als Zugang zum zweiten Obergeschoß. Die nach N anschließenden Räume weisen Deckenstuck aus den 40er Jahren des 18. Jahrhunderts auf und dürften gleichzeitig mit dem Malereikabinett neu ausgestaltet worden sein. Im Inventar von 1764 wird der Raum als »Kleines Mahlerev Cabinetl« bezeichnet. Damals waren dort 46 Gemälde, wohl kleineren Formats, zu sehen, aber auch plastische und kunsthandwerkliche Arbeiten aus verschiedenen Materialien. Der nach W anschließende Raum zu drei Fensterachsen diente laut Inventar als Schlafzimmer des Kurfürsten.
Auftraggeber: Wohl Kurfürst Carl III. Philipp von der Pfalz (1716–42).
Autor und Entstehungszeit: Augsburger (?) Maler, wohl 1742
Das Deckenbild wird dem italienischen Maler Bonaventura Gandi zugeschrieben aufgrund des Namenszugs (g)an(d)i in der SO-Ecke der Rahmenzone. Die Buchstaben sind nicht, wie bei einer Künstlersignatur, parallel zum Rahmen angebracht, sondern stehen schräg dazu. Ihre Bedeutung und ihr Alter sind ungeklärt. Gandi ist von 1680 bis 1732 nachweisbar. Werke von ihm scheinen sich nicht erhalten zu haben. Aus historischen Gründen ist die Entstehung des Bildes mit dem Jahr 1742 in Zusammenhang zu bringen. Die Darstellung bezieht sich auf die eheliche Verbindung von Carl Theodor und Elisabeth Auguste. Auftraggeber ist wohl Kurfürst Carl III. Philipp. Er hatte keine männlichen Erben, als sein Nachfolger war Carl Theodor, Herzog von Pfalz-Sulzbach (1724–99) vorgesehen, dem er außerdem seine Enkelin, Elisabeth Auguste, zur Frau bestimmte. Die Hochzeit wurde am 17.1.1742 mit großem Prunk in Mannheim gefeiert. Am 11.12. vollendete Carl Theodor sein achtzehntes Lebensjahr. Um sicher zu stellen, daß er seine Regierung ohne Vormundschaft antreten konnte, erwirkte der greise Carl Philipp eine kaiserliche Konzession für die Pfalzgrafen von Sulzbach und von Birkenfeld, fortan mit achtzehn Jahren großjährig zu sein. Carl Philipp erlebte noch den achtzehnten Geburtstag Carl Theodors, er starb am 31.12.1742, wenige Tage nachdem dieser volljährig geworden war.
Die aus Rocailleformen gebildete, stilistisch sehr fortschrittliche architektonisch-ornamentale Rahmenzone des Deckenbildes zeigt Einflüsse französischer Ornamentstiche aus den 1730er Jahren (Meissonnier, de Lajoue u.a.), die etwa gleichzeitig auch bei François Cuvilliés d. Ä. wirksam werden, und in ihrer Ornamentalisierung große Verwandtschaft mit Werken der Augsburger Maler in der Nachfolge Bergmüllers aufweisen (vgl. etwa die Stichserie »Schrecken des Krieges« von 1742 von Gottfried Bernhard Göz: Isphording A IIIa 56–59)
Befund
Träger der Deckenmalerei: Flachdecke. Technik: Secco; polychrom. Maße: Höhe 4,55 m; 4,45×3,65 m.
Erhaltungszustand und Restaurierungen: Die Malerei, deren originale Substanz am Rand besser erhalten ist als in der Mitte, wies Spuren von Mordantvergoldung auf. Restaurierung im Rahmen der Gesamtrenovierung des Philipp-Wilhelm-Baus 1982 ff. Befunduntersuchung und Festigung durch die Fa. Schmuck, Bamberg; 1983/84 wurde das Deckenbild durch die Restauratoren Eckart Gross, Olching, und Raymund Schuhwerk, Türkheim, retuschiert und mit Vergoldungen gehöht.
Beschreibung und Ikonographie
DIVINA PROVIDENTIA WIRKT DURCH DIE VERBINDUNG VON CARL THEODOR UND ELISABETH AUGUSTE ZUM WOHLE DER KURPFALZ In der Mitte des rechteckigen Bildfeldes (Blickrichtung nach W), das die gesamte Decke einnimmt, thront in hellem Licht die Göttliche Vorsehung auf Wolken, von Putten umgeben. Über weißem Kleid trägt sie einen leuchtend gelben Mantel, das Haupt hinterfängt eine Strahlengloriole, in der das Dreieck mit dem Auge Gottes erscheint. Den Arm auf die Weltkugel gestützt, hält sie zum Zeichen der Vorausplanung einen Zirkel mit der andern Hand deutlich sichtbar das Zepter als Symbol ihrer Herrschaft, während zu ihren Füßen ein Putto die Gesetzestafeln herbeibringt. Die Ränder des Deckenbildes bestehen aus einer rundum laufenden, gemalten Ornamentarchitektur aus Rocailleformen. In der Hauptrichtung an den Schmalseiten sind hier, jeweils die Seitenmitten betonend, die allegorischen Personifikationen von Palatina (nach W) und Fama (nach O) zu sehen sowie an den Längsseiten Puttenpaare mit Attributen. Palatina, die Allegorie der Pfalz, hat den Blick zu Divina Providentia erhoben. Sie ist mit Perlen geschmückt und trägt zum Zeichen der Kurwürde über einem Goldbrokatkleid einen hermelingefütterten Umhang und auf dem Haupt den Kurhut. Zu ihrer Linken steht auf blauer Draperie eine goldene Schale mit zwei brennenden Herzen, die von einer goldenen Kette umschlungen sind. An deren Ende sieht man ein dreieckiges Vorhängeschloß, das Palatina ergreift und hochhält. Ein Gnadenstrahl, der auf der Brust der Göttlichen Vorsehung entspringt, fällt auf die Schale mit den Herzen herab. Unter himmlischem Segen vollzieht sich hier ein Akt, mit dem nur die Vermählung von Carl Theodor und Elisabeth Auguste im Jahr 1742 gemeint sein kann. Mit erhobenem Zeigefinger macht Palatina den Betrachter darauf aufmerksam und gibt ihm die Anweisung, wie das Deckenbild zu lesen ist. Zu Füßen von Palatina präsentieren zwei Putten und der Pfälzer Löwe das vom Kurhut bekrönte kurpfälzische Wappen mit dem roten Herzschild als Zeichen der Kurwürde. Der Schild bezieht sich auf den Anspruch auf das Amt des Erztruchsessen, das die Pfalz 1623 an Bayern verloren hatte und erst 1777 unter Carl Theodor mit der bayerischen Kurwürde zurückbekam.

Das formale Gegengewicht zu Palatina bildet an der östlichen Schmalseite eine große geflügelte Fama mit zwei Posaunen. Mit der einen, deren Fahnentuch die Inschrift trägt: VIVAT CT (Carl Theodor), verkündet sie den Ruhm Carl Theodors. Auf der N-Seite der Umrahmung ist ein sich umarmendes Puttenpaar dargestellt mit Ölzweig und Liktorenbündel als Zeichen für Friede und Eintracht, auf der gegenüberliegenden Seite sieht man ebenfalls zwei Putten, von denen einer ein Rad mit Windfahne hält als Hinweis auf die günstige Zeit, während der Stern über seinem Haupt sich auf Bonus Eventus, den guten Ausgang, bezieht. Der andere Putto spendet aus einem Füllhorn die Gaben, die Divina Providentia zu diesem Anlaß bereit hält: Geld, eine Krone, den Kurhut und den Pfälzer Hubertusritterorden. Das Konzept des Programms ist auf die Geschehnisse des Jahres 1742 ausgerichtet, vor allem auf die Hochzeit, ein bedeutendes politisches Ereignis, bei dem auch die wichtigsten bayerischen Wittelsbacher anwesend waren – die Trauungszeremonie vollzog Kurfürst Clemens August. Es ist zu vermuten, daß der Auftrag für eine Neuausstattung des Piano nobile im Neuburger Schloß noch von Carl Philipp ausgegangen ist mit dem Ziel, seinem Nachfolger und vor allem seiner Enkelin bei einem Besuch in der pfalz-neuburgischen Residenzstadt eine angemessene Unterkunft nach modernem Geschmack bieten zu können. Der erste Besuch des Paares fand erst 1752 statt.

Quellen und Literatur
Graßegger, Joseph Benedikt, Die Residenz in Neuburg wie sie war und ist, in: NK 1, 1835, S. 79.
Horn/Meyer 1958, S. 259-62 und Abb. 223
Isphording, Eduard, Gottfried Bernhard Göz 1708–1774, Weißenhorn 1984, Kat. A IIIaso und Abb. 159.
Zollner, Christiana, Der Philipp-Wilhelm-Bau in Neuburg an der Donau. Architektur und Ausstattung, Mag. Arbeit München 1984, S. 78–81.
Dehio 1990, S. 864.
Schloßmuseum Neuburg an der Donau. Amtlicher Führer bearb. von Horst H. Stierhof und Petra Haller, München 1998, S. 41 und Abb. S. 42