München, Amalienburg
, 1 10 Schmidtsche Matrikel, Bd 1, S. 430. Die Eremitage oder die St. Magdalenen-Kapelle (o. V.), in Kalender für katholische Christen, 15, 1855, S. 50f. Mayer-Westermayer, Bd 2, S. 528, 530. KDB I OB (1), S. 797. Hauttmann-Kunstleben, S. 46. Hager (1955), S. 42. Schmid 1979, S. 64–67. Hojer/Schmid 1983, S. 70–72.
Zum Bauwerk: Erbaut 1734 durch François Cuvilliés d. Ä., im gleichen Jahr Fertigstellung des verputzten und eingedeckten Rohbaues. Stuckierung durch Johann Baptist Zimmermann 1734 außen, ab 1735 innen; 1739 Vollendung des Innenausbaues.
Runder Mittelsaal mit nach N und S anschließenden Flügeln zu je zwei Räumen nach O und Neben- und Wirtschaftsräumen nach W. Bemalte Decken haben die Küche ein Durchgangsraum, die Hundekammer und die Retirade. Der Mittelsaal und die Räume nach O sind stuckiert
Küche Rechteckiger Raum mit Herdnische in der NW- Ecke des Baues, Fenster nach N und W; Fliesenverkleidung der Wände
Durchgangsraum Sehr kleiner Raum zwischen Küche und nördlichem Kabinett, Fenster nach N; Fliesenverkleidung
Hundekammer Rechteckiger Raum in der SW-Ecke des Baues, Fenster nach S und W; ringsherum Einbauschränke für Gewehre und darunter Hundekojen
Retirade Sehr kleiner rechteckiger Raum mit halbrunder Toilettennische im N, Fenster nach S; Holzvertäfelung. Einbauschränke, Vertäfelung, Sockel, Türen und Fensterläden in diesen Räumen sind sämtlich mit blauer Malerei auf weißem Grund ornamentiert.
Auftraggeber: Kurfürst Karl Albrecht von Bayern (1726-45), nach dessen Gemahlin Maria Amalia, Tochter Kaiser Josephs I., das Schloß benannt ist
Autor und Entstehungszeit: Joseph Pascalin Moretti ca. 1737
Der Ausbau der Amalienburg wurde von der Kurfürstlichen Geheimen Cassa finanziert und taucht deshalb in den Bauamtsrechnungen, den Baumanualen und Materialausgabebüchern kaum auf. Einzige Quelle für die am Ausbau beteiligten Künstler und Handwerker war eine Kostenzusammenstellung F. Cuvilliés' aus dem Jahre 1754

(Abschrifts Trautmanns im StadtAM, Trautmann-Nachlaß 7/6, Original nicht mehr auffindbar), in der u.a. auch dei Maler genannt ist: »Joseph Pascali Maler für den Plafond in der Kuchl 80 fl.; ... Joseph Pascali Maler für Malung der Kuchl, Cabinet, Pixenkammer etc. 593 fl.«
Joseph Pascalin Moretti malte also außer dem Plafond in der Küche auch die Wandfüllungen des Indianischen Kabinetts in der NO-Ecke, Einbauschränke und Decke der Büchsen- oder Hundekammer, den Durchgang, die Retirade sowie Türen, Fensterläden und Holzeinbauten in den genannten Räumen. Da der Großteil dieser Arbeiten die fertige Kistlerarbeit voraussetzt, kann man sie auf die Zeit ab 1737 festlegen: in diesem Jahr wurde mit der Versilberung in den Prunkräumen begonnen, die zum Teil ebenfalls die fertige Kistlerarbeit voraussetzt.
Joseph Moretti, genannt Pascalin (* um 1700, Herkunft unbekannt † 17. 1. 1758 München), war von Kurfürst Max Emanuel, auf Empfehlung des Kurprinzen Karl Albrecht, zur Ausbildung nach Paris geschickt worden. 1729 wieder in München, bewarb er sich erfolglos um eine Anstellung mit Besoldung; es wurden ihm aber Arbeiten für den Hof in Aussicht gestellt. 1730 wurden ihm für Malereien 330 fl. aus den wöchentlichen Lustbaugeldern angewiesen, was den Schluß erlaubt, daß es sich um Wand- oder Deckenmalereien in Nymphenburg handelte, wo in der gleichen Zeit Umbauten im ersten nördlichen Pavillon stattfanden und Ausstattungsarbeiten in den Kurfürstlichen Appartements im Gang waren (BSV, Baumanuale 1730). Am 9. 8. 1740 wurde er zu 400 fl. jährlicher Besoldung angestellt. Er starb am 17. 1. 1758 in München (BHStA I, HR I, 281/61; 284/224; 285/266).
Befund
Träger der Deckenmalerei: In sämtlichen Räumen Flachdecken, in der Küche dazu breite Hohlkehle
Rahmen: Küche Über einem mit Blumenranken ornamentierten Stuckprofil setzt die breite Hohlkehle an, vom Deckenspiegel durch ein Stuckprofil geschieden, das in Ecken und Seitenmitten blau auf weiß Blumenranken zeig Durchgang Weißblaue Stuckprofilleiste
Hundekammer Der obere Abschluß der Schrankeinbauten, eine Hohlkehle mit abschließender Profilleiste, Holz weiß und blau bemalt, bildet den Rahmen für den Deckenspiegel
Retirade Weiß-blaue Holzleisten, zum Fenster hin ohne Rahmung
Technik: Küche Öl auf Leinwand Ubrige Räume Kaseinfarben auf Putz Blaue Malerei auf weißem Grund
Maße: Küche Höhe 5,30 m; 4,30 × 2,95 Durchgangsraum Höhe 5.20 m.
Durchgangsraum Höhe 5,30 m; 0,90 × 2,20 Hundekammer Höhe 3,30m; 2,60 × 3,90 Retirade Höhe 3,30 m; 2.80 × 1.60
Erhaltungszustand und Restaurierungen: Erste Restaurierung 1769 durch Ambrosius Hörmannstorffer.
Sein Überschlag lautet: »1. In blau und weißem Zimmer worin die kleinen Hundsstähl stehen, ist an gemahlenen Plafond ein guter Teil neu zu machen, wie auch an denen Seitenwänden zu bessern ist, 20 fl. 2. In kleinen Zimmern daselbst halbe Plafone zu machen, 10 fl. 3. In der von Porcelain ausstaffierten großen Küche der Plafone ganz überarbeitet werden muß und bestehet solche Arbeit, 120 fl. 4. Vorgemach zu Küche Plafone zu machen, 14 fl. 5. In dem öckh Zimmer, so gegen schloß zu (Fasanenkabinett), die all dasig gemahlenen seiten Wänd, wovon alle schönen Farben ... abgestorben seint ... wiederum mit schönen Farben lebhaft ... her zu stehlen 60 fl.« (BSV, Bauamt Baumanuale 1769; Hager, Anm. 148).

Letzte Restaurierung 1958 durch Hans Proquitté
Küche Durch Feuchtigkeits- und Alterungsschäden war die Decke in sehr schlechtem Zustand, in Teilen war die Malerei nur noch verschwommen sichtbar, in Teilen völlig zerstört. Nach den Partien, die noch gut erhalten waren, wurden die fehlenden Teile ergänzt, die verblaßten aufgefrischt.
Hundekammer Die Decke war etwas besser erhalten: Abblätterungen durch Feuchtigkeitsschäden, Verblassen der Farben; die beiden kleinen Decken der Nebenräume waren in ähnlichem Zustand. Risse und Fehlstellen wurden geschlossen, die Malerei ergänzt und aufgefrischt. Der Zustand der Decken ist jetzt gut. Eine Restaurierung 1974 durch Walter Senf und Eckart Groß beschäftigte sich nur mit der Bemalung der Einbauten, nicht mit den Decken.
Beschreibung
Küche GROTESKENMALEREI Annähernd symmetrische Ornamentmotive besetzen die Ecken der Decke, die Mitten der Längsseiten und des Deckenspiegels. An den Mitten der Schmalseiten sowie an den Längsseiten das Mittelmotiv flankierend sind kleine, sog. »indianische« Szenen dargestellt: Auf einem kleinen Landschaftspodest aus Felsen, Steinen, Erdschollen und Pflanzen wachsen exotische Bäume empor, meist Palmen, aber auch Phantasiepflanzen. Auf diesen Schauplätzen spielen kleine groteske Szenen, in denen eine oder mehrere »chinesisch« gekleidete Figuren beim Teetrinken, Ausfahren oder ähnlichen Beschäftigungen zu sehen sind.
In der Hohlkehle sind in den Seitenmitten ebensolche Szenen gemalt, während die Eckteile Groteskenornament zeigen.
Im Aufbau und in der Motivwahl sind Einflüsse Gilles Marie Oppenords zu erkennen, der, als Moretti 1729 Paris verließ, zu den führenden Meistern des Ornaments und der Dekoration gehörte. Die Decke Morettis in der Küche der Amalienburg bezeichnet die Stufe des Übergangs von Régenceornament zur Rocaille, die in Ansätzen sowohl hier als auch bei Zimmermanns Stukkaturen sichtbar ist. Unfranzösisch sind die Dichte der Ornamentierung, einzelne Motive wie der lappig entrollte Akanthus und die sehr naturalistisch gegebenen vielen Blumen. Zu Cuvilliés und Zimmermann besteht – vom gleichen Zeitstil abgesehen – keine große stilistische Verwandtschaft.
Durchgangsraum GROTESKEN In den vier Seitenmitten Chinoiserien; in den Ecken Ornamentmotive, hier vor allem sind frühe Rocailleformen zu sehen.
Hundekammer GROTESKEN Zartgeschwungenes Bandwerkornament mit Ranken und verschiedenen Tieren umgibt den Deckenspiegel, auf dem fliegende Vögel dargestellt sind. Die mittlere Rocaillekartusche stammt aus späterer Zeit (s.o.).
Retirade GROTESKEN Bandwerkornament mit Blumenranken; in deren Ecken und Seitenmitten frühe Rocailleformen. Am Deckenspiegel Vögel und Insekten.
Quellen und Literatur
BSV Baumanuale 1734-39. StadtAM Trautmann-Nachlaß, Schachtel 7, 6.
Aufleger, Otto und Karl Trautmann, Die Amalienburg im Königlichen Schloßgarten zu Nymphenburg, München 1894, S. 7.
KDB I OB (1), S. 797f.
Hauttmann-Kunstleben, S. 158.
Hager (1955), S. 49.
Kreisel, Heinrich, Die Instandsetzung der Amalienburg im Nymphenburger Schloßgarten, in: Deutsche Kunst und Denkmalpflege 1960, S. 14ff.
Thon 1977, S. 327 ff., Kat. Nr. 68.
Schmid 1979, S. 75.
Hojer/Schmid 1983, S. 52-61.
A.B.