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Memmingen, Haus zum Widder, Kramerstraße 16

Aus Deckenmalerei-Lab
Dreyer, Angelika:Memmingen, Haus zum Widder, Kramerstraße 16, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2025, URL: www.deckenmalerei.eu/0e15e4b1-0e20-42ed-a7ad-905b9156d8ea

Inventarnummer: cbdd20253

Lage: Auf OpenStreetMap anzeigen

Der Text dieses Artikels steht – ausgenommen Abbildungen – unter der Lizenz CC BY 4.0. Dieser Artikel ist lediglich eine Kopie der Originalveröffentlichung auf deckenmalerei.eu und kann veraltet sein; maßgeblich ist die dortige Originalfassung.

Im ,Haus zum Widder‘ hat sich eine ungewöhnliche Holzdecke aus der Frühen Neuzeit erhalten. Deren phantasievolle Ausmalung mit Dekormotiven des ausgehenden 18. Jahrhunderts bildet hierbei eine formeinheitliche Symbiose mit der bereits vorhandenen Kassettierung einer älteren Vorgängerdecke.

Memmingen, Haus zum Widder, Kramerstraße 16
Memmingen, Haus zum Widder, Kramerstraße 16

Lage, Bau- und Ausstattungsgeschichte

Lage

Die Kramerstraße ist eine der Hauptstraßen in der historischen Altstadt der ehemaligen Reichsstadt Memmingen und führt in ihrer süd-nördlichen Ausrichtung auf den zentralen Marktplatz.

Bau- und Ausstattungsgeschichte

Das wohl Ende des 14. Jahrhunderts errichtete Gebäude ,Haus zum Widder‘ erfuhr mehrere Umbauten. Um 1580 ist eine Ausstattungsphase der Frühen Neuzeit fassbar, wovon sich eine damals eingebaute Kassettendecke in ihrer Grundstruktur im nordöstlichen Eckzimmer des 1. Obergeschosses erhalten hat. Knapp 200 Jahre später, 1776, bemalte man diese Decke mit äußerst phantasievollen Variationen von Rocaillen, den damals schon lange eingeführten und beliebten Dekorationsformen der späten Barockzeit.[1]

Das Bauwerk

Das giebelständige Gebäude bildet mit seiner wuchtigen Körperlichkeit und dem Satteldach einen integralen Bestandteil des Straßenzuges, was wesentlich zur einheitlichen Gesamterscheinung der Kramerstraße beiträgt.

Das dreigeschossige Bauwerk wird von den Nachbargebäuden nicht nur durch die schmale, nördliche Widdergasse getrennt, sondern auch durch den anders geartetenvierachsigen Aufbau, der im zweistöckigen Dachbereich seine Fachwerkstruktur zeigt.

Der Auftraggeber: Der Memminger Handelsmann Matthäus Conrad Stubert

Den Auftrag zur Neugestaltung der Holzdecke erteilte der Memminger Handelsmann Matthäus Conrad Stubert (?–?), der auch Mitglied des Großen Rates war.[2]

Der Raum im 1. OG.: Beschreibung und Maße

Der mit einer neu bemalten Holzdecke aus dem Jahre 1776 ausgestattete Raum befindet sich an der Nordost-Ecke des Gebäudes. Die Belichtung des Raumes erfolgt durch die zwei Ostfenster, die sich zur Kramerstraße hin orientieren und ein Fenster an der NO-Ecke in Richtung Widdergasse.

Die Abmessungen des vermutlich ehemaligen Wohn- und/oder Gesellschaftsraumes erreichen mit einer Höhe von knapp 3m (2,8m) und einer Grundfläche von gut 30qm (6,3mLx4,9mB) den durchschnittlichen Standard gut bürgerlichen Wohnens und/oder Repräsentierens.

Die bis heute erhaltene Deckengestalt ist die gelungene Kombination aus einer Kassettendecke Ende des 16. Jahrhunderts, welche die Grundstruktur vorgibt. Diese bemalte ein uns unbekannter Künstler Ende des 18. Jahrhunderts mit der damals immer noch häufig verwendeten Dekorationsform der Rocaille.

Die Deckenmalerei: Rocaillen mit Handelszeichen, Datierung, Caduceus und Schneider-Elle

Die heute noch sichtbare Deckenmalerei ist ein Gemeinschaftswerk aus zwei verschiedenen Zeiten: einerseits aus dem Ende des 16. und andererseits aus dem Ende des 18. Jahrhunderts.

Die primäre, strukturbildende Einteilung der Holzdecke in 18 längs gerichtete Felder ist ein Relikt der älteren Ausstattung, das der Maler des ausgehenden 18. Jahrhunderts aus Proportionsgründen mit jeweils zwei hochrechteckigen, schlichten Rahmungen mit darin befindlichen Rocaillen befüllte. Daraus ergaben sich die heute noch sichtbaren 36 Dekormotive.

Deren gestalterische Besonderheit liegt hierbei in der Darstellung eines einzigen Dekormotives, der Rocaille, deren asymmetrische Formgebung auf phantasievolle Weise vielfach variiert ist, ohne sich ein einziges Mal zu wiederholen.

Diese Rocaille-Variationen in dem Memminger Bürgerhaus dürften ihre motivische Anregung wohl den im 18. Jahrhundert publizierten Ornamentbüchern verdanken.[3]

Inmitten dieser vielteiligen Rocaillefläche lassen sich vereinzelt auch einige extra-ornamentale Bildmotive ausfindig machen, die man wohl als zeichenhafte Hinweise auf den Auftraggeber, dessen Beruf und Entstehungszeit aufzufassen hat.

Beim Eintritt in diesen Raum erblickt man an der Decke sehr schnell ein Handelszeichen mit den Anfangsbuchstaben des Auftraggebers Matthäus Conrad Stubert und seiner Ehefrau Anna Magdalena Stubert und, etwas zurückversetzt, die Jahreszahl 1776, der Zeitpunkt, in dem die Ausmalung vollendet war.[4]

Genau zwischen diesen beiden Monogrammfeldern ist eine wild bewegte Rocaille dargestellt, hinter der in Schräglage ein stabähnliches Gebilde sichtbar wird, das an der Decke noch insgesamt dreimal wiederholt wird. Diese bemerkenswerte Positionierung lässt auf eine dem Zeichen innewohnende Bedeutung rückschließen, die eine symbolisch kodierte Aussage über den Auftraggeber enthalten könnte.

Diese, seine Tätigkeit als relativ erfolgreicher Handelsmann in der Reichsstadt Memmingen ist an dem bildtraditionell etablierten Motiv des Caduceus abzulesen, das an der Decke zweimal vorkommt.[5]

Doppelt so oft, viermal, kann man hingegen den oben schon erwähnten Stab wiederfinden, der in dieser numerischen Duplizierung vielleicht gerade dadurch eine größere, aussagekräftigere Bedeutung erhält als der caduceizierte Kaufmann-Status.

Vielleicht sollte damit eine genauere Spezifizierung des handeltreibenden Auftraggebers als Tuch-und Stoffhändler ausgedrückt werden. Dieser hier geäußerte Vorschlag basiert auf der Annahme, den dargestellten Stab als eine Schneider-Elle zu deuten, der auf diese symbolische Weise hülfe, den Aufgabenbereich des Kaufmanns Stubert zu präzisieren.[6]

Zuletzt sei auf die Verteilung dieser Motive auf dem geometrischen Deckenfeld hingewiesen. Hierbei fällt die scheinbare Strukturlosigkeit auf, die, zumindest anschaulich, keinem erkennbaren Verteilungs-Muster folgt. Diese auf den ersten Blick verblüffende Einsicht durch Ansicht verlockt zu der Annahme, dieses motivgestalterische Streu-Prinzip als zeitgemäßen Ausdruck zu verstehen. In diesem Fall hätte der Künstler die ehemals bevorzugten Gestalt-Gesetze von Symmetrie und strukturierter Anordnung nicht mehr favorisiert, sondern folgte einer viel freieren und offeneren Konzeption, wie sie selbst die Formgebung der Rocaille nahelegte.

Sanierung / Renovierung

Ende der 1980er Jahre ließ Günther Bayer, der Besitzer des Anwesens, als „Abschluß der Restaurierungarbeiten eine um 1580 geschaffene Holzdecke wiederherstellen [...]. Bei den Freilegungsarbeiten, die Richard Harzenetter besorgte, traten unter fünf Farbschichten überraschend Malereien von 1776 zutage.“[7] Daraufhin erfolgte die professionelle Renovierung und Konservierung der Deckenfelder.

Bibliographie

  • Bauer/Sedlmayr, Rokoko, 1991 — Bauer, Hermann/Sedlmayr, Hans: Rokoko. Struktur und Wesen einer europäischen Epoche, Köln 1991
  • Breuer, Memmingen, 1959 — Breuer, Tilmann: Stadt und Landkreis Memmingen (=Kreisel, Heinrich/Horn, Adam (Hgg.): Bayerische Kunstdenkmale IV: Stadt und Landkreis Memmingen. Kurzinventar), München 1959
  • Dreyer/Gottdang/Trepesch, Pax, 2022 — Dreyer, Angelika/Gottdang, Andrea/Trepesch, Christof (Hgg.): Pax & Pecunia. Kunst, Kommerz und Kaufmannstugend in der Augsburger Deckenmalerei, Petersberg 2022
  • Kimball, Rococo, 1980 — Kimball, Fiske: The creation of the Rococo decorative style, New York 1980
  • st (Kürzel), Rokoko, 1989 — st (Kürzel), Unter Farbschichten: Ein Hauch von Rokoko. Überraschende Entdeckung im ehemaligen Patrizierhaus zum Widder, in: Allgäuer Zeitung, 29. Juli 1989, S. 35

Einzelnachweise

  1. Kimball, Rococo, 1980; Bauer/Sedlmayr, Rokoko, 1991.
  2. st (Kürzel), Rokoko, 1989, S. 35.
  3. Bauer/Sedlmayr, Rokoko, 1991.
  4. Die Entschlüsselung des Auftraggebers und seiner Ehefrau gelang Günther Bayer: st, Rokoko, 1989, S. 35.
  5. Dreyer/Gottdang/Trepisch, Pax, 2022.
  6. Das Symbol des dünnen Stabes wäre ebenso als eine städtische Amtsinsignie vorstellbar, da der Auftraggeber auch Mitglied des Großen Rates der Reichsstadt Memmingen war, wozu bisher kaum archivalische Forschungen erfolgten.
  7. st (Kürzel), Rokoko, 1989, S. 35. Die damals entdeckten Bilder sind aus diesem Grund auch nicht im Inventar der Stadt Memmingen aufgeführt: Breuer, Memmingen, 1959, S. 43.