München, Residenz, Schwarzer Saal
Festsaal (Raum 13), im Zweiten Weltkrieg zerstört; Deckenbilder rekonstruiert
Zum Bauwerk: In dem Bautrakt, der sich dem Antiquariumstrakt nach ( hin in stumpfem Winkel anschließt, wurde im frühen 17. Jh. im erster Geschoß ein Festsaal ausgestattet. Mit dem Appartement im Hauptgeschoß des Antiquariumstraktes war er durch einen achteckigen Zwischenraum verbunden, von dem aus auch der Residenzgarten erreicht werden konnte. 1623 erhielt der Saal vier große schwarze Stuckmarmorportal nach Entwürfen Krumpers und einen Kamin mit bekrönendem Wapper Der ›Große oder ›Perspektiv-Saal erhielt den Namen ›Schwarzer Saal später nach den Portalen.
Großer rechteckiger Raum (18,00 × 13,40 m); an der W-Seite zwei Stuckmarmorportale zu den Räumen über dem Antiquarium bzw. zu einer Treppenanlage, die in den von Ludwig I. errichteten Königsbau führt. Gegenüber im O zwei Fenster zum Marstallplatz. Im N führt ein Portal über einen Gang zu den Charlottenzimmern; zwei Fenster an der N-Seite führen zum Brunnenhof. Im S ein Portal als Zugang zum Treppenhaus
Auftraggeber: Herzog Maximilian I. von Bayern (1597–1651, seit 1623 Kurfürst)
Autor und Entstehungszeit: Hans Werl 1602
ainhofer erwähnt den Saal 1611: »Von dannen kombt man wider inn einen schoenen grossen Saal mit einem trefflichen, wol gemalten schoenen perspectivischen geduell oder Deckhin, welche flach, aber imm ansehen. ich weiss nit wie, vertiefft vund erhoeht scheinet, sein auf der seiten umbhero Keyserliche Imperatores gemahlet, vnd hiesse der maister der Werl, zue seiner Zeit ein gueter fleissiger miniatur und oelfarbenmahler« (Hainhofer 1611, S. 70). Hartig (ebda) weist nach, daß Hainhofers München-Beschreibung in wichtigen Teilen aus Notizen einer früheren Reise im Jahr 1603 schöpft, woraus sich ein Entstehungdatum vor 1603 ergibt. (Das von Feuchtmayr in Thieme-Becker ohne Quellenangabe genannte Datum 1602 beruht nach Geissler, 1978, S. 90, vielleicht auf einer anläßlich der Restaurierung 1939/40 aufgefundenen Inschrift.) Die in der Literatur häufig auftretende Zuschreibung der Deckenmalerei an Christoph Schwarz geht auf Faßmann (fol. 320) zurück. Hans Werl (auch Werli, Werle, Werlin d. Ä.), dessen Herkunft unbekannt ist, lernte 1588/89 am München Hof bei Alexander Paduano (Pronnersches Malbuch), heiratete 1592 in München, wurde 1594 Hofmaler, ab 1601 zu einem Jahressold von 470 fl.; 1595 arbeitete er in Landshut auf der Trausnitz, schuf 1600 das Hochaltarblatt »Maria in der Glorie« für die Hofkapelle der Münchner Residenz, malte Bildnisse der Wittelsbacher und war 1603 zusammen mit Hans Krumper mit Arbeiten für den Bennobogen in der Frauenkirche beschäftigt, † 1608 München

Zeichnungen
Drei Entwurfszeichnungen Hans Werls für den Schwarzen Saal befinder sich in der SGS München. Durch die späteren Aufschriften »Christopho rus Schwarz invenit et fecit« bei den Zeichnungen 2 und 3 wurden die Entwürfe und teilweise auch die Ausführung irrtümlich Schwarz zuge schrieben.
1. Ecklösung mit Balustrade, Pfeilern und Säulen, Feder in Schwarz aquarelliert, 19,9 × 26,5 cm, SGS Mü Inv. Nr. 12806.
2. Ecklösung mit Pfeilern und Säulen, Feder in Dunkelbraun, aquarelliert, 33,3 × 52,5 cm, SGS Mü Inv. Nr. 14767.
3. Deckenmitte mit Tambour, Feder in Dunkelbraun, aquarelliert, 22,8 × 30,4 cm, SGS Mü Inv. Nr. 12805.
4. Eine Nachzeichnung von Johann Matthias Kager von 1611 zeigt eine Ecke des Raums mit der Deckenbemalung, Feder, aquarelliert, 45 × 34 cm Wolfenbüttel, Herzog-August-Bibliothek, Cod. guelf. 23. 3. Aug. 2°, fo 127.
Befund
Träger der Deckenmalerei: Flachdecke mit Schrägen, rekonstruiert Rahmen: ca. 50 cm breite, stuckierte umlaufende Rahmenzone Technik: ursprünglich Öl auf Leinwand, auf Holzrahmen an der Deck montiert
Maße: Höhe 6,60 m; 18,00 × 13,40
Erhaltungszustand: Totalverlust durch Bombardierung 1944. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Decke originalgetreu, jedoch in Fresko- Secco-Technik, durch Karl Manninger, Pöcking, rekonstruiert: Vollendung 1979.
Eine erste Restaurierung durch Caspar Amort 1669 ist bei Faßmann belegt (fol. 319). Zwischen 1746 und 1748 hat »Jacob Wörschy Maler in Müncher auf dem Schwarzen Sällel den Plafond samt dem gesimbs ... gebuzt und renoviert« für 120 fl. (BHStA I, HR 25/892, Reparaturen der Residenz, in einem extra Rechnungsband über die neuen Zimmer über dem Antiquarium, 1746–48, Maler, Stuckatoren, Bildhauer, Nr. 45).
Weitere Restaurierungen fanden 1776 und 1939/40 statt (Thieme-Bekker). Die photographischen Aufnahmen vor 1939/40 zeigen, daß das Deckengemälde vor dieser Restaurierung stark nachgedunkelt war, daß die Leinwand an verschiedenen Stellen brüchig war bzw. durchhing.
Rekonstruierende Beschreibung und Ikonographie
Eine schmale, mit stuckierten Blattrosetten verzierte Rahmenzone grenzt das Deckenfresko von der Wand ab. Darüber setzt die ca. 240 m² große, die gesamte Decke überspannende illusionistische Architekturmalerei an, die einen zentralen Betrachterstandpunkt erfordert. Die im Winkel von 40 Grad geneigte Gesimszone ist gegliedert durch mächtige Voluten, die im S und N je drei, im O und W je zwei mit Blattstäben gerahmte Nischen mit Büsten römischer Imperatoren einschließen. Die einander gleichender Gesichter zeigen, daß die Büsten als Idealbildnisse zu verstehen sind. Die Blattrosetten im oberen Abschluß der Voluten sind identisch mit jenen der Rahmenzone; die Malerei wiederholt die plastischen Motive, mit Hilfe dieses Stilmittels verschmelzen Realität und Illusion. Die Gesimszone führt den Raum logisch konsequent fort; die in die Flachdecke komponierte Illusionsmalerei dagegen erweitert den Raum sowohl in die Höhe als auch in die Tiefe. Eine umlaufende Arkadenhalle, an den Seiten von Doppelsäulen und in den Ecken von Pilastern aus Marmor mit korinthischen Kapitellen getragen, nach »vorn« von einer umlaufenden Balustrade begrenzt, bietet nach »rückwärts« Einblick in Loggien mit Klostergewölben und angedeuteten Rundbogenfenstern. Über der Arkadenhalle erhebt sich eine Attikazone, die von je drei bzw. zwei Fenstern an den Schmalseiten »durchlichtet« wird. Den oberen Abschluß bildet ein Tonnengewölbe mit je einem Rundfenster an den Schmalseiten. Die Tonne erweitert sich in der Mitte zu einer ovalen Tambourkuppel, die strahlendes Licht durch zehn Ochsenaugenfenster bezieht und deren Decke strahlenförmig dekoriert ist. In der Darstellung ist auf figürliches Beiwerk ganz verzichtet.
Vom zentralen Betrachterstandpunkt aus wird der überwältigende Ein druck eines hohen, lichten, feierlichen Raumes vermittelt. Der Künstler hat mit malerischen Effekten die Schwierigkeit, einen flachen, nicht allzu hohen Raum nach oben illusionistisch zu erweitern, genial gelöst. Der Schwarze Saal steht kunsthistorisch am Anfang der monumentalen illusionistischen Architekturmalerei im süddeutschen Raum. Waren bis dahir nur einzelne Bildfelder in die Decke komponiert, so wurde hier erstmal die gesamte Deckenfläche eines Raumes mit einer einheitlichen Darstel lung ausgefüllt. Für diese Art der konsequenten illusionistischen Architek turmalerei gab es Vorbilder: Tintelnot nennt die oberitalienischen Manie risten in Mailand und Bologna (S. 27, s. auch Geissler S. 90). Eng verwand ist ein Deckengemälde von Tommaso Laureti (* Palermo um 1530 † 1602 Rom), ehem. im Palazzo Vizzani in Bologna (zerstört), das in einem 1562 datierten Stich überliefert ist, in: J. Barozzo da Vignola, Le due regole della prospettiva pratica, con commentari dell' R.P.M. Egnazio Danti, Rom 1589 (Abb. 10 bei Ingrid Sjöstrom, Quadratura. Studies in Italian Ceiling Painting, Stockholm 1978). Dieser Stich hat Werl wohl als Vorlage gedien (Geissler, S. 90).
Quellen und Literatur
Faßmann 1770, S. 320
Hainhofer 1603–1607, Nr. 117. Hainhofer 1611–1613, S. 70. Haeutle 1883, S. 46. KDB I OB (2), S. 1134. Thieme-Becker, Bd 35, 1942, S. 196-98 (s. v. Werl, Hans, Verf.

Fintelnot, S. 26–30.
Brunner 1977, S. 60
Geissler, Heinrich, Neues zu Friedrich Sustris, in: Münchner Jahrbuch der Bildenden Kunst 29, 1978, S. 76, 90.
-, Zeichnung in Deutschland, Deutsche Zeichner 1540-1640, Staatsgalerie Stuttgart, Graphische Sammlung, Ausstellungskatalog Bd 1, Stuttgart 1980, S. 150.
Beil, Toni, Das Deckengemälde im Schwarzen Saal der Residenz, in Münchner Stadtanzeiger Nr. 42 vom 3. 6. 1980, S. 5.
Kat. Wittelsbach 1980, II/2, Nr. 892 g, mit Abb. (Dorothea Diemer
F. B.