München, Residenz, Pavillon, Loggia mit Seitenkabinetten und »Rundzimmer«
Gartengebäude, im und am ehem. Südlichen Residenzgarten im Bereich des heutigen Königsbauhofs, im 18. und 19. Jh. abgebrochen, Deckenbilder nicht erhalten
Zum Bauwerk: Die Maximilianische Residenz schloß auf der S-Seite mit einem Garten ab, der bis zur Erbauung des außerhalb der Stadtmauer in N gelegenen Hofgartens (seit 1613) der eigentliche große Residenzgarten war (Reste davon im heutigen Königsbauhof erhalten). Der lange schmale Garten – seine Maße gibt Wening mit 380 zu 75 Schritten an – erstreckte sich parallel zu den Residenzgebäuden in O-W-Richtung. Er hatte die Breite des Witwenstockgebäudes, von dem er im W begrenzt wurde, auf seiner N-Seite öffnete sich ein Arkadengang zu ihm hin, über dem im Obergeschoß die Gemäldegalerie lag, vom Gelände des Franziskanerklosters im S war er durch eine Mauer abgetrennt. An der Stelle, an der die Achse des Gartens, der Richtung des Antiquariums folgend, nach NC abknickte, stand ein offener, achteckiger Gartenpavillon, um die Richtungsdivergenz zu kaschieren. Den größten Teil der von hier nach O anschließenden Gartenpartie, die etwa ein Fünftel des Gesamtterrains ausmachte, bildete ein mit Bronzefiguren geschmückter Fischweiher, hinterfangen von einer halbkreisförmigen Grotte um einen Brunnen mit der Bronzefigur der »Tellus Bavarica« von Hubert Gerhard.
Ein zum Witwenstock gehörender Garten befand sich hier bereits in der 80er Jahren des 16. Jh. (BHStA I, HR II, Fasc. 12, 1588, Maurer, 33 Woche), die Form, in der ihn Hainhofer 1611 detailliert beschrieben und dessen östlichen Teil Kager im selben Jahr gezeichnet hat, erhielt er wohl erst bei einer Umgestaltung durch Herzog Maximilian um 1600. Bereits um 1615 wurde der Anlage die Bedeutung genommen durch die Entfernung ihrer wichtigsten Bronzefiguren und deren Weiterverwendung im neuen Hofgarten und an der Residenzfassade
Pavillor
Der offene, achteckige Gartentempel – nach den Residenzplänen hatte er einen Durchmesser von etwa 10 m — ist auf der großen Ansicht von Wening von 1696/97 (siehe S. 30, VIII b) und auf anderen Veduten der Residenz zu sehen. Die Kuppel des Gebäudes war von einer Bronzefigur des Pegasus bekrönt, auf der Balustrade am Kuppelansatz standen abwechselnd vergoldete Obelisken und weitere Bronzefiguren. Die Kuppelschale war mit Darstellungen der neun Musen ausgemalt. Der Pavillon fiel um 1730 dem Bau der Grünen Galerie durch François Cuvilliés d. Ä. zum Opfer

Loggia mit Seitenkabinetten
Im Erdgeschoß des Witwenstocks öffnete sich in der Mitte eine Loggia mit drei Bögen gegen den Garten. Im Zentrum stand ein Springbrunnen, »auf dessen grosser Glockspeisener Bassin sechs alte von zartem Marmor verfertigte Krueg zu betrachten« (Wening, S. 7f). An der Rückwand waren zwei große weiße Marmorfiguren auf schwarzen Sockeln so postiert, daß man sie durch die seitlichen Bögen vom Garten aus sehen konnte (Ansicht bei Disel, um 1722; S. 32, XI). Der Fußboden hatte rot-weißes Marmorpflaster, die Wände waren 1611 mit Scagliola verkleidet (Hainhofer, S. 75f.), 1701 waren sie im oberen Teil von der Decke an »zimlich weit herab mi grottenwerk überzogen« (Wening, loc. cit.). Die Decke selbst schmückten Fresken.
1762 wurden die Loggia und die beiden Seitenkabinette (s. den Erdgeschoßgrundriß von Cuvilliés S. 27) durch Ambrosius Hörmannstorffer neu ausgemalt (s.u.). Der Witwenstock verschwand 1826 bei der Errichtung des Königsbaus durch Ludwig I.
»Rundzimmer«
Im Bereich dieses Gartens befand sich 1701 ein »Rundzimmer« mit einer gewölbten, freskierten Decke und Pflaster aus weißem und rotem Marmor. Von hier aus konnte man den offenen Gartengang betreten (Wening, S. 7). Nach dieser Beschreibung lag der Raum im Erdgeschoß des turmartigen überkuppelten Rundbaus, der im Obergeschoß die Cäcilienkapelle enthielt (S. 345) und an dessen Stelle sich ursprünglich eine Grotte befand (s. Pläne II a u. b, S. 24 f.). Die nicht erhaltene Ausstattung stammte wohl aus der Erbauungszeit, 1693/95–1700.
Auftraggeber: Herzog Maximilian I. von Bayern (1598–1651, ab 1623 Kurfürst) für Gartenpavillon und Loggia (Erstausstattung), wohl Kurfürst Max Emanuel von Bayern (1680–1726) für das »Rundzimmer« und Max III. Joseph (1745–1777) für die Loggia mit Seitenkabinetten (Modernisierung).
Autor und Entstehungszeit: Nach Hainhofer war der Autor der Deckenbilder sowohl im Gartenpavillon als bei der Loggia (Erstausstattung) Peter Candid (*um 1548 Brügge, † 1628 München), als Entstehungszeit sind die Jahre 1600/1603 anzunehmen. (Eine Datierung der Loggia und wohl der ganzen Gartenanlage ergibt sich z. B. aus einer Geldforderung der Witwe des 1603 verstorbenen Bronzegießers Martin Frey für ein »prunnkhor [= Brunnenbecken], so in dem frl. newen gartten, unter dem gewelb, neben dem Regelhauß, gegen Schwäbinger gassen heraus werts« bestellt und dann wieder abgesagt worden ist; Dorothea Diemer, Bronzeplastik um 1600 in München. Neue Quellen und Forschungen, I. Teil, in: Jahrbuch des Zentralinstituts für Kunstgeschichte, II, 1986, S. 166, Anm. 22). Der Autor der Gemälde an der Decke des »Rundzimmers« ist nicht bekannt, Entstehungszeit wohl 1693/95–1700.
Im Sommer 1762 wurde die Loggia mit den Seitenkabinetten durch Ambrosius Hörmannstorffer (1761–64 Malereinspektor der Porzellanmanufaktur, † 1781 München) neu ausgemalt. Dieser schrieb 1763, es sei »verflossenen Sommer in alhiesig grosser residenz in sogenant schön gärtl (im 18. Jh. wird dieser Garten mehrfach so bezeichnet) unweith den schazgewölb, unnder meiner Direction der grotta Saal und beede neben Cabinetlen völlig: nemblich die Plafond, sambentlich seittenwendt, Thüren, lambrien und läden, dessen arbeith teils in Garttenprospect, kündlen und ornamenten, Dan Bluemb- und früchtwerch, auch Vergoltung besteht, nach ihrer gehörigen Regel zu gdisten Contento aufs fleissigste ausgemahlen und verferttigt worden«. Er forderte dafür 150 fl. (BHStA I, HR I, 184/225, Brief Hörmannstorffers vom April 1763). Diese Arbeiten erstreckten sich im mittleren Gartensaal nur auf die Seitenwände, in den Kabinetten rechts und links auf Wände und Decke (edb.; in einer Liste der Arbeiten des Künstlers von 1780)
Zeichnung
Zu einer der Musendarstellungen des Gartenpavillons hat sich in Privatbesitz ein Entwurf von Candid erhalten, Feder in Schwarz und Grau über Vorzeichnung in schwarzem Stift, grau laviert, weiß gehöht, mit Rötel quadriert, auf bräunlichem Papier. Beschriftet unten in der Mitte DVLCILOQVIS / CALAMOS / EVTERPE / FLATIBVS / VRGET (= Euterpe entlockt der Flöte wohlklingenden Hauch), 24,7 × 18,7 bzw. 10,5 cm (Kat. Candid-Zeichnungen, Nr. 28 und Abb. 102).
Er zeigt in trapezförmigem Feld Euterpe, die Muse der lyrischen Musik, auf Wolken stehend. Sie bläst die Syrinx, zu ihren Füßen sitzen Engelputten mit Blasinstrumenten, in der Mitte zwischen ihnen eine Inschrifttafel. Aufgrund der Übereinstimmung sowohl mit der Beschreibung Pistorinis als auch mit der von diesem mitgeteilten Inschrift aus den ›Nomina Musarum‹ und wegen des steilen, trapezförmigen Formats kann die Zeichnung mit der Kuppelausmalung des Gartenpavillons in Verbindung gebracht werden. Die Putten mit den Blasinstrumenten und die Inschrifttafel auf der Zeichnung weichen in Technik und Qualität von der Hauptfigur ab. Sie sind z. T. in der Stiftvorzeichnung stehen geblieben. Ob sie in vorliegender Form verwirklicht worden sind, ist fraglich, da Pistorini davon spricht, daß die Putten lange Spruchbänder mit den »sententiosi moti et Attribute« gehalten hätten.
Befund
Träger der Deckenmalerei: ursprünglicher Anbringungsort im Gartenpavillon die Kuppel, in Loggia und Seitenkabinetten Tonne mit Stichkappen, im »Rundzimmer« gewölbte Decke
Technik: Fresko (nach Wening)
Verbleib: Die Deckenbilder verschwanden zusammen mit den Gebäuden, die Neubauten Platz machten, der Pavillon um 1730, die Loggia und die Seitenkabinette 1826 und zu unbekanntem Zeitpunkt das »Rundzimmer«.
Rekonstruierende Beschreibung und Ikonographie (Nach Hainhofer, Pistorini, Wening, Hörmannstorffer und einer erhaltenen Vorzeichnung)
Pavillon
NEUN MUSEN Die Kuppel läßt sich nach der Zeichnung rekonstruieren. Ihr Winkel von 80 Grad paßt für ein Feld eines achtteiligen Kuppelgewölbes, dessen Höhe etwa halb so groß wie der Durchmesser ist, was der Kuppelform des Pavillons auf der Ansicht Wenings entsprechen würde. Wenn man die Felder der Kuppel entsprechend der Proportion der Zeichnung rekonstruiert, ergibt sich ein relativ großes, achteckiges Mittelfeld im Kuppelscheitel. Die Kuppelschale war nach Hainhofer und Wening von Peter Candid mit Darstellungen der neun Musen ausgemalt. Über die Aufteilung gibt Pistorini genauere Angabe: Um Kalliope, die Muse der epischen Dichtung im Zentrum, waren die anderen Musen in acht Kompartimenten angeordnet. Sie erschienen vor vergoldeten Nischen, jede hielt ihr Attribut in der Hand und war von Putten umgeben mit langen Schriftbändern, deren Inschriften die einzelnen Musen kennzeichneten. Bei den von Pistorini im einzelnen mitgeteilten Inschriften handelt es sich um die ›Nomina Musarum‹, ein im 16. Jh. weit verbreitetes Gedicht, das damals als Werk Vergils galt. Der den Musen, den Schutzmächten der Dichter, geweihte Gartentempel verbindet die Vorstellung vom Garten als einem Ort der Rekreation mit dem Musenhain als Quelle der Inspiration.

Loggia und Seitenkabinette
An der Decke der dreiachsigen Loggia waren »3 gemahlte Bilder von Pietro Candido«, wahrscheinlich in jedem Joch eins. Der Darstellungsgegenstand ist nicht überliefert. Die Malerei von Hörmannstorffer in Loggia und Seitenkabinetten bestand aus Gartenansichten, Ornamenten, Putten, Blumen und Früchten, außerdem Vergoldung.
»Rundzimmer«
VIER KÖNIGINNEN Die Decke des »Rundzimmers« zeigte nach Wening »vier berühmte Heydnische Königinnen«.
Quellen und Literatur
Pistorini 1644, fol. 86 rff.
Hainhofer 1611–13, S. 73ff.
Pallavicino 1667, S. 148f.
Schmid 1685, S. 276.
Wening 1701, S. 7f.
Rée 1885, S. 144.
Kat. Candid-Zeichnungen 1978, Nr. 28 und Abb. 102.
3.V.-K.