München, Residenz, Halle zu den Vier Schäften und Kaisertreppe
Zum Bauwerk: Bauausführung und Ausstattung fallen in die Jahre 1614–16. Die Maurer Matthäus Piechl und Caspar Marolt rechneten den nach Schablonen gefertigten Stuck der Gesimse etc. für die Halle, einen Teil der Treppe und weitere Räume (s. S. 197, 210) Ende des Jahres 1615 ab. Im Juli 1615 wurden für zwei »Gesimse« im Treppenhaus und für vier ganze und vier halbe Säulenpostamente aus Schlehdorfer Marmor 192 fl. bezahlt (BHStA I, HR II, 1, 1615, Steinmetzen Nr. 34).
Der Vier-Schäfte-Saal bildete das Vestibül für die Treppe zum Kaisersaal im ersten Stock. Die Halle ist dreischiffig (20,00 × 14,70 m), erstreckt sich über die ganze Tiefe des Trakts und hat insgesamt neun von vier Säulen getragene Gewölbejoche. Sie war ursprünglich nur vom Kaiserhof her durch ein von zwei Fenstern flankiertes Portal zugänglich, nach N öffnete sie sich in drei Fenstern zum Stadtgraben, wie noch auf Wenings Ansicht von 1701 zu sehen ist. Das heutige Nordportal wurde im 18. Jh. eingebrochen, nach Haeutle im Jahr 1788 (S. 57), doch zeigt bereits der Cuvilliés-Plan von 1764/65 eine Türöffnung.
Östlich vom Vier-Schäfte-Saal steigt an der S-Seite des Traktes die Kaisertreppe auf. Ihr erster Lauf ist von einer Tonne überwölbt, nach einem Podest führt sie gegenläufig ins Obergeschoß und mündet in einen Vorplatz vor dem Kaisersaal. War das Treppenhaus im ersten Lauf schachtartig eng, so nimmt es im zweiten Lauf den Charakter einer zweischiffigen Halle an, denn die Gewölbe liegen nun auf gleicher Höhe des oberen Vorplatzes und werden von zwei Doppelsäulen in der Raummitte getragen.
Die Dekoration von Vestibül und Treppenhaus in Stuck und Groteskenmalerei wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Bei dem jetzigen Befund handelt es sich weitgehend um Rekonstruktionen (s. u.).
Auftraggeber: Herzog Maximilian I. von Bayern (1598–1651; Kurfürst ab 1623)
Autor und Entstehungszeit:
Halle zu den Vier Schäften A (Mittelfeld) Elias Greither d. Ä. 1615 Dem in Weilheim ansässigen Maler (*um 1570 † 1646 Weilheim; tätig hauptsächlich als Altarbild- und Faßmaler in den Klöstern der Umgebung, s. CBD Bd 1, S. 305, 553) wurde für die perspektivische Architekturmalerei die hohe Summe von 150 fl. bezahlt (BHStA I, HR II, 1, 1615, Malerei Nr. 122).
Die Groteskenmalereien der übrigen acht Felder A1–4 und Aa–d sind Arbeiten von Johann Baptist Beyrer (Geyrer), Hans Donauer d. J., Hans Oberhofer und Johannes Stroe (s. S. 430). Sie erhielten 400 fl., 50 fl. pro Feld (ebd., Nr. 120).
Kaisertreppe
Für die Ausmalung der Treppe gibt es keine Belege, da die erhaltenen Rechnungen nicht über 1615 hinausreichen; das Gewölbefeld in der NO-Ecke trägt das Datum der Vollendung, 1616. Als Maler und Stukkatoren waren hier sicher dieselben Künstler tätig wie im Erdgeschoß. Als Inventor der Dekoration mit ihrer engen Verbindung von Stuck und Groteskenmalerei ist von der älteren Literatur meistens Peter Candid angesehen worden, mit dessen monumentalem Figurenstil jedoch keine Gemeinsamkeit besteht. Es ist eher an Hans Krumper als Entwerfer zu denken, unter dessen Zeichnungen sich nicht nur Entwürfe für Stuckdekorationen, sondern auch für Groteskenmalereien befinden, darunter Ornamentfelder, die denen der Steininger- und Kaisertreppe sehr ähnlich sind, sowohl im Format als auch durch ihren Dekor (Dorothea Diemer, Hans Krumper in: Kat. Wittelsbach II/1, S. 289 und Abb. 159). Hans Krumper (*um 1570 Weilheim † München) war in erster Linie Bildhauer, aber auch als Maler, Architekt und Entwerfer dekorativer und kunstgewerblicher Arbeiten tätig; er war am Münchner Hof neben Candid die wichtigste Künstlerpersönlichkeit, ausgebildet bei Hubert Gerhard, in seinem Dekorationsstil von seinem Schwiegervater Friedrich Sustris beeinflußt.
Nachzeichnungen
Fünf Zeichnungen in der SGS Mü, alle Feder in Grauschwarz, hellbraun laviert, sind Nachzeichnungen nach den Grotesken der Kaisertreppe von 1622/23. Inv. Nr. 29882, 14,5 × 11,5 cm, nach einem Zwickel; Inv. Nr. 29886, 11,5 × 23,3, nach dem südlichen Zwickel von Feld 3; Inv. Nr.



29887, 11,0 × 20,6, datiert »1623«, nach einem Zwickel von Feld 4, 6 oder 8; Inv. Nr. 29890, 16,6 × 14,7, nach einem Seitenfeld über dem Treppenlauf; Inv. Nr. 29891, 19,8 × 19,1, datiert »1622 den 12 July« nach einem Seitenfeld über dem Treppenlauf.
Befund
Halle zu den Vier Schäften
Träger der Deckenmalerei: A, A1-4, Aa-d neun Kreuzgratgewölbe, rekonstruiert; dazwischen ehemals stuckierte, z. T. auch mit Grotesken bemalte Gurte
Technik: In Analogie zur Kaisertreppe wohl Fresko-Secco; polychrom Maße: Höhe 7,30 m;
A, A1-4, Aa-d 4,10 × 5,85 (je Feld)
Erhaltungszustand und Restaurierungen: Der Raum wurde 1944 so stark zerstört, daß das Gewölbe einstürzte. Beim Wiederaufbau hat man im Hinblick auf die Nutzung durch die Ägyptische Staatssammlung und wegen des Fehlens geeigneter Vorlagen auf eine Rekonstruktion der Malerei verzichtet, photographische Schwarz-Weiß-Aufnahmen vorhanden
Kaisertreppe
Träger der Deckenmalerei: 1,3–10, 12 zehn Kreuzgratgewölbe, dazwischen stuckierte, z. T. auch mit Grotesken bemalte Gurte
Technik: Fresko-Secco; polychrom, großenteils rekonstruiert
Maße: Raumgröße des Treppenhauses 18,30 × 14,70 m

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Bei der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg stürzten die östlichen Gewölbefelder vollkommen ein, Teile der Treppengewölbe über dem unteren Podest und darüber im südlichen Feld vor dem Kaisersaal blieben erhalten. Eine Rekonstruktion der Malerei wurde von 1967–1975 durch den Maler Karl Manninger nach 1944 aufgenommenen Farbdias durchgeführt. Teilweise noch original ist die Malerei in Feld 10
Rekonstruierende Beschreibung und Ikonographie
0 0 1 Halle zu den Vier Schäften (nach Photographien)
5-up-11-01-1 Die neun Gewölbefelder des Vier-Schäfte-Saals sind querrechteckig und waren völlig bemalt; die Stuckierung beschränkte sich auf die trennenden Gurtbögen. Jedes Gewölbe öffnete sich mit gemalten, von der Mitte der Halle her perspektivisch gesehenen Durchbrüchen gegen den leicht bewölkten Himmel, in dem fliegende Vögel zu sehen waren. Die Gewände dieser Durchbrüche waren so gemalt, als erhielten die nördlichen und die mittleren Felder ihr Licht von N, die südlichen jedoch von S.
A Am reichsten ausgestaltet war das von Elias Greither gemalte mittlere Gewölbefeld. Über genau von der Mitte her von unten gesehenen Säulenhallen – einer phantastischen Übersteigerung der Raumform des Vier-Schäfte-Saals – gab eine Rechtecköffnung mit Balustrade, auf der in den Ecken Putten und in der Mitte Vasen mit Blumen standen, den Blick zum Himmel frei. Die Ecksäulen wurden verdeckt von Karyatiden und darüber gesetzten, von Fruchtgehängen umgebenen Kartuschen, deren Felder die Wappen von Bayern und Lothringen sowie zweimal die Initialen ME (Maximilian/Elisabeth) trugen.
A1-4 In den vier Eckgewölben mit Groteskendekoration waren die fingierten Öffnungen rund, umgeben von trapezförmigen Ornamentfeldern mit gerahmten Darstellungen von mythischen Meerwesen im Zentrum
Aa-d Die übrigen vier, ebenfalls mit Grotesken verzierten Gewölbe öffneten sich in gemalten Rechtecken, die an den Ecken eingeschwungen waren. Die Diagonalen betonten jeweils zwei schmale oblonge Felder mit stehenden weiblichen Figuren. In den trapezförmigen Kompartimenten dazwischen saßen als Mittelmotiv in Rahmungen allegorische Frauengestalten, deren Bedeutung sich anhand der Photos meist nicht mehr ermitteln läßt; im mittleren Feld gegen S (Ac) spielten sie auf verschiedenen Musikinstrumenten.
Alle Gewölbefelder zusammen mit ihren verhältnismäßig großen gemalten Durchblicken gegen den Himmel vermittelten dem Eintretenden die Illusion von Freiraum und ein Gefühl von Leichtigkeit und Heiterkeit.
Kaisertreppe
In grandioser Steigerung des dekorativen Apparats zum Festsaal hin ist das Treppenhaus, das man von der SO-Ecke des Vier-Schäfte-Saals betritt, reicher geschmückt, weist jetzt auch in den Gewölben Stuck auf, wodurch die Wirkung der auch hier vorhandenen Scheindurchbrüche gegen den Himmel abgeschwächt wird.
Nach einem quadratischen Joch (1) steigt der tonnenüberwölbte Treppenlauf (2) an und endet auf einem Podest, dessen erstes Gewölbefeld (3) in gleicher Weise verziert ist wie das vor dem Anstieg. Im Zentrum sitzt eine runde Stuckrosette in stark profiliertem Rahmen, von dem Stuckstege auf den Gewölbegraten zu den Ecken führen. Die Zwickel sind mit gemalten Grotesken geschmückt, die in der Mitte queroblonge Kartuschen mit figürlichen Darstellungen aufweisen.
1 In der Mitte Stuckrosette, in den Kartuschen liegende Figuren, die nicht mehr sicher zu identifizieren sind: Jupiter mit Blitzbündel (N), Frau mit gestürzten Säulen (O), Frau mit Reh oder Hirsch, vielleicht Diana (S), Frau mit zwei Kindern (W).
2 APOTHEOSE DES HERKULES Das zentrale Bildfeld über der Tonne des ersten Treppenlaufs ist hochrechteckig mit eingezogenen Bögen an den Schmalseiten; es trägt eine Darstellung der Apotheose des Herkules. Der nur mit dem Löwenfell bekleidete Heros, der in der Linken die Keule hält, fährt zwischen Wolken auf. Von oben kommt ihm die behelmte Victoria entgegen, die über antikischem Panzer einen wallender Mantel trägt. Sie faßt ihn unter seinem rechten Oberarm, in der Linken hält sie einen Eichenkranz. In den vier großen Groteskenfeldern, die um diese Szene gruppiert sind, steht in der Mitte jeweils eine männliche Figur unten links Herkules (SW), rechts ein Krieger (NW), oben links ein bekränzter Jüngling mit einer gesenkten Tuba (SO) und rechts ein Lyra spieler (NO).





3 In der Mitte Stuckrosette, in den Kartuschen liegende Figuren: Frau und Falkenjäger (N), Frau mit Füllhorn (O), Frau mit Wasserurne und Jäger (S), Frau mit Feuer (W).
Die offene zweischiffige Treppenhalle besteht aus sechs kreuzgratgewölbten quadratischen Jochen, zu denen ein siebtes nach S unmittelbar vor der Eingangsfront des Kaisersaals hinzukommt (es liegt genau über dem Joch, von dem aus der Treppenlauf ansteigt).



Ergänzungen zur Ikonographie: Die festliche Gewölbedekoration des Treppenhauses ist mit der reichen Wandgliederung zusammenzusehen zu der die drei großen Nischen gehören mit den von Hans Krumper geschaffenen Stuck-Standbildern Karls des Großen, Ottos von Wittelsbach und Ludwigs des Bayern und über den Türen zum Kaisersaal den Büsten von Albrecht III., Herzog von Bayern, der die böhmische Königskrone ausschlug (N), und von Otto III. von Bayern, der die ungarische Königskrone annahm (S).

Initialon ME und Ilandana
6 Jäger und antike Götter
7 Bayerisches Wappen und Vogeljagd
8 Musikanten und Elemente
9 Jahreszahl 1616 und Fischfänger
10 Lothringisches Wappen und Jagdszene
11 Sturz des Ikarus
12 Sonne und Viehzucht (alle Vorkriegezustand

In der Halle zu den Vier Schäften hingen an den Wänden Bildnisse der zwölf römischen Kaiser nach Sueton, Kopien nach dem berühmten von Tizian für Mantua geschaffenen Zyklus. Sie waren bereits im 16. Jh. in die herzogliche Kunstkammer nach München gelangt und dienen heute in den Reichen Zimmern als Supraporten. Ihre Verwendung im Vestibül hat programmatischen Charakter, denn von hier steigt die Treppe auf mit den Heroen des Hauses Wittelsbach als Ganzfiguren und Büsten, mit deren Darstellung bestimmte Tugenden verbunden sind; so ist etwa die Zurückweisung der böhmischen Königskrone durch Albrecht III. von der Fürstenspiegel-Literatur als Selbstbeschränkung und großmütige Verachtung der Ehre stilisiert worden (Ludovico de Malvenda, Spiegel eines rechten und ehrlichen Fürsten. Deutsch von Egidius Albertinus, München, Adam Berg 1604, S. 312; Bruno Singer, Die Fürstenspiegel in Deutschland im Zeitalter des Humanismus und der Reformation, Humanistische Bibliothek, Abhandlungen Bd 34, München 1981, S. 216).



Ähnlich wie im fünfzehn Jahre zuvor entwickelten Programm der Erdgeschoßräume der Residenz treten die antiken Kaiser zusammen mit den berühmtesten Vertretern aus der Dynastie des Auftraggebers als Exempla auf, die zur Tugend anspornen sollen. Mit den Kaisern nach Sueton dürften vor allem die Laster und ihre Folgen als Warnung vor Augen gestellt, bei den übrigen Herrschern ihre Tugenden zur Nachahmung empfohlen sein. Diesen Gedanken nehmen die Deckenbilder über dem ersten und dem dritten Treppenlauf auf, wobei Thematik und Gestaltung mit der Aufwärtsbewegung des Treppenanstiegs in Einklang stehen. Herkules, der Prototyp des Tugendhelden, fährt gen Himmel, der Belohnung seiner vorbildlichen Taten entgegen, Ikarus stürzt dem Untergang entgegen, da er, entgegen der Empfehlung seines Vaters, den mittleren Kurs zu wählen, sich zu sehr der Sonne genähert hat. Die Fabel weist auf eine der wichtigsten Forderungen der Epoche mit ihrer neu-stoischen Ausrichtung, die Wahl des »Goldenen Mittelwegs«, das Maßhalten und das Vermeiden von Extremen (Otto van Veen, Emblemata Horatiana, »In medio consistit virtus« und »Medio tutissimus ibis«; Natalis Comes, Mythologica, s.v. Icarus).



Quellen und Literatur
BHStA I, HR II, 1, 1615, Nr. 34 (Steinmetzen), Nr. 120 und 122 (Ausgaben für Maler). Faßmann 1770, S. 460 f. (mit unzutreffenden Angaben). Wening 1701, S. 2, 4. Seidel 1880, Abth. I, Bl. 7-9. Haeutle 1883, S. 57 f. Rée 1885, S. 189–92. Böttger 1893-95, Taf. 97–100 Bassermann-Jordan 1900, S. 130, 133 ff. und Abb. 88, 89 (seitenverkehrt), 90-91. KDB I OB (2), S. 1145-47 und Taf. 170-81 Thoma / Kreisel 1937, Raum 44 Diemer, Dorothea, Hans Krumper, in: Kat. Wittelsbach 1980, II/1, S. 280 f. Stierhof, H. in: Kat. Wittelsbach II/1, S. 273 f. und Abb. 128-29. Brunner/Hojer/Seelig 1986, S. 136-144 und Abb. 13 B. V.-K
Groteskenmalerei (Zustand 1084)
∇ Groteskenfeld nordwestlich von 11 (Vorkriegszustand

Bassermann-Jordan 1900, S. 130, 133 ff. und Abb. 88, 89 (seitenverkehrt), 90-91. KDB I OB (2), S. 1145-47 und Taf. 170-81 Thoma / Kreisel 1937, Raum 44 Diemer, Dorothea, Hans Krumper, in: Kat. Wittelsbach 1980, II/1, S. 280 f. Stierhof, H. in: Kat. Wittelsbach II/1, S. 273 f. und Abb. 128-29. Brunner/Hojer/Seelig 1986, S. 126-144 und Abb. 10