Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 3, Teil 2: Stadt und Landkreis München. Profanbauten. Hirmer, München 1989, ISBN 978-3-7991-6358-3, S. 577–578, geschrieben von Baur, Eva-Gesine. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Stadtpalais in der Residenzstr. 27, an der Rückseite der Feldherrenhalle; bis 1835 in Familienbesitz der Preysing, ab 1844 im Besitz der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank, 1905–44 verschiedene Besitzer, zuletzt der Deutsche Automobilclub München. 1944 Totalzerstörung durch Bombentreffer, 1958-60 Wiederaufbau durch den neuen Eigentümer und Unternehmer Dr. Hermann Hartlaub; seither Geschäftshaus; Deckenbilder nicht erhalten

Zum Bauwerk: 11. Mai 1723 Beginn der Bauarbeiten für ein Stadtpalais des Grafen Preysing von Hohenaschau, unter Einbeziehung älterer Bauteile; Architekt Joseph Effner. 1725-27 Stuckierung von Treppenhaus, Appartements, Hauskapelle, O- und W-Fassade durch Johann Baptist Zimmermann und Gesellen. Im Lauf des 19. Jh. verschiedene Umbauten und Veränderungen.

Das Preysing-Palais ist ein rechteckiger Baublock mit Binnenhof in zwei Hauptgeschossen und einem Mezzaningeschoß. Für drei Räume, nämlich für Treppenhaus (I), sog. Großen Saal (II) und Hauskapelle (III) sind Ausstattungen mit Deckenmalerei schriftlich überliefert.

Auftraggeber: Johann Maximilian IV. Emanuel Franz Xaver Pankraz Graf von Preysing-Hohenaschau, Freiherr zu Altenpreysing, gen. Kronwinkl (1687–1764)

I Treppenhaus

Hoher Kastenraum mit sechsläufiger Treppenanlage, die durch zwei übereinandergestellte »éscalier à trois rampes« gebildet wird. Stuckierung an den Wänden und den Unterseiten der Treppenpodeste von Johann Baptist Zimmermann, 1725 (rekonstruiert); Wandgliederung im Erdgeschoß durch Blendarkaden, am ersten Treppenabsatz durch Muschelkonchen, im 1. Obergeschoß durch ornamentale Lisenen, im 2. Obergeschoß durch Kompositpilaster.

Autor und Entstehungszeit: Jacopo Amigoni (* 1675 Venedig † 1752 Madrid) 1725

Ursprünglich war Zimmermann für diese Arbeit vorgesehen, aufgrund zu hoher Honorarforderungen leitete Effner diesen Entwurf jedoch nicht an den Grafen weiter; Amigoni erklärte sich bereit, die Ausmalung von Treppenhaus und Großem Saal für die ausgesetzte Höchstsumme von 300 fl. anstelle der von Zimmermann verlangten 500 fl. zu übernehmen (Brief Effners an den Grafen vom 20. 5. 1725, StAM, HAA, A 2202, fol. 51 und 51 v). Diese Summe ist für Amigoni im Dezember 1725 verbucht (Wochen zettel Nr. 52, fol. 162 v).

Befund

Träger der Deckenmalerei: Spiegelgewölbe mit Stuckhohlkehle Technik: Fresko; polychrom Verbleib: Das Deckenbild war schon im 19. Jh. verschwunden

Rekonstruierende Beschreibung und Ikonographie

Von dem verschollenen Fresko sind keine Abbildungen bekannt. Eigenhändige Aufzeichnungen des Grafen Johann Maximilian IV. von Preysing nennen die Entstehungszeit 1725, den Entwerfer des Programms, den kurfürstlichen geh. Kabinettsekretär Franz Xaver Ignaz von Wilhelm, sowie den ausführenden Maler, Jacopo Amigoni. Außerdem gibt der Graf die Bildanlage graphisch wieder und benennt die einzelnen Figuren und ihre Attribute (StAM, HAA, A 228, fol. 1116 u. 1119). Demnach füllte ein Fresko die gesamte Treppenhausdecke aus; Blickrichtung vermutlich nach S (vgl. Vits, S. 69).

VERHERRLICHUNG DES HAUSES PREYSING Zentrale Gestalt des Bildes war die Klugheit («Prudence«), mit ihren Symbolen, Spiegel und Schlange, sowie der Waage, dem Attribut der Gerechtigkeit, ausgestattet, den Wappenschild der Preysing vor der Brust; aus Palm- und Olivenzweigen, die ihr Minerva (rechts) und Mars (links) zureichten, band sie einen Kranz. Umgeben war diese Gruppe von einer Kette, die in einzelnen Medaillons die Mitglieder der Familie Preysing zeigte. Über der Klugheit hielt Fama (»Renomée«) die Kette zusammen, in einer Hand die Posaune. Zu Füßen der Klugheit versuchte Saturn mit seiner Sense die Kette zu durchschneiden, von einem Genius des Mars gehindert, der sich über die Sense warf. Analog dazu war rechts die Eule Minervas, die Saturns abgelaufene Sanduhr wieder umwendete.

1722 hatte die politische Laufbahn Max IV. von Preysing begonnen; am 27. 3. war er zum Wirklichen Geheimen Rat, am 1. 10. zum Oberstallmeister ernannt worden. Die Ausstattung der Gestalt der Klugheit mit Attributen der Gerechtigkeit und des Friedens läßt in diesem biographischen Zusammenhang eine Deutung der Figur als Allegorie der Staatsklugheit zu, die den Fortbestand von Tradition und Geschichte – repräsentiert durch die Preysingische Ahnenreihe – gewährleistet. Mars und Minerva hier als Repräsentanten der mutig-aktiven und besonnen-strategischen Kriegsführung, stellen sich in den Dienst der Staatsklugheit, deren Ruhm von Fama verkündet wird, und die Angriffe der Zeit in der Gestalt Saturns übersteht.

II Großer Saal

Ein im zweiten Obergeschoß gelegener Saal, durch Einbeziehung des Mezzanningeschosses über zwei Stockwerke reichend, der sich vom Treppenhaus bis zur Westfront erstreckte. Über die Wanddekoration ist nichts bekannt, Gliederung der N-Wand vermutlich analog zur Fenstergliederung der S-Wand; im westlichen Teil der N-Wand Zugang zu zwei kleinen Nachbarräumen, im östlichen Teil Fenster zum Binnenhof.

Autor und Entstehungszeit: Jacopo Amigoni (* 1675 Venedig † 1725 Madrid); in Zusammenhang mit seinem Fresko für das Treppenhaus, also um 1725 entstanden (Brief Effners an den Grafen Preysing vom 20. 5. 1725, s. o.; vgl. Vits, S. 35 u. 62).

Befund

Uber Träger und Maße des Deckenbildes ist nichts bekannt Technik: vermutlich Fresko, polychrom Verbleib: Wahrscheinlich schon im 19. Jahrhundert verschwunden Darstellung nicht bekannt, keine Abbildung überliefer

III Hauskapelle

Im zweiten Obergeschoß gelegener Saal, wahrscheinlich durch Einbeziehung des Mezzaningeschosses über zwei Stockwerke reichend, vermutlich an das Vorzimmer der W-Seite anschließend (Vits, s. 63). Auf einer Liste von der Hand Max IV. von Preysing, die alle Räume des Hauses aufführt, ist von einem »Kranckhen stübl in der Mezzanin so in die Kapellen schauet« (StAM, HAA, fol. A 61/o 277) die Rede.

An der N–, S- und W-Seite vermutlich oben je ein kleines (Mezzanin Fenster, an der S-Seite wahrscheinlich wegen der Kaminabschrägung blind (Vits, S. 63/64). An der O-Wand war der Hauptaltar, zusätzlich Seitenaltäre (Ausstattungsstücke der Kapelle teilweise im Archiv der Pfarrkirche Niederaschau erhalten, vgl. Bomhard, Kunstdenkmäler Rosenheim, Rosenheim 1957, S. 304ff.).

In den Tagebüchern Max IV. findet sich unter dem Datum des 30. 1. 1732 der Eintrag »wurde mein haus Capelln durch den Herrn weyh Pischoff zu Freysing eingeweiht« (vgl. Vits, S. 23). Exsekration der Kapelle am 6. 5 1844 mit nachfolgendem Umbau.

Autor und Entstehungszeit: Johann Baptist Zimmermann (*3. 1. 1680 Gaispoint/Wessobrunn † begraben 2. 3. 1758 München) 1725. Die Autorschaft Zimmermanns ist belegt durch einen Brief des »hausmaisters« (= Verwalters) Johann Anton Fischbacher an den Grafen vom 20. 10. 1725 (StAM, HAA, A 2202, fol. 57-60). Bezahlung mit ingesamt 221 fl. (Wochenzettel Nr. 46 vom 12.–17. 11. 1725; »dem Zimerman an seinen veraccordierten 221 fl. wegen ausmallung der Capelln per abschlag behendigt 100 fl.«). Die archivalisch belegte (Wochenzettel Nr. 21 vom 23.–26.

1725 und Nr. 32 vom 5.-11. 8. 1725) Beteiligung Nikolaus Gottfried Stubers (*15. 1. 1688 München †23. 4. 1749 ebd.) wird nicht näher bestimmt, dürfte sich nach der verakkordierten Gesamtsumme von 81 fl. 30 × vielleicht auf Dekorationsmalerei bezogen haben.

Befund

Träger der Deckenmalerei: Flachdecke über einer Kehle mit bemaltem Profil (vgl. Richter, S. 102)

Technik: Öltempera auf Putz (Brief Fischbachers an den Grafen vom 20. 10. 1725); Deckenbilder polychrom, Kartuschszenen monochrom grau Verbleib: Die Ausmalung ist vermutlich im Zusammenhang mit der Exsekration der Kapelle 1844 verschwunden

Rekonstruierende Beschreibung und Ikonographie

Die einzigen Informationen über Entstehung und Inhalt der Ausmalung gehen aus einem Brief vom 20. 10. 1725 hervor, in dem der Verwalter Fischbacher den Grafen über den Fortgang der Arbeiten unterrichtet Demnach war ein mariologisches Programm, der freudenreiche Rosenkranz an der Decke und typologische Szenen in den Zwickeln, dargestellt

1-5 DIE GEHEIMNISSE DES FREUDENREICHEN ROSEN- KRANZES

Szene 5 könnte das Mittelbild gewesen sein, um das die vier weiteren Szenen gruppiert waren (Abfolge nach Fischbacher, StAM, HAA, A 2202, fol. 57-60).

SZENEN AUS DEM ALTEN TESTAMENT Analog zu den fünf mariologischen Szenen sollten «fünf historien« aus dem AT dargestellt werden, diese waren vorgesehen »oben her auf die Pfeiller zwischen die kleinen Fenster mit ainer, aber ganz lichtgrauen farb, weillen das alte Testament nur der Schatten von dem Neuen gewesen ist« (Brief Fischbachers). Diese typologischen Szenen sind als monochrome Kartuschenfresken in den Zwickeln über den Pfeilern zu rekonstruieren, vergleichbar etwa den Fresken B1-8 in der Wies (CBD, Bd 1, S. 608).

Hierfür fielen Zimmermann laut Fischbacher keine Themen ein, sodaß der Prior der Augustiner hinzugezogen werden mußte. Zimmermann selbst hatte an dieser Stelle fünf »alludia«, Anspielungen aus dem AT, als von Engeln getragene Symbole vorgesehen. Nun wurden aber in größerem Format folgende Szenen ausgeführt, die alle mit Beischriften versehen werden sollten (Fischbacher waren zum Zeitpunkt der Briefabfassung erst zwei davon bekannt):

REBECCA AM BRUNNEN (Gen 24, 15-22) In Analogie zur Verkündigung sollte hier Rebecca gezeigt werden, »welcher Abraham seinen hauß altar zuegeschickht, umb Selbe seinem Sohn Isaac zu einem Weib zuvber bringen, wo er Sye sodan bey dem Prunen, da er Sye ihme und seiner Camelln auf Anhalten zu trincken gabe, durch solches Zeichen erkhennet und Er ihr gleich darauf ainige Schanckhungen dargebotten« (Brief Fischbacher); die Beischrift sollte lauten »Ipsa est, quam praeparavi Dominus filio Domini mei. gens: 24,14« (= Ipsa est, quam praeparast servo tuo Isaac; Gen 24,14) Das Bibelzitat war im Hinblick auf das typologische Programm allgemeiner gefaßt, sodaß es sowohl auf die Szene mit Rebecca als auch auf die Verkündigung zu beziehen war.

DIE BUNDESLADE IN JERUSALEM (2 Sam 6, 11) Typologisches Vorbild der Heimsuchung, denn es »kundte die Arche des Pundts in etwas eine Vorbedeittung gewesen sein, als Selbe 3 Monath in dem haus obededom gestanden, wo auch Beata Virgo bey ihrer Pasen der heyligen Elisabeth 3 Monath lang verbliben« (Brief Fischbachers). Hiermit ist nicht wie Vits (S. 69) und Richter (S. 182) angeben, die Arche Noah, sondern die Bundeslade gemeint, die David aus Furcht vor dem Zorn Gottes zuerst in das Haus des Obed-Edom aus Gat in Jerusalem schaffen ließ, wo sie drei Monate bis zu ihrer Verbringung in die Davidsstadt aufbewahrt wurde Die Beischrift sollte lauten »Habitavit Arca Domini in Domo obededom tribus Mensibus, et benedixit Dominus Domum obededom. 2 Reg. 6«.

DAS OPFER ABRAHAMS (Gen 22, 1–19) Zu der Darstellung – »Aufopferung« – »sollte sich aplicieren lassen der Abraham, als er seinen Sohr Isaac Gott opfern und schlachten wolte« (Brief Fischbachers). Die geplante Beischrift dürfte sich sinngemäß auf das gemeinsame Darbringen des Sohnes bezogen haben.

JOSEPH GIBT SICH ZU ERKENNEN (Gen 45, 1–8) Analog zur Auffindung im Tempel »kundte hier dienlich sein der Egiptische Joseph, wie seine brieder zu ihme khomen, und Er sich ihnen zuerkhenen gegeber habe« (Brief Fischbachers). Die Beischrift hat vermutlich die Stelle zitiert in der sich Joseph – wie Jesus – zu seinem Vater, Gott, und zudessen Willer bekennt: »Non vestro consilio, sed Dei voluntate huc missus sum« (Gen 45 8).

BESUCH DER KONIGIN VON SABA (1 Reg 10, 1-13) »Auf die heyligen drey König solte gar wol aludirn die Königin von Saba, welche khomen die Weisheit Salomonis, und dessen Meyestät zuhören, und zu sehen, auch den König beschenckht mit golt, und specereien«. Die Beischrift hat hier wahrscheinlich auf die Aufsuche und Erkenntnis des wahren Herrschers (Salomon bzw. Jesus) abgehoben, die dieses Thema mit dem Besuch der Heiligen Drei Könige verbindet (»Dixitque ad regem Verum est sermo quem audivi in terra mea super sermonibus tuis, et super sapientia tua: et non credebam narrantibus mihi, donex ipsa veni, et vid oculis meis, et probavi quod media pars mihi nuntiata non fuerit«; 1 Reg 10, 6-7); beiden Themen gemeinsam ist auch die Darbringung von Geschenken

Quellen und Literatur

BSB Oefeleana 5, V, fol. 330 v.; Oefeleana 14, fol. 152 v. StAM, HAA (= Herrschaft Hohenaschau), Fasc. A 2202 und A 228

Mayer-Westermayer, Bd 2, S, 248.

Hauttmann, Max, Der Kurbayerische Hofbaumeister Joseph Effner (= Studien zur Deutschen Kunstgeschichte Heft 164), Straßburg 1913. Bomhard, Peter von, Die Kunstdenkmäler der Stadt und des Landkreises Rosenheim, Bd 2, Rosenheim 1957, S. 304ff.

Schleich, Erwin, Der Wiederaufbau des Preysingpalais in München, in: Deutsche Kunst und Denkmalpflege 18 1060: S 120 ff

-, Das Preysing Palais zu München, in: Münchner Merkur vom 30. 11. 1000.

Vits, Gisela, Joseph Effners Palais Preysing, Ein Beitrag zur Münchner Profanarchitektur des Spätbarock (= Kieler Kunsthistorische Studien Bd 5), Bern – Frankfurt a.M.1073.

Thon, Christina, Johann Baptist Zimmermann als Stukkator, München Zürich 1977, S. 308–10. Kat. Nr. 35.

Bauer, Hermann und Anna, Johann Baptist und Dominikus Zimmermann. Entstehung und Vollendung des bayerischen Rokoko, Regensburg 1985, S. 312.

Holler, Wolfgang, Jacopo Amigonis Frühwerke in Süddeutschland, Hildesheim-Zürich-New York, 1986, S. 248-50. E.-G. B.

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