Lübeck Travemünde, Amtssitz Lübische Vogtei

Laß, Heiko:Lübeck-Travemünde, Amtssitz "Lübische Vogtei", in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2022, URL: www.deckenmalerei.eu/d562d8f0-3383-4fc7-bc35-7824f6ae2bd8

Inventarnummer: cbdd10279

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Die Alte Vogtei birgt mit der so genannten Kaiserdecke von 1623 die am besten erhaltene Malerei der Renaissance in Schleswig-Holstein. Elf Medaillons römischer Kaiser und Feldherren werden unter dem Wappen der Stadt Lübeck präsentiert.

Lübeck-Travemünde, Lübische Vogtei - Kaiserdecke
Lübeck-Travemünde, Lübische Vogtei - Kaiserdecke

Die Lübische oder Alte Vogtei

 
Lübeck-Travemünde, Alte Vogtei (Vorderreihe 7)

Kurzbeschreibung und Lage

Die ehemalige Lübische Vogtei [1] ist ein typisches stadtlübisches Haus in Backstein von zwei Geschossen (mit Zwischengeschoss) mit dreigeschossigem Stufengiebel. Es steht auf einem Eckgrundstück und hat einen schmaleren Anbau an der Ostseite – ebenfalls mit Stufengiebel.

Bau-, Ausstattungs- und Nutzungsgeschichte

Das Gebäude steht anstelle eines 1547 abgebrannten Vorgängerbaus. Die gegenwärtige Gebäudegruppe entstand ab 1551 mit dem so genannten Wohnhaus im Westen. Das Wappen über dem Portal stammt von ca. 1600. Das so genannte Audienzgebäude im Osten kam 1599 hinzu. Die Fassade wurde bis in das 19. Jahrhundert geringfügig umgestaltet. 1773 erfolgte ein Umbau, in dessen Rahmen eine barocke Treppenanlage eingebaut wurde. 2005 verkaufte die Stadt Lübeck das Gebäude, das anschließend bis 2007 grundlegend saniert wurde.

Auftraggeber

Das Gebäude war Sitz des Lübecker Vogtes. Durch ihn sprach die Stadt Lübeck in Travemünde Recht und verwaltete das Territorium.

Beschreibung

Der Komplex besteht aus dem dreigeschossigen Ursprungsbau – bestehend aus Wohnhaus- und Hinterhaus – sowie dem rechts angefügten zweigeschossigen Audienzgebäude. Im Innern erschließt eine zweiläufige Holztreppe des 18. Jahrhunderts den Bau. Sowohl im Erd- als auch im Obergeschoss haben sich Holzbalkendecken mit Malereien des frühen und späten 17. Jahrhunderts erhalten. Ferner gibt es in einem weiteren Raum des ersten Obergeschosses geringe Reste von Wandmalerei des 17. Jahrhunderts.

Forschungsstand

Der Forschungsstand zur Alten Vogtei und vor allem zur Deckenmalerei – insbesondere der Kaiserdecke – ist gut. Travemünde gehört zur Hansestadt Lübeck. Die Malerei in der Alten Vogtei wurde daher im Rahmen des Forschungsprojektes zur „Wand- und Deckenmalerei in Lübecker Häusern 1300 bis 1800“ erfasst, beschrieben und dokumentiert.[2] Vivien Somma [3] und Rolf Gramatzki [4] haben die so genannte Kaiserdecke eingehend analysiert und interpretiert.

Der so genannte Audienzsaal

Bau- und Ausstattungsgeschichte

Der so genannte Audienzsaal [5] ist zusammen mit dem Anbau des Audienzgebäudes um 1600 entstanden. Während der Umbaumaßnahmen des 18. oder 19. Jahrhunderts wurde er umgestaltet und seine Decke abgehängt. Im Rahmen der Sanierung wurde die Deckenmalerei 2006 wiederentdeckt.

Beschreibung

Der vier Meter hohe Raum im Erdgeschoss des Audienzgebäudes öffnet sich mit zwei Fenstern nach Süden und mit einem nach Osten. Er wird von Westen aus betreten.

Die so genannte Kaiserdecke

 
Lübeck-Travemünde, Lübische Vogtei - Kaiserdecke

Befund-, Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die Kaiserdecke [6] wurde 1623 von Hans Reincke gemalt. Sie ist datiert und signiert. Nachdem sie im 18. oder 19. Jahrhundert abgedeckt worden war, wurde sie erst 2006 wiederentdeckt. Es handelt sich um die am besten erhaltene Decken- oder Wandmalerei der Renaissance in Schleswig-Holstein. Auftraggeber der Malerei könnte der damalige Vogt Ernst Schröder gewesen sein.

Beschreibung und Ikonographie

Die Holzbalkendecke umfasst fünf Fachen und zeigt vier sichtbare Balken. Sie sind marmoriert und ornamental gestaltet. Auf einem der Balken befindet sich die Signatur des Malers „Hans Reincke“ und die Datierung „1623“. Die Deckenmalerei imitiert in den vier südlichen Fachen eine Kassettendecke mit Rhomben und Rechtecken. In der nördlichen Fache haben sich nur Malereireste erhalten. Die gemalten Leisten in den Fachen erscheinen in Braun mit weißen Kanten. Wo sie aufeinander treffen, sind Rosetten gleich Abhänglingen gemalt. Die Kassettenfelder sind gold-ockerfarben und mit Rankenvoluten in Schwarzbraun, Rot oder Grün geschmückt.

Es gibt jeweils drei zentrale annähernd quadratische Felder in jeder Fache. Diese präsentieren mit einer Ausnahme medaillonartige Brustbilder antiker Kaiser im Profil. Sie blicken alle nach rechts und sind auf Höhe ihrer Augen beschriftet. Teilweise ist der Name abgekürzt. Sie tragen Lorbeerkränze, Diademe oder Kronen. Die Physiognomie ist individuell und nicht idealisierend. Im mittleren Feld der südlichen Fache ist statt eines Porträtmedaillons das lübische Wappen mit Doppeladler sowie der Datierung „1623“ zu sehen. Die Kaiserbildnisse folgen keiner Chronologie, und auch Gründe für die Auswahl sind nicht ersichtlich. In der ersten Fache erscheinen von links nach rechts Marcus Antonius, das Lübecker Wappen und Hostilian. In der zweiten Fache sind Trebonianus Gallus, Tiberius und Augustus dargestellt. In der dritten Fache erblickt man Decius, Pescennius Niger und Vitellius, in der vierten Otho, Justin I. und Nerva.

Gestalterische Mittel, Komposition und Ansichtigkeit

Die Köpfe und der Adler sind auf eine Ansichtigkeit von Süden hin gemalt.

Vorlagen

Die Köpfe folgen offensichtlich antiken Münzen, die wohl über grafische Wiedergaben vermittelt wurden. Auf die Vorlagen sind etwa die übergroßen Augen zurückzuführen.

Programm

Die Kaiserbildnisse werden in Zusammenhang mit der Reichsstadt Lübeck gestellt, was das Stadtwappen verdeutlicht. Darüber hinausgehende Interpretationen bleiben Spekulation. Zu sehen sind reguläre Kaiser, Gegenkaiser und Nebenherrscher. Sie gehören keinem bekannten Kanon der Zeit an. Sie galten als positive Vorbilder oder abschreckende Beispiele. Eventuell deutet das Wappen an, dass die Dargestellten auf die Geschichte Lübecks bezogen werden sollen und die historische Rolle der jeweiligen Kaiser ein Gegenstück in einer historischen Person aus der Geschichte der Hansestadt hatte. Ein gebildeter Zeitgenosse hätte diese verschlüsselte Geschichte der Stadt Lübeck verstanden.[4]

Die Diele

Bau- und Ausstattungsgeschichte

Im Erdgeschoss des so genannten Wohnbaus befindet sich ein Raum [7] mit einer Decke, die wohl zwischen 1650 und 1680 bemalt wurde. Der Raum selbst ist zusammen mit dem Haus entstanden. Im 18. oder 19. Jahrhundert wurde der Raum umgestaltet und zwischen 2005 und 2007 restauriert.

Die Decke in der Diele

Befund-, Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die Malerei [8] an der Holzbalkendecke ist zwischen 1650 und 1680 entstanden. Sie wurde 2006 wiederentdeckt.

Beschreibung und Ikonographie

Die Decke umfasst fünfeinhalb Fachen. Sie sind mittels rotbrauner Leisten in je fünf hochrechteckige gerahmte Felder unterteilt. In ihnen ist im Wechsel je ein Fruchtbündel oder eine von Knorpelwerk gerahmte Maske in monochromer Malerei auf marmoriertem ockerfarbenem Fond zu sehen. Weiße Höhungen und schwarze Schattenlinien schaffen Plastizität. Die Deckenbalken sind an den Seiten ornamental bemalt.

Sonstige Malereireste

Es gibt noch weitere Malereireste im Haus. Im Raum über dem Audienzsaal befindet sich unter der Decke auf den „Balkenseiten weißes, schwarz umrissenes Schweifwerk auf rotem Grund“.[9] Die Holzdecke ist mit gelben bandartigen „Akanthusranken mit roten Schatten auf weißem Grund“ bemalt. Hinzu kommen hellgrüne Hopfenblättchen und Blüten. Die Malerei wird in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts datiert.[10] An der Wand wurden unterhalb der Decke zwei rotbraune Tierkreiszeichen (Zwilling und Stier) in querovalen Feldern entdeckt. Eventuell waren ehemals alle 12 vorhanden.[11]

Im Erdgeschoss des Wohnhauses konnten gemalte Blumen mit roten Blüten, Stängeln und Blättern nachgewiesen werden.[12]

Bibliographie

  • Literatur:
  • Dehio, Schleswig-Holstein, 2009. – Dehio, Georg: Hamburg. Schleswig-Holstein (Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler). Bearbeitet von Johannes Habich, Christoph Timm, Lutz Wilde. München/Berlin 2009.
  • Gramatzki, Kaiserdecke, 2010. – Gramatzki, Rolf: Das Rätsel der „Kaiserdecke“ in Travemünde von 1623. Versuch einer Entschlüsselung. In: Zeitschrift für lübeckische Geschichte 90 (2010), S. 105-130.
  • Somma, Kaiserdecke, 2008. – Somma, Vivien: Die "Kaiserdecke" in der Alten Vogtei in Travemünde. In: Lübeckische Blätter 5 (2008), S. 81-89.

Einzelnachweise