Kleinberghofen, Pfarrkirche St. Martin
Pfarrkirche, seit 1971 Pfarrverband Erdweg, Gemeinde Erdweg, Erzdiözese München und Freising; z. Z. der Ausmalung war Kleinberghofen Hofmark und gehörte mit der angrenzenden Hofmark Eisenhofen seit 1622 zum Hochstift Freising (Pfleggericht Eisenhofen); sie wurde vom Pfleger von Eisenhofen (1749–74 Matthias Lorenz Pschemele) verwaltet. Das Präsentationsrecht auf die Pfarrei Kleinberghofen hatte der Fürstbischof von Freising als Hofmarksinhaber. Gericht Aichach
Patrozinium: St. Martin
Zum Bauwerk: Mittelalterlicher Bau, um 1655 erneuert. Neuer Hochaltar, 1663 vom Freisinger Hofmaler Johann Schreiber entworfen (Konsens 2. 8. 1663), 1685 zwei neue Seitenaltäre (Konsens 7. 5. 1685). 1694 (Konsens II. 2. 1694) wurde das LHs gewölbt und ein neuer Dachstuhl aufgesetzt (Johann Maurer, Maurermeister von Hirtlbach, Balthasar Zechetmayr, Zimmermeister von Eisenhofen). Innendekoration 1764/65. 1933 Erweiterung des LHs um 4,50 m nach W mit Vergrößerung der Empore. 1978 Verkürzung der Empore um 2,50 m und Vergrößerung des westlichen Fensterpaares. Einfacher Saal zu drei Fensterachsen, Belichtung von N und S durch je drei Fenster, tiefe Westempore; eingezogener AR zu zwei Jochen mit dreiseitigem Schluß, Belichtung von N, O, S.
Auftraggeber: Pfarrer Wolfgang Widemann (1751-86) von Kleinberghofen, dessen Grabstein sich an der NO-Seite der Wand im Chorschluß befindet. Widemann bezahlte die Ausmalung aus seinen privaten Einkünften als Pfarrer und bekundete selbst, er habe eine sehr große Freude an der Ausmalung gehabt (s. Paula, S. 321-42). Widemann stiftete auch die Figuren der Hll. Wolfgang, Benno, Sebastian und Florian und hat »vieles für die Verschönerung der Pfarrkirche gethan« (AEM, Romeis 1745).

Autor und Entstehungszeit: Johann Georg Dieffenbrunner (* 1718 Mittenwald † 1785 Augsburg) 1764/65. Chronogramm am Chorbogen (O-Seite) SOLI TRINOQVE DEO , SANCTO MARTINO / CAETERISQVE PATRONI(S, (= 1765). Nach einem Brief des Pfarrers vom 22. 9. 1772
(Paula 1983, S. 328) half im Sommer 1765 ein Bruder Dieffenbrunners bei der Ausmalung des Langhauses.
1916 war laut Bericht im Akt des BLfD in Fresko B noch eine Signatur des »Malers Tiefenbrunner Unterthan der Grafschaft Werdenfels von 1765 « sichtbar. Zuschreibung an Dieffenbrunner von Böhm (S. 16) aus stilistischen Gründen; archivalische Belege durch Paula (1983, S. 321-42). Im Brief vom 22.9.1773 sagt der Pfarrer, Dieffenbrunner habe von August bis Oktober 1764 den Chor, von April bis Juni 1765 das LHs ausgemalt. Der Kontrakt, datiert vom 17. 10. 1765 sei erst nach Ausführung der Arbeit von Dieffenbrunner aufgesetzt und von ihm, Widemann, abgeschrieben und unterschrieben worden. Der Kontrakt (AEM, Pfarrkirchenbauten) lautet: »Zuwissen, das ich Endtsgesezter (Widemann) mit dem Wohledlen und kunstreichen Herrn Georg Dieffenbrunner FrescoMahler von Augspurg zur Außmahlung meines Gottshauß Sancti Martini Episcopi, und zwar vor heur das Chor folgender gestalten veracordiert habe, als 1mo Ver spricht S. Titl. Herr Diefenbruner obbemeltes Chor nach dem Vorzaig zumahlen, alle nothwendige Farben und Geräth- schaft zuverschafen. Nicht minder 2do künftige FruheJahr auch auf gleiche Arth das Langhaus also zuverförtigen. Als 3tio wovor ich ihme Herrn Diefenbruner vor seine KunstAr beith, und deren seine Unkösten alljährlich biß 14 Täg nach S. Martini in Früsten 50 f. zubezahlen habe, also für das Chor 200 f. vor das Langhaus ebenfahls 200 f. sage 400 f. Die erste Rate ist am 17.10.1765 vermerkt, die zweite am 21. 6. 1766 (weitere Raten am 27. 11. 1768 und 21. 3. 1770) Über die Restzahlung entspann sich ein langwieriger Streit, in dessen Verlauf interessante Details zutage kommen. Der


Kontrakt wurde erst geschlossen nach Abschluß der Arbeiten; die ersten 50 fl. wurden zwar quittiert, aber nicht bezahlt: es war ein Nachlaß, den Dieffenbrunner gewährte, um den Auftrag zu bekommen, mit einem höheren Kontrakt aber bei Verhandlungen mit späteren Auftraggebern eine bessere Ausgangsposition zu haben. Nach Widemann war das Dieffenbrunners übliches Verfahren. Dieffenbrunner hatte im Pfarrhof Kost und Wohnung, allein er war mit dem gewöhnlichen Essen nicht zufrieden (»ein pretioser Kostgänger« und »großer Liebhaber des Weins«), es mußte aufwendig für ihn gekocht werden.
Befund
Träger der Deckenmalerei: A Flachtonne mit Stichkappen; B, B1-4 Flachdecke; C verschliffenes Gratgewölbe mit Stichkappen
Rahmen: Die Gewölbedekoration und die Freskenrahmen sind gemalt. A goldener Ornamentrahmen, in den Achsen von Rocaillen übergriffen; B goldener Ornamentrahmen, in den Achsen und Diagonalen von Rocaillen übergriffen; B1-4 gemalte Rocaillekartuschen; C goldener gebogter Ornamentrahmen, von Rocaillen überspielt, im N und S in der Mitte von gemalten Wolken übergriffen


Technik: Fresko; A, B, C polychrom, B1-4 Grisaillen auf Goldbrokatgrund
Maße: A Höhe 6,00 m; 1,70 × 3,00
B Höhe 6,00 m; ∅ 6,90
C Höhe 5,10 m: 4,60 × 3,5
Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1843 wurde »die mit einem Fresco-Gemälde verzierte Weißdecke der Kirche. von der sich ein großes Theil völlig abgelöst hatte, ... wieder frisch verworfen, und im Sommer des darauffolgenden Jahres (1844) durch die Hand des sehr geschickten Kunstmalers Huber zu Dachau wieder ausgebessert« (Romeis, AEM); die Schäden waren durch Schneeeinwehung in den Dachstuhl entstanden. Das Kircheninnere wurde bei dieser Restaurierung blaßgrün getönt. Bei der nächsten Restaurierung 1873 wurde die Dekorationsmalerei bis auf die Bilder übertüncht. Bei der Untersuchung vor der Restaurierung 1901 zeigten die Deckenbilder wieder viele Sprünge und Spuren älterer Ausbesserungen; Ludwig Ametsberger, München, war für die Arbeiten vorgesehen. 1923 Restaurierung durch Josef Zimmermann, München-Allach. Die Dekorationsmalerei wurde nun wieder freigelegt und teilweise neu gemalt. Ältere Übermalungen an den Deckenbildern wurden abgenommen. 1961 Restaurierung durch Alban Wolf, München. Letzte, gründliche Restaurierung 1985/86 durch Martin Zunhamer, Altötting (Deckenbilder) und Johann Stachl, Großweil (Dekorationsmalerei). Die großflächigen, stark nachgedunkelten Übermalungen früherer Restaurierungen (besonders in B) wurden abgenommen, die stark vergrauten Deckenbilder (B fast bis zur Unkenntlichkeit) gereinigt, die originale Mal schicht fixiert. Ausbrüche und Fehlstellen wurden retuschiert. Der Zustand der Deckenbilder ist jetzt verhältnismäßig gut.
Beschreibung und Ikonographie
A ENGEL UM DAS DREIFALTIGKEITSSYMBOL Einansichtige Himmelsszene, Ansicht nach W. Links erscheinen im Vordergrund, stark verschattet, ein Engel mit Baßgeige, im Hintergrund rechts und in der Bildmitte weitere Engel mit Querflöte und Notenblatt. Ein großer Engel hält die Martyrersymbole Palmzweig und Lorbeerkranz. Vor hellen Wolken sieht man das Auge Gottes im Dreieck. (Das Fresko befand sich vor der Erweiterung der Kirche 1933 über der Orgel.)
B DER HL. MARTIN ALS PATRON Das große runde Hauptbild zeigt eine umlaufende Szenerie mit Hauptansicht nach O. Die Bildkonstruktion ist annähernd zentralperspektivisch, mit etwas nach W verrücktem Augenpunkt, so daß der Bildvordergrund im W vom Rahmen überschnitten ist. Ringsumlaufende Stufen, vor denen man im O noch einen schmalen Grasstreifen sieht und die im W durch den gemalten Rahmen überschnitten sind, führen ins Bild ein. In der Hauptansicht ist der hl. Martin dargestellt, in bischöflichem Gewand, von einer Schar Kleriker begleitet, von denen einer einen Kreuzstab, zwei Mitra und Pedum tragen. Eine prachtvolle, hochaufragende, annähernd achsensymmetrische Forumsarchitektur hinterfängt die Hauptgruppe, so daß diese seitlich von hohen Palastbauten mit oberem Balustradenabschluß flankiert ist, während dahinter ein niedriger konkav geschwungener Verbindungsbau geführt ist.
Auf Stufen und Grasstreifen im Vordergrund sind – achsensymmetrisch zur Hauptgruppe – zwei Gruppen von Bittflehenden dargestellt. Von links kommt eine kranke Frau, die ihr Bett trägt, daneben sieht man einen Pestkranken mit Glöckchen und zwei kräftige Männer, die einen Besessenen bändigen, aus dessen Mund der böse Geist in Gestalt von kleinen Teufeln entflieht. In der rechten Gruppe wird ein Elternpaar mit seinem Sohn gezeigt. Dieser ist durch weißes Linnen, das ihn umhüllt, durch ein Bein, das noch in der Erde steckt und durch die geschlossenen Augen als Toter gekennzeichnet. Nach rechts folgen auf diese Gruppe Kranke und Bresthafte.
Die große Gruppe des Heiligen und der Bittflehenden nimmt die östliche Hälfte des Kreisrunds ein. In der westlichen Hälfte sind architektonische Versatzstücke aufgebaut, repoussoirhaft im Vordergrund vor dem hellen Himmel aufragend. Links auf geschwungenem Podest steht eine Statuengruppe, die wohl Jupiter und, zu seinen Füßen lagernd, Bacchus darstellt. Diese Figuren werden von einem Blitz getroffen. Auf einem Podest rechts sind zwei Männer zu sehen, von denen einer auf die heidnischen Statuen, der andere auf die Kranken in der östlichen Bildhälfte weist. Der Blitz, der die Göttergruppe zerstört, vernichtet auch einen Turm, der im Hintergrund an der S-Seite des Freskos zu sehen ist. Ein Schiff mit gerefften Segeln im stürmischen Meer, fast verschmelzend mit dem lichten Hintergrund, ist ziemlich genau in der Ansicht nach W zwischen den beiden Figurengruppen dargestellt. Der gedrängten Komposition, deren zahlreiche Figuren die östliche Bildhälfte füllen, ist damit in der westlichen Bildhälfte eine locker gebaute pittoreske Szenerie von aufragenden Gruppen und in der Ferne verschwimmenden Darstellungen gegenübergestellt, in der sich der Bildraum atmosphärisch entfaltet. Das Operieren mit dunklen Silhouetten vor hellem Grund neben Ausblicken in die überhelle Bildtiefe geht auf Dieffenbrunners Lehrer Matthäus Günther zurück. Auffallend ist das Fehlen einer himmlischen Erscheinung. Über der Szenerie spannt sich nur ein leerer, heller Wolkenhimmel.
Die Farbigkeit ist im Vergleich zu früheren Fresken Dieffenbrunners blasser, zurückhaltender, auf einen bräunlichen Grundton zurückgenommen.
Der hl. Martin wird in diesem Bild in seiner Eigenschaft als Patron in verschiedenen Anliegen gezeigt. Auf sein Patronat gegen Krankheit und Besessenheit wird in den Szenen rechts und links von ihm hingewiesen, an seine Totenerweckungen erinnert das Elternpaar mit dem toten Sohn. Das Schiff in den aufgewühlten Wellen ist Hinweis auf die Legende, nach der ein Kaufmann, der noch Heide war, in Seenot den hl. Martin um Hilfe angerufen hatte, worauf Meeresstille eintrat (LA-Benz, S. 864). Der turmartige Bau, der in Trümmer fällt, spielt auf die Zerstörung eines heidnischen Tempels durch den Heiligen an (ebd.), die zerstörten Götterbilder darauf, daß er über die bösen Geister in Gestalt heidnischer Götter Macht hatte (ebd., S. 868).
B1-4 ALLEGORIEN In den gemalten Kartuschen der Pendentifs sind als Grisaillen vor Goldbrokatgrund Putten mit Attributen zu sehen. Sie weisen auf Ecclesia und die Drei Göttlichen Tugenden.



C GLORIE DES HL. MARTIN Einansichtige Himmelsszenerie, Ansicht nach O. - Auf einer Wolke kniet der hl. Martin in Bischofskleidung, von Engeln und Putten begleitet, die Pedum und Mitra halten. Zwei Engel tragen die Wolke nach oben, wo in hellen Strahlen die Dreifaltigkeit erscheint. Christus hält eine Krone für den Heiligen bereit. An den Seiten überspielen Wolken mit Puttenköpfchen den Rahmen.
Quellen und Literatur
AEM, Pfarrakten Kleinberghofen: Pfarrbeschreibung (Chronik der Pfarrer von Kleinberghofen von Johann Baptist Romeis, Ms um 1845); Pfarrkirchenbauten 1654–1774; Bauten II; Resignations- und Verlassenschaftssachen 1626–1810; Pastoral- und Kultusgegenstände 1656–1775.
Schmidtsche Matrikel, Bd 2, S. 395 f.
Mayer-Westermayer, Bd 3, S. 155–58.
KDB OB I (1), S. 206.
Historischer Atlas I, Bd 2 (Gertrud Diepolder), München 1950, S. 24–26.
Gruber, Max, Johann Georg Dieffenbrunner, in: Amperland 5, 1969, S. 90.
Böhm, Cordula, Mittenwald hat einen verlorenen Sohn zu entdecken, in: Charivari 1980, Heft 3, S. 16 f.
Paula, Georg, Johann Georg Dieffenbrunner. Leben und Werk (= tuduv-Studien, Reihe Kunstgeschichte, Bd 8), München 1983, S. 40–42, 154–59; Quellenauszüge S. 321–42.
-, Die Fresken Johann Georg Dieffenbrunners in der Kirche von Kleinberghofen und ihr unrühmliches Nachspiel, in: Amperland 20, 1984, S. 551–55.
Dehio 1990, S. 538 f.
Ulrich, Josef, Pfarrkirche St. Martin in Kleinberghofen (Faltblatt als Kirchenführer, o. O., o. J.).