Kirchheim in Schwaben, Schloss
Inventarnummer: cbdd10140
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Das Schloss Kirchheim in der Nähe von Krumbach beeindruckt nicht allein durch seine Lage über dem Mindeltal, sondern auch durch seine qualitätvolle Ausstattung vom Ende des 16. Jahrhunderts. Als ,schwäbisches Escorial‘ zählt es zu den „wichtigsten Beispielen des Manierismus in Deutschland“.

Das Bauwerk
Bau- und Ausstattungsgeschichte
„1551 kaufte Anton Fugger (1493-1560), der Neffe und Nachfolger von Jakob Fugger dem Reichen (1449-1525), für 137.000 Gulden [...] die Herrschaft Kirchheim in Schwaben von der Familie von Hürnheim. Nach dem Tod von Anton Fugger im Jahr 1560 wurde Kirchheim vorübergehend von dessen drei Söhnen gemeinsam verwaltet. Um möglichen Streit zu begrenzen, ging die Herrschaft mittels Losziehung an Hans Fugger (1533-1598) über.“[1]
Dieser ließ in dem Zeitraum ab 1578 bis circa 1590 die bestehende mittelalterliche Burg abtragen und durch eine vierflügelige prachtvolle Anlage auf der Hochfläche über der Flossach und Mindel errichten. „Als Baumeister [...] ist der Augsburger Stadtbaumeister Jakob Eschay überliefert.“[2]
Den kunsthistorischen Höhepunkt dieser Bau- und Ausstattungsphase bildet die Gestaltung des sogenannten Cedernsaales, dessen Decke aus verschiedenen Holzarten Wendel Dietrich konzipierte. Diesen 1585 fertiggestellten Saal befüllte man sukzessive einerseits mit großen Nischenfiguren aus Terrakotta, „von Carlo Pallago und Hubert Gerhart entworfen und modelliert.“[3] Andererseits kaufte Hans Fugger, der „in Waren- und Geldgeschäften weniger aktiv [war] und [...] sich Kultur und Kunst intensiver als sein Bruder Marx [widmete]“[4], über seine Agenten Hieronymus und Christoph Ott in Venedig unbesehen mehrere Gemälde-Zyklen auf.[5] Diese folgten wohl zeittypischen Vorstellungen der angemessenen Ausstattung eines fürstlichen Schlosses. Von einer übergeordneten Programmatik der verschiedenen Bildmedien ist dabei auszugehen.[6]
In diese Ausstattungsphase gehört auch das Eckzimmer des ehemaligen Wohnzimmers von Hans Fugger, als Frundsbergzimmer bekannt[7], das nicht mit mobilen Artefakten bestückt war, sondern dessen Wände und Gewölbe in Freskotechnik bemalt sind.
Im 18. Jahrhundert sind noch Umbau-Maßnahmen und Veränderungen im Inneren überliefert (1720–1730, 1760–1770). Freskenbestände haben sich bis heute nicht gefunden.[8]
Im 19. Jahrhundert lassen sich noch zwei bedeutende Ereignisse feststellen:
Erstens wird die ehemalige vierflügelige Schlossanlage in ihrer geschlossenen Ganzheit wesentlich beeinträchtigt, indem man 1852 den Nordflügel und die Hälfte des Westflügels abreißen lässt.[9]
Zweitens erlosch die Linie Fugger-Kirchheim, für die Kirchheim seit Hans Fugger als Stammsitz galt. „1878 ging das Haus an die Familie Fugger-Glött.“[10]
Das Frundsbergzimmer und sein Erker
Präsentation des Fugger-Wappens
„Als 1949 das Frundsbergzimmer – das Porträt des berühmten Landsknechtsführers hängt darin – restauriert wurde, kamen Freskomalereien zu Tage. [...] Alles das stammt aus der Erbauungszeit.“[11]
Diese sehr verknappte Angabe muss dahingehend präzisiert werden, da sich die Freskomalereien nicht im Frundsbergzimmer, sondern in dem südwestlich anschließenden Erker befinden.
Von diesem bemalten Innenraum existiert lediglich eine Aufnahme, welche die einzige bildliche Quelle zur kunsthistorischen Begutachtung und Analyse bietet.[12] Inventarisierende Beschreibungen ergänzen diesen mageren Bildbestand.[13]
Das Frundsbergzimmer liegt im ersten Obergeschoss, an der westlichen Seite des Südflügels. Es erweitert als kleiner Eckraum das ehemalige Wohnzimmer von Hans Fugger, das sich in Nord-Süd-Richtung erstreckt. Die Eingangsseite in den Erker ist als groß geöffnete Arkade, als ein Eingangstor inszeniert, deren Laibungsseite kassetiert und dekorativ gestaltet ist. An den oberen Reststücken der Wandöffnung, zum Hauptraum hingesehen, sind Dekormotive und im Scheitel, in einem schmalen Rechteckfeld, die Jahreszahl „MDLXXX“ für 1580 zu erkennen.
Die Ausrichtung der Eingangsarkade ist nicht rechtwinklig auf die Achsen des Frundsbergzimmers (und Schlosses insgesamt) bezogen, sondern als eine Raumschräge ausgeführt. Dies hat anschaulich den Vorteil, dass der Blick des Betrachters durch seine (unbewußte) Körperausrichtung (Kongruenz aus Körper- und Blickbahn) direkt auf das Wappen des Besitzers (Fugger-Kirchberg-Weißenhorn[14]) im Gewölbebereich hingelenkt wird. Dies befindet sich in dem breiten Gurt, der von der Raumecke über einer Nische mit Muschelkalotte ausgeht und die beiden Stichkappen der benachbarten Fenster voneinander trennt. Deren Gewölbefelder sind jeweils mit einer sechseckigen Stuckformation hervorgehoben, die Restflächen füllen die Schleifen von Blattranken aus.
Die freskale Ausmalung des Raumes imitiert in ihrer Erscheinung die Ausstattung einer Kammer mit sozial gehobenem Standard. Die Raumwände sind dementsprechend in ihrer unteren Hälfte in einer Textilstruktur (Brokat) wiedergegeben, die das Verhängen mit dekorativen Teppichen nachahmen. Auf ihren gemalten Gesimsleisten stehen rechts und links der Fensteröffnungen große Dekorvasen, die jeweils zwei Vögeln als Landeplatz dienen.
Im Gegensatz dazu besitzen die tief in die Umfassungswände eingeschnittenen Fenster, besonders deren Laibungsseiten, eine hoch dekorative Erscheinung, deren zentrales Motiv die wandbedeckende Blattranke bildet. Ihre optisch drohenden Auswucherungen werden auf den Laibungsseiten beider Fenster jeweils von einer gemalten Nische eingebremst, in der sich auf Steinkonsolen Vasen mit einem üppigen Blumenstrauß befinden.
Der Erker des Frundsbergzimmers und sein Zwilling
Räumliche Distanz und inhaltliche Nähe
Nur über die inventarisierende Beschreibung[15] ist eruierbar, dass der das Frundsbergzimmer erweiternde Eckraum an der gegenüberliegenden Flügelseite ein räumliches Pendant hat.
Es handelt sich dabei um das südöstliche Eckzimmer, welches an das ursprüngliche Tafelzimmer, heute: Maria-Theresia-Salon[16], anschloss.
Nach der Beschreibung von Habel scheint es sich um eine ähnliche Konzeption bei der Ausmalung des Erkers zu handeln: Über dem Bogenscheitel findet sich die Jahreszahl „MDLXXXI“ (1581), der Bogenunterzug ist ebenfalls mit Kassetten untergliedert, hier wohl mit Fuggerlilien und Rauten. „In den [Gewölbe]Feldern Rosetten und Rauten“[17] und „über der Südostecke [das] Wappen [der] Fugger-Kirchberg-Weißenhorn“[17] lässt tatsächlich eine sehr verwandte Machart erahnen, die möglicherweise sogar auf einen Entwerfer hinweisen könnte.
Dieser Unbekannte behielt dabei mehrere Aspekte gleichzeitig in seinem Blick:
1. erfolgte die räumliche Erschließung der beiden Haupträume (und Erker) am jeweiligen Ende des Flügelbaues von der Treppenanlage in der Flügelmitte aus; als Gast des Hausherren hatte man also einen ähnlich langen ,Zeremonialweg‘ zurückzulegen.
2. war das Endziel des ,Zeremonialweges‘ der jeweilige Hauptraum, dessen Raumannex sich gestalterisch und ikonographisch sehr ähnelten.
3. gehorchten beide Anräume anderen Funktionszusammenhängen, denn einerseits waren die Räume auf der westlichen Seite eher dem privaten (Wohnzimmer) und andererseits auf der östlichen Seite mehr dem öffentlichen Leben (Speisesaal) im Schloss vorbehalten.
- ↑ de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Kirchheim_in_Schwaben.
- ↑ Karg, Schloss, 2008, S. 4.
- ↑ Karg, Schloss, 2008, S. 15.
- ↑ Martin, Erdzeitalter, 2007, S. 197.
- ↑ Martin, Erdzeitalter, 2007, S. 197-205.
- ↑ Hundemer, Zum Ausstattungsprogramm, 2007, S. 177-196.
- ↑ Habel, Landkreis, 1971, S. 183; Bushart / Paula, Schwaben, 2008, S. 589.
- ↑ Bushart / Paula, Schwaben, 2008, S. 589.
- ↑ Kluger, Fugger, 2009, S. 172.
- ↑ Maresch, Schlösser, 2009, S. 127.
- ↑ Sayn-Wittgenstein, Schlösser, 1972, S. 270.
- ↑ Das Schloss konnte nicht besichtigt werden.
- ↑ Habel, Landkreis, 1971, S. 157-165, 168-187.
- ↑ Habel, Landkreis, 1971, S. 183.
- ↑ Habel, Landkreis, 1971, S. 181. Eine entsprechende Abbildung steht nicht zur Verfügung.
- ↑ Habel, Landkreis, 1971, S. 181.
- ↑ 17,0 17,1 Habel, Landkreis, 1971, S. 182.