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Hohenpeißenberg, Gnadenkapelle der Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt

Aus Deckenmalerei-Lab


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 1: Die Landkreise Landsberg am Lech, Starnberg, Weilheim-Schongau. Hirmer, München 1976, ISBN 978-3-7991-5737-7, S. 410–414, geschrieben von Bauer-Wild, Anna, Böhm, Cordula, Lüdicke, Lore und Werner-Clementschitsch, Heide. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Gnadenkapelle der Pfarr- und Wallfahrtskirche, Diözese München-Freising; z. Z. der Ausmalung zur Klosterpfarrei und Herrschaft Rottenbuch gehörig

Patrozinium: Mariä Himmelfahrt

Zum Bauwerk: 1514 legte der herzogliche Pfleger von Schongau, Georg von Pienzenau, den Grundstein zu einer Kapelle auf dem Hohenpeißenberg. Er schenkte der Kapelle ein Marienbild aus der Schongauer Schloßkapelle, das spätere Gnadenbild. Nach Inkorporierung der Gnadenstätte durch Kloster Rottenbuch (1604) wurde 1615 bis 1619 östlich der Kapelle die Wallfahrtskirche angebaut. 1747-48 erfolgte die Umgestaltung und Rokokoausstattung der Gnadenkapelle unter Leitung von Joseph Schmuzer, der hier, wie schon einige Jahre zuvor in der Augustinerchorherren-Stiftskirche Rottenbuch gemeinsam mit seinem Sohn, dem Stukkator Franz Xaver Schmuzer und mit Matthäus Günther arbeitete. — Dreijochiges, pilastergegliedertes LHs mit zentralisierender längsovaler Kuppel; eingezogener, zweiachsiger AR mit Pilastergliederung und dreiseitigem Schluß

Auftraggeber: Propst Clemens Prasser von Rottenbuch (1740-70)

Autor und Entstehungszeit: Signatur am Stein über dem südwestlichen Rahmen: MG (ligiert) indter / Fecit 1748. Günther, der schon im Auftrag von Propst Clemens Prasser die Stiftskirche Rottenbuch ausgemalt hatte, stand in besonders enger Beziehung zum Hohenpeißenberg. Er wurde 1705 in Tritschenkreit am Nordhang des Hohenpeißenbergs im heute noch bestehenden Güntherhof geboren.

Befund

Träger der Deckenmalerei: A längselliptische Kuppel, B Stichkappentonne, die die Struktur der abgeschlagenen Rippen erkennen läßt

Rahmen: A Stuckprofilrahmen, der von den Rocaillekartuschen A1-4 überspielt wird, B Rocaillerahmen, von den Rocaillekartuschen B1-2 überlappt

Technik: Fresko; A, B polychrom, A1-4, B1-2 monochrom ocker

Maße: A Höhe 8,00 m (Kuppelstich 1,30 m); 8,40 × 6,90 B Höhe 7,10 m; 4,90 × 4,25

Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1810 Ausbesserungen in A und in den AR-Fresken durch den Freskanten Nikolaus Augner (s. Personenregister), 1827 Restaurierung durch Martin Jaud, 1886 durch Stegmüller (frdl. Mitt. Pfarrer Jakob Mois, nach Unterlagen des Wallfahrtsarchivs). Vor der Restaurierung im Jahre 1905 durch M. Vogt waren die Fresken laut Akten des B. L. f. D. durch eingedrungene Nässe schwer beschädigt, besonders betroffen waren die Ostpartie von B und die Kartuschfresken B1 und A1-4; schlechte Übermalungen der N-Seite in Fresko A wurden vermerkt. Letzte Restaurierung 1959 durch H. Wimmer und K. Krönninger.

Der originale Farbcharakter ist verändert, im jetzigen Zustand wirken die Farben ockertonig und stumpf. Fresko A in der N-Partie (die Prozession mit dem Gnadenbild) und in der Himmelszone stellenweise sichtbar restauriert. B stark übermalt, A1-4 nahezu völlig erneuert, nur der Kopftypus in A3 zeigt noch Günthers Stil (keine Abbildungen). In B unauffällig behobene Feuchtigkeitsschäden

Beschreibung und Ikonographie

A GESCHICHTE UND WUNDER DER GNADENKAPELLE Die Szenen sind in einem dem Kuppeloval entsprechenden Rahmen zusammengestellt. Die Darstellung folgt der Legende der Gnadenkapelle und umfaßt die Ereignisse von der Gründung der Kapelle bis zu deren Umgestaltung im Rokoko.

A Geschichte und Wunder der Gnadenkapelle

eingeschriebenen Panorama so angeordnet, daß der Betrachter seinen Standpunkt in der Mitte des Raumes einnehmen und sich dann drehen muß. Durch dieses Kompositionsschema wird die zentralisierende Tendenz des Gemeinderaumes noch verstärkt. In der umlaufenden terrestrischen Zone unterscheidet man drei Szenen, die jedoch durch die West-Ost-Bewegung der Figuren und der Landschaftsdarstellung entlang des Ovals zusammengeschlossen werden. Im westlichen Bildfeld werden durch das Gnadenbild bewirkte Mirakel geschildert, im nördlichen die Überführung des Gnadenbildes nach Peißenberg (1514). Die Hauptansicht im Osten zeigt die Einverleibung der Gnadenstätte in das Stift Rottenbuch (22. Oktober 1608).

Vor einer feierlichen Architekturkulisse-genau in der Mitteachse - spielt auf einem Treppenpodest die historische Szene. Herzog Maximilian I. reicht mit einer generöser Geste die aufgerollte Inkorporationsurkunde dem demütig knienden Propst Wolfgang Perkhofer. An dem Akt nimmt Fürstbischof Ernst von Freising – wiedergegeben in Prälatentracht – teil. Der Herzog ist von Hofleuten und Soldaten begleitet, während dem Propst ein prozessionsartig geordneter Zug von Chorherren nachfolgt. Vor dem bergigen Landschaftspanorama – mit dem Stift Rottenbuch im Hintergrund und dem Ammertal im Vordergrund – steigt der Chorherrenzug hinter einem Steinsockel direkt über dem Bildrahmen empor und schreitet auf das Treppenpodest zu. Die Szene erstreckt sich auf diese Weise weit in die südliche Freskoseite hinein und hat dadurch einen leicht asymmetrischen kompositionellen Aufbau.

In hellen Farben gemalt ragt hinter der Architekturkulisse der Hohenpeißenberg mit Kirche, Gnadenkapelle und Wallfahrergebäuden auf. Darüber in gelb-lichter Glorie thront auf Wolken die Dreifaltigkeit zusammen mit Maria, der Patronin dieser Gnadenstätte. Engel und Putti lassen sich auf Wolken zu der irdischen Szene herab.

Dem Chorherrenzug entspricht an der N-Seite des Freskos eine Prozession von Männern — auch diese steigt aus einem Tale empor, von dem in der Ferne dargestellten Schongau herkommend. Sie tragen das reich gekleidete Gnadenbild hocherhoben zu der neu errichteten Kapelle. Allen voran ein Fahnenträger, der seinen Blick auf den Berggipfel richtet. In dem feierlichen Zug der Schongauer fällt ein Mann durch seine Größe und seinen weiten roten Mantel auf — in ihm ist wohl der herzogliche Pfleger Georg von Pienzenau, der Stifter des Gnadenbildes und seiner ersten Kapelle auf dem Berg zu erkennen.

Der westliche Bildteil ist einer detaillierten Darstellung der Leiden und Nöte der Bevölkerung vorbehalten. Am vorderen Bildrand einer nach hinten ansteigenden bergigen Landschaft lagern Kranke und Notleidende. Nordwestlich sitzen um den Stein mit der Signatur Günthers ein Blinder, ein Tauber, ein Kranker mit Krückstock und Pestglöcklein und ein Mädchen. Sie erwarten Hilfe und Heilung nach der Verheißung Jesu (Mt 11,5), die an dieser Gnadenstätte verwirklicht werden kann. Bei weiteren Szenen am Bildrand und im Hintergrund handelt es sich um Schilderungen nach Mirakelbüchern des Wallfahrtsortes, die bis in die Gegenwart des 18. Jh. hineinreichen: wunderbare Errettungen vom Tod durch Ertrinken, vor Viehseuche, vom Blitzschlag, vor Verfolgung durch einen berittenen Panduren, vor Sturz und aus Feuersbrunst.

Die radiale Anordnung der Figuren innerhalb des terrestrischen Panoramas und die auf den in der Bildmitte angenommenen Fluchtpunkt konvergierenden Architekturen, Bäume, Lanzen und Fahnenstangen erzielen Höhenwirkung. Dazu tragen auch die konzentrische Anordnung der verschieden schattierten Himmelszonen mit ihrer Aufhellung zur Mitte hin bei. Perspektivische Bildanlage, Größenmaßstab und figürliche Komposition erzielen beim Betrachter den Eindruck, mitten in das Landschaftspanorama hineinversetzt zu sein. Diese Wirkung wird durch die geringe Höhe des Kapellenraumes unterstützt. Über ihm nimmt die Dreifaltigkeitsgruppe — nahezu frontal und kaum verkürzt wiedergegeben — das lichte Zentrum des Bild-Himmels ein.

Im heutigen Zustand fehlt dem Fresko weitgehend die für Günthers Werke der 40/50er Jahre charakteristische atmosphärische Farbwirkung. Die duftige Malweise in lichten, aufeinander bezogenen Farbtönen findet sich noch bei der Dreifaltigkeitsgruppe und in der Inkorporierungs-szene. Die Farbskala basiert auf hellen Ocker- und gebrochenen Rottönen und geht in strahlendes Blau und Weiß über. Zitronengelb und ein verwandtes Apfelgrün wirken darin wie farbige Brechungen der umfassenden Helligkeit.

Im übrigen ist die Farbigkeit verfälscht; die Ocker- und Grüntöne in Wolken und terrestrischem Panorama wirken zu dumpf. Das grünliche Blau des Himmels in der nordwestlichen Partie ist offensichtlich neu, ebenso die bunten Farben bei der Gnadenbildprozession.

Die Darstellung der historisch ungleichzeitigen lokalen Ereignisse des 16., 17. und 18. Jh. vergegenwärtigt Günther in einheitlichen zeitgenössischen Kostümen. Die Vergegenwärtigung führt so weit, daß in der Inkorporierungs-szene Propst Wolfgang Perkhofer die Züge des damaligen Propstes Clemens Prasser erhält. Einige unter den porträtähnlich wiedergegebenen Chorherren dürften gleichfalls Zeitgenossen sein, vielleicht auch der eine oder andere der Schongauer Bürger. (Bei dem alten Bauern, der sein Vieh der Gnadenmutter anempfiehlt, soll es sich der Überlieferung nach um den Vater des Matthäus Günther handeln.)

Matthäus Günthers Fähigkeit, die Stilmittel des Rokoko für die Veranschaulichung und Deutung des topographischen Schauplatzes wie auch der zeitgenössischen Frömmigkeitsformen einzusetzen, gelangt hier zur Meisterschaft.

A1-4 BIBLISCHE PERSONEN (keine Abbildungen)

A1 TOD JOSEPHS Jesus und Maria neigen sich über das Sterbebett Josephs.

A2 TOD MARIENS Johannes Evangelista sitzt mit einer Kerze neben der sterbenden Maria.

A3 ZACHARIAS schwingt opfernd das Weihrauchfaß.

B Esthers Gastmahl B1 und B2

A4 ELISABETH sitzt vor dem Knaben Johannes, der den Kreuzstab mit Schriftband Ecce Agnus Dei hält.

Die in der barocken Ikonographie sehr geläufigen Szenen der Begleitfresken A1-4 stehen in losem Zusammenhang mit dem Marienthema des Hauptfreskos A. Sie zeigen die Eltern Jesu in den aus apokryphen Berichten stammenden Todesszenen (A1-2) und die Verwandten Jesu, Johannes den Täufer und dessen Eltern (A3–4).

B ESTHERS GASTMAHL (Esth 7)

Schauplatz der einansichtigen Szene ist eine prunkvolle Palastszenerie, in die bühnenmäßig eine Rampe am östlichen und eine Vorhangdraperie am westlichen Bildrand einführen. Eine komplizierte Stufenanlage bildet das Podest für die Mahlszene. Von dem Unterbau, auf dessen Vorsprung ein Page mit dem Zepter des Königs Assuerus sitzt, führen zwei Stufen zur Tafel der Königin. Am Kopf der weißgedeckten Tafel thront Assuerus und neigt sich zu Esther, die auf der gegenüberliegenden Seite niedergekniet ist und in bittender Haltung für die ihr folgenden Juden um Gnade fleht. Hinter der Tafel ist Aman aufgesprungen und blickt erschrocken auf Esther.

Die Szene ist vor die Arkadenarchitektur gesetzt, nur ein goldener Kronleuchter deutet Innenräumlichkeit an. Rechts im Hintergrund der ursprünglich für Mardochäus bestimmte Galgen, an dem nun Aman enden wird.

Das Fresko im AR ist farblich besser erhalten. Zwei spannungsvoll aufeinander bezogene Grundfarben, helles kühles Grauweiß, das durch grüne, violette oder blaue Mischtöne variiert ist, und warmes, intensives Goldocker, das sich mit Karmintönen verbindet, bestimmen das Gemälde.

B1 ABIGAIL VOR DAVID (1. Sam 25,23 ff.) Abigail, gefolgt von einem Lasttier und einem Knecht, fleht David um Milde gegenüber ihren Leuten an.

B2 REBEKKA AM BRUNNEN (Gen 24,22 ff.) empfängt aus den Händen des vor ihr knienden Knechtes Abrahams Geschmeide.

Die Altarraumfresken B, B1-2 beziehen sich typologisch auf die im Gnadenbild verehrte Maria. In den drei alttestamentarischen Szenen werden hilfsbereite und vermittelnde Vorbilder Mariens vorgeführt: die Königin Esther, die für die von Aman verfolgten Juden eintritt, die Fürbitterin Abigail bei David, der Laban und seine Leute wegen ihrer Bosheit erschlagen wollte, und Rebekka, die dem Knecht und den Tieren Abrahams am Brunnen Wasser reichte und zur Braut Isaaks erwählt wurde. Wie diese

soll Maria beim Herrn für die Unterdrückten und Verfolgten Hilfe erflehen und mildtätig Gnade gewähren.

Quellen und Literatur

Mayer-Westermayer, Bd 3, S. 12 ff. KDB I OB (1), S. 582.

Gundersheimer, Hermann, Matthäus Günther, Augsburg 1930, S. 40.

Mois, Jakob, Die Wallfahrt Unserer Lieben Frau auf den Hohenpeißenberg, in: OAVG 75, 1949, S. 1-83 (mit aus führlichen Literaturangaben).

Hofmann, Sigfrid, Der Landkreis Schongau, Müncher 1959, S. 70.

Neu, Wilhelm, Unbekanntes aus der Lebensgeschichte Matthäus Günthers und aus der Geschichte seines Heimathofes in: Lechisarland 1961, S. 52–55.

-, Unbekannte Frühwerke des Baumeisters Joseph Schmuzer, in: Lechisarland 1963, S. 26.

Diermeier, Severin Ludwig, Hohenpeißenberg (= KKI Nr. 759), München 1963.

Mauthe, Willi, Der Pfaffenwinkel, Weilheim 21964, S. 40.

Fried, Pankraz und Sebastian Hiereth, Die Landgerichte Landsberg und Schongau (= Historischer Atlas von Bayern, Bd 22/23), München 1971, S. 247

IFFELDORI

Pfarrkirche Heuwinklkapelle S. 419