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Herten, Haus Herten

Aus Deckenmalerei-Lab
Laß, Heiko:Herten, Haus Herten, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2024, URL: www.deckenmalerei.eu/c5e59f78-4149-43a3-9143-8c838047164a

Inventarnummer: cbdd10259

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Der Text dieses Artikels steht – ausgenommen Abbildungen – unter der Lizenz CC BY 4.0. Dieser Artikel ist lediglich eine Kopie der Originalveröffentlichung auf deckenmalerei.eu und kann veraltet sein; maßgeblich ist die dortige Originalfassung.

Haus Herten bewahrt zwei Deckenmalereien aus der Zeit um 1700. Stark zerstört wurden sie im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts restauriert bzw. rekonstruiert.

Haus Herten

Kurzbeschreibung und Lage

Das so genannte „Schloss“ Herten[1] steht im Westen der gleichnamigen Stadt am Rande eines großen Parks. Es setzt sich aus einer trapezförmigen Vierflügelanlage und einem im Westen gelegenen Wirtschaftshof zusammen, die beide von Wassergräben umgeben sind.

Bau-, Ausstattungs- und Nutzungsgeschichte

Die älteste urkundliche Nennung des Hauses Herten stammt von 1376. Seine gegenwärtige Gestalt erhielt der Komplex überwiegend im 16. und 17. Jahrhundert im Auftrag der Familie von Nesselrode durch Henric und Johann de Suer. Die Wälle und Bastionen wurden bereits Mitte des 17. Jahrhunderts wieder niedergelegt und die Innenräume teilweise neu ausgestattet. Ein Brand im West- und Nordflügel 1687 veranlasste im Rahmen der Wiederherstellung eine Barockisierung der Anlage. Der Südflügel verlor sein Obergeschoss zu einem unbekannten Zeitpunkt, vermutlich Mitte des 19. Jahrhunderts. 1908 kam die Kapelle aus Schloss Grimberg noch in die Vorburg. Vernachlässigungen und Bergschäden machten ab 1967 Sanierungen einschließlich einer neuen Fundamentierung und neuer Tragekonstruktionen notwendig, die bis 1989 andauerten. 1977 gelangte die Anlage an den Landschaftsverband Westfalen-Lippe.[2]

Auftraggeber

Die Familie von Nesselrode stellte in der Frühen Neuzeit fast durchweg den kurkölnischen Statthalter im Vest Recklinghausen. Freiherr Franz von Nesselrode-Reichenstein wurde 1702 von Kaiser Leopold I. aufgrund des Besitzes der Grafschaft Reichenstein in den Reichsgrafenstand erhoben.[3]

Beschreibung

Das eigentliche Herrenhaus ist eine trapezförmige Vierflügelanlage. Der Zugang erfolgt von Westen über die Vorburg. Einen weiteren Zugang gibt es im Norden vom Garten aus. Die Flügel sind von Ziegelstein mit Werksteingliederungen. Bis auf den eingeschossigen Südflügel haben die Flügel zwei Geschosse unter Satteldächern. An der Südwest-, Nordwest- und Nordostecke stehen runde Türme mit Kegeldächern. Der Südflügel besitzt an der Hofseite einen offenen Laubengang. Er hat ein Pendant in den offenen Arkaden im Sockelgeschoß des Nordflügels. Bis in das 17. Jahrhundert befand sich hier eine doppelgeschossige Galerie zwischen zwei Treppentürmen. Das Schlossinnere ist weitgehend durch die Umbauten des späten 20. Jahrhunderts geprägt. Erhalten haben sich zwei Säle mit Deckenmalerei, die komplett das Erdgeschoss des Ostflügels einnehmen.[4]

Der so genannte Große Saal

Bau- und Ausstattungsgeschichte

Der Große Saal wurde nach 1650 im Auftrag von Bertram von Nesselrode ausgestattet. Nach 1974 erfolgte seine Restaurierung.[5]

Beschreibung

Der Raum nimmt mit 176,46 Quadratmetern mehr als die Hälfte vom Erdgeschoss des Ostflügels ein. Er wird von der Nordwestecke betreten. Im Nordosten ist ein Eckturm gelegen. Nach Süden führen zwei Türen in den so genannten Kleinen Saal, der den Rest des Erdgeschosses einnimmt. Der Große Saal hat drei Fenster zum Hof im Westen sowie nach Norden zwei und nach Osten fünf Fenster.

Die Deckenmalerei im Großen Saal

Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Das Deckengemälde von ca. 1687-1702 ist zu rund 59 Prozent zerstört. Es wurde 1975/76 unter mehreren Überstrichen wiederentdeckt und anschließend in 1,30 x 2,50 Meter großen Stücken zerschnitten abgenommen, vollständig freigelegt, auf einen neuen Träger übertragen, retuschiert und 1977-79 wieder eingebaut. Die fehlenden Bereiche sind mit unbemalten Platten aufgefüllt. Die Quadraturmalerei wurde analog zum Bestand ergänzt, das Figurenprogramm des Himmels nicht.[6]

Beschreibung und Ikonographie

Die über einem Stuckband komplett bemalte Decke misst 17,3 auf 10,2 Meter. Eine Scheinarchitektur mit Balustrade gewährt den Ausblick in einen Himmel. Erhalten hat sich im rechten unteren Drittel dieses Ausblicks eine violett gekleidete männliche Rückenfigur mit grauen Haaren und Vollbart zwischen zwei Jünglingen, die Winde personifizieren. Der rechte entledigt sich eines grünen Mantels und stößt einen Krug mit Wasser um. Ferner haben sich einige Putten erhalten sowie Genien, die oberhalb der Gruppe Blumen aus einem Korb herabstreuen. Vermutlich sind Jupiter zusammen mit dem Nord- und Südwind dargestellt.[7]

Der so genannte Kleine Saal oder Barocksaal

Bau- und Ausstattungsgeschichte

Der Kleine Saal wurde nach 1650 im Auftrag von Bertram von Nesselrode ausgestattet. Um 1700 wurde er neugestaltet. Im Rahmen der Maßnahmen wurden drei Fenster zugesetzt und die Decke neu geschaffen. Nach 1974 erfolgte seine Restaurierung.[8]

Beschreibung

Der fast quadratische Raum nimmt etwas mehr als das südliche Drittel des Erdgeschosses vom Ostflügel ein. Er wird durch zwei große Türen aus dem Großen Saal im Norden betreten. Eine Nebentür führt in der Südwestecke zu einer Wendeltreppe. Je ein Fenster im Osten und eines im Westen sowie zwei Fenster im Süden geben dem Raum Licht. Zwischen den beiden südlichen Fenstern steht ein Kamin.

Die Decke im Kleinen Saal

Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die Stuckdecke mit ihren fünf Deckengemälden wurde vermutlich 1687-1702 für Franz von Nesselrode geschaffen. Die Künstler sind unbekannt.[9]

Beschreibung und Ikonographie

In der Voute über dem Kamin ist das Allianzwappen von Franz Reichsfreiherr von Nesselrode und seiner Frau Anna Maria von Wylich unter einer Rangkrone angebracht. Die Decke selbst zeigt im Stuck Greifen beiderseits von Schmuckvasen in den Ecken sowie Putten, die Festons halten. Hinzu kommen Akanthusschlingen und fünf Deckenbilder. Das zentrale Hauptbild zeigt die Entführung der Oreithyia durch Boreas, die Nebenbilder präsentieren Allegorien der vier Jahreszeiten.

Das Hauptbild

Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Das Gemälde wurde vermutlich 1687-1702 für Franz von Nesselrode geschaffen. Der Künstler ist unbekannt. Die Malerei war nach einem Wassereinbruch kaum mehr zu erkennen und teilweise ganz zerstört. Das Gemälde wurde bis 1989 restauriert bzw. rekonstruiert.[10]

Beschreibung und Ikonographie

Durch eine Balustrade hindurch erblickt man den Himmel. Im Zentrum in hellem Licht fliegt Boreas mit Oreithyia in den Armen. Während ihr Entführer sie verliebt anschaut, wirft die Entführte verzweifelt die Arme empor. Den Gegensatz des Paares unterstreicht der Komplementärkontrast ihres roten Mantels zu seinem grünen Umhang. Umgeben ist das strahlende Zentrum von einem Reigen tanzender Putten. Hinter der Balustrade befindet sich an jeder Seite eine Gruppe von zwei Personen. Sie diskutieren miteinander, schauen herab oder betrachten das Geschehen am Himmel.

Die vier Nebenbilder

Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die vier Malereien wurden vermutlich 1687-1702 für Franz von Nesselrode geschaffen. Der Künstler ist unbekannt. Die Malerei war nach einem Wassereinbruch kaum mehr zu erkennen und teilweise ganz zerstört. Die vier Bilder wurden im Anschluss an vorhandene Reste bis 1989 neu gemalt.[9]

Beschreibung und Ikonographie

Die vier Jahreszeiten sind jeweils durch eine Person mit Attribut personifiziert, zu der sich zwei Putten gesellen.

Den Frühling stellt eine weißgekleidete barbusige Frau mit Blumen im Haar dar. Mit ihrer linken Hand hält sie einen Blumenkorb. Rechts und links von ihr befinden sich zwei Putten.

Der Sommer wird durch eine Frau im roten Rock und weißen Obergewand personifiziert. Sie hält einen Krug mit Obst im Arm. Ihr Haupt hat sie gegen die Sonnenstrahlen bedeckt und weist mit ihrem rechten Zeigefinde noch oben. Links von ihr isst eine Putte ein Stück Wassermelone, während eine Putte rechts einen Gegenstand in der Hand hält.

Für den Herbst steht eine weißgekleidete Frau, die eine Weinrebe in der rechten Hand vor ihren Mund hält. Mit der linken Hand umfasst sie einen großen Krug mit Obst. Eine Putte bedient sich von dort mit Weintrauben, während eine andere zu ihr aufschaut.

Den Winter personifiziert ein alter Mann in einem violetten Mantel, der sich an einem Feuerkelch wärmt. Eine Putte legt Zweige nach, während eine andere den Alten betrachtet.

Bibliographie

  • Literatur:
  • Dehio, Westfalen, 2011. – Dehio, Georg: Nordrhein-Westfalen II. Westfalen (Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler). Bearbeitet von Ursula Quednau. München/Berlin 2011.
  • Kleinschulte, Herten, 2010. – Kleinschulte, Stefan: Schloss Herten, in: Niederhöfer, Kai (Red.): Burgen AufRuhr. Unterwegs zu 100 Burgen, Schlössern und Herrensitzen in der Ruhrregion. Essen 2010, S. 339-342.
  • Körner, KDM Recklinghausen, 1929. – Körner, Johannes (bearb.): Landkreis Recklinghausen und Stadtkreise Recklinghausen, Bottrop, Buer, Gladbeck und Osterfeld (Die Bau- und Kunstdenkmäler von Westfalen, 34). Münster 1929.
  • Looz-Corswarem, Nesselrode, 1999. – Looz-Corswarem, Clemens Graf von: Nesselrode, von, in: Neue Deutsche Biographie. Bd. 19. Berlin 1999, S. 73.
  • Schumacher-Haardt, Herten, 1993. – Schumacher-Haardt, Ursula: Schloß Herten (Westfälische Kunststätten, 68). Münster 1993.
  • Westfalen 56 (1978). – Westfalen. Hefte für Geschichte, Kunst und Volkskunde, 56. Münster 1978.
  • Westfalen 62 (1984). – Westfalen. Hefte für Geschichte, Kunst und Volkskunde, 62. Münster 1984.
  • Westfalen 67 (1989). – Westfalen. Hefte für Geschichte, Kunst und Volkskunde, 67. Münster 1989.
  • Archivalien:
  • Lehmkuhl, Festsaal, 2011. – Lehmkuhl, Thomas: Dokumentation zu Schäden und Konservierungsmöglichkeiten an der Deckenmalerei im Festsaal des Hertener Schlosses. Bericht verfasst i. A. Nicola Hartmann von Rüden, 21.06.2011, in: Landschaftsverband Westfalen-Lippe – Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen. Archiv. Herten, Schlossanlage Herten, Deckenmalerei, 1997, 2008, 2011.

Einzelnachweise

  1. Dehio, Westfalen, 2011, S. 444-445; Schumacher-Haardt, Herten, 1993; Kröner, KDM Recklinghausen, 1929, S. 265-276.
  2. Dehio, Westfalen, 2011, S. 444-445; Kleinschulte, Herten, 2010; Schumacher-Haardt, Herten, 1993.
  3. Looz-Corswarem, Nesselrode, 1999.
  4. Dehio, Westfalen, 2011, S. 444; Kleinschulte, Herten, 2010, S. 340; Körner, KDM Recklinghausen, 1929, S. 265-270.
  5. Kleinschulte, Herten, 2010, S. 342; Westfalen 67 (1989), S. 151-152; Westfalen 56 (1978), S. 470-472.
  6. Lehmkuhl, Festsaal, 2011, S. 3; Westfalen 67 (1989), S. 151-152; Westfalen 62 (1984), S. 508; Westfalen 56 (1978), S. 470-471.
  7. Lehmkuhl, Festsaal, 2011, S. 3; Westfalen 67 (1989), S. 151-152.
  8. Kleinschulte, Herten, 2010, S. 342; Westfalen 67 (1989), S. 152; Westfalen 56 (1978), S. 470-472.
  9. 9,0 9,1 Westfalen 67 (1989), S. 152.
  10. Westfalen 67 (1989), S. 152