Heilig Blut am Wasen, Pfarrkirche Heiligste Dreifaltigkeit
Pfarrkirche, Pfarrei Rosenheim - Heilig Blut, Stadt Rosenheim, Erzdiözese München und Freising; z.Z. der Ausmalung Filiale der großen Pfarrei Pang, die 1354 dem Kollegiatstift Schliersee inkorporiert wurde und mit diesem 1498 an das Kollegiatstift U.L.F. in München gelangte. An der Kirche bestand eine besonders im 17. Jh. bedeutende Wallfahrt zum Heiligen Blut. 1654 wurde die an der Pfarrkirche Pang bestehende Sebastiansbruderschaft nach Heilig Blut übertragen. Eine Heilig-Blut-Reliquie besaß die Kirche erst seit 1730. Gericht Aibling
Patrozinium: Heiligste Dreifaltigkeit
Zum Bauwerk: Neubau einer kleinen steinernen Kirche 1507/08 anstelle der alten hölzernen Wallfahrtskapelle. An die Westseite dieser Kirche hat der Rosenheimer Maurermeister Caspar Prothueber 1610/11 nach Plänen des Münchner Hofmaurermeisters Georg Huetter ein geräumiges Langhaus angebaut, und die spätgotische Kirche zum Chor der neuen Kirche umgewandelt. Als man 1653 die Sebastians-Bruderschaft von Pang nach Heilig Blut transferieren wollte, argumentierte man, dort sei »ain solch wundterthettiges und bequemes Gottshaus verhanden«, das sich gut eignen würde, »sintemahlen in demselben ohne das ain Altar in Ehrn deß heil. Sebastian aufgericht ist«. Übertragung 1654. Umbau des Chors 1686/87: Erhöhung der Außenmauern, Neuwölbung, Gliederung durch Pilaster und Ausbrechen bzw. Vergrößern der Fenster in Form der sog. Krumper-Fenster durch den Maurermeister Hanns Mayr von der Hausstatt. Gleichzeitig reiche Stuckierung des Chors durch Giulio Zuccalli gen. Christofori (vgl. Sachrang, S. 462; s. Bomhard, Bd 1, S. 101 und Anm. 114). Neuer Hochaltar um 1690 mit dem Gnadenstuhl aus dem spätgotischen Hochaltar um 1515/20.
Im Langhaus wurde 1760 anstelle der ursprünglichen Holzdecke eine verputzte Flachdecke über einer Hohlkehle eingezogen, mit dekorloser Felderteilung (Stuckierung und Deckenbild im LHs 1948), anschließend Neueinrichtung des Langhauses mit Kirchengestühl und Kanzel (1762/63) sowie zwei Seitenaltären (1764/65) durch den Aiblinger Kistler Sebastian Laufhüber. Die Deckenbilder befinden sich im AR. AR zu vier Jochen mit dreiseitigem Schluß, Pilastergliederung, gleichmäßige helle Belichtung durch vier hohe Krummer-Fenster im N, eins im S und durch zwei in den Schlußschrägen.

Auftraggeber: Das Kollegiatstift U. L. F. in München. Pfarrer von Pang war in der fraglichen Zeit Stephan Widmann (1672-93). Die Wallfahrtskirche Heilig Blut war die vermögendste Kirche des Gerichts Aibling.
Autor und Entstehungszeit: Zuschreibung an Anton Vicelli (* 1662 Sillian † 1741 München) 1686/87
Bomhard (Bd 1, S. 102 und Anm. 116) schreibt die Deckenbilder dem Aiblinger Maler Johann Baptist Vicelli zu, der seit 1670 in Aibling als Bürger und Maler ansässig war. Als Vergleichsbeispiel zieht er das ehem. Altarblatt von St. Vitus in Mietraching bei Aibling heran (heute an der N-Wand des LHs), das für Johann Vicelli archivalisch gesichert ist (BSB Kloeckeliana Bd 341). Tatsächlich sind die Deckenbilder von Heilig Blut mit der Darstellung des Martyriums des hl. Vitus in Mietraching eng verwandt. Aber noch weit mehr Übereinstimmungen zeigen sie mit den Deckenbildern in Frauenreuth im Landkreis Ebersberg, die Johann Baptist Vicellis Bruder Anton zugeschrieben werden müssen. »Gemeinsam sind ihnen die Figurentypen mit ihrer oft gedrehten Körperhaltung, die lebhafte Gestik, die gebauschten Gewänder, die Freude am Variieren der häufig im Profil dargestellten Physiognomien, die sehr fein gemalten Haar- und Barttrachten, wobei die Bärte im Profil oft abstehen, wie auch die Hände und Finger extrem lang gemalt sind und mit deutlich abgesetzten Fingergliedern« (CBD, Bd 11, S. 344f.).
Johann Baptist und Anton Vicelli waren Brüder. Es ist anzunehmen, daß beide bei ihrem Vater gelernt haben, dem Maler Johann Vicelli in Sillian in Osttirol. Von daher kann man sich die stilistischen Übereinstimmungen erklären, die die drei Werke in Frauenreuth, Mietraching und Heilig Blut verbinden, trotz der Unterschiede, die zwischen Mietraching einerseits und Frauenreuth und Heilig Blut andererseits bestehen. Anton Vicelli arbeitete in Aibling als junger Maler in den achtziger Jahren in der Werkstatt seines Bruders mit und heiratete 1686 des Bruders Stieftochter Anna Margaretha Weillechner, nachdem das Paar schon ein uneheliches Kind hatte.
In dieser Aiblinger Zeit Anton Vicellis führte er wohl im Auftrag des Bruders die Deckenbilder in Heilig Blut aus und 1703, als er bereits im Gericht Schwaben ansässig war, die Deckenbilder in Frauenreuth.
Befund
Träger der Deckenmalerei: AR Stichkappentonne
Rahmen: Die runden Bildfelder sind durch starkplastische Blattkränze gerahmt. Technik: Öl auf Leinwand; polychrom. Maße: Höhe 9,50 m; A und B Durchmesser 2,20. Erhaltungszustand und Restaurierungen: Restaurierung 1871. 1944 war das Dach der Kirche durch Fliegerangriffe schwer beschädigt worden und wurde 1946 samt den Fenstern repariert, das Mauerwerk trockengelegt. Innenrestaurierung 1948 durch Max Faltner, Rosenheim, mit Reinigung der Deckenbilder. Im Raum sollte die Erstfassung wiederhergestellt werden. Der Stuck wurde von Wilhelm Maile, Planegg, repariert; Maile stuckierte auch an der LHs-Decke, wo Kajetan Dreisser aus Rohrdorf ein neues Deckenbild malte. Laut BLfD (4. 1. 1973) wurde damals der ursprünglich weiße Stuck im Chor völlig willkürlich getönt und von Dreisser vier Medaillonfresken gemalt. Letzte Reinigung und Restaurierung mit Neutönung des Stucks 1974 durch Fa. Ludwig Keilhacker, Taufkirchen. Dreissers Deckenbild im LHs und Mailes Stuck wurden beibehalten. Ab 1992 fanden Voruntersuchungen zu einer erneuten Innenrestaurierung statt, bei der 1996 die Deckenbilder von Manfred Lauber, Bad Endorf, restauriert wurden; anschließend Restaurierung der Einrichtung.
Beschreibung und Ikonographie
Die beiden Rundbilder sitzen im Scheitel des Chorgewölbes jeweils zwischen zwei Stichkappen in schweren quadratischen Stuckprofilen, von vollplastischen Blattkränzen eingefaßt. Aufgrund der Öltechnik wirken die Gemälde dunkel und schwer, sie sind auch tafelbildmäßig konzipiert. In den Stichkappen mit ihrem Akanthus- und Lorbeerlaubstuck befinden sich vier Medaillonfelder mit den Vier Evangelisten und dem Lamm Gottes von 1948 (anstelle älterer unbedeutender Fresken der Vier Kirchenväter, s. Bomhard, S. 102).
A KRONUNG MARIENS Maria kniet in der Mitte auf Wolken; mit ausgebreiteten Armen und zur Taube des Heiligen Geistes erhobenem Blick empfängt sie die Krone aus den Händen Gottvaters, der in seiner Linken die Weltkugel hält, und von Christus, der das Zepter in der Rechten trägt. Das Bild folgt dem herkömmlichen Krönungstypus, durch das Rundformat wird das Motiv der erhöht sitzenden Göttlichen Personen begünstigt. Das Format wird vollkommen von den drei Figuren mit ihren Nimben und der Geisttaube ausgefüllt, umgeben von einem sehr schmalen Wolkenkranz mit Puttenköpfchen. Zu der Farbtrias Rot-Blau (der Gewänder) und Gelb (Hintergrund) tritt nur ein kühles Grau, das beim Inkarnat mit wenig Rosa und Weiß gemischt ist.
B ABENDMAHL Durch geraffte Vorhänge wird der Blick in einen apsidialen Innenraum mit Fenstern und Pilasterordnung geöffnet, dem der Abendmahlstisch mit Speisen und Geschirr vorne in leichter Aufsicht vorgestellt ist. Christus und Johannes bilden die Zentralgruppe, die übrigen elf Apostel sind gedrängt, teils stehend, rechts und links halbkreisförmig an den Bildrändern dargestellt. Judas mit dem Geldbeutel ist rechts im Vordergrund dargestellt, den Blick zum Betrachter gewandt. Der Maler bemühte sich um Variationen in den Physiognomien.
Die Kirche besitzt vier Altäre. Der Hochaltar aus der Zeit um 1690 hat als Hauptbild die geschnitzte Gruppe des Gnadenstuhls, die dem Meister von Rabenden zugeschrieben wird und aus dem gotischen Altar stammt. Dem Gnadenstuhl ikonologisch zugeordnet sind die beiden Seitenfiguren der trauernden Maria und Johannes, Arbeiten des Rosenheimer Bildhauers Blasius Maß von 1690 (Zuschreibung Bomhard).

»Gemeinsam sind ihnen die Figurentypen mit ihrer oft gedrehten Körperhaltung, die lebhafte Gestik, die gebauschten Gewänder, die Freude am Variieren der häufig im Profil dargestellten Physiognomien, die sehr fein gemalten Haar- und Barttrachten, wobei die Bärte im Profil oft abstehen, wie auch die Hände und Finger extrem lang gemalt sind und mit deutlich abgesetzten Fingergliedern«

Der nördliche Seitenaltar hat als Altarblatt eine Kreuzabnahme (um 1615). Im Auszug Statue des hl. Korbinian, eine Arbeit des Aiblinger Bildhauers Ignaz Stumbeck. Das Altarblatt des südlichen Seitenaltars zeigt Maria Immaculata (1694), die Figur im Auszug ist der hl. Benno von Meißen (Ignaz Stumbeck).
Der Sebastiansaltar an der nördlichen Langhauswand ist eine große Schauwand aus einzelnen Gemälden um eine auf der Mensa stehende Sebastiansfigur. Hier wurden um 1690 zwei Stiftungen des Rosenheimer Bürgermeisters und Handelsherrn Andreas Weidacher aus dem frühen 17. Jh. zusammengefügt: ein Altar mit der Figur des hl. Sebastian und ein Zyklus von sieben Gemälden, die Sieben Blutvergießungen Christi darstellend: So entstand eine Bildwand mit einem aufwendigen Säulen-Rahmenwerk, das 1948/49 reduziert wurde. Die Sieben Blutvergießungen Christi sind: Beschneidung, Blutschwitzen am Ölberg, Geißelung, Dornenkrönung, Entkleidung, Kreuzannagelung, Öffnung der Seitenwunde.
Quellen und Literatur
AEM, Pfarrakten Pang, Pfarrbeschreibung: Altäre; Filiale Heiligen-Blut 1626–1846: Sebastiansbruderschaft und Stiftungen Weidachers.
BLfD. Akt Heilig Blut am Wasen, Wallfahrtskirche.
Schmidtsche Matrikel, Bd 2, S. 79f. Mayer-Westermayer, Bd 2, S. 769 f. KDB IOB (2), S. 1598f.
Kiener, Georg, »Hl. Blut« bei Rosenheim, Inn-Oberland 3 1904, 5. 49-52.
Bauer, Anton, Heiligblut am Wasen. Geschichte einer Wallfahrt im bayerischen Inn-Oberland, Pfarrei Pang, Landkreis Rosenheim, Rosenheim 1949.
Bomhard, Bd 1, S. 99-104, 396-98, 447.
Bauer, Anton, Die Wallfahrten und Gnadenbilder im Gebiet des alten Dekanats Aibling, in: Der Mangfallgau 2, 1957, S. 62- 69. Heilig Blut S. 65.
Franz, Heinrich Gerhard, Dientzenhofer und »Hausstätter«. Kirchenbaumeister in Bayern und Böhmen, München und Zürich 1985, S. 34 und Anm. 33.
Bomhard, Peter von, Heilig Blut am Wasen (= KKF 761), München und Zürich 1962, 21986.
Dehio 1990, S. 413 f.
Zumpf, Hugo, Graubündner Baumeister und Stukkateure im Chiemgau und in Salzburg, in: Jahrbuch des Historischen Vereins für den Chiemgau 1992, S. 25–58. Giulio und Pietro Zuccalli S. 53–56. Heilig Blut S. 53.
Pfister, Max, Baumeister aus Graubünden - Wegbereiter des Barock. Die auswärtige Tätigkeit der Bündner Baumeister und Stukkateure in Süddeutschland, Österreich und Polen vom 16. bis zum 18. Jahrhundert, Chur-München-Zürich 1993. Heilig Blut S. 297.
Heuser, Hendrik, Der Holzwurm wohnt weiter im Altar, in: Oberbayrisches Volksblatt vom 19.7. 1997.
O. V. (Benno Biehler, Hg. Pfarramt Heilig Blut), Die Kirchen der Pfarrei Rosenheim-Heilig Blut (= Christliche Kunst in Bayern Nr. 7), Salzburg 2000. A. B./K. S.