Hannover, ehem Residenzschloss Leineschloss
Inventarnummer: cbdd10012
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Der 1685-88 erbaute Hauptsaal des 1943 ausgebrannten Residenzschlosses wurde bereits im 19. Jahrhundert tiefgreifend verändert und ist verloren. Er hatte ein auf die Dynastie bezogenes Programm aus Malerei, Stuck und Gobelins.

Das ehemalige Leineschloss in Hannover
Das Schloss:
Das ehemalige Residenzschloss[1] in Hannover - Leineschloss genannt - ging im Ursprung auf ein 1291 gegründetes Kloster zurück, das 1533 säkularisiert wurde. Nachdem Hannover 1635 von Herzog Georg zur Residenz des Fürstentums Calenberg bestimmt worden war, wurde das Kloster ab 1637 für eine fürstliche Hofhaltung umgebaut. Erhalten blieb lediglich die Klosterkirche, die 1642 als Schlosskapelle neu geweiht wurde. Der katholische Herzog Friedrich richtete ein Kapuzinerkloster im Schloss ein und begründete eine Grablege im Schloss, das er weiter ausbauen, erweitern und ausstatten ließ. Es gab 108 Räume mit 25 fürstlichen Appartements, sieben Gastgemächern und sechs Festräumen.
Sein Nachfolger Herzog Ernst August löste das Kloster 1680 wieder auf. Das Schloss wurde prächtig und aufwendig ausgestattet und 1690 um ein Opernhaus ergänzt, das international berühmt wurde. Ernst August strebte die Kurwürde an, die er auch erlangte. Im Rahmen dieser Bemühungen wurde aber nicht nur das Opernhaus errichtet und Schloss Herrenhausen [Titel: Hannover Herrenhausen Schlossensemble] mit Galeriegebäude und Garten erbaut, sondern im Residenzschloss 1688 der sogenannte Rittersaal vollendet. Der Sohn und Nachfolger von Ernst August, Herzog Georg Ludwig, ließ die Innenräume des Schlosses standesgemäß ausgestalten mit Silbergeschirr, Möbeln, Gemälden und Gobelins aus eigener Manufaktur. Der hohe Anspruch offenbart sich auch in dem Umstand, dass das Prunkappartement der Kurfürstenwitwe Sophie 1709 über zwei Vorzimmer, Gardesaal und Audienzzimmer verfügte. Sie war die voraussichtliche Erbin der englischen bzw. britischen Krone. Nachdem die Welfen 1714 den britischen Thron bestiegen hatten, wurden nur noch wenige Arbeiten am Schloss getätigt. Zu diesen gehörte 1742 der Wiederaufbau des 1741 niedergebrannten Kammerflügels.
Damals bestand das Schloss aus drei Höfen. Die Zufahrt erfolgte im Westen über den westlichen Schlosshof von der Straße aus. Durch einen Torbogen im westlichen Querflügel gelangte man in den mittleren Schlosshof, von dem aus man das Schloss betrat. Hinter dem östlichen Querflügel befand sich der östliche Schlosshof, der an seiner Ostseite vom Opernhaus begrenzt wurde.
Mit Erhebung Hannovers zum Königreich 1814 musste die lange aufgeschobene Modernisierung des Schlosses in Angriff genommen werden, zumal die Personalunion mit Großbritannien aufgelöst wurde und Hannover wieder Sitz eines eigenen Monarchen wurden. Die Umbauten ab 1816 durch Georg Ludwig Laves schufen im Innern moderne hochrepräsentative Raumfolgen. Lediglich der sogenannte Rittersaal blieb bestehen, erhielt aber neue Deckengemälde. Auch das Opernhaus brach man ab. Die Pläne von Laves wurden jedoch nie vollendet und die Arbeiten 1856 eingestellt. 1866 annektierte Preußen das Königreich Hannover.
1943 wurde das Leineschloss bei Luftangriffen getroffen und brannte bis auf die Außenmauern aus. Bei späteren Angriffen entstanden weitere Schäden. Ab 1957 wurde die Ruine zum Landtag für Niedersachsen ausgebaut und erweitert. Historische Räume haben sich keine erhalten, Ansichten der barocken Räume oder gar von Wand und Deckenmalerei sind unbekannt.
Der Rittersaal
Der sogenannte Rittersaal[2] war einer der zentralen Orte des Kurfürstentums Hannover, er diente Festlichkeiten und der Selbstdarstellung des Landesherrn, auch Huldigungen fanden hier statt. Er maß rund 215 Quadratmeter wurde 1685-88 in der zweiten Etage des Ostflügels errichtet. Die Spiegeldecke mit steiler Voute und je fünf Stichkappen an der Längs- sowie zwei an den Schalseiten wurde von Dossa Grana und Jacopo Perinetti stuckiert. In die Stuckfelder wurden Gemälde eingelassen, die Hans Heinrich Mathias und Heinrich Huntemann schufen. Die Wände nahmen Gobelins auf, die erst unter König Jérôme Anfang des 19. Jahrhundert entfernt wurden und verloren sind. Da der Saal 1833/36 durch Laves weitgehend neu dekoriert und auch der Stuck ergänzt wurde sowie Bilder aus dem Jagdschloss Göhrde nach dessen Abbruch 1827-41 in den Rittersaal kamen und zudem die Gemälde ausgetauscht wurden, geben die erhaltenen Fotos von 1866 nur einen ungefähren Raumeindruck wieder und können in keinem Fall zu einer ikonografischen Analyse herangezogen werden. Die Preußen ersetzten zudem nach 1866 die welfischen Ahnenbilder durch brandenburgische Kurfürsten und Markgrafen in den Medaillons der Voute. Trotz des kompletten Verlusts aller Räume des Schlosses ist das ursprüngliche bzw. geplante Bildprogramm des Rittersaales bekannt. Das Programm wurde von Gottfried Wilhelm Leibniz aufgestellt und hat sich bis heute erhalten. Es präsentierte die Dynastie der Welfen. 1691 erstellte Tommaso Giusti einen Stammbaum von 2,5 auf 3 Meter. 14 Brust- und acht Halbfigurenbilder stellten ihre wichtigsten Vertreter dar. In der Voute an den Stirnseiten waren Gemälde des regierenden Herrscherpaares Ernst August und Sophie einander gegenüber gestellt, neben ihnen in den Stichkappen die alten Esten im Stuckrahmen unten und darüber ein Wappen. Von den Este stammt das jüngere Welfenhaus bekanntlich ab. An die Voute der Längsseiten kamen große Bilder der älteren Welfen von Welf und von Azzo Este bis in das 16. Jahrhundert. Die großen Formate sollten die zu kaiserlichen, königlichen und kurfürstlichen Würden aufgestiegenen Männer wie etwa Heinrich den Löwen, Pfalzgraf Heinrich und Kaiser Otto IV. zeigen sowie Frauen, die gekrönte Häupter geheiratet hatten, wie die Kaiserinnen Elisabeth (Gemahlin Wilhelms von Holland) und Adelheid von Burgund. Für die Wände waren Porträts der Fürsten des 16. und 17. Jahrhunderts vorgesehen. Die Vorlagen für alle Porträts sollten möglichst wirklichkeitsnah sein, und Leibniz hatte daher für zahlreiche der Gemälde historische Vorlagen besorgt. An die Wandflächen kamen dann aber Goldledertapeten und Gobelins. Sie zeigten u. a. die von Herzog Georg gewonnene Schlacht bei Hessisch Oldendorf 1633, Georgs Frau mit ihren fünf Kindern und Sophie Dorothea mit ihren Kindern. Spätestens nach der Scheidung von Sophie Dorothea und Georg Ludwig 1694 war dieses Programm nicht mehr zeitgemäß und wurde vielleicht deshalb nicht fortgeführt. Ende des 18. Jahrhunderts zeigten die Teppiche auch Szenen aus dem Lebens Georg Ludwigs und Kurfürstin Sophies und gehörten damit nicht komplett zur ursprünglich konzipierten Ausstattung. Der Deckenspiegel präsentierte das stuckierte Wappen von Ernst August und seiner Gemahlin Sophie. Die Seiten schmückten ehemals Gemälde allegorischen Inhalts, sie zeigten zum einen den Winterkönig Friedrich V. von Böhmen – den Vater Sophies –, wie er vom Genius des Friedens in den Himmel geführt wird, zum anderen Sophie unter dem Bild der Minerva als Förderin der Künste und Wissenschaften. Diese Malerei stammte aus dem 19. Jahrhundert. Über die Bildnisse der Ahnen wie Adelheid von Burgund, Heinrich der Löwe oder Kaiser Otto IV. wurde die Tradition, die dem Ort fehlte, hergestellt, und die Dynastie wies eindrucksvoll nach, dass sie des Kurfürstenrangs würdig war. Die Ausstattung war ausgesprochen aufwendig und prächtig, womit Ernst August unter Beweis stellte, dass er in der Lage war, seinem abgestrebten Rang gemäß zu repräsentieren.
Bibliographie
- Literatur:
- Dann, Appartements, 1998. – Dann, Thomas: Die Appartements des Leineschlosses im Spiegel höfischen Zeremoniells der Zeit um 1700 bis 1850. In: Hannoversche Geschichtsblätter, NF 52 (1998), S. 171-196.
- Dann, Bankettsaal, 1999. – Dann, Thomas: „Es war, (…), der herrlichste Bankettsaal, der irgend einem europäischen Herrscher gehörte“. Zur Bau-, Ausstattungs- und Nutzungsgeschichte des Rittersaales im ehemaligen hannoverschen Leineschloss. In: Hannoversche Geschichtsblätter, NF 53 (1999), S. 311-340.
- Dann, Leineschloss, 2000. – Dann, Thomas: Die königlichen Prunkappartements im hannoverschen Leineschloß. Untersuchungen zu Raumfolgen in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts (Quellen und Darstellungen zur Geschichte Niedersachsens, 120). Hannover 2000.
- Nöldeke, Hannover, 1932. – Nöldeke, Arnold: Stadt Hannover. I. Teil. Denkmäler des „alten“ Stadtgebiets Hannover (Die Kunstdenkmäler der Provinz Hannover, 19). Hannover 1932.
- Schnath, Leineschloß, 1962. – Schnath, Georg: Das Leineschloß. Kloster, Fürstensitz, Landtagsgebäude. Hannover 1962.
- Schnath, Geschichte, 1962. – Schnath, Georg: Die Geschichte des Leineschlosses 1636-1943. In: Ders.: Das Leineschloß. Kloster. Fürstensitz. Landtagsgebäude. Hannover 1962, S. 29-238.
- Seebald, Libretti, 2009. – Seebald, Christian: Libretti vom ‚Mittelalter‘. Entdeckungen von Historie in der (nord)deutschen und europäischen Oper um 1700 (Frühe Neuzeit, 134). Tübingen 2009.
- Utermöhlen, Leibnis, 1999. – Utermöhlen, Gerda: Leibniz im kulturellen Rahmen des hannoverschen Hofes. In: Breger, Herbert/Niewöhner, Friedrich (Hrsg.): Leibniz und Niedersachsen (Studia Leibnitiana Sonderheft, 28). Stuttgart 1999, S. 213-226.
- Archivalien:
- Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek – Niedersächsische Landesbibliothek Hannover, Sign. MS XXIII, 32, a), b); GWLB, MS XXIII, 32, fol. 37 v.-65 v.
Einzelnachweise
- ↑ Vgl. zur Baugeschichte und Ausstattung des Schlosses vor allem Schnath, Geschichte, 1962. Vgl. ferner Schnath, Leineschloß, 1962; Dann, Appartements, 1998; Dann, Leineschloß, 2000.
- ↑ Nöldecke, Hannover, 1932, S. 265, 300-303; Schnath, Geschichte, 1962, S. 64-65; 67-69; Dann, Appartements, 1998, S. 177; Dann, Bankettsaal, 1999, S. 312-323; Dann, Leineschloß, 2000, S. 94-100; Utermöhlen, Leibniz, 1999, S. 225; Seebald, Libretti, 2009, S. 66-67. Die Auswahl des Bildprogramms im Original: Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek – Niedersächsische Landesbibliothek Hannover, Sign. MS XXIII, 32, a), b); GWLB, MS XXIII, 32, fol. 37 v.-65 v.