Hamburg, ehem Haus Steckelhörn 18
Inventarnummer: cbdd20163
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Das Museum für Hamburgische Geschichte bewahrt Fragmente einer Balkendecke aus dem ersten Drittel des 17. Jahrhunderts, bemalt mit allegorischen Darstellungen der Fünf Sinne sowie ornamentalen Grotesken.

Das ehemalige Haus Steckelhörn 18 in Hamburg
Kurzbeschreibung und Lage
Das Haus Steckelhörn 18 war ein Althamburger Bürgerhaus auf der Cremon-Insel im Mündungsgebiet der Alster in die Elbe, einem Stadtteil, der seinerzeit überwiegend von Niederländern bewohnt wurde, die als Glaubensflüchtlinge nach Hamburg gekommen waren.
Bau-, Ausstattungs- und Nutzungsgeschichte
Das Haus wurde 1928 abgerissen.[1]
Das verlorene Gesellschaftszimmer
Allgemeines
Der Raum, aus dem die Deckenfragmente stammen, befand sich im Mittelbau des Hauses, dem Gebäudeteil zwischen Vorder- und Hinterhaus, in dem für gewöhnlich die Repräsentationsräume untergebracht waren.[2]Die Ausstattung mit einem Zyklus allegorischer Darstellungen der Fünf Sinne lässt von der Thematik her darauf schließen, dass der Raum für gehobene Geselligkeit und Gastlichkeit bestimmt war.
Die ehem. Decke
Befund- Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte
Von der ehemaligen Balkendecke sind lediglich zwei Felder erhalten. Diese wurden nach dem Abriss des Haues 1928 dem Museum für Hamburgische Geschichte übergeben und dort zunächst eingelagert.[3] Nach einer ersten Restaurierung, bei der umfangreiche Übermalungen und Ergänzungen vorgenommen wurden, war 1996 aufgrund eines Wasserschadens eine nochmalige Restaurierung notwendig geworden.[1] Seitdem sind die beiden Deckenfelder als Dauerexponat montiert.
Beschreibung und Ikonographie
Die beiden Fragmente waren Teil der Deckenbemalung mit einem vollständigen Zyklus von Allegorien der Fünf Sinne. Sie stellen den Geschmackssinn sowie den Tastsinn dar und sind eine polychrome Umsetzung von Kupferstichen, die Jan Saenredam nach Zeichnungen von Hendrick Goltzius ausgeführt hatte. Mit ihrem Hochformat eigneten sich die Stichvorlagen dieser Serie für die Einpassung in die schmalen Deckenfelder. Versehen mit einem Rahmen aus Beschlagwerk nehmen die mittig gesetzten allegorischen Szenen deren ganze Breite ein. Die übrige Fläche ist mit einer bunten, spielerisch anmutenden Groteskenmalerei ausgefüllt. In deren Grundstruktur aus vielfältigen Volutenformen ist in groteskentypisch freier Gestaltungsweise eine disparate Mischung aus verschiedenen Phantasiegebilden, naturgetreuen Fruchtgebinden sowie dekorativen Vögeln eingefügt.
Vorlagen und Vergleiche
Vorlage für den Fünf Sinne-Zyklus waren die Kupferstiche, die Jan Saenredam um 1595/96 nach Zeichnungen von Hendrick Goltzius ausgeführt hatte.[4] Die Konzeption der Serie unterscheidet sich von anderen allegorischen Bildfolgen dieser Thematik dadurch, dass die Sinne nicht in neutralen Frauengestalten personifiziert sind, die jeweils durch ein gegenständliches Attribut gekennzeichnet werden – einen Spiegel, ein Musikinstrument, wohlriechende Blumen und schmackhafte Früchte. Stattdessen werden Paare gezeigt, die sich ganz konkret an diesen Dingen erfreuen. Die obligaten Tiere, die fester Bestandteil der Allegorien der Sinne sind und jeweils für eine besonders starke Ausprägung der betreffenden Sinneswahrnehmung stehen,[5] sind in der Serie von Goltzius nur in den Stichen des Geschmacks- sowie des Tastsinns in Gänze abgebildet. Ansonsten ragen lediglich die Köpfe der Tiere am Rand in das Bildfeld hinein. Das Augenmerk ist deutlich auf die sitzenden Paare in Halbfigur gelenkt, wobei ihre Darstellung darauf angelegt ist, das Verführerische der Sinne zum Ausdruck zu bringen. Dies wird außer durch die attribuierten Gegenstände auch durch Blicke und Berührungen zu verstehen gegeben. Dabei ist eine Steigerung hin zu der Allegorie des Tastsinns zu erkennen, in der das haptische Vergnügen in einer Bettszenerie veranschaulicht wird. Die erotische Komponente dieses Zyklus legt eine gedankliche Verbindung zu der Fünfer-Reihe der „quinque lineae amoris“ nahe, einer Stufenleiter der Liebesfreuden, die aus der antiken Literatur übernommen und als Topos weitergeführt worden war. In diesem wird mit der Abfolge von „visus, allocutio, tactus, osculum sive suavium, coitus“ eine Steigerung des Vergnügens angesetzt, das von dem Sehen einer liebreizenden Person ausgeht, durch das Hören der Worte in einem Gespräch verstärkt wird und danach drei Stufen des Berührens kennt, darunter den Kuss.
Den Kupferstichen waren als Bildlegenden neulateinische Verse von Cornelius Schonaeus beigegeben. In diesen wird auf die Gefahr hingewiesen, sich bedenkenlos dem verführerischen Sinnengenuss hinzugeben und in Lasterhaftigkeit zu verfallen. Damit war der Vergegenwärtigung des hedonistischen Lustprinzips eine Warnung nach Maßgabe theologischer Ethik hinzugesetzt. Die moralisierende Belehrung war nicht konzeptioneller Bestandteil der allegorischen Darstellungen, sondern wurde unabhängig von dem Bildteil verfasst. So wird beispielsweise in den Versen zu der Allegorie des Gehörsinns dieser Serie, die ein musizierendes Paar zeigt, ohne konkreten Bildbezug vor dem süßen Gesang der Sirenen gewarnt. Die hinzugesetzten Texte wurden vom Verleger bei angesehenen Poeten in Auftrag gegeben und sind dem verlegerischen Kalkül zuzuschreiben. Im Fall der dargestellten Sinnlichkeit galt es wohl, mit einer Anprangerung lasterhafter Freuden der kirchlichen Zensur zu entgehen, um die Stiche ungehindert vertreiben zu können. Die sittenstrenge Mahnung entfiel bei der alleinigen Übernahme der allegorischen Szene für die Gestaltung eines Raumdekors.
Bei der Übertragung der Kupferstiche auf die Balkendecke aus Eichenholz wurden die Feinheiten der Vorlage nicht wiedergegeben. Die Malerei weist Vergröberungen und Abweichungen im Detail auf, wobei diese Veränderungen teilweise auch auf die wiederholte Ausbesserung der beschädigten Substanz, insbesondere im Bereich der Fugen, zurückzuführen sind.
Fragment 1
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Schmecken, Blatt 4 der Folge "Die fünf Sinne"
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Beschreibung und Ikonographie
Das Mittelfeld zeigt die Allegorie des Geschmackssinns. Vor einer angedeuteten Gartenkulisse mit Mauerwerk ist ein Paar dargestellt, das Früchte und Wein genießt. Die Dame führt eine Frucht zum Mund, der Herr hat seine rechte Hand an der vor ihm stehenden Trinkschale, seine linke an dem Busen der Dame. An dieser Seite ist der Ärmel ihres Kleides herabgeglitten, so dass ihre Schulter entblößt ist. Im Hintergrund ist auf der Mauer ein angekettetes Äffchen zu sehen, das in eine Frucht beißt. Es steht für Naschhaftigkeit, gehört zu dem tradierten Kanon der Tiere, deren Sinneswahrnehmungen im Vergleich zu den Menschen als stärker ausgeprägt galten, und ist in diesem Zusammenhang üblicherweise dem Geschmackssinn zugeordnet.[5]
Vorlage und Vergleich
Vorlage ist Blatt Nr. 4 aus der Serie der Fünf Sinne, gestochen von Jan Saenredam nach Zeichnungen von Hendrick Goltzius.[6] In dem Kupferstich mit seiner Präzision im Detail ist deutlicher als in der gemalten Umsetzung das Verführerische der Sinneswahrnehmungen zum Ausdruck gebracht: Die Dame hat die schmackhafte Frucht nicht für sich selbst ergriffen, sondern gibt sie dem Herrn zu kosten, während dieser seine Augen auf ihr Dekolleté richtet, das ihre weiblichen Reize weitgehend unverhüllt darbietet. Diese Akzente sind in der Deckenmalerei nicht gesetzt. Die Blickrichtung der Personen folgt nicht genau der Vorlage, und das wenig aufreizende grüne Kleid hat nicht die Raffinesse des Vorbilds.
Fragment 2
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Tasten, Blatt 5 der Folge "Die fünf Sinne"
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Beschreibung und Ikonographie
Das Mittelfeld zeigt die Allegorie des Tastsinns. Der Rahmen für die Darstellung des agierenden Paares ist mit Vorhang, Decke sowie einem quastengeschmückten Kissen als üppiges Bett gekennzeichnet. Die Personen umarmen sich und sind im Begriff, sich zu küssen. Über die rote Bettdecke kriecht eine Schildkröte. Diese galt unter den Tieren, die in der ikonographischen Tradition dem Tastsinn zugeordnet wurden,[7] als eines mit besonders stark ausgeprägter Sinnenlust. Aelian schildert in seinem Werk „De natura animalium“ die männliche Schildkröte als überaus wollüstiges Tier mit großer Verführungskunst (XV, 19); und Plinius weiß in seiner „Naturalis historia“ zu berichten, dass ein aus dem ganzen Panzer der Schildkröte gewonnenes Pulver als Aphrodisiakum angesehen wurde (XXXII, 221).
Vorlage und Vergleich
Vorlage für die Darstellung ist Blatt Nr. 5 aus der Serie der Fünf Sinne, gestochen von Jan Saenredam nach Zeichnungen von Hendrick Goltzius.[8] Die Umsetzung entspricht im Wesentlichen dem Kupferstich. Eine gewisse Vergröberung ist durch umfangreiche, nicht mehr abnehmbare Übermalungen und Ergänzungen im Zuge der ersten Restaurierung entstanden.[9]
Das Dekorum des Fünf Sinne-Zyklus
Die Deckengestaltung mit dem Fünf Sinne-Zyklus in der Konzeption von Goltzius war mit Sicherheit nicht in der Absicht gewählt worden, „eine moralische Warnung an den Betrachter“ zu richten und als „Tugendlehre“ zu fungieren, wie bislang fälschlicherweise vermutet wurde.[10] Die Allegorien sollten ebenso wenig „Moral predigen“ wie die liebestheoretischen Embleme im Nachbarhaus, Steckelhörn 19.[11] Zur Bestimmung der Intention des Auftraggebers ist nicht von den neulateinischen Versen der Bildlegenden auszugehen, die den Allegorien der Sinne beigegeben waren und mit diesem Deckmantel theologischer Ethik eine unangefochtene Vermarktung der Stiche ermöglichten. Ohne den mahnenden Zusatz waren die Darstellungen, die deutlich eine hedonistische Auffassung vor Augen führen, das geeignete Bildprogramm für einen Raum, der für gehobene Geselligkeit und Gastlichkeit bestimmt war. Die Vergegenwärtigung von Sinnenfreuden war dazu angetan, eine heitere, zwanglose Atmosphäre zu schaffen und darauf einzustimmen, die Annehmlichkeiten des Zusammenseins mit allen Sinnen zu genießen. Die flächenfüllende Ergänzung mit Groteskenmalerei, deren Kunstprinzip im freien Umgang mit vorgegebenen Normen besteht, brachte auf der ästhetischen Ebene dieselbe Gesinnung zum Ausdruck.
Bibliographie
- Literatur:
- Beiner-Büth, Holzdecken, 1997. – Beiner-Büth, Silke: „Unterm Boden vermahlt“ – bemalte Holzdecken. In: Bracker, Jörgen/Jaacks, Gisela (Hrsg.): Decken- und Wanddekoration in Hamburg vom Barock zum Klassizismus (Hamburg-Porträt. Nr. 28. Museum für Hamburgische Geschichte). Hamburg 1997, n. pag.
- Jaacks, Zimmer, 1997. – Jaacks, Gisela: Hamburger Zimmer vom Barock zum Klassizismus. In: Bracker, Jörgen/Jaacks, Gisela (Hrsg.): Decken- und Wanddekoration in Hamburg vom Barock zum Klassizismus (Hamburg-Porträt. Nr. 28. Museum für Hamburgische Geschichte). Hamburg 1997, n. pag.
- Melhop, Bauweise, 1925. – Melhop, Wilhelm: Alt-Hamburgische Bauweise. Kurze geschichtliche Entwicklung der Baustile in Hamburg […]. Hamburg 1925.
- Quellen:
- Ripa, Iconologia, 1603. – Ripa, Cesare: Iconologia Overo Descrittione Di Diverse Imagini cauate dall’antichità, & di propria inuentione. Rom 1603.
Einzelnachweise
- ↑ 1,0 1,1 Beiner-Büth, Holzdecken, 1997, n. pag.
- ↑ Melhop, Bauweise, 1925, S. 299-300.
- ↑ Inv.-Nr. 1909, 175 „Decke E“.
- ↑ NHD [24, Hendrick Goltzius]. IV. 106. 694-698.
- ↑ 5,0 5,1 Ripa, Iconologia, 1603, S. 449, „SENSI“.
- ↑ NHD [24, Hendrick Goltzius]. IV. 106. 697. – Der Kupferstich war, mit Beschränkung auf die weibliche Figur, auch Vorlage für ein Element in der Decke des ehem. sog. Schellhaßschen Hauses in Bremen, Wachtstraße 29 (https://www.deckenmalerei.eu/460475ae-ddea-4e63-b58c-d4fe50070d71), sowie für das translozierte Fragment einer Deckenbemalung aus dem Lübecker Haus Breite Straße 42, heute im St. Annen-Museum, zusammen mit der Allegorie des Geruchssinns aus diesem Zyklus.
- ↑ In den Allegorien des Tastsinns figurieren wahlweise oder auch gleichzeitig vor allem drei Tiere: die Spinne mit ihren Tasthaaren, der Falke, der mit seinen Krallen zupackt, sowie die Schildkröte. Vgl. Ripa, Iconologia, 1603, S. 448, „TATTO“; S. 449, „SENSI“. Mitunter ist auch ein Skorpion hinzugesetzt, der mit den Worten charakterisiert wird: „Scorpius irata tactus dat vulnera cauda“ (Wenn der Skorpion berührt wird, verletzt er mit seinem erregten Schwanz).
- ↑ NHD [24, Hendrick Goltzius]. IV. 106. 698. – Der Kupferstich war auch Vorlage für ein Element der Deckenbemalung in dem ehem. sog. Schellhaßschen Haus in Bremen, Wachtstraße 29, dort zusammen mit der Allegorie des Geschmackssinns aus diesem Zyklus (s. Fragment 1, Anm. 2).
- ↑ Beiner-Büth, Holzdecken, 1997, mit Abb. 21, 22.
- ↑ Jaacks, Zimmer, 1997.
- ↑ Ebd. – Zu dem emblematischen Bildprogramm im ehem. Haus Steckelhörn 19: https://www.deckenmalerei.eu/a2de9bb9-39a8-4eee-b702-b04630c18f03 (cbdd 20164).