Haimhausen, Schloss, Festsaal im zweiten Obergeschoß
Johann Georg Bergmüller, Vier Jahreszeiten, Radierungen nach dem Fresko im Festsaal





Festsaal im zweiten Obergeschoß
Zum Bauwerk: Bereits in dem Vorgängerbau des 17. Jh. befand sich nach Wening (1701) »ein schöner zierlicher Saal«, wohl an derselben Stelle wie der jetzige. Seine Ausstattung stammte möglicherweise von dem Münchner Hofmaler Johann Andreas Wolff, dem von seinem Schüler Johann Degler die bauliche Disposition des Schlosses zugeschrieben wird: »Auch hat er (Wolff) einen schönen Lustsaal nicht weit von München, dem Herrn Grafen von Haimhausen gehörig, samt einer Stiege, welche über eine kleine Höhe dem Hauptschloß überaus wohl ordinieret, gebauet ... « (abgedruckt bei Westenrieder 1782, S. 393).
Der jetzige Saal entstand durch den Umbau von 1749. Er liegt im zweiten Geschoß und erstreckt sich in der Mittelachse in O-W-Richtung, füllt das Gebäude in der Tiefe aber nur zu zwei Dritteln aus. Längsrechteckig (10,50 × 6,00 m), drei Fenster nach O, Zugang in der Mitte der westlichen Schmalseite und von N und S durch je zwei Türen. Die Wandgliederung besteht aus einer Sockelzone und darüber
aus breiteren und schmäleren, durch Stuckornamente gerahmten Feldern mit gemalten Gartenvasen mit Blumen im Zentrum. An den Längsseiten in der Mitte jeweils eine halbrunde Nische mit klassizistischem Ofen. Eine stuckierte Hohlkehle vermittelt zum Deckenspiegel.
Auftraggeber: Karl Joseph Maria Reichsgraf von und zu Haimhausen (* 1708 † 1775; s. o.)
Autor und Entstehungszeit: Johann Georg Bergmüller (* 1688 Türkheim/Schwaben † 1762 Augsburg). Datiert 1750 in einer Kartusche in der Mitte der Quadratura auf der Eingangsseite (W); nicht signiert, stilistische Zuweisung. Sie wird bestätigt durch eine aus vier Blättern bestehende Folge von Radierungen Bergmüllers mit spiegelbildlicher Wiedergabe der Jahreszeitenallegorien an der Decke des Festsaals. Blatt 1 (Winter) und Blatt 3 (Sommer), die die Darstellungen in der Hauptachse des Haimhausener Deckenbildes wiederholen, tragen eine Widmung an den Grafen Karl von Haimhausen bzw. das Wappen der Familie Haimhausen (Exemplare in Augsburg, Städtische Kunstsammlungen, Graphische Sammlung G 4998–5001).


Befund
Träger der Deckenmalerei: Flachdecke
Rahmen: Stuckprofil mit vergoldeter Innenleiste. Acht Stuckkartuschenfelder in den Ecken und den Achsen der rosa getönten Hohlkehle ragen in das Freskofeld hinein
Technik: Fresko; polychrom
Maße: Höhe 5,20 m; 10,50 × 6,00
Erhaltungszustand und Restaurierungen: Bei einer Instandsetzung des Raums 1987-88 durch Gerhard Jehl und Hans Kellner, München, wurde das Fresko, bei dem wie in der Kapelle die in den Putz geritzte Quadrierung erkennbar ist, gereinigt und konserviert. Farbabhebungen wurden fixiert, partielle Übermalungen abgenommen und einzelne Fehlstellen und Risse ergänzt bzw. retuschiert. Bei der Hohlkehle wurden Stuck und Fassung von der Überarbeitung des 19. Jh befreit. Neufassung und Ergänzung in der ursprünglichen Form unter Einbeziehung der erhaltenen Originalpartien.
Beschreibung und Ikonographie
GOTTERHIMMEL – VIER JAHRESZEITEN Im Gegensatz zu der geistreichen Deckengliederung in der neu errichteten Kapelle wählte Bergmüller für den durch Umbauten entstandenen, verhältnismäßig kleinen und niedrigen Saal ein ruhigeres und konservativeres Gestaltungsschema. Das einheitliche Deckenfeld mit einer Darstellung der Vier Jahreszeiten hat als Sockel eine schwere, umlaufende architektonische Rahmenzone, deren tragende Teile grau sind, die Felder dazwischen rot marmoriert und die sparsamen Rocailleornamente goldbraun. Diese bilden in den Ecken die Rahmen für die Kartuschen, in denen gemalte Früchte, Blumen und eine Glutpfanne auf die Vier Jahreszeiten anspielen. Über und hinter der Quadratur, die in der Hauptblickrichtung mit ovalen Durchbrüchen geöffnet ist, spannt sich eine lichtblaue Himmelszone mit bräunlich-grauen, an einzelnen Stellen das Rahmenwerk überspielenden Wolken. Auf ihnen lagern antike Götter, zu Gruppen geordnet, von denen jede über einer Raumseite als Dreieckskomposition aufsteigt. Betrachterstandpunkt umlaufend jeweils unter den Figurengruppen.

Das Zentrum der Decke nimmt der Polarstern (?) ein, umgeben von sechs weiteren Sternen (»Daß die Sterne um den Nordpol tanzen, ist eine im Altertum oft wiederkehrende Vorstellung«; F. Boll und C. Bezold, Sternglaube und Sterndeutung, Leipzig und Berlin 1926, S. 121) und dem Zodiakus, in den die zwölf Tierkreiszeichen eingetragen sind. Die vier, die jeweils den Beginn einer Jahreszeit markieren, sind figürlich gestaltet: Widder, Krebs, Waage und Steinbock. Jeweils darunter erscheinen mit ihren Attributen jene Götter, die nach dem Sternengedicht des Marcus Manilius (Astronomicon libri quinque; 1. Jh. n. Chr.) als Schutzgottheiten der einzelnen Tierkreiszeichen angesehen wurden, außerdem Chronos, der Gott der Zeit. Bergmüller hat bereits um 1730–35 in einer Folge von Radierungen die Sternzeichen nach Manilius einzeln gestaltet, wobei die Götter in manchen Details ähnlich sind wie die in Haimhausen (Angela Boecker, Die Ölbilder, Zeichnungen und Druckgraphik des Augsburger Akademiedirektors Johann Georg Bergmüller 1688–1762, Ungedr. Diss. Innsbruck 1966, Nr. 224–35). Auch die vier in der Hauptblickrichtung dargestellten Winde können nach dem System des Manilius, der dem Tierkreis auch zwölf Winde zugeordnet hat, identifiziert werden. Bergmüllers helle Farbigkeit wirkt im Saal, der nur von der östlichen Schmalseite her wenig Licht erhält, gedämpfter und weniger kontrastreich als in der Kapelle. Die Farben der Himmelszone, Blau, Grau und Bräunlich, sind in Architektur und Gewändern aufgegriffen als Braun-Violett, Hellblau, Gelb; dazu tritt ganz wenig helles Grün. Das Prinzip, durch Vorhangdraperien Vorder- und Hintergrund einander anzunähern und die Fläche zu gliedern, wendet der Künstler auch hier an, am konsequentesten bei der Figur des Chronos
WINTER (O-Seite) Der Winter, dessen Beginn das Eintreten der Sonne in das Zeichen des Steinbocks (er erscheint im Zodiakus von einem Putto begleitet) am 22. Dezember markiert, ist wiedergegeben durch die Göttin Vesta mit Mauerkrone, an einem Opferaltar kniend, in der Mitte der Gruppe durch Juno, stehend, mit Zepter und ihrem Attribut, dem Pfau, schließlich durch Neptun mit Dreizack und Wasserurne. Die Götter entsprechen den Zeichen Steinbock, Wassermann und Fische bzw. den Monaten Dezember, Januar und Februar. Die Gruppe wird flankiert von den Winden Auster, der zu Füßen der Vesta bläst und aus einem Gefäß Schnee nach unten schüttet, und Eurus neben Neptun. Etwas unterhalb sieht man den geflügelten Chronos, um den Leib eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt, als Zeichen der Unendlichkeit und stetigen Wiederkehr der Zeit. Chronos hält in der Hand eine Sense, mit deren Stiel er eine Vorhangdraperie nach oben schiebt. Die Hervorhebung des Winters durch die Wiedergabe in der Hauptblickrichtung des Saals und die Widmung an den Auftraggeber Karl von Haimhausen in der radierten Wiederholung hängt vielleicht mit dessen Geburtsdatum, dem 11. Januar 1708, zusammen. Es liegt im Zeichen des Steinbocks, des Winteranfangs, wie auch das seines jüngeren Bruders Sigismund Joseph, des späteren Gründers der Nymphenburger Porzellanmanufaktur, der im selben Jahr, am 28. Dezember 1708, zur Welt kam.

SOMMER (W-Seite) Unterhalb eines Putto, der einen Krebs in der Hand hält als Zeichen des Sommeranfangs, sieht man Jupiter mit Blitzbündel und Adler, links Merkur mit seinem Stab, rechts Ceres mit Ährenbündel und Sichel. Das entspricht den Zeichen Krebs, Löwe und Jungfrau sowie den Monaten Juni, Juli und August. Neben Merkur bläst der Wind Septentrio, unterhalb von Ceres Argestes.
FRUHLING (S-Seite) Unter dem Widder erscheint die Gruppe von drei Göttern: Minerva mit Schild, Speer und Helm, in der Mitte Venus, begleitet von Amor mit Bogen, sowie Apoll mit der Leier. Sie vertreten die Zeichen Widder, Stier, Zwillinge bzw. die Monate März, April und Mai.
HERBST (N-Seite) Im Zodiakus hält ein Genius eine Waage, deren eine Schale mit Trauben gefüllt ist. Die Jahreszeit wird vertreten durch die Götter Vulkan mit Amboß und Hammer, in der Mitte Mars, umgeben von Waffen, zu seinen Füßen ein Putto, der die Trommel schlägt, und Diana mit Bogen, Köcher und Jagdhund. Sie stehen für Waage, Skorpion und Schütze bzw. für September, Oktober und November.
Literatur s. S. 82