Günzburg, Ehem kath Hofkirche SS Trinitatis, Calasantius Kapelle
Inventarnummer: cbdd10208
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Günzburg besitzt mit der Calasantius-Kapelle ein kultur- und kunstgeschichtliches Kleinod. Es ist ein einzigartiges Dokument des Piaristenordens im habsburgischen Schwaben. Hierin wird deren Gründer Calasanz, der Stifter unentgeltlicher Volksschulen in Rom (1597), freskal verehrt.

Der Piaristenorden in Günzburg
Günzburg als schwäbischer Besitz im habsburgischen Vorderösterreich
Die historische Besonderheit von Günzburg besteht in ihrer Zugehörigkeit zum Reich der Habsburger, die begrifflich als Vorderösterreich oder verkürzt Vorlande alle Besitzungen nordwestlich von Tirol meint. Obwohl der schwäbische Gebietsteil eine enorme strategische Bedeutung als Rekrutierungs- und Operationsbasis besaß, erfolgte eine herrschaftliche Durchdringung der Gebiete erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.[1] Diese ist vor allem während der Regierungszeit von Maria Theresia ab 1740 zu beobachten. Um die Markgrafschaft Burgau, zu der Günzburg gehörte, wirtschaftlich zu stärken, forcierte man zum Beispiel die „Ansiedlung der vorderösterreichischen Münze in den 1760er Jahren“[2]. „Eine entscheidende Verbesserung erfuhren die Bildungsmöglichkeiten in der Stadt durch die Ansiedlung des Piaristenordens [...] für den Unterricht der Knaben in deutschen und lateinischen Klassen bzw. der Englischen Fräulein, die 1758 eine Mädchenschule einrichteten.“[2]
Der Landvogt Freiherr Franz Christian Joseph von Ramschwag: der Gönner als Auftraggeber?
Seit 1585 hatte Erzherzog Ferdinand II. von Tirol, der Auftraggeber des Günzburger Schlosses (ab 1577), die Initiative zur Einführung eines Schulwesens in der Stadt gestartet.[3] Er folgte damit einer Vorgabe, die beim Konzil von Trient verabschiedet wurde. In Günzburg blühte relativ schnell „nicht nur die [...] lateinisch-deutsche Schule auf, [...] es kam eine 2. Schule, die deutsche, wiederum dazu, vielfach Mädlinschule genannt, weil in diese neben den Knaben auch Mädchen gingen. Wurden beide Schulen auch inter arma 1632 in der Hauptsache eingestellt, schon hub die lateinische, 1667 die deutsche wieder an. Ununterbrochen bestanden von da an beide bis zu ihrer Ablösung durch die Klosterschulen.“[3]
Diese Ablösung erfolgte 1750, als man in Günzburg die Schulung der männlichen Kinder und Jugendlichen dem Piaristenorden anvertraute. Acht Jahre später, 1758, übernahmen die Maria-Ward-Schwestern aus Augsburg die Ausbildung für Mädchen.[4]
In beiden Fällen war der kaiserliche Minister und Landvogt der Markgrafschaft Burgau Franz Christian Joseph von Ramschwag (1689–1768[5]) dafür verantwortlich.
Die ihn bewegenden Gründe, den von Joseph Casalanz 1621 gegründeten Piaristenorden, der sich ausschließlich dem Unterricht der männlichen Jugend widmete, nach Günzburg zu holen, waren sowohl persönlich wie institutionell motiviert.
Als Ramschwag sein Amt übernahm, waren nach „dem Stadtbrand von 1735 [...] das Schulwesen und der allgemeine Bildungsstand in Günzburg auf einem Tiefpunkt angekommen.“[6] So bemühte er sich, diese Misere im habsburgischen Vorderösterreich mit der Anwerbung des Schulordens der Piaristen zu beheben. „Während die Piaristen schon von 1631 an immer mehr durch ihre böhmisch-mährischen, schlesischen, ungarischen, österreichischen Provinzen das ,gesamte österreichische Unterrichtswesen bis zu den Schulbüchern herab beherrschten‘ gründeten sie“[3] erst relativ spät in den habsburgischen Vorlanden das erste und einzige Schulkolleg.
Die damals geführten „Präludien“[3] zeigen auf anschauliche Weise die nicht so unmodern scheinenden verschiedenen Verhandlungsebenen: „mit den stadt-günzburgischen Interessenten, mit dem Piaristenprovinzial zu Nikolsburg, mit der österreichischen Hofkanzlei in Wien und nach unangenehmen Zwischenspielen einiger Ordensrivalen erwirkte der verdiente Landvogt von Ramschwag am 17. Oktober 1750 durch Vermittlung der Minister Haugwitz[7] und Kaunitz die kaiserliche Genehmigung der Fundation eines solchen Schulkollegiums der ,Patres piarum scholarum‘ in Günzburg. Anfang November trafen die Piaristen in Günzburg ein und in der 1. Hälfte des Dezember eröffneten sie wirklich neben ihren lateinischen in 3 deutschen Abteilungen die piaristische, klösterliche Volksschule.“[8]
Dieses energische Betreiben der Gründung eines piaristischen Schulsystems war bei Ramschwag auch von persönlich-familiären Erfahrungen geprägt. „Als schwäbisch-österreichischer, in der Markgrafschaft zu Leissendorf selbst begüterter Beamter, besaß dieser nicht bloß Verständnis für des Volkes Wünsche [...]; ihn leitete auch an ihrer Realisierung ein persönliches Interesse. Von seinen zwei älteren Söhnen Ignatz und Ferdinand, welche er zu den ,Patribus Jesuitae ad studia geschicket‘, hatte er ,nicht so vollständige Satisfaktion‘ verspürt. Schon am 26. Mai 1744 ließ er bei den ,Patribus piarum scholarum‘ anfragen, ob nicht möglich wäre, einen capablen Mann von ihnen ausfindig zu machen, der seinen jüngsten Sohn Franziskus bei ihm zu Günzburg wenigstens post Rhetoricam unterweisete. Zum Lohn dafür hatte er in einem anderen Brief den eventuellen Lehrern seines Sohnes ,die Introduktion in Günzburg‘ versprochen.“[9]
Diese 1750 von den kaiserlichen Beamten in Wien genehmigte Introduktion des Ordens in Günzburg entsprach dabei ganz den Reformideen von Kaiserin Maria Theresia. „Gemäß
ihrem vielzitierten Grundsatz Das Schulwesen ist und bleibet allzeit ein Politicum“[10] waren die Belange der Erziehung der Jugend scheinbar „das Einzige, dessen sie sich [neben Kirchenangelegenheiten] noch persönlich annehme [...].“[11]
Zudem praktizierten die Piaristen mit ihrem Ausbildungssystem Lernziele, die Maria Theresias reformerischen Überlegungen, wie zum Beispiel die Zweisprachigkeit,[12] sympathisch sein mussten und später (1774) in das Gesetz über die Allgemeine Schulordnung Eingang fanden.
Die Ansiedlung der Piaristen in Günzburg unterstützten die kaiserlichen Behörden jedenfalls sehr vorteilhaft. Bis zum Neubau eines eigenen Schul- und Wohngebäudes, der 1755–1757 durch Joseph Dossenberger erfolgte,[13] durften die Patres im Residenzschloss unterkommen.[14] Aus Wien übersandte man auch „einen Betrag zur Fundation des Collegiums und ließ denselben zum kirchlichen Gebrauch die Hofkirche überweisen.“[14]
Die Förderung der Piaristen in Günzburg, deren Erziehungssystem in den habsburgischen Ländern erfolgreich etabliert war, bekam damit einen singulären Ableger im kaiserlichen Schwaben.[15] Eine edukatorische Konkurrenz zu den im bayerischen Kurfürstentum in ausreichender Zahl vorhandenen Jesuitengymnasien konnte der Piaristenorden allerdings nicht sein. Mit der „Führung von höheren und niederen Schulen“[16] und dem Konzept, „die weitgehende Verwendung der deutschen Sprache im Unterricht [und] eine stärkere Betonung der Naturwissenschaften und [...] Berücksichtigung der Musik“[16] lassen sich erzieherische Absichten verfolgten, die bereits aufklärerische Ideen einer Volksaufklärung vorausnahmen.
Die Calasantius-Kapelle
Bauwerk
Die Calasantius-Kapelle ist ein überkuppelter Zentralraum, der an die westliche Längswand der ehemaligen katholischen Hofkirche SS.Trinitatis angebaut ist. Sie ist von der Schlossplatzseite als eigenständiger Bauteil mit fünf Fensteröffnungen und Bedachung zu erkennen.
Das Verhältnis beider Bauten (Hofkirche, Kapelle) zueinander wird von den Gegensätzlichkeiten zeitlicher, bautypologischer und künstlerischer Art bestimmt.
Die Hofkirche errichtete man im Zusammenhang der Neuplanung eines vierseitigen Schlosses ab 1577. Dieses sollte als Residenz der vorderösterreichischen Markgrafschaft Burgau dienen. Die Hofkirche bildete das Zentrum des Schloss-Innenhofes. Die Gestaltung des Äußeren und des Innenraumes ist zeitbedingt in seiner Verwendung von Gliederung und Dekorelementen streng konzentriert. In seiner Gesamterscheinung dominiert eine kühle Blässe. Als „einer der wenigen erhaltenen Kirchenbauten des Manierismus in Süddeutschland“[17] zeigt er typische Erscheinungen dieser Übergangszeit. Diese bestehen einerseits in der Kombination eines längsgerichteten Saalbaues, der von einem Kreuzgratgewölbe überfangen ist. Andererseits wird der Eingang des dreiseitigen gotisierenden Chores mittels einer konzentrischen Doppelarkade vom Langhaus abgetrennt und gleichzeitig aufwändig inszeniert.[18]
Im zeitlichen Abstand von über 150 Jahren fügte man diesem Innenraum die Calasantius-Kapelle an, die als Zentralbau in ihrer künstlerischen Gestaltung einen ganz anderen Charakter zeigt und womit der Kontrast aus dem Weißgrau des Langhauses und der Farbigkeit der Kapelle eine spannungsvolle Belebung erfährt.
Baugeschichte
Die ehemalige katholische Hofkirche erbaute 1579/80 Alberto Lucchese („bez. am Gebälk zuseiten des Chorbogens.“)[19] Lucchese war 1577 von Erzherzog Ferdinand II. von Tirol damit beauftragt worden, eine Schlossanlage auf dem Areal von Vorgängerbauten zu konzipieren und zu bauen. In diesen Kontext fiel auch der Neubau einer Hofkirche, die der Architekt in den Innenhof setzte.
Die mit der Errichtung des Schlosses vom Erzherzog ursprünglich verbundenen Intentionen, Günzburg zur Habsburger Residenzstadt für seinen Sohn Karl auszubauen, hielten nicht lange. Zwar hatte Karl 1609 beim Antritt der Regentschaft das Schlossinnere noch umgestalten lassen, sein kinderloser Tod 1618 beendete jedoch die Herrschaft dieses Familienzweiges in Günzburg.[20]
Günzburg sank „wieder zu einem bloßen Beamtensitz herab. Die Habsburger residierten lieber in Innsbruck, dem Regierungssitz Vorderösterreichs, dem die Markgrafschaft zugehörte.“[21]
Neue Bedeutung gewann die ehemalige Hofkirche wieder in der Zeit ab 1750, als Kaiserin Maria Theresia den Piaristenorden nach Günzburg berief. Die Piaristen, denen als Orden der Frommen Schulen die unentgeltliche Ausbildung von Knaben als Lebensaufgabe gesetzt haben, sollten in Günzburg für eine Verbesserung des Schulwesens sorgen.
Im Zuge dieser Maßnahmen wandelte sich die ehemalige Schlosskirche zur Schulkirche, in der die Patres neben den Messen auch für die Musik zuständig waren.[6] Zugleich kam der Wunsch auf, den Ordensgründer Casalanza mit einer eigenen Kapelle zu verehren, war er doch erst kurze Zeit vorher (1748) seliggesprochen worden.[22]
Den Auftrag übernahm Joseph Dossenberger, der als Inspektor und Direktor der Markgrafschaft in Habsburger Diensten stand und deshalb für die Belange auch in Günzburg verantwortlich war.[23] Die Ausführung erfolgte 1755, wie die Jahreszahl auf der Tafel mit dem magischen Quadrat und die Figurenbezüge untereinander nahelegen. [wie genau, Verweis?] Sein Porträt ist im Fresko festgehalten.
Funktion und spätere Umnutzungen
„Die Verwendung als Schulkirche der Piaristen dauerte bis 1805/06. Als damals Napoleon mit der Markgrafschaft Burgau auch Günzburg den Bayern übergeben hatte, wurde das Kolleg der österreichischen Schulbrüder geschlossen. Die bayerische Verwaltung sorgte für die Fortführung des Unterrichts, und die Hofkirche konnte Schulkirche bleiben. Ihre zentrale Position im Leben und Alltag einer Ordens- und Schulgemeinschaft hatte sie [...] eingebüßt“.[24] 2003 wurde die Kirche profaniert.[24]
Restaurierungen
1994 unternahm der Restaurator Johannes Amann zusammen mit Ludwig Amann eine Voruntersuchung der Schlosskirche.[25] In seinem Bericht verweist er auch auf die Renovierungen des Innenraumes in den Jahren 1870 und 1964.[26]
Kapellen-Raum: Lage, Maße, Räumlichkeit
In der Mitte der Westwand der Trinitarierkirche befindet sich die Calasantius-Kapelle. Sie ist in Breite und Höhe genau in den Wandabschnitt der Langhaus-Gliederung eingepasst, wodurch sich ein Zusammenhang aus erster (Langhaus) und zweiter (Kapelle) Ordnung ergibt.
Der Kapellenraum entwickelt sich über einem annähernd quadratischen Grundriss[27], deren Anlaufseiten gerade sind, ehe sie in eine Rundung übergehen. Auf der Altarseite zeigt sich ein kleiner Rücksprung der Wand, in dem das Fenster sitzt. Dieses scheinbar geringfügige Zurücksetzen der Wand an dieser Stelle verrät allerdings einen bewusst planenden Architekten, denn an der Außenseite der Kapelle wird dieser Wandzusammenhang in ihrer Schichtung konsequent durchgehalten.
Diese wird auch an der Umrissform des mehrfach profilierten Gesimses sichtbar, das den oberen Abschluss der Wandung und gleichzeitig den Rahmen für das Deckenbild bildet. Der zentrale Raum mit seinem kuppeligen Gewölbe wird von insgesamt fünf Fenstern belichtet. Auf den Seitenkompartimenten gibt es eine Kombination aus unterschiedlich hohen Rechteckfenstern mit variantenreichem Umriss. Die Altarseite weist unterhalb des Gesimses ein vierpassähnliche Fensterform mit konkav-konvexen Ausbuchtungen auf.
Kapellen-Ausstattung
Die Lage der Kapelle ist genau auf den Haupteingang im Osten gegenüber ausgerichtet. Auf diese Weise wird (ohne räumliche Umschweife) eine sehr direkte Kontaktaufnahme hergestellt. Gleichzeitig macht es sofort den Kontrast zwischen dem kahlen Hauptraum und der farblich gestalteten Kapelle deutlich. Obwohl aufgrund der gewählten Ordnungen ein Rangunterschied zwischen beiden Räumen besteht, wird dieser durch die intensive Farbgebung der Kapelle fast nivelliert. Die beiden korinthischen Pilaster des Langhauses scheinen in diesem Raum-Zusammenhang lediglich als großformatige Rahmung der Kapelle zu dienen. Dieser sich gegenseitig steigernde Kontrast unterschiedlicher Gestaltungsmittel zeigt sich besonders eindrücklich am Eingang zur Kapelle.
An dieser Stelle sind die verwendeten Pilaster nicht nur farblich gefasst, sondern haben, entgegen der rektangulären Ausrichtung der Pilaster im Langhaus, eine weich gemuldete, in die Kapelle hineinleitende Formgebung bekommen, dessen Verhalten die wellige Gestaltung des Gebälkes (Architrav, Gesims) zusätzlich unterstreicht.
Insgesamt gesehen hebt sich die Kapelle mit ihrer Farbinszenierung entschieden gegen das kühle Weißgrau des Hauptraumes ab und gewinnt den Charakter eines Schmuckkästchens. Das farbliche Changieren in der Kapelle mit den Grundtönen aus Gold, Blau, Rot/Rotbraun und Schwarz überzieht in einer geschickten Farbregie den gesamten Raum und verbindet die unterschiedlichen Raum- und Bildbereiche miteinander.
Der Übergang vom Langhaus in das Farbgehäuse der Kapelle wird nicht nur als räumliches Zwischenfeld genutzt, sondern auch als thematischer Schwellenbereich inszeniert.
Ausreichend Platz für inhaltlich relevante Botschaften bietet der vergoldete hochdekorative Bogenbereich. Am Unterzug der vorderen Arkade steht in Großschrift „MAGNO PARVVLORUM DOCTORI SCHOLARUM PIARUM FUNDATORI“, ein Hinweis auf den Ordensgründer der Piaristen, der sich besonders der Schulausbildung widmete. Die im Bogenscheitel angebrachte Rocaille-Kartusche gibt den Namen des Gründers und vor allem seinen mittlerweile erreichten kirchenrechtlichen Status preis: „B. JOSEPHO CALASANTIO“.[28], die Kapelle ist dem seligen Joseph Calasanza gewidmet.
Seliger Joseph von Calasanzo vor Maria mit dem Jesuskind
Bestand bisher die Information über den Ordensgründer der Piaristen, Joseph Calasanzo, allein in schriftlicher Form, so werden wir im Inneren der Kapelle auf bildliche Weise in sein Leben (Hochaltarbild) und in sein postmortales Dasein (Deckenbild) eingeweiht.
Das hochrechteckige Altarbild, signiert mit „Ant. Enderle pinx 17(5)5“[29], zeigt Joseph Calasanzo im schwarzen Ordenshabit, die Hände auf Brusthöhe überkreuzt, vor Maria mit dem Jesuskind kniend. In der unteren Bildhälfte werden Kranke und eine Sterbende dargestellt, was ihn als deren Fürbitter qualifiziert.[30]
Diese im Bild nachvollziehbare Deutung greift allerdings zu kurz. Das Interpretations-Spektrum weitet sich, wenn man die Körper-, Kopf- und Handhaltung des Seligen und seine intensive Beziehung zu Maria beachtet. Auf diese Weise drückt sich die in seiner Biographie auffällige glühende Verehrung der Gottesmutter aus.
Diese persönliche Hochschätzung von Maria fand zudem ihren Widerhall in der Geschichte des neugegründeten Ordens der Piaristen. Diese 1617 von Papst Paul V. ins Leben gerufene Kongregation firmierte unter dem Namen ,Pauperum Matris Dei Scholarum Piarum‘.[31] 1621 wurde diese Gemeinschaft von Gregor XV. mit feierlichen Gelübden zum Orden erhoben. „Joseph wurde ihr General unter dem Namen Joseph von der Mutter Gottes.“[32]
Just dieser Moment scheint im Hochaltarbild die primäre Aussage zu sein. Er betont die kirchenrechtliche Anerkennung des Schul-Ordens, gleichzeitig die Akzeptanz der ordensspezifischen Leitlinien und Aufgaben im Erziehungswesen des 17. und 18. Jahrhunderts.
Bei der thematischen Bestimmung des Altarbildes scheint eine inhaltliche Gewichtung angebracht, wobei die anderen interpretatorischen Vorschläge nicht zu vernachlässigen sind. Nach Ausweis der Inschriften im Bogenfeld sollten zwei Aspekte besonders hervorgehoben werden: einerseits die Rolle von Calasanzo als Gründer des Schul-Ordens und andererseits seine Seligsprechung.
Glorie des Seligen Joseph von Calasanzo
Im Deckenbild, 1755 ebenfalls von Anton Enderle freskiert,[33] ist die himmlische Belohnung von Casalanza für sein erzieherisches Schaffen auf Erden und dasjenige seiner Mitbrüder dargestellt. Er wird, stellvertretend auch für die Leistungen seines Ordens, mit einem Reif aus neun Sternen von einem herbeifliegenden Engelchen bekrönt.
Die schriftliche Erläuterung dazu bietet das Schriftband, gehalten von einem Engel, der über Casalanza schwebt: „Qui ad justitiam erudiunt multos fulgebunt quasi stellae inperpetuas aeternitates. Dan.12.“
Diese biblische Sentenz, die der Selige im Fresko im Goldenen Buch der Bibel liest und von dem Engel für den Betrachter sichtbar gemacht wird, ist, nach Ausweis in seinen Schriften, als zutiefst persönliches Lebens- wie Lehrer-Motto zu verstehen.[34] Dass diese Auswahl nicht auf Eigeninitiative beruhte, sondern von der spirituellen Energie des Heiligen Geistes inspiriert war, macht die herbeifliegende weiße Taube deutlich, die zusätzlich auf die Auserwähltheit des Seligen hinweist.
Für Casalanza war diese Bibelstelle zeitlebens ein geistiger Leitstern, der seinem eigenen Leben Orientierung bot. Seinen vollen Sinngehalt erfüllte sich allerdings erst in der verantwortungsvollen Erziehung von Kindern, besonders von armen Kindern.
Einer seiner zentralen edukatorischen Leitgedanken bestand darin, junge Menschen vom Bösen abzuhalten und sie zu guten Taten anzuregen.[34] Dies meint derjenige Teil der Bibelpassage, die auf Männer wie Casalanza zu beziehen sind, die „viele zum rechten Tun geführt haben“[35]. Den restlichen Teil des Verses aus Daniel 12,3 zeigt das Fresko in seiner direkten motivischen Übersetzung: diesen verdienstvollen Männern, so auch Casalanza, „werden immer und ewig die Sterne leuchten.“[35]
Diese Botschaft war vor allem als stärkende Ermunterung an die in Günzburg lehrenden Piaristen gerichtet, um in der alltäglichen Mühsal des Erziehungsauftrages nicht die generelle geistliche Ausrichtung zu verlieren.
Casalanza schätzte den Dienst der Erzieher gerade deshalb als sehr hoch und ehrenvoll ein, weil sie in der Lage sind, Kinder in Frömmigkeit und Lehre so zu belehren, dass sie damit zum Heil an Leib und Seele geführt werden, ja sogar soweit anzuleiten, „dass sie das ewige Leben erlangen können.“[34]
Ausgestattet mit entsprechenden erzieherischen Fähigkeiten ist diese Arbeit am Kind und an Jugendlichen tatsächlich als Berufung anzusehen, die, so Casalanza, gleichzeitig eine hohe Würde besitzt und deshalb einen „großen Lohn“[36] finden wird. Casalanza selbst hat ihn in Form des Sternenreifes bereits erhalten.
Dieser engagierte Einsatz auf Erden, seine aufopferungsvolle Tätigkeit für die sozial benachteiligten Kinder, zuerst in Rom, Trastevere und später in den habsburgischen Ländern[37], brachte ihm in seiner Funktion als Ordens-General auch Anerkennung in der offiziellen Kirchen-Hierarchie. Die Anwesenheit von Bischofsstab, Doppelkreuz sowie Bischofsmütze und Kardinalshut auf seiner Wolke verweist auf die von Casalanza ausgeübten Ämter.
Diesem Hauptgeschehen, das sich auf den Schulordens-Gründer und mittlerweile selig gesprochenen Joseph Casalanza konzentrierte, sind mehrere Nebenszenen beigefügt. Trotz der stattlichen Anzahl von weiteren fünfzehn Personen im Deckenbild, verstand es der Freskant Anton Enderle über die bewusste Anordnung und Verteilung dieser Figuren weitere Sinnebenen hinzuzufügen.
Die auf den ersten Blick nicht sofort offensichtlichen Figuren-Kompositionen bestehen aus dreimal vier Gruppen, einer Konstellation aus zwei Personen sowie einer auch im Fresko sofort erkennbaren Einzelperson, die, mit Zirkel und Zeichenpapier hantierend, als Architekt der Kapelle zu identifizieren ist.
Die Aussagen der drei Vierer-Gruppen beziehen sich, insgesamt gesehen, auf die Methodik und Lernziele des Schulordens der Piaristen.
Die Vierergruppe auf der bildlinken und bildrechten Seiten stehen sich kompositorisch scheinbar antithetisch gegenüber, sind aber als zwei sich inhaltlich ergänzende Aspekte des piaristischen Erziehungskonzeptes zu verstehen. Während auf der linken Bildseite verschiedene Stufen der Grundausbildung vorgestellt werden, wird bildrechts die Rolle der Musik darin hervorgehoben.
Die piaristische Grundauffassung ihrer Erziehungsmethode wird im Fresko folgendermaßen dargestellt: ein Schüler mit der erhobenen ABC-Tafel, von den drei anderen durch eine Pflanze getrennt, drückt seine Rolle als Anfänger im daran anschließenden Ausbildungsprozess aus. Seine drei Mitschüler sind schon fortgeschrittener: der im Buch Lesende ist noch intensiv mit dem Studium, der Vervollkommnung seiner Ausbildung beschäftigt, das die beiden anderen bereits abgeschlossen haben. Mit dem jeweiligen Vorweisen einer Tafel unterschiedlichen, eigentlich konträren Inhalts, magisches Quadrat und Hinweis auf den „ein[en] gott“, repräsentieren sie allerdings den piaristischen Erziehungs-Ansatz, der auf den beiden Säulen von, modern formuliert, Glauben und Wissenschaft, basiert.[38]
Auf der gegenüberliegenden Bildseite ergänzen und konkretisieren die vier Schüler das piaristische Erziehungssytem. Einer hält ein aufgeschlagenes Buch (Bibel) in Händen, in dem zu lesen ist: „Initium sapientiae. Timor Domini.“ und in unmittelbarer Nähe befindet sich ein Notenblatt. In dieser Kombination aus Text, der auf die Gottesfurcht als Anfang aller Weisheit[39] anspielt und dem Notenblatt wird auf den Psalm 110 verwiesen. Dieser vieldeutige Text ist in unserem Kontext aus dem Grunde aussagekräftig, weil er einerseits als Bestandteil der Sonntagsvesperpsalmen zu einem der meist vertonten biblischen Texte wurde.[40] Andererseits wird „eine stärkere Berücksichtigung der Musik im pädagogischen und didaktischen Konzept“[16] der Piaristen, zum Beispiel im Unterschied zur Lehrmethode der Jesuiten, ersichtlich.[16]
Dass in der dualistischen Ausbildung der Schulbrüder die Frömmigkeit als Weg zu Gott das Hauptfach bildete, ist als religions- und kulturgeschichtliches Phänomen im 18. Jahrhundert nicht zu hinterfragen. Diesen Gottglauben geben in der unteren Bildmitte die vier im Hintergrund stehenden Schüler wieder, die, mit einem Rosenkranz in Händen, als Betende gezeigt werden, wobei einer der vieren beim Anblick des Seligen sich bekreuzigt.
Im Vordergrund der unteren Bildmitte ist ein Figurenpaar aufeinander bezogen, deren Gemeinsamkeit in ihrer kompositionellen Positionierung (genau oberhalb der Spitze des Abschlussgesimses), in ihrem Blickkontakt, der farblichen Ähnlichkeit ihrer violetten Gewandung und der Körpersprache besteht.
Der Jüngling bildlinks, dessen violette Kleiderfärbung ihn von allen anderen Schülern unterscheidet, wird als derjenige dargestellt, der, stellvertretend für alle Auszubildenden, mit vorgeneigtem Oberkörper und der linken Hand auf seiner Brust auf ehrfurchtsvolle Weise seinen tiefsten Dank ausspricht.
Dieser Dank gilt seinem Gegenüber, einer knienden und betenden Person von Stand und Rang. Dieser wird in der bildstandardisierten Weise eines fürbittenden Stifters gezeigt; ein Schutzengel legt zärtlich einen Arm um ihn und weist überdeutlich mit seinem Arm und Hand auf das Schriftband mit dem Daniel-Text. Auf diese Weise wird auf das rechte Tun der Adelsperson für viele verwiesen, das darin bestand, den Piaristen-Orden in Günzburg ansässig zu machen. Zur Ansicht gebracht ist „Baron Ramschwag, Gründer und Gönner des Kollegs der Piaristen“.[41]
Als Einzelperson ist am rechten Bildrand ein Architekt mit Zirkel und Zeichenpapier hervorgehoben, den man wohl als Erbauer der Kapelle annehmen darf. Die einzige konkret benennbare Person ist hierbei Joseph Dossenberger (1721–1785), der in seiner Funktion als Inspekteur und Direktor der Markgrafschaft Burgau auch für die Ausgestaltung von Günzburg zuständig war.[42]
Dem Freskanten Anton Enderle, der in der Kunstgeschichtsschreibung gerne als Maler der zweiten Garde eingeordnet wird[43], gelang es, dieses Figurengeflecht in eine kompositionelle Struktur einzupassen. Diese Bildgliederung drückt sich in der motivischen Anwesenheit von jeweils drei Piedestalen aus, auf denen eine goldene Dekorvase mit einer mehrblättrigen Pflanze steht.
Diese Pflanze mit ihren lanzettförmigen Blattspreizen ist als Agave zu klassifizieren, die in der damals vorherrschenden Symbolsprache als „Sinnbild der einmaligen jungfräulichen Mutterschaft Mariens“[44] galt.
Mit dieser symbolischen Anspielung wird nicht nur auf das Thema des Altarbildes, der besonderen Beziehung von Casalanza zur Muttergottes, rückverwiesen, sondern auch eine intrapikturale Verbindung hergestellt. Die Rosenkränze in den Händen der unteren Schülergruppe legen die Verehrung von Maria in Form einer ihr gewidmeten Andacht nahe.
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- https://www.musiklexikon.ac.at/ml/musik_P/Piaristen.xml
- https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Jos%C3%A9_Calasanz&oldid=205583644
Einzelnachweise
- ↑ https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/lexikon/vorderösterreich [zuletzt abgerufen am 21.04.2021].
- ↑ 2,0 2,1 Schiersner, Günzburg, 2006, S. 290.
- ↑ 3,0 3,1 3,2 3,3 Willibold, Volksschulwesen, 1926/27, S. 38.
- ↑ Reißenauer, Günzburg, 2009, S. 220.
- ↑ Das Todesdatum wird alternativ auch mit 1761 angegeben: https://hls-dhs-dss-ch/de/articles/017719/2012-06-25 [zuletzt abgerufen am 21.04.2021].
- ↑ 6,0 6,1 https://www.hdbg.eu/kloster/index.php/detail/geschichte?id=KS0129 [zuletzt abgerufen am 21.04.2021].
- ↑ https://www.habsburger.net/de/kapitel/maria-theresias-stuetzen-des-throns [zuletzt abgerufen am 21.04.2021].
- ↑ Willibold, Volksschulwesen, 1926/27, S. 39.
- ↑ Willibold, Volksschulwesen, 1926/27, Anmerkung 32: S. 38–39.
- ↑ Stollberg-Rilinger, Kaiserin, 2017, S. 707.
- ↑ Stollberg-Rilinger, Kaiserin, 2017, S. 714.
- ↑ Stollberg-Rilinger, Kaiserin, 2017, S. 710.
- ↑ Schaul, Schwaben, 1986, S. 257.
- ↑ 14,0 14,1 Backmund, Die kleineren, 1974, S. 87.
- ↑ Zwei weitere Piaristen-Gründungen, Kempten (1752) und Wallerstein (1761), wurden bei der Neuordnung der deutschen Provinzen „an die rheinisch-schwäbische Vizeprovinz“: Backmund, Die kleineren, 1974, S. 87, zugeteilt.
- ↑ 16,0 16,1 16,2 16,3 https://www.musiklexikon.ac.at/ml/musik_P/Piaristen.xml [zuletzt abgerufen am 21.04.2021].
- ↑ Bushart / Paula, Schwaben, 2008, S. 415.
- ↑ Kirchenraum: Länge: 22,10m, Breite: 8,61m; Chor: Breite: 3,95m: Kraft, Landkreis, 1993, S. 227.
- ↑ Bushart / Paula, Schwaben, 2008, S. 415; Schiersner, Politik, 2005, S. 375 und Anmerkung 203.
- ↑ Karl war der Sohn von Erzherzog Ferdinand II. und der Augsburger Bürgerstochter Philippine Welser, weshalb die vorderösterreichische Markgrafschaft Burgau erst nach langen Verhandlungen per Sondervertrag an Karl überging: Layer, Residenz, 1978, S. 279–280.
- ↑ Greipl, Macht, 1991, S. 168.
- ↑ Picanyol, Casalanza, Band 5, 1986, Sp. 1125.
- ↑ https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Dossenberger [zuletzt abgerufen am 21.04.2021].
- ↑ 24,0 24,1 Reißenauer, Günzburg, 2009, S. 218.
- ↑ München: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege: Ordner: Schwaben, Günzburg, Schloß und Studienkirche, Schlossplatz 5, Wand, Band 2. Darin auch enthalten Nachlass Lieb.
- ↑ Siehe hierzu auch: Kraft, Denkmäler, 1993, S. 226.
- ↑ Die konkreten Maße konnten vor Ort nicht ermittelt werden.
- ↑ Joseph von Calasanza (1556/57–1648), der Gründer des Piaristenordens wurde 1748, sieben Jahre vor Erbauung der Kapelle, selig gesprochen: Picanyol, Calasanza, Band 5, 1986, Sp. 1125.
- ↑ Kraft, Denkmäler, 1993, S. 237.
- ↑ Kraft, Denkmäler, S. 237; Reißenauer, Günzburg, 2009, S. 219.
- ↑ https://www.meinbezirk.at/krems/c-lokales/400-jahre-piaristenorden-der-gru [zuletzt abgerufen am 21.04.2021].
- ↑ Picanyol, Calasanza, Band 5, Sp. 1125.
- ↑ Kraft, Landkreis, 1993, S. 236.
- ↑ 34,0 34,1 34,2 https://www.heiligenlexikon.de/BiographienJ/Joseph_von_Calasanza.htm [zuletzt abgerufen am 21.04.2021].
- ↑ 35,0 35,1 Deissler / Vögtle, Bibel, 2007, S. 1281.
- ↑ www. heiligenlexikon.de/BiographienJ/Joseph_von_Calasanza [zuletzt abgerufen am 21.04.2021].
- ↑ https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Jos%C3%A9_Calasanz&oldid=205583644 [zuletzt abgerufen am 21.04.2021].
- ↑ Casalanzas Pädagogik-Prinzip brachte ihn einerseits in Kontakt mit Wissenschaftler wie Galileo Galilei und Tommaso Campanella und anderseits vor das Inquisitionsgericht: https://bistum-augsburg.de/Heilige-des-Tages/Heilige/JOSEF-VON-CALSANZ [zuletzt abgerufen am 21.04.2021].
- ↑ Deissler / Vögtle, Bibel, 2007, S. 950.
- ↑ Zur zeithistorischen Diskussion siehe: Neumayr, Initium, 1745.
- ↑ Kraft, Denkmäler, 1993, S. 236 und Anmerkung 33; Reißenauer, Günzburg, 2009, S. 219.
- ↑ https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Dossenberger [zuletzt abgerufen am 21.04.2021]. Über die gleiche rotbraune Gewandung mit weißem Hemd wäre eventuell ein thematisches Ausbildungs-Narrativ aus Beginn der Schulbildung (ABC-Schüler, bildlinks), deren Abschluss mit Kenntnissen in theoretischer Mathematik (magisches Quadrat, bildlinks) und ihre konkret-praktische geometrische Anwendung im Bereich der Architektur zu vermuten.
- ↑ Romberg, Welt, 2017, S. 278–279.
- ↑ https://de.wikisource.org/wiki/Christliche_Symbolik/Aloë [zuletzt abgerufen am 21.04.2021]; Kretschmer, Lexikon, 2008, S. 29.