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Frauenchiemsee, Benediktinerinnenabtei

Aus Deckenmalerei-Lab


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 12, Teil 1: Stadt und Landkreis Rosenheim. Hirmer, München 2006, ISBN 978-3-7774-3355-4, S. 154–155, geschrieben von Bauer-Wild, Anna und Sinkel, Kristin. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

FRAUENCHIEMSEE

Benediktinerinnenabtei Gemeinde Chiemsee, Kuratie Frauenchiemsee Erzdiözese München und Freising. Ehem. Erzdiözese Salzburg Archidiakonat und Bistum Chiemsee. Hofmark Frauenchiemsee, Gericht Kling

Irmengard-Kapelle Maria-Mitleid-Kapelle S. 156

Zur Geschichte: Etwas später als das Männerkloster auf der Herreninsel entstand das Frauenkloster auf der Fraueninsel. Nach der Klostertradition war es eine Gründung des letzten Agilolfingers, Herzog Tassilo III. (reg. 748-88). Die neuere Forschung geht von 782 als Gründungsjahr aus (Dopsch 2003, S. 29), was nicht unbestritten ist (Benker 2003, S. 4). In der Frühzeit war Frauenwörth ein Stift für Damen aus dem Adel, vergleichbar mit Kloster Nonnberg in Salzburg. Noch heute haben die Äbtissinnen von Nonnberg und Frauenwörth das Recht, eine Krone zu tragen. Gesichert sind Bau und reiche Dotierung des Frauenklosters im Chiemsee um die Mitte des 9. Jh. durch Ludwig den Deutschen, dessen Tochter Irmengard († 866; Kultanerkennung 1928) Äbtissin wurde. In dieser Zeit erlebte das Kloster seine größte Blüte. Es war Reichsstift und seine Güter waren beträchtlich.

Nicht nur die Ungarneinfälle im 10. Jh. verursachten einen Niedergang. Dem Erzbischof von Salzburg gelang es zeitweise, die Oberhoheit über Frauenwörth zu erlangen. 1202 verlor das Kloster endgültig seine Stellung als Reichsabtei, doch konnte Salzburg es nicht auf Dauer halten. Bei der Festlegung der Grenze zwischen dem Erzbistum Salzburg und dem Herzogtum Bayern 1275 wird Frauenwörth als landständisches bayrisches Kloster genannt.

Dem Kloster waren die Pfarreien Pfaffenhofen bei Rosenheim, Buch am Erlbach, Gstadt, Angath und Evenhausen inkorporiert. Während des 30jährigen Krieges wurde Frauenwörth zum Zufluchtsort bedrohter Frauenkonvente Bayerns. Neubau der Klostergebäude 1729/32 unter der Äbtissin Irmengard II. von Scharfsedt.

Säkularisation 1803. Die Benediktinerinnen durften gemäß den Bestimmungen des Reichsdeputationshauptschlusses in den Klostergebäuden bleiben. Am 29.12.1836 stimmte Ludwig I. der Wiedererrichtung des Klosters zu, unter der Bedingung, daß eine Mädchenschule mit Internat eröffnet würde. Am 21.3.1838 wurde Frauenchiemsee als Priorat feierlich wiedererrichtet; seit 1901 ist es wieder Abtei. Neben St. Walburg in Eichstätt ist Frauenwörth das älteste noch bestehende Kloster in ganz Deutschland (Benker 2003, S. 6).

St.-Irmengard-Kapelle im Chorhaupt der Klosterkirche. Die ehem. Apostelkapelle änderte ihr Patrozinium, als 1929 nach der Kultanerkennung die Reliquien der seligen Irmengard unter der Mensa des Altars beigesetzt wurden. Irmengards 1641 errichtetes Hochgrab befindet sich noch in der Taufkapelle unter der Empore.

Patrozinium: St. Irmengard, bis 1929 Zwölf Apostel

Zum Bauwerk: Bau der Abteikirche mit dem Patrozinium Mariä Geburt in der ersten Hälfte des 11. Jh. wahrscheinlich an Stelle eines Vorgängerbaus aus dem 8./9. Jh. Veränderungen im Ostteil im 12. Jh. Im 15. Jh. erhielt die Kirche ihre spätgotischen Gewölbe. 1476 wurde ein neuer großer gotischer Flügelaltar aufgestellt. 1484 wurden die Gewölbe ausgemalt (weitere Ausmalung 1606). Nach dem Anbau der Maria-Mitleid-Kapelle 1536 erfolgten keine nennenswerten Baumaßnahmen mehr. Die Äbtissin Abundantia von Grimming (1686–1702) verhalf der Kirche zu ihrer bemerkenswerten barocken Altarausstattung.

1476 wurde – in zeitlichem Zusammenhang mit der Errichtung des neuen Hochaltars – an das Längsrechteck des Münsters im Osten eine doppelgeschossige Chorhauptkapelle angebaut. Die obere, nur vom Kloster aus betretbare Johanniskapelle ist noch in ihrer spätgotischen Form erhalten. Die untere Kapelle, die ehemalige Apostelkapelle, ist zum Chorumgang in ganzer Breite offen, nur durch einen eingezogenen Gurtbogen geschieden. Sie wurde Anfang des 18. Jh. barockisiert. Zweijochiger kleiner Raum mit dreiseitigem Schluß. Belichtung durch ein Fenster von N.

Auftraggeber: Den Altar der Kapelle stiftete der Vater der am 7.3.1702 neugewählten Äbtissin Irmengard II. von Scharfsedt (1702-33). Inschrift an der Predella: In Honorem SPIRITUS SANCTI, Beatissimae Virg: Mariae Apostolorum REGINAE, et SS. APOSTOLORUM, hanc ARAM pingi curavit in Memoriam Reverendissimae Dom: DOM: ABBATISSAE IRMEN-GARDIS Unanimi voto electae VII. Martii MDCCII Pater eius Fidelis Franciscus Felix Lib. Baro de Scharfseed etc. Serenissimi Electoris Bavariae Camerae vice Praeses. Entweder hat Franz Felix Freiherr von Scharfsedt gleichzeitig die Decke bemalen lassen, um dem gestifteten Altar eine passende Umgebung zu schaffen, oder die Äbtissin selbst war Auftraggeberin der Ausmalung. Der Altar selbst ist ein reichornamentiertes Werk des Klosterschreiners Matthias Piechlinger (* um 1650 † 12.9.1718) von Mühln bei Breitbrunn.

Auftraggeberin für die Wandbilder W und W1-4 war die Äbtissin Luitgard von Ginsheim (1735–63).

Autor und Entstehungszeit: Deckenbild A Mariä Opferung: Zuschreibung an Jacob Carnutsch (* um 1650/55 † 1716 Prien) nach 1702

A Putten um die Geisttaube (Jacob Carnutsch nach 1702), Gewölbe der Irmengard-Kapelle im Chorhaupt der Klosterkirche

Die Ausmalung steht mit Sicherheit in zeitlichem Zusammenhang mit der Stiftung des Altars 1702. Der Autor ist im lokalen Bereich zu suchen. Außer Joseph Eder kommt nur sein langjähriger enger Mitarbeiter Jacob Carnutsch in Betracht. E war ebenfalls Freskant und in Prien ansässig. Die große Ähnlichkeit der Putten mit denen im Hauptbild A des Saales von Schloß Wildenwart (S. 555), die Carnutsch zugeschrieben und um 1690 datiert werden, legt eine Zuschreibung der Irmengardkapelle an Carnutsch nahe.

Joseph Eder, der zumindest bis 1684 auf der Fraueninsel gelebt hatte, war seit 1689 Maler in Neubeuern, arbeitete aber 1695/97 an Altären für Frauenchiemsee. 1695 machte er Visiere und Altarblätter des Anna- und des Antonius-Altars (erhalten), 1697 Visiere und Altarblätter des Rupertus- und des Benediktusaltars (erhalten), 1697 Visier und Altarblätter des Katharina-Altars (Altarbilder nicht erhalten).

Wandbilder W und W 1-4: Zuschreibung an Balthasar Furtner (* unbekannt † 1764 Frauenchiemsee) um die Mitte des 18. Jh. Die Wandbilder stammen nicht aus der Zeit der Deckendekoration. Der Figurenstil und die Art, Bildschauplätze zu bauen, weisen auf Balthasar Furtner als Autor hin, der seit den späteren 40er Jahren als Maler in Frauenchiemsee ansässig war und 1761 die Maria-Mitleid-Kapelle am Frauenwörther Münster freskierte.

1740 malte Furtner in der Schloßkapelle Hohenaschau, wo er mehrfach beschäftigt war, an die Wände seitlich des Hochaltars »uf Depicharth« Spaliere mit den Bildern der Vier Kirchenväter (nicht erhalten). Möglicherweise diente das Motiv der wandfüllenden Kirchenväter-Darstellungen in Hohenaschau den Benediktinerinnen in Frauenchiemsee als Vorbild

Befund

Träger der Deckenmalerei: Gotisches Gewölbe, im Scheitel leicht verschliffen, mit tiefen Stichkappen

Rahmen: A gemalter Ornamentrahmen mit Lorbeerlaub und übergreifenden Agraffen

Technik: Fresko; polychrom

Maße: A Höhe 6,80 m; 1,75 × 1,66

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Letzte Restaurierung des Münsters 1976, bei der eine allgemeine Sicherung der Fresken und Austünchung des Innern vorgenommen wurde. Die Chorhauptkapelle ist in den Berichten nicht eigens erwähnt. Die Deckenmalerei weist Wasserschäden, leicht übergangene Fehlstellen und blasse Partien von Abreibungen auf. Die Wandbilder sind schlecht erhalten und haben vor allem durch mechanische Beschädigungen gelitten. Durch das Aufstellen großer Grabplatten wurden W1 und W4 fast zerstört, W

W. Ambrosius und W. Gregorius, zwei von vier Kirchenvätern in den Schildwänden (Balthasar Furtner um 1750). W. Immaculata, Wandbild auf der Südseite

FRAUENCHIEMSEE

im unteren Bereich verdeckt. Anläßlich der letzten Restaurierung der Maria-Mitleid-Kapelle wurde am Gewölbe der Irmengardkapelle nichts gemacht.

Beschreibung und Ikonographie

Die gesamte Wölbungsfläche und die oberen Teile der Schildwände tragen die dekorative Ausmalung, Akanthus-Blattwerk, das flächenfüllend zartgrau auf rosa Grund gesetzt ist, wobei die Gewölbegrate der Stichkappen durch Ornamentleisten nachgezogen sind. Kräftige grüne Girlanden rahmen das mittlere Bildfeld A und begleiten zwei ornamental eingefaßte Ausblicke im O und W, vor deren Himmelsgrund Ziervasen dargestellt sind. Vor runden Ausblicken, die im N und S das Mittelfeld flankieren, sind brennende Opfergefäße gesetzt.

A PUTTEN UM DIE TAUBE DES HL. GEISTES Im Scheitel der Wölbung ist das runde Bild angebracht. Es zeigt einen lichten Wolkenhimmel, in dessen Mitte, von hellen Strahlen umgeben, die Taube des Heiligen Geistes zu sehen ist (er ist erster Patron des neuen Altars). Putten schweben ringsum. Sie halten Palmen, Kränze und Blüten. Mit Palmzweigen und Kränzen werden die Märtyrer ausgezeichnet. Dieses Motiv hat wohl mit dem ursprünglichen Apostel-Patrozinium der Kapelle zu tun, das vom neuen Altar aufgegriffen wurde (s. Stifterinschrift): Auf dem Altarblatt ist Maria im Kreis der Apostel bei der Herabkunft des Heiligen Geistes zu sehen.

W IMACVLATA / CONCEPTIO / B. M. V. Auf dem mittleren Wandbild der Südseite sieht man Maria in grünlichem Gewand vor Wolken; ihr Haupt ist von dem Sternenkranz umgeben, Putten halten Lilie und Kranz. Der unterste Bildteil ist von Grabplatten verdeckt.

W1-4 VIER KIRCHENVÄTER Im westlichen Joch der Kapelle und in den Schlußschrägen sind an den Schildwänden Wandbilder in imitierten Stuckrahmen angebracht, die die Kirchenväter in Ganzfigur zeigen. In gemalten Kartuschen am oberen Bildrand befinden sich ihre Namen.

W. S: AVGVSTI/NVS. Auf dem fast ganz zerstörten Bild ist noch der obere Teil eines Bücherschrankes und Kopf sowie Oberkörper des hl. Augustinus zu sehen (keine Abb.).

W. S: AMBROSI/VS. Ambrosius steht in Bischofstracht in einer grün drapierten Bibliothek, schreibt auf eine Schriftrolle und blättert mit der Linken in einem Buch. Zu seinen Füßen sieht man den Bienenkorb.

W. S: GREGORI/VS. Papst Gregor der Große sitzt an einer Gartenmauer, bei der rechts eine große rote Draperie angebracht ist. Er hält ein Buch, an seinem Ohr ist die Taube der göttlichen Inspiration.

W. S: HIERONI/MVS. Man sieht im obersten Bildteil (der Rest ist von Grabplatten verdeckt) einen Gartenausblick, an einem Pfeiler hängt der rote Kardinalshut (keine Abb.).