Fellheim, Schloss
Inventarnummer: cbdd10299
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Das ehem. Schlösschen Fellheim, nahe der ehem. Reichsstadt Memmingen, ist eines der vielen historisch bedeutenden Beispiele von Klein-Residenzen in Bayern-Schwaben. Die vierflügelige Anlage bezieht ihren Reiz aus der kontrastvollen Erscheinung verschiedener Baukörper und Dachhöhen.

Das Schloss Fellheim und seine wechselhafte Bau- Besitz- und Funktionsgeschichte
Wechselhafte Bau- Besitz- und Funktionsgeschichte
Der Ort und das dazugehörige Schloss Fellheim[1] liegen nördlich von Memmingen im Illertal. In einer Urkunde aus dem 13. Jahrhundert wird „die Oberlehensherrschaft Kemptens erschließbar, die dem Stift bis zu seiner Säkularisation zustand.“[2] Die Chroniken verzeichnen einen häufigen Wechsel der Ortsherrschaften von Klöstern (Rot an der Rot, Roggenburg) zu Memminger Bürgern (Leutkircher, Besserer, Sättlin).[3] „1550 übernahmen die Freiherren Reichlin von Meldegg, die Fellheim bis zum Ende des Alten Reiches innehatten“[2].
Sebastian Reichlin von Meldegg ließ daraufhin ein erstes Schloss errichteten, das 1557 fertiggestellt war, aber bereits nach nicht einmal hundert Jahren Bestand 1633 im Dreißigjährigen Krieg zerstört wurde. 1635 baute man das Schloss wieder auf, deren Kern man zwar im 18. Jahrhundert umbaute, im Wesentlichen als solcher aber bis heute erkennbar ist.[4]
„Die Familie von Reichlin blieb bis 1920 Eigentümer von Schloss Fellheim, das in den folgenden Jahren mehrfach den Besitzer wechselte.“[5] Nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1963 wurde das Schloss sozialen Institutionen zur Nutzung zugeführt.[5] Danach war das Hauptgebäude unbewohnt, ehe 1990 der Umbau des gesamten Schlossareals zu einem Senioren- und Pflegeheim begann, das 1992 ihren Betrieb aufnahm. „Das Schloss wurde dadurch quasi zu einem Mehrfamilienhaus mit Eigentumswohnung bzw. Pflegeappartements.“[6]
Die Schlossanlage und die Schlosskapelle
Schlossanlage und Schlosskapelle
Die gesamte Schlossanlage bildet ein Areal aus vier Flügeln, die einen Innenhof umschließen. In ihrer Ausrichtung zueinander sind sie genauso unregelmäßig wie die unterschiedlichen Bauzeiten.[7]
Den historischen Kernbau der Anlage bildet an der Südwest-Ecke der längsgerichtete Schlossbau. Er ist als ein dreigeschossiger Putzbau konzipiert, dessen baukörperliche Kompaktheit von dem hohen Walmdach mit einem kleinen Dachreiter verstärkt wird. An den vier Kanten des Schlosses befinden sich achteckige Türme, deren Volumen auf Traufhöhe eingezogen ist, um sich als freistehender Aufsatz mit Zwiebelhaube von dem Kernbau zu emanzipieren. Dieses belebende Spiel aus Dach- und Turmkontrasten wird auf der Nordseite, zum Hof hin, von einem „lisenengegliederten Mittelrisalit“[4] gestalterisch ergänzt.
Dieser Hof setzt sich aus drei Flügeln zusammen, die alle drei nicht rechtwinklig aufeinander ausgerichtet sind. Der Westflügel, die Schlossökonomie, ist ein „zweigeschossiger Walmdachbau über hohem Sockel“[8], in dem sich auf der Südseite die Schlosskapelle befindet. Die beiden übrigen Flügel auf der Nord- und Ostseite sind Neubauten aus der Umbauzeit von 1990-1992.[9]
Eine bereits bestehende Schlosskapelle wurde während der mehrmaligen Umgestaltungen des Schlosses im 18. Jahrhundert 1773 neu gebaut.
Die Schlosskapelle und ihre Ausstattung: Der hl. Marquard in Bayern
Schlosskapelle: Ausstattung
Die Schlosskapelle ist in ihrer Raumkonzeption sehr einfach angelegt. Sie besteht aus einem quadratischen, „einschiffige[n] Raum mit Muldendecke und Herrschaftsloge im Osten; der nach Süden gerichtete Altarraum flachrund geschlossen.“[4]
Im Altarraum befindet sich marmorierter, hölzerner Altartisch, über dem sich das Altarbild mit der Darstellung des Hl. Johann Nepomuk erhebt, eingerahmt von Freisäulen.
Im Hauptraum ist ein „Deckenbild mit Darstellung einer Schlacht, angeblich Tod des hl. Marquard“[10] zu sehen.
Aufgrund einer eigenen fehlenden Überprüfung des inhaltlichen und anschaulichen Bestandes können an dieser Stelle keine gestalterisch-künstlerischen Aussagen zu Komposition, Figurenbildung und Farbgebung des Deckenbildes gemacht werden.
Ausgehend von der mageren Informationslage zum dargestellten Inhalt, und unter der Voraussetzung der ikonographisch richtig thematischen Bestimmung des Deckenbildes, sei dennoch an dieser Stelle eine weniger religions- als kulturhistorische Annäherung versucht.
Die beiden benannten Elemente der an der Decke dargestellten Geschichte, der heilige Marquard, der in einem Schlachtengetümmel umkommt, führen in eine längst vergangene Zeit und von Bayern weit entfernte Gegend.
Mit Marquard (Markward) ist der „aus dem sächsischen Geschlecht der Immedinger“[11] stammende fünfte Bischof von Hildesheim zu bestimmen, der 874 auf den Bischofstuhl berufen wurde.
Im Abwehrkampf gegen die dänischen Normannen, die das sächsische Norddeutschland immer wieder sporadisch überfielen, sammelte sich 880 ein Heer, das gegen die Wikinger antrat. „Da der ostfränkische König Ludwig III. der Jüngere das Heer nicht selbst anführen konnte, übertrug er den Oberbefehl über das in seinem Namen aufgebotene Heer auf Brun“[12]. Der sächsische Herzog, der mit Unterstützung „vieler Grafen und Bischöfe“[13] das christliche Heer anführte, erlitt eine vernichtende Niederlage gegen die heidnischen Normannen. Im „Verlauf der für die christliche Seite katastrophalen Schlacht [wurden] der Herzog, zwölf Grafen sowie die Bischöfe Diedrich von Minden und Marquard von Hildesheim getötet“[14].
Mit diesem Tod in der Schlacht der sächsischen Christen gegen die normannischen Heiden in der Lüneburger Heide erhielten sowohl Marquard als auch andere Bischöfe, Grafen und königliche Trabanten den Titel eines Märtyrers und Heiligen, die insgesamt als sog. „Ebstorfer Märtyrer“[15]. bekannt sind und verehrt werden.
Aus welchem Grund der heilige Marquard, dieser im 9. Jahrhundert im sächsischen Norddeutschland für seinen christlichen Glauben gefallene Bischof, seinen religions- und kulturhistorischen Weg nach Bayern antrat und seine Verbildlichung im schwäbischen Fellheim fand, ist gänzlich unbeachtet und deshalb unerforscht geblieben.
Dieses an der Kapellendecke von Fellheim gemalte Schlachtenbild mit dem Märtyrer aus der spätkarolingischen Zeit ist eine absolute Singularität. Im Bereich der süddeutschen Deckenmalerei ist die dargestellte Thematik sonst nirgends zu finden.[16]
Versucht man sich dieser ikonographischen Besonderheit anzunähern, greifen die methodisch tradierten Anknüpfungspunkte nicht.
Programm und Synthese: Die Familie Reichlin von Meldegg und der hl. Marquard
Ein norddeutscher Märtyrer am bayerischen Deckenhimmel: Einige Überlegungen
Um sich den möglichen Auswahlkriterien des dargestellten Themas zumindest äußerlich anzunähern, seien hier zwei Aspekte eingeführt, deren Gedanken allerdings nur durch archivalische Forschungen zu eruieren sind. Sie bleiben deshalb dem Allgemeinen verhaftet.
1. Der historisch-religionspolitische Aspekt: Fellheim lag in einem Gebiet, das, wie in vielen anderen Gegenden Schwabens auch, im 17. und 18. Jahrhundert von dem religiösen Gegensatz benachbarter protestantischer und katholischer Glaubensgemeinschaften bestimmt war. Eine im Falle Fellheims naheliegende Konstellation drängt sich dahingehend auf, wenn man, strukturell betrachtet, den öfters zu beobachtenden Konflikt zwischen protestantischen Reichsstädten und den in der Stadt oder im Umland liegenden katholischen Herrschaften heranzieht.[17]
Im konkreten Fall wäre die nur wenige Kilometer entfernte protestantische Reichsstadt Memmingen, ein „Mittelpunkt der oberdeutschen Reformation“[18], sowohl als wirtschaftlicher als auch religiöser Konkurrent von Fellheim aufzufassen. Unter diesen historischen Umständen wäre es denkbar, wenn die Herren von Fellheim bei ihrer Entscheidung für die Darstellung des berühmten christlichen Märtyrers Marquard identitätsstiftende Kriterien in Betracht gezogen hätten, um sich von der Nachbarstadt Memmingen abzusetzen und das religiöse Gegeneinander hervorzuheben.
Die für die bikonfessionelle Stadt Augsburg erforschte sog. „unsichtbare Grenze“[19] zwischen Protestanten und Katholiken wäre in unserem Beispiel sogar überdeutlich als eine religiöse Grenzziehung sichtbar. Inwieweit dabei bildstrategische Überlegungen eine Rolle spielten, die „Nachbarn der anderen Konfession“[20] zu beeindrucken, muss offen bleiben.
2. Der familiäre Aspekt: Bei der vorgenommenen Recherche der Namensgebungen der Familie Reichlin von Meldegg fällt auf, dass im 18. Jahrhundert sich der Vorname des norddeutschen Märtyrers und Heiligen Marquard etablierte und an die nachfolgenden Generationen bis in das 19. Jahrhundert weiter gegeben wird.
Den nomenalen Anfang machte Marquard Anton Reichlin von Meldegg (1689-1765), Sohn des 1708 verstorbenen Balthasar Ferdinand Reichlin von Meldegg.[21] Der 1734, 1748 und 1761 mit Fellheim belehnte Rittmeister im schwäbischen Kreisregiment, auch „der tolle Rittmeister zugenannt“[22], verstarb am 29. Januar 1765.
Kurz nach seinem Tod erhielt sein Sohn Franz MarquardAnton (1730-1780) am 17. Mai 1765 mit Fellheim als Lehen.[23] Der „Oberst- und Generaladjutant im schwäbischen Kreis [...] vereinte [damit] die Herrschaften Fellheim und Ellmannsweiler, welch letztere er von seinem Vetter Franz Christof, gestorben 1735, ererbte.[24]
Franz Marquard Anton Reichlin von Meldegg, der, laut seiner Grab-Inschrift[25], auch die Umbauten des Schlosses und den Neubau der Schlosskapelle 1773 verantwortete, könnte auch derjenige gewesen sein, der z.B. den Wunsch äußerte, in Erinnerung an seinen Vater und familiären Namenspatron den Schutzheiligen Marquard und dessen heldenhaftes Sterben für den christlichen Glauben an die Decke der Schlosskapelle malen zu lassen.[26]
Die Söhne von Franz Marquard Anton Reichlin von Meldegg und sein mit Schloss Fellheim belehnter Nachfolger tragen selbstverständlich den Namen Marquard (Marquard Christoph). Dessen Kinder und Kindeskinder verstärkten sogar diese namentliche Weitergabe, indem sie die Namensgebung Marquardt mit dem Namen Johann Nepomuk, also demjenigen Heiligen, dem die Kapelle geweiht worden war[27], kombinierten.
Bibliographie
- Aschoff, Markward, 1990 ─ Aschoff, Hans-Georg, Markward, in: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 224 (http://www.deutsche-biographie.de/html).
- BLfD, Baudenkmäler, 2020 ─ Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, Fellheim (Baudenkmäler, Stand 12.02.2020).
- Bushart / Paula, Bayern III, 2008 ─ Bushart / Paula, Bayern III, 2008 ─ Bushart, Bruno / Paula, Georg, Bayern III. Schwaben (Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler), München / Berlin 2008 (2. Auflage).
- Crammer, Jubel=Jahr, 1776 ─ Crammer, Anton, Sechstes Heiliges Jubel=Jahr des Deutschen Roms, das ist: kurzgefaßter Bericht von den geheiligten Orten, Heiligthümern, und gottseligen Bewohnern der Churbaierischen Hauptstadt bey gegenwärtig sechsten Jubel=Jahr von Erbauung derselben [...], München 1776, S. 181-183.
- von Engelberg, Münster, 2008 ─ Engelberg, Meinrad von, Von Münster nach Rastatt – Konfession und Territorium als Rahmenbedingungen des deutschen Barock und Rokoko, in: Barock und Rokoko, München / Berlin / London / New York 2008 (Geschichte der bildenden Kunst in Deutschland, Band 5), S. 11-25.
- François, Grenze, 1991 ─ François, Etienne, Die unsichtbare Grenze. Protestanten und Katholiken in Augsburg (1648-1806), Sigmaringen 1991 (Abhandlungen zur Geschichte der Stadt Augsburg, 33).
- Körner / Schmid, Bayern I., 2006 ─ Körner, Hans-Michael / Schmid, Alois, Bayern I. Altbayern und Schwaben, Stuttgart 2006 (Handbuch der Historischen Stätten, Band 324).
- Reichlin, Geschichte, 1881 ─ Reichlin, Hermann Freiherr von Reichlin-Meldegg, Geschichte der Familie Reichlin von Meldegg, Regensburg 1881.
- Sponsel, Burgen, 2006 ─ Sponsel, Wilfried, Burgen, Schlösser und Residenzen in Bayerisch-Schwaben, Augsburg 2006.
- Wegener, Dei, 2011 ─ Wegener, Sebastian D., Dei et Apostolicae Sedis Gratia. Über die Entstehung von Personenherrschaft in den Bistümern Bremen und Verden im frühen Mittelalter und die Rezeption dieser Zeit in liturgischen Schriften des Erzbischofs Christoph von Braunschweig-Lüneburg, Brake 2011.
- online:
Einzelnachweise
- ↑ 87748 Fellheim, Ulmer Straße 6, Lkr. Unterallgäu, Denkmal-Nr. D-7-78-139-13 (http://geodaten.bayern.de/).
- ↑ 2,0 2,1 Körner / Schmid, Bayern I, 2006, S. 221.
- ↑ Summarisch nach: Körner / Schmid, Bayern I, S. 221.
- ↑ 4,0 4,1 4,2 Bushart / Paula, Bayern III, 2008, S. 337.
- ↑ 5,0 5,1 Sponsel, Burgen, 2006, S. 166.
- ↑ Schmidt, Verkauf, 2020 (https://www.augsburger-allgemeine.de/illertissen/Verkauf-des-Schlosses-in-Fellheim-ist-abgeschlossen-id56457186.html).
- ↑ Abb.: https://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Fellheim/bilder
- ↑ BLfD, Baudenkmäler, 2020, S. 2.
- ↑ BLfD, Baudenkmäler, 2020, S. 2; Bushart / Paula, Bayern III, 2008, S. 337.
- ↑ Bushart / Paula, Bayern III, 2008, S. 337. Die Kapelle mit dem Deckenbild konnte Coronabedingt von der Autorin nicht besichtigt werden.
- ↑ Aschoff, Markward, 1990, S. 224 (http://www.deutsche-biographie.de/html).
- ↑ https://de.wikipedia.org/wiki/Normannenschlacht_880; Wegener, Dei, 2011, S. 52.
- ↑ Wegener, Dei, 2011, S. 52 und Anmerkung 162.
- ↑ Wegener, Dei, 2011, S. 52.
- ↑ https://de.wikipedia.org/wiki/Ebstorfer_Märtyrer; https://de.wikipedia.org/wiki/Markward_von_Hildesheim.
- ↑ Trotz der Namensgleichheit und des Bayern-Bezuges ist der 1337 im Münchener Franziskanerkloster verstorbene selige Marquard Weißmaler, der als Wundertäter galt, hier nicht in Betracht zu ziehen: Crammer, Jubel=Jahr, 1776, S. 181-183.
- ↑ Siehe z.B. auch: Augsburg, Kempten, Lindau.
- ↑ Körner / Schmid, Bayern I, 2006, S. 483-484.
- ↑ François, Grenze, 1991.
- ↑ von Engelberg, Münster, 2008, S. 17.
- ↑ Reichlin, Geschichte, 1881, S. 105.
- ↑ https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kindlervonknobloch1919bd3/0412(Julius Kindler von Knobloch, Badische Historische Kommission, Oberbadisches Geschlechterbuch, Band 3, M-R, Heidelberg 1919).
- ↑ Reichlin, Geschichte, 1881, S. 108.
- ↑ Reichlin, Geschichte, 1881, S. 108. „Oberst und General-Adjutant im Schwäbischen Kreisregiment Hohenzollern“: https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kondlervonknobloch1919bd3/0412.
- ↑ Reichlin, Geschichte, 1881, S. 108-109: „Aedificavit sibi Domos [...]“.
- ↑ Sein Bruder Castulus, der letzte Fürstabt von Kempten, wurde als Johann Marquard von Reichlin-Meldegg getauft (1743-1804): https://de.wikipedia.org/wiki/Castulus_Reichlin_von_Meldegg.
- ↑ Johann Nepomuk (1777-1865), kurtrierischer Kammerherr, kaiserlich königlicher Hauptmann a.D; Johann Nepomuk Marquard (1794-1874), Herr auf Benningen, Ehrenritter des Malteser Ordens, königlich Württembergischer Offizier: https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kindlervonknobloch1919bd3/0412.