Ellwangen, Statthalterpalais
Inventarnummer: cbdd10187
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Rupert Franz Xaver Friedrich von Schwarzach richtete als Dekan im 1690/91 erbauten Statthalterpalais 1754 ein neues Treppenhaus ein. An der Decke stellte er sein Wappen axial zwischen die göttliche Weisheit und den Thronsessel des Stiftsdekans, umgeben von den Wappen der elf übrigen Kapitulare.

Geschichte und Beschreibung des Palais

Geschichte des Palais
Im Unterschied zu den Fürstpröpsten des Chorherrenstifts Ellwangen, die oberhalb der Stadt auf dem Berg residierten, wohnte der jeweilige Stiftsdekan und damit Statthalter des Fürstpropsts in der Stadt in unmittelbarer Nähe des Stifts. Als Sitz des Stiftsdekans wurde das heutige Statthalterpalais in den Jahren 1690/91 nördlich hinter dem Querhaus der Stiftskirche entlang der Stadtmauer errichtet. Als Bauherr gilt Fürstpropst Wolfgang von Hausen (1553–1613), der das Amt von 1584 bis 1603 innehatte. Bestätigt wird die Bauherrschaft durch die dendrochronologische Datierung des Dachstuhls 1590–1593.[1]
Dekan war damals Quirin Gottfried von Hausen mit einer Amtszeit von 1582–1601.[2] Möglicherweise handelte es sich um Brüder. Das am Außenbau angebrachte Wappen mit einem Widder ist das der Herren von Hausen. Es bezieht sich also sowohl auf den Fürstpropst als auch auf den Dekan. Allerdings verwendete Wolfgang von Hausen als Fürstpropst ein geviertes Wappen mit der Mitra in den Feldern 1 und 4 und dem Widder in den Feldern 2 und 3. Es findet sich – zusammen mit dem reinen Familienwappen, das wiederum auf den Dekan hinweisen könnte, – am südlichen Querhausgiebel der Stiftskirche, der unter seiner Amtszeit von neu aufgemauert wurde.[3]
Das Gebäude ist inschriftlich datiert durch ein Relief in der östlichen Giebelwand mit dem Meisterzeichen des Nördlinger Baumeisters Wolfgang Waldberger (1546–1622) (WW) und der Jahreszahl 1591.[4] Der Dachstuhl konnte dendrochronologisch auf das Jahr 1591/92 datiert werden.[5]
Die Umgestaltung des Inneren veranlasste laut Inschrift im Deckengemälde des Treppenhauses der am 29. Oktober 1753 zum Dekan gewählte Rupert Franz Xaver Friedrich Freiherr von Schwarzach (1701–1760).[6] Das zugehörige Chronogramm mit der Jahreszahl 1754 dürfte die Fertigstellung bezeichnen. Rupert Franz Xaver Friedrich von Schwarzach war zuvor als Kanoniker und Kapitular Kammerpräsident des seit 1732 in Personalunion mit dem Kurfürstentum Trier und dem Fürstbistum Worms amtierenden Fürstpropstes Franz Georg von Schönborn (1682–1756). Er war als solcher für dessen Bauvorhaben in Ellwangen zuständig,[7] sodass er in Bau- und Ausstattungsfragen erfahren gewesen sein muss. Mit Franz Georg von Schönborn stand er in einem guten Verhältnis, da dieser ihm half, 1746 für seine Familie das Rittergut Horn nordöstlich von Schwäbisch Gmünd zu erwerben.[8]
Beschreibung des Palais
Bei der Statthalterei handelt es sich um ein dreigeschossiges Gebäude mit steilem Satteldach von acht Achsen Breite und sechs Achsen Tiefe. Die enorme Tiefe im Verhältnis 1:0,85 zog ein hohes Satteldach nach sich. Die Giebelseite, deren sechs Fensterachsen weniger dicht stehen als die der Traufseite, erreicht eine Höhe von bis zu sieben Stockwerken. Die Hauptfassade und der Haupteingang liegen der Stiftskirche zugewandt an der Traufseite nach Süden. Entlang der nördlichen Traufseite verlief die Stadtmauer.
Die Hauptfassade wird in gleichmäßigen Abständen durch große Rechteckfenster mit leicht vortretenden Faschen und Scheitelsteinen gegliedert. Zwischen den Geschossen verlaufen rechteckige Gurtgesimse (vermutlich aus Stuck), die sich um Lisenen, die die Fassade an beiden Seiten einfassen, verkröpfen. Das Portal mit einem geohrten, stilistisch dem 18. Jahrhundert zuzuweisenden Profil[9] befindet sich exakt auf der Mittelachse des Gebäudes. Es kommt dadurch zwischen die Fensterachsen des ersten und zweiten Obergeschosses zu liegen, was durch die beiden das Portal im Erdgeschoss flankierenden Fenster ausgeglichen wird. Über dem Portal, das erst im 18. Jahrhundert seine zentrale Lage erhielt,[10] befindet sich das mit Schweifwerk um 1600 ornamentierte Relief mit dem Wappen des Ellwanger Stifts (hl. Vitus im Kessel) und der Herren von Hausen (Widder). Es wurde im 18. Jahrhundert mittels eines rechteckig profilierten Stuckprofils in das untere Gurtgesims integriert.
Das Treppenhaus des 18. Jahrhunderts
Das in der Mitte des 18. Jahrhunderts eingebaute hölzerne Treppenhaus liegt in der Gebäudetiefe linker Hand des Eingangs.[11] Es erhält sein Licht über je zwei Fenster in der Mitte der westlichen Giebelseite. Zugehörig zum Treppenhaus als eine Art überdimensioniertes Wendepodest ist auf jedem Stockwerk ein großes quadratisches Vestibül, das sich exakt in der Mitte des Gebäudes befindet. Hier gehen nach drei Seiten Türen ab. Es wird allein durch das Treppenhaus belichtet. Wo sich das Treppenhaus der Renaissance befand, ist der Autorin nicht bekannt. Ebenso unbekannt ist bislang noch der Name des Baumeisters oder auch des Zimmermanns, der Mitte des 18. Jahrhunderts das heutige Treppenhaus eingebaut hat.
Die Treppe mit perspektivisch geformten hölzernen Balustern reicht bis in das dritte Obergeschoss, wo sie knapp unterhalb des zu besprechenden Deckengemäldes vor einer Tür zum Dachboden endet. Sie zieht sich in drei Armen um ein längsrechteckiges Treppenauge parallel zur Trauflinie des Gebäudes. An der Giebelseite befinden sich jeweils nur vier Stufen, in den langen Armen sind es zehn Stufen. An der Giebelseite verläuft entlang der Fenster jeweils auf Stockwerkshöhe ein Flur, der die Zimmer der Giebelseite miteinander verbindet. Zu diesem Flur öffnet sich das Treppenhaus mit einem Geländer. Die Pfosten, die das Treppenauge abstützen, sind mit Hermen verziert.
Die göttliche Weisheit über den Wappen der Stiftskapitulare
Beschreibung – Die göttliche Weisheit und ihre Tugenden
Innerhalb des rechteckigen Plafonds wird eine kreisrunde Himmelsöffnung von einer Scheinarchitektur getragen, die sich über sechs Arkaden spannt. An den Schmalseiten erheben sich die Arkaden über Säulen und schmalen Pendentivs, an den Langseiten über Mauerstücken mit breiten Pendentivs. Vor dem zentralen Himmelsausblick thront auf einer Wolke die Personifikation der göttlichen Weisheit (Divina Sapienza). Sie ist eine der sieben Gaben des Heiligen Geists und am Zepter mit dem göttlichen Auge zu erkennen.[12] Mit ihrem Licht erhellt sie die Weltkugel, auf die sie liebevoll blickt. Sie trägt ein weißes Gewand und wird von einem goldenen Mantel umweht.
Vor den vier Säulen sitzen jeweils zwei in Grisaille gemalte Tugendpersonifikationen. Unterhalb der göttlichen Weisheit zu ihrer Rechten sitzen Vigilanza (Wachsamkeit) mit Buch, Öllampe in der erhobenen Hand und einer Sonne auf der Brust[13] sowie Fides (Glaube) mit Kreuz, Weihrauchfass und Schleier. Zu ihrer Linken sitzen Justitia mit Wage und Schwert sowie eine weitere Form der Wachsamkeit mit Hahn auf dem Schoß und dem Auge Gottes auf der Stirn. Mit dem Finger zeigt sie zur göttlichen Weisheit über ihr. Auf der gegenüberliegenden Seite sitzen zum einen Temperantia (Mäßigung), die Wein mit Wasser verdünnt und Fortitudo (Stärke) mit Helm und Säule. Zum anderen sitzen dort eine Mischfigur aus Prudentia (Klugheit) mit Schlange auf einer Kugel/einer Mitra/einem Spiegel(?), Sapienza (Weisheit) mit Buch und Eternità (Ewigkeit) mit der sich selbst in den Schwanz beißenden Schlange auf dem Kopf, außerdem eine Mischfigur der Soavità (Milde) mit Lyra und der Sincerità (Aufrichtigkeit) mit Herz.[14]
Bei der Zusammenstellung der Tugenden fehlt zur Komplettierung der theologischen Tugenden die Hoffnung.[15] Die Kardinaltugenden sind komplett und werden durch zwei Varianten der Wachsamkeit sowie Aspekten der Weisheit und der Ewigkeit ergänzt. Einige der Tugenden, so zum Beispiel die mit der Lyra, finden sich im Deckengemälde der Divina Sapienza von Andrea Sacchi im Palazzo Barberini aus dem Jahr 1629–1631.
Vor den breiten Pendentivs halten Putten zur Rechten der göttlichen Weisheit die Symbole der geistlichen und weltlichen Macht des Fürstbischofs, nämlich Inful (Mitra), Fürstenhut, Krummstab und Schwert. Sie nehmen damit die vornehmere Seite ein. Gegenüber zur Linken der göttlichen Weisheit liegen die Symbole der adeligen Stiftsherren, nämlich Harnisch, Helm, Fahne und Lanze.[16]
Beschreibung – Die Wappen der Kapitulare
Der Sprengring der fingierten Kuppel ist mit neun Wappen und einer Kartusche besetzt. Die Kartusche trägt die Inschrift „NOVO DECANO ATQVE CAPITVLO ELVACENSI IVNCTIS SVIS VOTIS ELIGENTI QVARTO CALENDAS NOV.“, deren in Rot vergrößerten Lettern das Chronogramm mit der Jahreszahl 1754 ergeben.[17] Die Wappen sind die der neun damaligen Kapitulare. Die drei Kapitulare, die zur Vervollständigung des zwölf Kanoniker umfassenden Kapitels fehlten, die Würde aber bald erwarten durften, stehen unterhalb der Inschriftenkartusche in der Arkade.[18] Der vom Kapitel gewählte Stiftsdekan Rupert Franz Xaver Friedrich von Schwarzach erhielt den besten Platz zu Füßen der göttlichen Weisheit und oberhalb des leeren Thronsessels mit dem hl. Vitus auf der Rückenlehne. Sein Wappen zeigt drei weiße (in der Heraldik als silbern beschriebene) Fische in einem blauen (in der Heraldik als schwarz beschriebenen) geschlängelten Wasserband. Der Betrachter, der die Treppe hinaufstieg, hatte das axiale Übereinander von Thronsessel, Schwarzach-Wappen und göttlicher Weisheit frontal vor Augen.
Die weitere Anordnung der Wappen folgt dem Eintrittsjahr der Kapitularen ins Stift, wobei der schon am längsten als Kanoniker zum Stift gehörende Kapitular sein Wappen rechter Hand des Schwarzach-Wappens fand.[19] Auf diese Weise beginnt die Reihe heraldisch rechts des Schwarzach-Wappen mit dem von Sigismund Anton Maria von Zech (1699–1758) mit goldenen Sternen auf weißem und rotem Grund. Es folgen bis zur Inschriftenkartusche Philipp Theodor Sigismund Freiherr von Erthal (1714–1767) mit einem gevierten Schild mit zwei silbernen Balken in Rot und einem blauen Feld, sodann Anton Ignaz Joseph Graf Fugger von Kirchberg (1711–1787) mit zwei Lilien in verwechselten (reziproken) Farben sowie ein weiteres Mal das Erthal-Wappen für Johann Philipp Heinrich von Erthal (1770–1734). Weiter in der Chronologie der Eintrittsjahre folgen im Anschluss an die der Inschriftenkartusche das Wappen von Johann Rupert Graf Trauner von Adelstetten (gest. 1788) mit weißem Bock auf rotem Grund, sodann das Wappen von Lothar Franz Ludwig Fürst von Oettingen-Baldern (1709–1780) mit silbernen Schragen auf rot-goldenem Feh (Pelzwerk) und blauem Herzschild. Den Abschluss jenseits der beiden Putti bilden das Wappen von Joseph Anton Fürst von Hohenlohe-Waldenburg-Bartenstein (1707–1764) mit den schwarzen Leoparden und das Wappen von Anton Albert Freiherr von Freyberg zu Justingen und Öpfingen (1703–1773) mit drei goldenen Kugeln auf blauem Grund.
Diejenigen Kanoniker, die ihre Aufnahme in das zwölf Kapitulare umfassende Kapitel binnen kurzem erwarten durften, wurden mit ihren Wappen in der Arkade unterhalb der Inschriftenkartusche vergegenwärtigt.[20] Es handelt sich um Karl Joseph Graf von Daun (gest. nach 1802) mit rotem Gitter auf gelbem Grund, um Karl Franz Ignaz Freiherr von Baden (1712–1778) mit silbern und schwarz geschachtem Wappen und Karl Leopold Christoph von Lehrbach (gest. 1755) mit quer geteiltem Schild. Diese Wappen werden zusammen mit goldenen Ordenskreuzen am blauen Band von einem Putto gehalten. Das Lilienwappen mit roten Schragen unterhalb des Puttos ist das apokryphische Wappen des Klosterstifters Hariolf von Langres.[18]
In der Arkade zu Füßen der göttlichen Weisheit in der Achse des Schwarzach-Wappens steht auf einem Postament der Thronsessel vermutlich des Dekans.[21] Auf seiner Rückenlehne ist der hl. Vitus im Kessel zu sehen. Am Postament prangt das Lilienwappen des Gründers Hariolf von Langres.
Der Maler Johann Edmund Wiedemann an der Decke
Das Deckengemälde stammt von Johann Edmund Wiedemann (um 1710–vor 1770). Es wurde ihm von Hubert Hosch plausibel aufgrund seiner engen Verwandtschaft mit einer großen Marienkrönung im Chor der Benediktinerstiftskirche St. Vitus und St. Deocarus in Herrieden von 1748 zugeschrieben.[22] Wiedemann ist seit 1738 in Ellwangen nachweisbar. Er kaufte sich dort ein Haus, heiratete, ließ mehrere Kinder taufen und ist mehrfach urkundlich als Maler in der Wallfahrtskirche auf dem Schönenberg, in der Stiftskirche und auch im Rathaus belegt. 1763 wurde er offiziell zum Hofmaler ernannt. Von 1733 bis Januar 1734 hielt sich Wiedemann nachweislich in Rom auf.[23] Seine Schulung im Umfeld der Akademie an Carlo Marattas stile classicozeigt sich insbesondere an seinen Madonnen, im Statthalterpalais an der ruhigen Auffassung der Personifikation der Divina Sapienza. Das Ellwanger Deckengemälde wurde 1970 restauriert.[24]
Supraporten als Lichtbringer - Diana, Aurora und Apoll
Supraporten als Lichtbringer
Im Vestibül des ersten Obergeschosses haben sich über zwei Kamintüren, von denen aus die dahinterliegenden Öfen befeuert werden, Supraporten erhalten, deren Rocaillerahmen gleichzeitig mit der Treppe zu datieren sind. Sie stellen einmal Diana auf ihrem Wagen, einmal Aurora auf ihrem Wagen zusammen mit Dianas Bruder Apoll dar. Ikonographisch schließen sich die beiden Gemälde dadurch zusammen, dass sie mit Diana (Luna) und Aurora mit Apoll Lichtbringer darstellen. Das Thema reagiert damit sowohl auf die Dunkelheit im Vestibül als auch auf den Anbringungsort der Bilder über Kamintüren.
Diana
Die Mondgöttin Diana und Göttin der Jagd wird in ihrem Wagen in großer Geschwindigkeit von zwei galoppierenden Hirschen über das Firmament gezogen. Sie trägt ein weißes Gewand, das eine Brust nahezu freigibt und einen grünen Mantel. Auf der Stirn trägt sie den Halbmond. In der Rechten hält sie einen Pfeil, in der Linken einen ihrer Hunde. Ein weiterer Hund wird von einer neben dem Wagen fliegenden Begleitfigur an der Leine gehalten. Auf dem vorderen der beiden Hirsche sitzt Cupido, der von Diana seine Pfeile hatte. Er hält sich mit der einen Hand am Hals, mit der anderen am Geweih fest. Zwei Putten mit Posaunen begleiten das triumphierende Gespann, wobei der untere Putto bei Diana im Wagen sitzt und ihr den Mantel zu teilen scheint. Die Kufen des Wagens enden in geschnitzten Ziegenköpfen, da die gekrümmten Hörner der Ziege an die Mondsichel
erinnern.[25]
Über Diana lagern auf einer Wolkenbank zwei Jünglinge, von denen einer Flügel hat. Sie könnten Phosphoros (mit Fackel, aber ohne Flügel) oder auch den ruhenden Apoll (mit Lorbeerkranz) sowie einen der vier Winde darstellen. Der geflügelte Windgott versucht, die Fackel des Morgensterns/Apolls auszublasen. Phosphoros/Apoll, der unbekleidet ist, hat den gelben Mantel des Windes ergriffen, um damit seine Scham zu bedecken. Am linken Bildrand hinter den beiden Jünglingen ist eine nach vorne gebeugte Rückenfigur mit Wasserfass als Morgentau zu deuten, der auf die Erde fällt.
Aurora und Apoll
Im Zentrum des Bildes stehen Aurora und Pegasus. Das geflügelte Pferd Pegasus, das den Wagen der Aurora zu ziehen hat, bäumt sich auf und wendet sich mit geblähten Nüstern im Affekt zu Aurora um. Diese scheint ihr Zugtier mit einem erhobenen Pfeil zu bedrohen oder zumindest anzufeuern. Ein weiterer Pfeil erhebt drohend ein neben ihr herfliegender Putto. Über Pegasus sitzt auf einer großen runden Wolke Apoll mit Lorbeerkranz und Lyra. Er weit mit dem Finger Aurora den Weg. Seine Position unmittelbar über Pegasus erinnert daran, dass er nicht nur der Sonnengott, sondern auch der Musenführer und Gott der Schönen Künste ist. Pegasus wiederum galt als Dichterross, da die Morgenstunde die Dichter als besonders inspirierte.
Aurora treibt die dunkle Nacht vor sich her. Ihr Vorbote ist der Morgenstern Phophoros mit seiner Fackel. Oberhalb von Phosphoros sammeln Putti Fledermäuse und eine Eule ein, um sie als Zeichen der zu Ende gehenden Nacht in einen Sack zu stecken. Am unteren rechten Bildrand krümmt sich in einer gelb leuchtenden Scheibe eine verzweifelte Figur. Es könnte sich um den Gigant Tityos, handeln, den Apoll und Diana zur Rächung ihrer von Tityos bedrohten Mutter Leto mit ihren Pfeilen töten.[26]
Vorlagen und Vergleiche
Beide Supraportengemälde folgen der gängigen Ikonographie, weisen jedoch ikonographische Besonderheiten auf. Merkwürdig sind die beiden nahezu nackten Jünglinge (Windgott und Phosphoros) oberhalb von Diana. Ungewöhnlich ist es, dass Aurora mit einem Pfeil auf Pegasus einzustechen droht.
Die Supraporte der Diana geht auf eine von Christian Heckel (gest. 1705) gestochene Zeichnung des Dresdner Hofmalers Samuel Bottschild (1641–1707) zurück, die sie jedoch seitenverkehrt umsetzt.[27] Die dahinjagenden Hirsche und die diese begleitenden Putten mit Jagdhörnern hat Wiedemann fast wörtlich übernommen. Diana ist weniger heroisch gegeben und die Zahl der Jagdhunde hat er gegenüber dem Vorbild reduziert. Bei Bottschild fliegt über Diana ein Putto mit Fackel und einem Lorbeerkranz im ausgestreckten Arm. Er hat Wiedemann zu dem am oberen Bildrand lagernden Jüngling mit Lorbeerkranz im Haar und Fackel inspiriert, dessen Fackel als Ellwanger Zutat von einem Windgott ausgeblasen wird.
Der Maler Johann Edmund Wiedemann in den Supraporten
Die beiden Supraporten waren noch nicht Gegenstand der Forschung. Aufgrund des Zuschnitts der Augen und des trotz aller Dramatik der Körperhaltungen ruhigen Gesichtsausdrucks der Figuren kommt ebenfalls der Maler des Deckengemäldes Johann Edmund Wiedemann in Frage.[28] Für einige von Wiedemanns Gemälde wird eine Nähe zu Francesco Trevisani postuliert,[29] der außer in Rom auch in Venedig tätig war. Von dort könnte man den dunklen Grund und die Vorliebe für schwebende Figuren herleiten. Stilistisch fallen an den Supraporten die großen Augen in weich geschwungenen Linien auf sowie insgesamt die gelängten Körper der Figuren.
Programm und Synthese des Deckengemäldes und der Supraporten
Die prinzipielle Deutung des Deckengemäldes in der Statthalterei hat Herbert von Moser zusammen mit dem Abt des Benediktinerklosters Neresheim, Norbert Stoffels, erarbeitet: „Die göttlichen und die Kardinaltugenden tragen das Gewölbe der fürstpröpstlichen ellwangischen Herrschaft, die durch die Wappen des Stiftskapitels, der installierten Kapitulare symbolisiert wird. der Thronsessel […] steht unter der im offenen Himmel schwebenden Sapientia Dei, die symbolisch auf dem Thron Platz nehmen kann, bzw. den darauf thronenden Fürstpropst inspirieren soll.“[24]
In Anbetracht der prominent ins Zentrum gerückten Achse des Schwarzach-Wappens zwischen der Divina Sapienza und dem leeren Thronsessels darf man die Ikonographie in erster Linie auf den Stiftsdekan Rupert Franz Xaver Friedrich von Schwarzach beziehen, der aus dem Kreis der Kapitulare durch diese gewählt wurde. Die Tugenden bilden eine theologisch versierte Auswahl, die über den klassischen Kanon der geistlichen und der Kardinaltugenden hinausgeht. Insgesamt repräsentierte die Statthalterei nicht den Fürstbischof, sondern den vom Kapitel gewählten Stiftsdekan.
Die beiden Supraporten behandeln mit Diana, Aurora und Apoll Lichtbringer. Dies könnte, wie oben erläutert, auf die Dunkelheit im Vestibül und ihren Anbringungsort über Kamintüren zu beziehen sein.
Bibliographie
- • Dehio BAW I, 1993 = Georg Dehio, Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Baden-Württemberg I: Regierungsbezirke Stuttgart und Karlsruhe, bearbeitet von Dagmar Zimdars und anderen, München - Berlin 1993, S. 186.
- • Grupp, Residenz- und Amtsschloss, 2006/07 = Anselm Grupp, Residenz- und Amtsschloss. Untersuchungen zum Schlossbau in der Fürstpropstei Ellwangen im 17. und 18. Jahrhundert, in: Ellwanger Jahrbuch, 41 (2006/07), S. 11–462.
- • Hosch, Barockmalerei Ellwangen, 1981/82 = Hubert Hosch, Studien zur Barockmalerei der Fürstpropstei Ellwangen im 18. Jahrhundert, in: Ellwanger Jahrbuch, 29 (1981/82), S. 25–36.
- • Hosch, Malerei und Zeichnung, 1981 = Hubert Hosch, Malerei und Zeichnung im Bereich der Fürstpropstei Ellwangen, in: Ausst.-Kat. Barock in Ellwangen, Gesamtplanung Karl Wöhr und die Autoren, Ellwangen 1981, S. 60–99 mit Abb. 164–220.
- • Moser, Statthaltereigebäude, 1971/72 = Herbert von Moser, Das Deckenfresko im Treppenhaus des Statthaltereigebäudes in Ellwangen, in: Ellwanger Jahrbuch, 24 (1971/72), S. 193–198.
- • Oberamtsbeschreibung Ellwangen, 1886 = Eduard Paulus der Jüngere, Beschreibung des Oberamts Ellwangen, Stuttgart 1886.
- • Reiff/Stangl/Schneider, Wohnen Ellwangen, 1999 = Angelika Reiff / Anja Stangl / Alois Schneider, Wohnen im historischen Ellwangen. Stadtbewohner und ihre Häuser, in: Ellwanger Jahrbuch, 37 (1999), S. 39–87.
- • Weikert, Schloss Horn, 2016/17 = Franz Weikert, Schloss Horn. Zwischenbericht zur Architektur des Schlossgebäudes und der Verbindung mit der Architektur Balthasar Neumanns, in: Ellwanger Jahrbuch, 46 (2016/17), erschienen 2018, S. 89–101.
- • Weishaupt, Waldberger, 1927 = Lenz Weishaupt, Wolfgang Waldberger. Ein deutscher Baumeister in Nördlingen, Würzburg, Würzburg Diss. 1927, gedruckt: Würzburg (Verlag: Triltsch) 1935.
Einzelnachweise
- ↑ Reiff/Stangl/Schneider, Wohnen Ellwangen, 1999, S. 57.
- ↑ Oberamtsbeschreibung Ellwangen, 1886, S. 471.
- ↑ Bernhard Peter, Heraldik – die Welt der Wappen, Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 871: Ellwangen – Fürstpröpste und Württemberg (http://www.welt-der-wappen.de/Heraldik/Galerien/galerie871.htm).
- ↑ Zu Wolfgang Waldberger liegt eine Dissertation vor (Weishaupt, Waldberger, 1927), die sich jedoch nur mit der Stadtbefestigung von Nördlingen befasst. Die Statthalterei in Ellwangen wird in der Zeittafel aufgeführt (Weishaupt, Waldberger, 1927, S. 52). Das Relief ist abgebildet bei Bernhard Peter, Heraldik – die Welt der Wappen, Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 872: Ellwangen – Fürstpröpste und Württemberg (http://www.welt-der-wappen.de/Heraldik/Galerien/galerie872.htm).
- ↑ Hierzu liegt eine Dokumentation im Landesamt für Denkmalpflege aus dem Jahr 1997 vor.
- ↑ Oberamtsbeschreibung Ellwangen, 1886, S. 471. Die Inschrift und das Programm vorbildlich aufgeschlüsselt von Moser, Statthalterei, 1971/72. Bei Moser, Statthalterei, 1971/72, S. 196 auch die Lebensdaten des Dekans.
- ↑ Weikert, Schloss Horn, 2016/17, S. 93.
- ↑ Zu diesem auch für die Fürstpropstei Ellwangen mit Vorteilen verbundenen Vorgang: Weikert, Schloss Horn, 2016/17, S. 89–90 mit Verweis auf die ältere Literatur.
- ↑ Sowohl die rechteckig profilierten Gurtgesimse als auch das Portal und die Fenstereinfassungen erinnern stark an die Modernisierungsmaßnahmen des Baumeisters Franz Keller (1682–1724) unter Fürstpropst Franz Ludwig von Pfalz-Neuburg am Schloss ob Ellwangen. Siehe dazu: Grupp, Residenz- und Amtsschloss, 2006/07, S. 113–115.
- ↑ Das bauzeitliche Portal lag etwas weiter östlich (Moser, Statthalterei, 1971/72, S. 193).
- ↑ Grundrisse alle drei Geschosse aus der Zeit um 1820 bei Reiff/Stangl/Schneider, Wohnen Ellwangen, 1999, S. 58–59, Abb. 6 und 8.
- ↑ Gut aufgeschlüsselt in AK Asam 1986, Kat.-Nr. F XX.14, S. 245.
- ↑ Moser, Statthalterei, 1971/72, S. 196. Die Öllampe und das Buch bei Ripa, Iconologia, 1645, S. 668. Die Sonne auf der Brust beschreibt Ripa, Iconologia, 1645, S. 513–514 für die sincerità d’animo (Aufrichtigkeit des Geistes).
- ↑ Das (brennende) Herz bei Ripa, Iconologia, 1645, S. 85, allerdings zusammen mit den Kindern, die in Ellwangen fehlen. Das Herz bei Ripa auch im Zusammenhang mit der Aufrichtigkeit (Sincertià), S. 579.
- ↑ Moser, Statthalterei, 1971/72, S. 196 meinte sie neben Fides zu erkennen, doch fehlt das Attribut des Ankers.
- ↑ Die Identifikation nach Moser, Statthalterei, 1971/72, S. 196.
- ↑ Übersetzung und Auflösung des Chronogramms bei Moser, Statthalterei, 1971/72, S. 193 und 196.
- ↑ 18,0 18,1 Moser, Statthalterei, 1971/72, S. 196.
- ↑ Die Zuordnung der Wappen zu den Kapitularen mit Lebensdaten und den Ernennungsdaten ihrer Würden bei Moser, Statthalterei, 1971/72, S. 196–197.
- ↑ Moser, Statthalterei, 1971/72, S. 197.
- ↑ Moser, Statthalterei, 1971/72, S. 198 bezeichnet ihn als Thronsessel der Divina Sapieza beziehungsweise des Fürstpropstes. Da der Thronsessel des Fürstpropstes auf den Deckengemälden im Schloss ob Ellwangen jeweils mit dessen persönlichem Wappen auf der Rückenlehne wiedergegeben wurde, handelt es sich hier in Anbetracht des darüberstehenden Schwarzach-Wappens vermutlich um den des Dekans.
- ↑ Hosch, Malerei und Zeichnung, 1981, S. 86. Zu Wiedemann ausführlich mit Quellenangaben: Hosch, Barockmalerei Ellwangen, 1981/82, S. 28–30. Außerdem Hosch, Malerei und Zeichnung, 1981, S. 84–88 mit Abb. 189.
- ↑ Hosch, Barockmalerei Ellwangen, 1981/82, S. 28 mit Anm. 43.
- ↑ 24,0 24,1 Moser, Statthalterei, 1971/72, S. 198.
- ↑ Bei Ripa, Iconologia, 1645, S. 74 diese Erklärung allerdings für das Rind.
- ↑ Zum Mythos: Lücke, Antike Mythologie, 1999, S. 141.
- ↑ http://kk.haum-bs.de/?id=c-heckel-ab3-0001
- ↑ Vgl. beispielsweise Hosch, Malerei und Zeichnung, 1981, Abb. 189.
- ↑ Hosch, Barockmalerei Ellwangen, 1981/82, S. 29.