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Dinkelshausen, Nebenkirche St. Gertrud von Helfta

Aus Deckenmalerei-Lab


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 10: Landkreis Neuburg-Schrobenhausen. Hirmer, München 2005, ISBN 978-3-7774-2365-4, S. 93–97, geschrieben von Volk-Knüttel, Brigitte. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Nebenkirche der Pfarrei Hollenbach (Pfarrverband Ehekirchen), Gemeinde Ehekirchen, Diözese Augsburg. Ursprünglich war Dinkelshausen eine eigene Pfarrei. Der Ort hieß früher Dinzelhausen, Düntzelshausen, Dünckelshausen oder Tuntzelhausen. Er gehörte von Alters her dem Benediktinerinnenkloster Neuburg, ging 1542 in den Besitz der pfalzneuburgischen Herzöge über und wurde protestantisch. Nach Wiedereinführung des katholischen Glaubens traten die nach Neuburg berufenen Jesuiten durch Schenkung Herzog Wolfgang Wilhelms 1638 in die Rechte des aufgehobenen Benediktinerinnenklosters ein. Nach Aufhebung des Jesuitenordens 1773 ging Dinkelshausen in den Besitz der Malteser über und nach der Auflösung dieses Ordens 1808 in den des Königs von Bayern. Der jeweilige Besitzer besaß das Präsentationsrecht. Gericht Neuburg

Patrozinium: St. Gertrud von Helfta (17. März). Das Patrozinium ist durch die ursprüngliche Zugehörigkeit von Dinkelshausen zum Benediktinerinnenkloster Neuburg zu erklären.

Zum Bauwerk: Chorturmkirche aus dem 15. Jh. Laut Jahreszahl MDCCXV über dem Chorbogen wurde die Kirche 1715 barockisiert. Aus dieser Zeit stammt der gute Stuckdekor an der Decke und über dem Chorbogen mit Akanthusranken sowie Blüten- und Blattzweigen innerhalb eines kräftig profilierten Rahmenwerks. Charakteristisch ist, daß die Zweige stellenweise durch geriefelte Bänder verklammert sind. Im AR weist der Stuck Füllhörner mit Blumen und Früchten auf und über dem Hochaltar ein brennendes Herz als Hinweis auf die Herz-Jesu-Verehrung der hl. Gertrud. Der Stuck steht dem der Kirche von Waidhofen nahe. Beide haben so große Ähnlichkeit mit den Arbeiten des Eichstätter Stuckators Jakob Egg (Eck), daß sie diesem zugeschrieben werden können (s. S. 313; s. auch Burgheim S. 77 und Neuburg, ehem. Kongregationssaal der Jesuiten S. 192).

Die Kirche wurde unter Pfarrer Leopold Wolf (1742–73) nach und nach instandgesetzt und verschönert: Baureparaturen am Dach und an der Friedhofsmauer, Neufassen der Altäre, der Kanzel und des Heiligen Grabs, Ausmalung.

Saalkirche zu zwei Achsen, auf jeder Seite zwei rundbogige Fenster, im W Empore; eingezogener AR mit glattem Schluß und Kreuzgratgewölbe. Vorzeichen von ca. 1910 und im nördlichen Chorwinkel Sakristei von 1954. Die Fresken befinden sich im LHs.

Auftraggeber: Für die Ausmalung um 1715 Andreas Kirner, Pfarrer in Dinkelshausen seit 1688. Für die Ausmalung 1751/52 Leopold Wolf, Pfarrer in Dinkelshausen (1742–73). Er veranlaßte seine Pfarrkinder zu Stiftungen von Paramenten und anderer Kirchenzier, auch die Ausmalung wurde durch ihre Spenden finanziert (ABA, Pfarrarchiv Dinkelshausen, Liste der Stifter ab 1744).

Autor und Entstehungszeit:

Ausmalung um 1715, Autor unbekannt

Die Engel an der Decke des LHs um die Heiliggeist-Öffnung (A) und die Medaillons mit den Halbfiguren von Christus und den Aposteln an der Emporenbrüstung (EB1-13) sind im Zusammenhang mit dem Stuckdekor von 1715 entstanden und in diese Zeit zu datieren. Der Maler ist unbekannt, eine stilistische Zuordnung ist aufgrund der starken Überarbeitung nicht möglich.

Gabriel Seel, Hochaltarbild mit der Darstellung der hl. Gertrud, 1751/52
Die Langhausdecke mit Fresko A: Geisttaube mit Engel

Ausmalung 1751/52: Gabriel Seel, Maler in Neuburg (Lebensdaten unbekannt, nachweisbar 1744/1756).

Die Emblemdarstellungen in der Hohlkehle (a-e) mit gemalten Rocailleumrahmungen sowie die gemalten Fensterbekrönungen stammen von dem bisher unbekannten Maler Gabriel Seel aus Neuburg. Er erhielt laut Kirchenrechnung »für Außmahlung der ganzen Kirchen und Fassung der Kanzel ... 21 fl. 30 kr.« und »zu Vergoltung der Kanzel und der 5 Emblematum, der 12 Apostelkränzen für 6 Buech Metall... 2 fl. 28 kr.« (Kirchenrechnung 1751/52, Nr. 16). Ein Werk Seels ist auch das Hochaltarblatt mit der Darstellung der hl. Gertrud von Helfta (Kirchenrechnung Nr. 17).

Befund

Träger der Deckenmalerei: A, a-e Flachdecke mit Hohlkehle Rahmen: A geschwungener Stuckprofilrahmen mit einem von Blüten umwundenen Rundstab; Schalldeckel gerahmt von einem mit Akanthus belegten Wulst; a-e gemalte, goldbraune, ursprünglich vergoldete Rocaillekartuschen; EB1-13 profilierte, ovale Stuckrahmen

Technik: Secco; A, c, EB1-13 polychrom; a camaieu karmin, b camaieu blau-grün, d camaieu gelb, e camaieu türkis Maße: A Höhe 5,30 m; ca. 2,30 x 1,50

Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1887 wurde die Kirche im Innern »geschmacklos übertüncht« (ABA, BO Summarische Übersicht, 1892). 1910 erfolgte eine Außeninstandsetzung. Vor einer im Anschluß geplanten Innenrenovierung stellte das Generalkonservatorium gegenüber dem Pfarramt am 1.2.1913 fest (BLfD, Registratur Akten Dinkelshausen), die Kirche sei durch eine falsche Behandlung im 19. Jahrhundert entstellt, die Wände mit Ölfarbe gestrichen und feucht, der Stuck und die Apostelkreuze grellbunt übermalt, ebenso Christus und die Apostel an der Emporenbrüstung. Daraufhin wurden 1914 die Übermalungen entfernt und die freigelegten Fresken an Decke, Empore und Hohlkehle wie auch die Altarblätter durch Kunstmaler Max Vogt, München, restauriert. Von den Emblemen ist die Darstellung c über dem Chorbogen am besten erhalten. 1960 mußte die Kirche erneut außen und innen renoviert werden. Dabei wurde die Malerei von der Fa. Wendelin Joas, Göggingen, gereinigt, gefestigt und retuschiert. Bei einer erneuten Innenrenovierung von 1979 waren die Deckenbilder nicht betroffen. 2003 Renovierung der Kirche durch die Fa. Erwin Wiegerling, Bad Tölz. Im Zusammenhang damit wurden die Darstellungen durch Restaurator Jacek Kurinia gefestigt und gereinigt.

Beschreibung und Ikonographie

A TAUBE DES HL. GEISTES MIT ENGELN Der Deckenspiegel ist mit weißen Stuckranken auf rosa und gelbem Grund dekoriert. Um die Heiliggeist-Öffnung mit der Taube auf dem Holzdeckel sind Wolken mit halbfigurigen Engeln und Engelsköpfchen gemalt.

a-e EMBLEME AUF DIE HL. GERTRUD Die Embleme sind in der Hohlkehle über den Fenstern (a–b, d–e) und über dem Chorbogen (c) gemalt, Zählung beginnend im NO. Die Embleme beziehen sich auf das geistliche Leben der hl. Gertrud, Mystikerin und Äbtissin des Zisterzienserinnenklosters Helfta (* 6. 1. 1265 an unbekanntem Ort in Thüringen, † 17. 11. 1301/02 Helfta). In der Nachfolge Christi nahm sie als Liebesbeweis freiwillig körperliches Leiden auf sich. Die Erfahrungen ihrer ausgeprägten Brautmystik mit besonderer Verehrung des Herzens Jesu hat sie in ihrer Schrift ›Legatus divinae pietatis‹ niedergelegt (Der hl. Gertrud der Großen Gesandter der göttlichen Liebe. Übersetzt von Johannes Weißbrodt, Freiburg i. Br. 1939). Kloster Helfta wurde im 14. Jahrhundert mit Benediktinerinnen besetzt und die hl. Gertrud in der Folgezeit als Benediktinerin verehrt.

a QUIA PERIS CUM TEMPORE CONTEMNO TE (Weil du in Kürze stirbst, verachte ich dich) Die untergehende Sonne sendet ihre Strahlen auf eine öde Landschaft, in deren Vordergrund rechts Saturn mit der Sense als Symbol der Vergänglichkeit des Lebens erscheint. Der große runde Gegenstand vor ihm ist wohl als Weltkugel zu deuten: Der Tod beherrscht die Welt. Vor der Kugel sind noch eine Geißel und ein Halseisen zu sehen. Die Darstellung bezieht sich darauf, daß Gertrud von Helfta das irdische Leben und die irdischen Leiden verachtete, den Tod nicht fürchtete um des ewigen Lebens willen.

b NON LAEDOR (Ich werde nicht verletzt) Herz auf einem Felsen stehend, der von einem Gewässer umschlossen ist. Unten wird das Herz von einem Dornenkranz umgeben, oben wachsen aus ihm Blumen (Lilien). Das Lemma gibt die Deutung: Obwohl das Herz in einsamer und unwirtlicher Umgebung steht, und obwohl der Dornenkranz als Leidensinstrument es umgibt, ist es doch fähig zu Tugenden (hier der Gottesliebe): »Animam sanctam, quae inter flagitiorum stimulos etiamnum integra persistit, spinis circumdato, similem dixeris: additto lemmate FLORET ILLAESUM« (Picinelli Lib. XI, Nr. 144, s.v. lilium). In ihrem Lebensbericht sagt Gertrud ausdrücklich, daß Krankheiten und Schmerzen des Körpers die Seele aufnahmefähig machen: Aus dem Herzen, das gelitten hat, wachsen die Blumen der reinen Liebe zu Christus (II, 7).

c Der blosse Schein nimbt mich Ein Das Symbol der Trinität, das Auge Gottes in einem von Strahlen umgebenen Dreieck. Davor läuft von rechts ein Vogel mit langen Beinen und schwarzem, hell gehöhten Gefieder. In der gemalten Rocailleumrahmung sitzt links ein Putto mit einem Buch gemeint ist der ›Legatus divinae pietatis‹ der hl. Gertud, und rechts ein weiterer Putto mit ihrem Äbtissinnenstab. Bei dem dargestellten Vogel handelt es sich nicht um den Paradiesvogel (monocodiata), wie Kemp (S. 184) vermutet, weil dessen wichtigstes Merkmal gerade das Fehlen der Beine ist, sondern um den Scheinvogel (lucidia), von dem Plinius berichtet, daß sein Gefieder so hell strahle, daß es nächtlichen Wanderern den Weg weisen könne. In der Emblematik wurde neben der Bedeutung des Lichts in der Finsternis und des wunderbaren (himmlischen) Geleits auch der Aspekt wichtig, daß der Scheinvogel seinen Glanz von der Sonne habe. So kann er als Symbol eines Menschen stehen, der ganz von Gott erleuchtet und durchdrungen ist. Diese Deutung wird hier auch durch das Lemma nahegelegt, und in diesem Sinn läßt sich das Emblem auf Gertrud von Helfta beziehen (s. dazu Picinelli Lib. IV, Nr. 468–70, s. v. lucidia).

d COR PRO CORDE TIBI. SCIS PLUS? PLURA DABO (Mein Herz gebe ich dir für deines, weißt du mehr? Ich werde mehr geben). Rechts ragt eine Hand ins Bild, die ein flammendes und geflügeltes Herz hält und es dem links oben in hellem Licht erscheinenden IHS-Zeichen entgegenhält. Das Emblem bezieht sich auf ein mystisches Erleben der Gertrud von Helfta, von dem sie berichtet, Christus habe ihr sein »göttliches Herz als Gegenstand aller meiner Freuden (mir) mitgeteilt, bald es umsonst gebend, bald zum stärkeren Beweise der gegenseitigen Vertraulichkeit es für das meinige tauschend- (II, 22). Im gleichen Kapitel schildert Gertrud mystische Freuden, die Christus ihr über den Herztausch hinaus gewährt habe. Darauf beziehen sich die Worte »Plura dabo«.

a-e Embleme auf die hl. Gertru

e QUOD ME IMPELLIT VIS REPELLIT (Was mich stößt, stößt die Kraft zurück) Burgartiges Gebäude steht in bergiger Landschaft und trotzt den heftigen Wellen, die vom Vordergrund auf es eindringen. Aus dem Lemma geht hervor, daß das Thema des Emblems die Wellen sind, die das Haus bedrängen, das Haus aber stark genug ist, um ihnen standzuhalten. Übertragen auf den Menschen allgemein und den gläubigen Christen im Besonderen ist das Emblem damit ein Bild der Glaubenskraft, die alle Schwierigkeiten überwindet, bzw. der Gottesliebe, die die Versuchungen der Welt abwehrt. Doch ist das Bild des bedrohten Hauses auch Gegenstand einer Vision Gertrud von Helftas. Sie sah ein großes Haus, dem der Einsturz drohte. Christus sagte zu ihr, das Haus stelle die Religion dar und er müsse es stützen, weil so viele Menschen wenig für die Religion tun. »Alle, die durch Wort oder Werk die Religion zu fördern suchen, stützen wie tragende Säulen dieses Haus und erleichtern mich von meiner Last«.

EB1-13 CHRISTUS UND DIE ZWÖLF APOSTEL An der Emporenbrüstung halbfigurige Darstellungen von Christus und den Aposteln in ovalen Medaillons; Zählung von S nach N.

Quellen und Literatur

ABA, Pfarrarchiv Dinkelshausen, Liste der Wohltäter und Stifter ab 1744; Kirchenrechnungen 1751/52; 1752/53; ebd. BO, Pfarreiakten Dinkelshausen, Summarische Übersicht der Pfarr- und Kirchenverhältnisse zu Beginn 1892; ebd. BO, Pfarreiakten Hollenbach, 1861–1970: Bei einer bischöflichen Visitation von 1943 wird Dinkelshausen als Nebenkirche von Hollenbach bezeichnet.

BHStA, Graßegger-Sammlung Nr. 15012: Jesuitenkolleg Neuburg Dotationen, fol. 78–84.

BLfD, Registratur, Akten Dinkelshausen, Kirche St. Gertrud. StA Augsburg, Klöster Neuburg Jesuiten Nr. 78, fol. 11 v: Jus patronatus; ebd. BA Neuburg, Nr. 4180: Restaurierungen.

EB1-13 Emporenbrüstung: Christus und die Zwölf Aposte

Braun-Augsburg, Bd 1, S. 474; Bd 2, S. 131, 273. Leuthenmayr, Johann Baptist, Dünzelhausen, in: NK 16, 1850 S. 96–101. Hopp, Bd 2, S. 70. Horn/Meyer 1958, S. 337–449.

Leitenstern, Michael, Chronik der Gemeinden Ambach, Seiboldsdorf, Dinkelshausen, in: NK 128, 1975, S.84–200, hier S. 180–87.

B. V.-K.