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Dezenacker, Pfarrkirche St. Elisabeth von Thüringen

Aus Deckenmalerei-Lab


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 10: Landkreis Neuburg-Schrobenhausen. Hirmer, München 2005, ISBN 978-3-7774-2365-4, S. 85–92, geschrieben von Volk-Knüttel, Brigitte. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Pfarrkirche (Pfarrverband Burgheim), Markt Burgheim, Diözese Augsburg. Das Patronatsrecht auf die Pfarrei lag z.Z. der Ausmalung bei der Viertelherrschaft der Freiherrn von Gumppenberg auf Pöttmes. Gericht Neuburg

Patrozinium: St. Elisabeth von Thüringen

Zum Bauwerk: Mittelalterliche Chorturmkirche. Der Turm und Teile der südlichen Langhauswand stammen von 1479 (Jahreszahl außen am südlichen Strebepfeiler). 1749 wurde das Schiff nach N erweitert und das Innere barockisiert (Chronogramm am Chorbogen). 1923/24 verlängerte man das Schiff um zwei Fensterachsen (5 m) nach W, 1927 wurde nördlich des Turms eine neue Sakristei angefügt.

LHs zu fünf Achsen mit dreiseitigem Westabschluß; im W Empore; eingezogener kreuzgratgewölbter Rechteckchor. Belichtung im LHs gleichmäßig von S und N durch segmentbogige große Fenster, im Westteil unterhalb davon zusätzlich noch durch vier querliegende Okuli, im Chor nur durch ein Fenster im S. Zart getönter Bandwerkstuck (Rosa, Grün, Gelb und Weiß) von 1749, der im LHs reicher gestaltet ist, mit vegetabilen Elementen und mit >Kämmen<, vor allem bei den Kartuschenrahmen. Der Stuck wirkt durch die Blumenkörbe und Pflanzenmotive volkstümlich und für die Entstehungszeit altmodisch; in den Fresken dagegen begegnen bereits einzelne Rocailleornamente. Das Dekorationssystem von 1749 wurde in dem Anbau von 1923/24 fortgeführt.

Auftraggeber: Johann Melchior Daxsperger, Pfarrer von Dezenacker (1740-69). Er resignierte wegen Krankheit und starb erst am 13.12.1774. Sein Epitaph an der südlichen Außenwand der Kirche trägt die Inschrift: »HIC JACET /

PLUR:REV:AC:CLAR.mus D./ JOA. MELCH. DAXSPER GER SS: / THLGIAE LICtus COMUNISTA XXX AN= NORUM HUIS LOCI PAROCHus ET ECCLESIAI RESTAURATOR / ZELOSISSImus OBYT 1774./ DIE 13. DEC. /R. I. P.«

Autor und Entstehungszeit: Joseph Hartmann (* Tiengen Kreis Waldshut † 1788 Augsburg) 1749. Signatur in A: Joseph Hartman. pinxit / A: V: (= Augusta Vindelicorum) 1749 Das Datum der Ausmalung findet sich noch einmal im Chronogramm am Chorbogen GLORIAE VERI DEI ET SANCTAE ELISABETH VIDVAE CVIVS CARITATE TOTVS ECCE ILLVSTRATVR ORBIS (=1749).

Hartmann war in Augsburg ansässig und ist hauptsächlich von Bergmüller beeinflußt. Die Fresken in Dezenacker gehören zu seinen frühen Arbeiten. Er ist zum ersten Mal 1747 in St. Rasso in Untergammenried als Freskant nachweisbar. Später freskierte er auch die Dezenacker benachbarten Kirchen von Straß

Die Kanzel mit Freskofeldern der Vier Evangelisten
Der Kirchenraum nach Westen

(1761) (s. S. 299) und Längloh (1762) (s. S. 115). Der deutlich in der Augsburger Tradition stehende Hartmann ist gekennzeichnet durch relativ zierliche Figuren, deren Gewänder in der frühen Zeit weich schlingernde Falten mit großen gerundeten Vertiefungen aufweisen. Die Gesichter sind deutlich in beschattete und unbeschattete Partien aufgeteilt, die Malweise ist jedoch nicht skizzenhaft wie in Sinning (s. S. 280), sondern fein gestrichelt wie für ein Tafelbild. Die Untersicht bei den Deckenbildern ist kaum ausgeprägt.

Befund

Träger der Deckenmalerei: LHs (A, 1–4, a-c) Flachdecke über Hohlkehle, AR (B) Kreuzgratgewölbe

Rahmen: A, B geschwungener weißer Stuckprofilrahmen, 1-4, a-b weiße Stuckprofilkartuschen, denen farbige vegetabile Ornamente entwachsen, W1-4, EB1-2 runde weiße Stuckprofilrahmen

Technik: Fresko; A, B, 1-4, W1-4 polychrom; a-c, EB1-2 camaieu braun

Maße: A Höhe 5,25 m; 4,60×3,50 B Höhe 5,00 m; 1,80×1,50

Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1790 wurden für Reparaturen und Kirchenzier 345 fl. 15 kr. ausgegeben (BHStA). Eine Restaurierung der Fresken ist für 1859 bezeugt (BLfD, Schreiben v. 30.9. 1912 an den Pfarrer von Dezenacker, s. auch Horn/Meyer). Nach einem Pfarrprotokoll von 1874 wurde die Kirche während der letzten zwei Jahre restauriert (ABA). Unterhalb des Chronogramms von 1749 am Chorbogen erscheinen noch die Daten 1924 und 1942, die sich auf Veränderungen in der Kirche beziehen. Nach Dehio erfolgte 1975–77 eine Instandsetzung. Anläßlich der Verlängerung der Kirche nach W im Jahr 1923/24 wurden die Stuckaturen und die beiden Fresken an der Emporenbrüstung (EB1-2) abgenommen und an die neue Brüstung versetzt und im folgenden Jahr gereinigt. Die Decke des Anbaus sollte damals stuckiert und freskiert werden, was aber erst bei der nächsten Restaurierung 1942/43 realisiert werden konnte. Das Team Josef Finkenzeller, Ludwig Rohrer und Venanz Tittus, München, restaurierte 1942 Stuck, Altäre und Kanzel, der Kunstmaler Johannes Baumann, ebenfalls München, 1943 die Deckenbilder. Der Anbau erhielt einen Stuckdekor mit einer Deckenaufteilung, die sich dem alten Bestand im LHs angleicht. Hier malte Baumann ein großes Deckenbild mit dem Thema »Die hl. Elisabeth empfängt die Gebeine ihres auf dem Kreuzzug verstorbenen Gemahls« sowie sechs Nebenbilder mit Elisabeth-Themen und zwei Wandbilder. Alle Inschriften sind sowohl in der Ausführung als im Wortlaut Neuschöpfungen einer Restaurierung des 20. Jahrhunderts, wohl von 1942/43. Die letzte Außen- und Innenrestaurierung der Kirche fand 1993/94 statt. Die wichtigste Arbeit war dabei die Sanierung des Dachstuhls, da die Balken verfault waren und die gesamte Langhausdecke sich extrem verformt hatte. Die gut erhaltenen Deckenbilder wurden gesichert und gereinigt. Verantwortlich dafür war das Restauratorenteam Peter Niederhauser, Wolfgang Reitschuster und Bertram Streicher aus Egling an der Paar.

Beschreibung und Ikonographie

A MARIA UND ELISABETH VON THÜRINGEN ALS FÜRBITTERINNEN FÜR PFARRER UND GEMEINDE Vor einem großen gelben Dreieck erscheint die Dreifaltigkeit in Wolken, umgeben von Engelsköpfchen und kleinen Engeln. Rechts thront Gottvater und hält das Zepter über die Weltkugel, neben ihm Christus mit einem großen Kreuz, darüber schwebt die Taube des Hl. Geistes. Etwas unterhalb kniet links die Gottesmutter mit Sternenkranz, rosa Kleid und hellblauem Mantel, hinter ihr ein Engel mit Blumen. Vom Herzen Gottvaters fällt ein Gnadenstrahl auf sie herab und wird von ihr aus zur hl. Elisabeth gelenkt, die rechts noch etwas weiter unten auf Wolken kniet. Sie trägt königliche Kleidung, über einem blauen Gewand mit gesticktem Mieder einen goldgelben, mit Hermelin gefütterten Umhang sowie auf dem Haupt eine Krone und Perlenschmuck. Hinter ihrem Rücken präsentiert ein Engel als ihr Attribut einen mit Broten gefüllten Korb. Von der Brust der Titelheiligen wird der Gnadenstrahl dreigeteilt zur Erde herabgelenkt auf den Pfarrer und Männer seiner Gemeinde, die anbetend auf einem Stufenaufbau verharren. An der Spitze sieht man den Pfarrer und Auftraggeber der Ausmalung, Johann Melchior Daxsperger, in Chorrock und Stola mit ausgebreiteten Armen. Den auf ihn folgenden Männern, vielleicht handelt es sich um die Kirchenpfleger, vielleicht um Stifter, werden ebenfalls Gnadenstrahlen zuteil. Im Hintergrund sieht man Dezenacker mit seiner Pfarrkirche im ursprünglichen Zustand vor der Erweiterung am Fuße eines Hügels, der von der Wallfahrtskirche St. Wolfgang bekrönt wird.

A Maria und die hl. Elisabeth von Thüringen als Fürbitterinnen

1-4 ELISABETH-SZENEN Das Hauptbild ist in der Diagonalen begleitet von Darstellungen der hl. Elisabeth. Sie war eine Tochter des Königs Andreas II. von Ungarn, wurde 1207 geboren und seit 1211 auf der Wartburg erzogen, gemeinsam mit Ludwig, einem Sohn des Landgrafen von Thüringen, den sie 1221 heiratete. Ihr Gemahl zog 1227 auf den Kreuzzug und starb noch vor der Einschiffung in Otranto an einer Seuche. Nach seinem Tod wurde Elisabeth unrechtmäßig ihrer Wittumsgüter enthoben und starken Anfeindungen ausgesetzt, so daß sie 1228 nach Marburg übersiedelte. Dort baute sie ein Hospital, weihte es dem gerade in diesem Jahr kanonisierten hl. Franziskus von Assisi und war dort bis zu ihrem Tod im Jahr 1231 tätig. Bereits 1235 wurde sie heiliggesprochen.

1 FROMMIGKEIT Die hl. Elisabeth, die von großer Frömmigkeit und Demut war und sich nächtlichen Bußübungen unterzog, kniet an einem Altar, auf dem ein Kruzifix steht, und verharrt im Gebet. Auf einem Tischchen hinter ihr liegen Krone und Zepter, eine Geißel und ein aufgeschlagenes Buch

2 Mildtätigkeit

Ein großer, zur Seite geraffter grüner Vorhang unterstreicht die Diagonale der Darstellung. Inschrift in einer Kartusche über der Darstellung: Mit Christus / bin ich / gekreuzigt

len ihres Gemahls geschuldigt, wie sie ihr Gut verstreut und verschwendet hätte und ward mit Schimpf aus ihrem Lande gar ausgetrieben« (LA-Benz, S. 881).

Alle wurden geheilt
W1-4 Die Vier Kirchenväter: W1 Augustinus, W2 Gregor, W3 Ambrosius, W4 Hieronymus

men begleitet. Die Inschriften nennen die Tugend der Heili gen, auf die sich das jeweilige Emblem bezieht.

B Verehrung der Eucharistie
Die hl. Elisabeth empfängt die Gebeine ihres verstorbenen Gemahls. Deckenbild von Johannes Baumann 1943 im Anbau von 1923/24

Eingebung des Hl. Geistes, der in Gestalt einer Taube auf sein Ohr zufliegt.

W4 AMBROSIUS Der Heilige mit wallendem weißen Bart sitzt im Bischofsornat in Frontalansicht. In der rechten Hand hält er die Schreibfeder, vorne lehnt ein Buch und dahinter sein Bischofsstab. Mit der Linken weist er auf einen neben ihm stehenden Bienenkorb, sein persönliches Attribut, das auf seine >wie Honig fließende Beredsamkeit< anspielt.

ABA, Pfarrarchiv Dezenacker (141): Kirchenerweiterung 1923/24; Restaurierungen.

BHStA, PNA, NA 1989, Nr. 6316: Berichte der Pflegamtskommissäre über den Zustand der Pfarr- und Filialkirchen im Herzogtum Neuburg 1667–1799.

BLfD, Registratur, Akten Dezenacker, Pfarrkirche St. Elisabeth.

StA Augsburg, BA Neuburg, Nr. 4149: Restaurierungen Anbau; ebd. Regierung, Nr. 12358: Anbau.

Braun-Augsburg, Bd 1, S. 474; Bd 2, S. 273.

Leuthenmayr, Johann Baptist, Dezenacker, in: NK 16, 1850 S. 86–93.

Hopp, Bd 2, S. 69 f.

Horn/Meyer 1958, S. 443–447.

Holler, O., Barockmaler Joseph Hartmann – ein Tiengener Bürgersohn, in: Schwyzertag-Beilage des Südkuriers, Waldshut 1984.

Bischoff, Cordula, Strategien barocker Bildpropaganda. Aneignung und Verfremdung der hl. Elisabeth von Thüringen, Marburg 1990, Kat. Nr. 149, S. 119.

Dehio 1990, S. 184.

Parisi, Jeanette, Studien zum Leben und Werk des Augsburger Barockmalers Joseph Hartmann mit einem Katalog seiner Fresken. Mag. Arbeit München 1994, S. 29–38.

3. V.-K.

DINKELSHAUSEN