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Diestedde, Haus Crassenstein

Aus Deckenmalerei-Lab
Laß, Heiko:Diestedde, Haus Crassenstein, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2022, URL: www.deckenmalerei.eu/5379a828-086d-471d-996d-af7c500dbdfd

Inventarnummer: cbdd10360

Lage: Auf OpenStreetMap anzeigen

Der Text dieses Artikels steht – ausgenommen Abbildungen – unter der Lizenz CC BY 4.0. Dieser Artikel ist lediglich eine Kopie der Originalveröffentlichung auf deckenmalerei.eu und kann veraltet sein; maßgeblich ist die dortige Originalfassung.

In Haus Crassenstein haben sich zwei Räume mit Deckenmalerei erhalten. Zum einen eine Darstellung von Aurora und Cephalus nach Caracci von 1710/20, zum anderen vier translozierte Malereien mit Allegorien auf verschiedene Künste aus dem 18. Jahrhundert.

Haus Crassenstein

Kurzbeschreibung und Lage

Haus Crassenstein[1] ist im Norden der Ortschaft Diestedde gelegen. Das Hauptgebäude ergänzen zwei freistehende Pavillons über bastionsartigem Grundriss an der Eingangsseite im Süden. Sie haben Pendants an der Nordseite des Hauptgebäudes, wo sie pavillonartig auf die Ecke gesetzt sind. Ehemals war der Komplex von einem doppelten Graben umgeben. Der Wall zwischen den Gräben war bastioniert und das Haus erhielt so einen wehrhaften Eindruck. An der Nord- und Westseite ist ein Garten gelegen, der aufgrund des Grabens nicht vom Hauptgebäude aus betreten werden kann. Ein dritter Graben umschloss den Garten.

Bau- und Ausstattungs- und Nutzungsgeschichte

Haus Crassenstein geht auf eine Burg des Hochmittelalters zurück, die 1376 zerstört und anschließend wieder aufgebaut wurde. 1419 gelangte sie an die Familie von Wendt. Diese ließ die gegenwärtige Anlage in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, eventuell durch Laurenz von Brachum, erbauen. 1710 starb die Crassensteiner Linie der von Wendt ab und Crassenstein gelangte an die Holtfelder Teillinie und nach deren Absterben an Franz Arnold von Wendt zu Steinheim. 1808 wurde der Hauptsitz der Familie nach Crassenstein verlegt. Von 1840 bis 1850 erfolgte ein großzügiger klassizistischer Umbau des Hauses und der beiden Pavillons durch Conrad Franz Rembert Niermann. 1877 gelangte Crassenstein auf dem Erbweg an die Grafen von Marchant und Ansembourg, die es 1925 verpachteten. Nach einem Brand entstand 1921 bis 1923 das gegenwärtige Mansarddach. Seit 1951 befindet sich – mit einer kurzen Unterbrechung – ein Internat im Haus.

Beschreibung

Das schlicht verputzte zweigeschossige Backsteingebäude unter hohem Mansarddach öffnet sich mit kurzen Flügeln nach Süden. Der sechsachsige Mittelteil wird von den beiden zwei Achsen breiten und zwei Achsen tiefen pavillonartigen Seitenflügeln begleitet. Der dreiachsige Mittelrisalit ist nicht zentriert, sondern eine Achse nach links verschoben. Über eine Freitreppe erreicht man den Eingang in seiner Mitte. Die neunachsige Gartenseite wird von den beiden Pavillons über bastionsförmigem Grundriss flankiert. Ihre Gegenstücke sind die Pavillons an der Eingangsseite.

Das Eingangsportal erschließt einen hofseitigen Korridor. Von ihm aus erreicht man einen an der Gartenseite gelegenen Saal, der aus der Mittelachse gerückt ist. In diesem Billardzimmer genannten Raum hat sich eine Kassettendecke mit Malerei erhalten. Zwei Treppen am West- und Ostende des Korridors erschließen das Obergeschoss. Ein Raum mit Stuckdecke und erhaltener Deckenmalerei liegt links – an der Westseite des Hauses – in Verlängerung der Korridorachse.

Das so genannte Billardzimmer

Beschreibung

Das so genannte Billardzimmer[2] ist im Erdgeschoss gelegen. Es wird direkt vom Korridor an der Südseite aus betreten und öffnet sich mit drei Fenstern nach Norden. Nach Westen und Osten führen Türen in einen angrenzenden Raum bzw. ein Treppenhaus. Der Raum wurde im 19. Jahrhundert im Rahmen der Umbaumaßnahmen umgestaltet und erhielt 1841/42 seine Decke.

Die Decke des Billardzimmers

Befund - Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die aus vier Feldern bestehende Decke[3] wurde erst 1841/42 neu geschaffen. Die Gemälde wurden angestückt, um die ca. vier auf vier Meter messenden Kassetten auszufüllen.

Beschreibung und Ikonographie

Vier kräftige Rahmen teilen die Decke in vier gleichgroße Felder ein. Jedes von ihnen präsentiert ein Gemälde. Sie sind alle den Künsten gewidmet und zeigen die Kriegskunst, die Astronomie, die darstellende Kunst der Musik sowie die bildenden Künste Malerei und Bildhauerei.

Die Kriegskunst

Befund - Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Das Leinwandbild wurde 1844 vor allem oben angestückt.

Beschreibung und Ikonographie

Die Malerei zeigt nicht den Krieg, sondern eine Szene nach der erfolgreichen Beendigung des Krieges. Es geht um das Ergebnis der klug angewandten Kriegskunst. Im Vordergrund erblickt man hinter einer Ansammlung von Trophäen verschiedene Menschen, die sich mit dem Entwurf eines Pferdes beschäftigen, das vermutlich einen siegreichen Feldherrn tragen soll. Es gibt eine Zeichnung, die ein steigendes Pferd zeigt, wie es Bernini konzipierte, sowie das Modell eines schreitenden Pferdes, das dem Vorbild des Monumentes für Marc Aurel folgt. Rechts kniet ein antikisch gekleideter Feldherr mit rotem Umhang – offenbar der Auftraggeber. Er blickt hinauf an den Himmel, wo aus den Wolken Minerva in einem göttlichen Licht hervorkommt und sich huldvoll herabbeugt. Sie hält eine weiße Siegesfahne. Minerva steht hier für die kluge Strategin im Krieg – im Gegensatz zum direkt kämpfenden Mars etwa. Im Bildhintergrund betrachten mehrere Menschen von einer Mauer aus die Szenerie. Neben ihr ist ein Obelisk aufgestellt, der als Siegesmonument zu deuten ist. Es geht also um eine Verherrlichung des Sieges oder Siegers aufgrund einer weisen Kriegsführung.

Die Astronomie

Befund - Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die Malerei in Öl auf Leinwand wurde 1844 vor allem links angestückt. Das Bild ist stark übermalt.

Beschreibung und Ikonographie

Unter dem in Wolken thronenden Jupiter (mit Blitzbündel und Adler) haben sich verschiedene Menschen versammelt, die überwiegend astronomischen Beschäftigungen nachgehen. Man erkennt unter anderem einen Himmelsglobus, Messinstrumente, ein Fernrohr sowie zahlreiche Schriftrollen und Bücher. In der Mitte befinden sich zwei Frauen und Saturn. Eine der Frauen trägt einen Obstkorb im Arm. Ihre Funktion ist unbestimmt. Ob die andere mit Lorbeerkranz im Haar eine Astronomin sein soll (vielleicht Hypatia oder Maria Clara Eimmart), ist ebenfalls unklar.

Die Musik

Befund - Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die Malerei wurde 1844 vor allem rechts angestückt.

Beschreibung und Ikonographie

Es handelt sich um eine Allegorie auf Malerei und Bildhauerei. In der Mitte erblickt man den Künstler mit Lorbeerkranz vor einem Leinwandbild. Bücher, eine Maske oder ein Kopf sowie Kupferstiche lagern unter seinem rechten Arm. Er blickt zu Fama hinauf, die seine linke Hand ergriffen hat. Rechts wird die Falschheit mit Maske, Schlangenhaupt und flammendem Herzen von einer Putte mit Blitzbündel in der Hand gestürzt.

Malerei und Bildhauerei

Befund - Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die Malerei wurde 1844 vor allem rechts angestückt.

Beschreibung und Ikonographie

Es handelt sich um eine Allegorie auf Malerei und Bildhauerei. In der Mitte erblickt man den Künstler mit Lorbeerkranz vor einem Leinwandbild. Bücher, eine Maske oder ein Kopf sowie Kupferstiche lagern unter seinem rechten Arm. Er blickt zu Fama hinauf, die seine linke Hand ergriffen hat. Rechts wird die Falschheit mit Maske, Schlangenhaupt und flammendem Herzen von einer Putte mit Blitzbündel in der Hand gestürzt.

Programm

Die Künste als übergreifendes Thema und inhaltlich-formale Brüche im Zyklus

Die Malerei lässt sich nur schwer einem einheitlichen Themenkreis zuweisen. Da unbekannt ist, ob die Gemälde ursprünglich zusammengehörten oder ob der Zyklus umfangreicher war, ist das eventuell auch gar nicht möglich. Offenbar geht es im weitesten Sinne um die Künste. Die Kriegskunst ist jedoch üblicherweise nicht Bestandteil eines derartigen Zyklus.

Die Bilder wirken auf den ersten Blick ähnlich im Bildaufbau. Allerdings ergeben sich diverse Unterschiede. Über den Darstellungen der Kriegskunst, Musik und Astronomie ist immer eine antike Hauptgottheit im Himmel dargestellt, die ihr Wohlwollen zeigt. Die weltliche und die himmlische Sphäre sind strikt getrennt – auch wenn die Szenen in den Allegorien der Musik, Astronomie sowie Malerei und Bildhauerei auf Wolken stattfinden. Die Personen in der Allegorie auf die Kriegskunst agieren im Gegensatz dazu auf der Erde. Von der Trennung der Sphären ausgenommen ist die Darstellung der Bildenden Künste. Hier findet eine direkte Interaktion zwischen dem Künstler und der Fama statt. Beide berühren sich. Zudem wird das Bild um eine weitere Szene – die stürzenden Laster – ergänzt. Eine solche zusätzliche Szene bieten die anderen Darstellungen nicht.

Das so genannte Barockzimmer

Beschreibung

Das so genannte Barockzimmer an der Westseite des Hauses öffnet sich mit zwei Fenstern zum Garten. Er wird vom westlichen Treppenhaus her betreten und gehört zu einer Gruppe von drei Räumen im westlichen Seitenflügel. Die Stuckdecke des Raums nimmt ein querovales Mittelfeld auf sowie an den Seiten vier längsrechteckige und in den Ecken vier runde Seitenfelder. Nur das Mittelfeld präsentiert Malerei. Es ist unbekannt, ob ehemals weitere Malereien vorhanden waren.

Aurora und Cephalus

Befund - Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Das in die Stuckdecke eingelassene Leinwandgemälde[4] stammt von ca. 1710/20. Der Maler ist unbekannt.

Beschreibung und Ikonographie

Es zeigt die Entführung des Cephalus durch Aurora. Die Göttin der Morgenröte hatte sich in den schönen Jäger verliebt. Zu sehen ist, wie Aurora den sich abwendenden Cephalus in ihrem Wagen festhält. Vor dem Wagen ruht sein treuer Hund Lelaps. Der Mann Auroras – Thetonus – schläft rechts.

Gestalterische Mittel - Komposition und Ansichtigkeit

Die Ansichtigkeit der Malerei ist nicht auf den Eingang ausgerichtet, sondern erfolgt vom Fenster her.

Vorlagen und Vergleiche

Das Gemälde folgt recht genau dem Fresko Agostino Carraccis an der Decke der Galleria Farnese von 1597 im Palazzo Farnese in Rom.

Bibliographie

  • Literatur:
  • Brüggemann, Crassenstein, 1984. – Brüggemann, Erich-Werner: Schloß Crassenstein. In: Diestedde, ein Abriß seiner Geschichte. Beckum 1984, S. 14-38.
  • Brüggemann, Crassenstein, 1986. – Brüggemann, Erich-Werner (Hrsg.): 850 Jahre Diestedde. Das Nikolausdorf in Vergangenheit und Gegenwart. Wadersloh 1986.
  • Dehio, Westfalen, 2011. – Dehio, Georg: Nordrhein-Westfalen II. Westfalen (Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler). Bearbeitet von Ursula Quednau. München/Berlin 2011.
  • Archivalien:
  • Akte IV, 1992-1995. – Landschaftsverband Westfalen-Lippe – Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen. Archiv. Am Schloss 1, Schloss Crassenstein, Wadersloh – Diestedde, Kreis Warendorf. Akte IV, 1992-1995.

Einzelnachweise

  1. Dehio, Westfalen, 2011, S. 1104-1105; Brüggemann, Crassenstein, 1986, S. 43-44.
  2. Brüggemann, Crassenstein, 1986, S. 43-44.
  3. Brüggemann, Crassenstein, 1986, S. 43-44; Akte IV, 1992-1995.
  4. Brüggemann, Crassenstein, 1986, S. 43.