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Dettendorf, Filialkirche St. Nikolaus

Aus Deckenmalerei-Lab


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 12, Teil 1: Stadt und Landkreis Rosenheim. Hirmer, München 2006, ISBN 978-3-7774-3355-4, S. 122–123, geschrieben von Sauerländer, Brigitte. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

DETTENDORE

Filialkirche der Kuratie Lampferding, seit 1956 Pfarrei Ostermünchen, Gemeinde Tuntenhausen, Erzdiözese München und Freising; Dettendorf gehörte bis 1956 zur Pfarrei Emmering, die Monatspfarrei war. Gericht Schwaben

Patrozinium: St. Nikolaus

Zum Bauwerk: Gotischer Bau (spätgotisches Sternrippengewölbe noch im Untergeschoß des Turms an der Nordseite der Kirche), der im 18. Jh. noch gut erhalten war (Schmidt »Ecclesia haec firmae structurae est«). Gegen Ende des 18. Jh. fand eine einfache Barockisierung statt. Die gotischen Gewölberippen wurden abgeschlagen, die Fenster oben ausgerundet (die spätgotischen Kragsteine und die Fensterleibungen sind noch sichtbar). Die einfache Stuckierung aus dieser Zeit ist nur im AR erhalten. Sie besteht aus Stuckbändern, die die Stichkappen einfassen.

Kleiner, dreiachsiger Saalbau, Empore im W. Geringfügig eingezogener AR zu zwei Achsen mit dreiseitigem Schluß, Belichtung durch zwei Rundbogenfenster von S und zwei in den Schlußschrägen. Das Deckenbild befindet sich im AR. Die heutigen drei Altäre gehören zur Renovierung von 1866/67 mit Altarblättern von Joseph Zenker. Das Hochaltarblatt zeigt Nikolaus von Myra und die drei Mädchen.

Auftraggeber: Pfarrer von Emmering z.Z. der Ausmalung waren Matthias Nässl (1764–91) bzw. Franz Xaver Fischer (1781–1811). Private Spender sind anzunehmen.

Autor und Entstehungszeit: Zuschreibung an Johann Baptist Böham (* 1752 Westerndorf bei Zinneberg/Glonn † 1838 Aibling) spätes 18. Jh.

In Pfraundorf (S. 395) existieren signierte und 1788 datierte, in Ellmosen (S. 124 f.) signierte und 1790 datierte Fresken des seit 1785 in Aibling ansässigen Malers Johann Baptist Böham. Ein Vergleich des Deckenbildes in Dettendorf mit den genannten Ausmalungen erlaubt eine sichere Zuweisung an Böham.

Stuck und Deckenbild im Chor der Dettendorfer Kirche (in LHs nicht erhalten) sind wohl gleichzeitig entstanden. Das Bild ist dem 1788 datierten Chorfresko in Pfraundorf auch motivisch eng verwandt. Der Stuck in Dettendorf zeigt keine Reste von Rocailleformen mehr. Das Ziermotiv, das der Freskorahmen füllt, ist schon klassizistisch: zwei Reihen von Rundstäbchen, die senkrecht zum Rahmenrand und vis-a-vis auf Lücke gesetzt sind. Zusammen mit den lappigen, etwas auswuchernden floralen Motive innerhalb des Freskorahmen verweist dies auf die späten achtziger oder neunziger Jahre als Entstehungszeit, wobei 1785, das Jahr, in dem Böham in Aibling die Werkstatt Johann Georg Gaills übernahm, als >Terminus post quem« gelten kann.

Befund

Träger der Deckenmalerei: AR Spitztonne mit Stichkappen nach O abgemuldet

Rahmen: Ornamentiertes, von Profilleisten eingefaßtes Stuck band

Technik: Fresko mit Secco-Übermalungen; polychrom

Maße: Höhe 7,50 m; 3,40 × 2,40

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Schon 1848 berichtete der Pfarrer, das Kirchendach sei äußerst schadhaft. 1866/67 Renovierung der Kirche und Umgestaltung der Altäre im Geschmack der Zeit. Das Fresko im Chor wurde damals wahrscheinlich ausgebessert und vor allem im Bereich der Landschaftsdarstellung partiell erneuert, so daß die Fähigkeit Böhams, tiefe Landschaftsdurchblicke zu geben, nicht mehr erkennbar ist. Auch die Haltung der Figuren scheint verändert. 1939 Tünchung und Tönung des Kircheninnern durch Hugo Williroider, Hochstätt. Das Fresko sollte unberührt bleiben: »Das kleine Bild am Chorgewölbe wird man belassen ... Am Langhausgewölbe ist bei der Reinigung darauf zu achten, ob nicht unter der Tünche ein altes erhaltenswertes Bild steckt, da Spuren darauf hindeuten« (BLfD, 13.12.1938). Die Suche nach Deckenbildern im LHs blieb jedoch ergebnislos. 1977 Außenrestaurierung. Letzte Innenrestaurierung 1992 durch Fa. Erwin Wiegerling, Bad Tölz: der Chor, seit 1939 lichtgrün, wurde wieder weiß getüncht; Reinigung des Deckenbildes, Restaurierung der Altäre. Erneute Außenrestaurierung nach Hagelschaden 2004.

Beschreibung und Ikonographie

Die naive Malweise Böhams, die in den letzten Abschnitt barocker Deckenmalerei gehört, ist gekennzeichnet durch eine reizvolle, faktische, detailfreudige Erzählform, die die kleineren Formate besser bewältigt als die großen. Seine Figürchen scheinen weich und biegsam zu sein und haben kleine, runde Köpfe sowie gesenkte Augenlider, die wie vorgewölbte kleine Schalen wirken. Für Fresken im Chor verwendet Böham oft das gleiche Schema: den Heiligen auf Wolken thronend, darunter links kniend die Männer, vom Ortsgeistlichen angeführt, und recht kniend die Frauen. In der Mitte dazwischen erscheint die betreffende Kirche samt ihrer nächsten Umgebung in topographischer Genauigkeit, gesetzt in eine Landschaft mit fernem Horizont. Ähnlich wie das Chorfresko in Dettendorf sind die Chorfresken in Pfraundorf 1788 und Hilperting um 1790; dieses zeigt Leonhard von Noblac, jenes Nikolaus von Myra als Patron. Auch in Details stimmen diese Fresken überein: sowohl die Heiligen in Körperkomposition und Gewanddarstellung als auch die Landschaften und die bildparallel dicht hintereinander aufgereihten Bittflehenden in ihren minuziös wiedergegebenen Trachten und den erdigen, gebrochenen Farben der Kleider

DER HL. NIKOLAUS ALS PATRON VON DETTENDORF Das einansichtige Chorfresko hat die Form eines Zweipasses. Die Einschnürung in der Querachse teilt das Bild in eine irdische und eine himmlische Zone.

In einer flachen Wiesenlandschaft mit hochgelegtem Horizont ist im Mittelgrund die Dettendorfer Kirche zu erkennen, hinterlegt von einer fernen Baumreihe. Links im Vordergrund knien, vom Pfarrer angeführt, die Männer, rechts die Frauen der Kirchtracht Dettendorf, bildparallel hintereinander aufgereiht. Alle tragen ländliche Festtagskleidung und halten einen Rosenkranz in den zum Gebet gefalteten Händen. Ein natürlich bewölkter Himmel leitet über zum himmlischen Bereich, wo der hl. Nikolaus in einem goldfarbenen Pluviale auf einer Wolkenbank thront. Mit geneigtem Kopf und ausgebreiteten Armen wendet er sich den Menschen zu. Zwei Putten halten Bischofstab und das Buch mit den drei goldenen Kugeln.

Wie auch die vergleichbaren Bilder in Pfraundorf und Hilperting hat das Chorfresko in Dettendorf weitgehend den Charakter eines Votivbildes. Auffallend ist die minuziöse Genauigkeit in der Wiedergabe der Gewänder, die bezeichnend ist für die späten Jahre des 18. Jh. und volkskundlich sehr interessant. Die Frauen tragen einen langen, dunklen Rock, der an der Taille angekraust ist, darüber eine bis zum Rocksaum reichende, feingefältelte Schürze in einem lichteren Buntton. Den Oberkörper umspannt ein langärmeliger, vorn geknöpfter Spenzer mit flachem Ausschnitt. Der Halsschmuck besteht aus dem schwarzen Flortuch, das mit der silbernen Florschnalle in Filigranarbeit zusammengehalten wird. Auf dem Kopf tragen die Frauen eine kleine, mit einem umlaufenden Pelzrand besetzte Stoffkappe, das sogenannte »Bramerl«. Diese Gewandung ist der Werdenfelser Tracht sehr nahe (Bayerische Volkstrachten, Edition Johann L.C. Rheinwald, Heft 2, München 1806). Diese Tracht war nicht nur im Werdenfelser Land, sondern auch andernorts und im Umkreis Münchens gebräuchlich (freundliche Mitteilung P.E. Rattelmüller, Leutstetten/Starnberg). Die Männer tragen wadenlange, leicht ausgestellte Mäntel in erdigen Farbtönen - Pfraundorf und Hilperting haben auch Blau als Mantelfarbe, im Ausschnitt erscheint die bunte Weste. Um den Hals ist ebenfalls das schwarze Flortuch geschlungen.

Der Hl. Nikolaus Patron von Dettendorf (Johann Baptist Böham nach 1785

Quellen und Literatur

AEM, Pfarrakten Emmering, 1700001 01: Pfarrbeschreibung 1708/3201: Baureparatur 1908.

Schmidtsche Matrikel Bd 2, S. 232 f. Mayer-Westermayer Bd 3, S. 226, 246–49. KDB I Ob (2), S. 1340f. Hüttl, Sebastian, Lampferding mit Dettendorf, in: Der Landkreis Ebersberg in Geschichte und Gegenwart. Ein Heimatbuch, München 1960, S. 107 f. -, Geschichte der Pfarrei Emmering, in: OAVG Bd 100, München 1975, S. 214–50. Dettendorf S. 240f.