Burgkirchen an der Alz, Alte Pfarrkirche Johannes der Täufer
Alte Pfarrkirche, Gemeinde Burgkirchen, Diözese Passau; z.Z. der Ausmalung Erzdiözese Salzburg, Archidiakonat Baumburg. Burgkirchen war Filiale der Pfarrei Halsbach, die dem Zisterzienserstift Raitenhaslach inkorporiert war. 1806 wurde Burgkirchen Pfarrei, 1956/58 wurde nach der Eingemeindung von Gendorf die neue Pfarrkirche St. Pius erbaut. Der Kreuzpartikel, 1740 auf dem Tabernakel am Hochaltar ausgesetzt, genoß örtliche Verehrung. Gericht Neuötting
Patrozinium: Johannes der Täufer
Zum Bauwerk: Spätgotischer Tuffsteinbau, erbaut unter Verwendung älteren Mauerwerks. Weihe des Chors 1477, des LHs 1484. Hochaltar 1703 von Stefan Reiter aus Ranshofen. Barockisierung des Innenraums 1762/63 durch Franz Alois Mayr aus Trostberg: Abschlagen der Rippen, Neuverputz des Gewölbes; die Wandpfeiler wurden ummantelt und Pilaster vorgelegt. Aufstellen der bisherigen Seitenaltäre von Marienberg. LHs (14,00 x 10,00 m) zu drei Jochen, Gliederung durch Wandpfeiler mit Pilastern, Doppelempore im W. Eingezogener AR (11,50 x 8,50 m) zu zwei Jochen mit dreiseitigem Schluß, Belichtung durch hohe Rundbogenfenster.
Auftraggeber: Emanuel II. Mayr, Abt von Raitenhaslach (1759–80), dessen Wappen sich über der Orgel befindet. In der Chronik der Regierungszeit des Abtes Emanuel II. heißt es, die Kirche sei durch die Freigebigkeit der Pfarrkinder sowie durch Anleihen von anderen Kirchen renoviert und ausgemalt worden (s. u.).
Autor und Entstehungszeit: Martin Heigl (* unbekannt † 1774 unbekannt) 1763. Chronogramm am Chorbogen SoL1 Deo, MarIae VIrgInI aC SanCto IoannI BaptIstae (= 1763). In den Kirchenrechnungen von 1763 ist eine Zahlung von


200 fl. an Martin Heigl verrechnet, der Rest wurde aus Spenden aufgebracht. Heigl wird in der Chronik des Abtes als Autor genannt: »1763 ... Ecclesia in Burgkirchen penicillo Heigeliano clarescere incipit. D. Martinus Heigl... in Ecclesia Burgkirchensi S. Joanni Baptistae sacra... multo, tam ex Parochianorum piissima liberalitate collecto, quam ex aliis Ecclesiis nostris sumpto mutuo undequaque refecta, in ea etenim tam amoena artis suae eminentia, recessuque Salvatoris Baptismum, mortem Praecursoris, adiectis symbolis, solo penicillo opus gypsatum aut imitante, aut exsuperante effinxit, ut omnium laudem et admirationem constanter tulerit«. (In der Kirche Burgkirchen St. Johann Baptist wurde schon vieles vorher, sowohl aus der großzügigen frommen Kollekte der Pfarrangehörigen wie auch durch Anleihen von anderen unserer Kirchen wiederhergestellt. Und in der Tat hat er [Heigl] mit seiner hervorragenden anmutigen Kunst die Taufe des Erlösers und den Tod des Vorläufers dargestellt und Symbole hinzugefügt. Allein mit dem Pinsel hat er eine Stuckdekoration nicht nur imitiert, sondern sogar übertroffen, was gleichermaßen volles Lob und Bewunderung hervorgerufen hat BSB Clm 12536, fol. 60).
Befund
Träger der Deckenmalerei: LHs und AR flache Stichkappentonnen, im AR nach O abgemuldet
Rahmen: Imitierte Stucco-finto-Rahmen innerhalb des gemalten Dekorationssystems
Technik: Fresko; A und B polychrom; A1-4 monochrom ocker A2d monochrom grüngrau
Maße: A Höhe 9,50 m; 9,80 × 5,60 B Höhe 9,40 m; 5,50 × 4,20
Erhaltungszustand und Restaurierungen: Die Deckengemälde wurden schon 1911 als in schlechtem Zustand, einerseits dunkel und grau, andererseits als grell übermalt beschrieben. Die Dekorationsmalerei war übertüncht. 1921 restaurierte Oskar Wieleitner, München, die Fresken und deckte dabei die Dekorationsmalerei auf: zehn Fensterumrahmungen, zwei davon Blindfenster (westliches Vorjoch), die Chronogrammkartusche am Chorbogen und das Wappen Abt Emanuels II. Mayr über der Orgel. Bezüglich der Fresken wurde vom Landesamt Zurückhaltung gefordert, »besonders sollen nicht alle Lichter neu aufgesetzt werden«. Anläßlich der Innenrenovierung von 1952 durch Alois Schlee, Altötting, wurde von Pfarrer Berg-
B Enthauptung des Johannes, B31 Embleme mann der Zustand der Deckenbilder beklagt: »Die barocke Deckengemälde scheinen 1921 mit ungeeigneten Stoffen re noviert worden zu sein, so daß die Gemälde jetzt einen gan verblaßten grauen Eindruck machen«. Der Raum wurde in gebrochenem Weiß getüncht, die Deckenbilder gereinigt und die Marmorierung der Altäre, die überstrichen war, restauriert. Innenrestaurierungen 1974/75 und 1990, bei denen die Fresken gereinigt wurden. Die Fresken wirken gemessen an anderen Werken Heigls insgesamt relativ dunkel; die Malerei sieht jedoch original aus.
Beschreibung und Ikonographie
Die gemalte Stuckdekoration, die wir hier in Heigls Werk zum erstenmal antreffen und zu der der Autor der Chronik sich fragt, ob sie den Stuck nur nachahme oder nicht doch eher übertreffe (s.o.), auf jeden Fall aber der Ansicht ist, sie verdiene Lob und Bewunderung aller, ist in Chor und LHs nicht in gleicher Weise eingesetzt. Im Chor imitiert die Dekorationsmalerei den Stuck der sechziger Jahre mit den schon ziemlich ausgelaugten, standardisierten Rocaillen, spannungslosen C-Bogen-Ornamenten und gelängten Leisten ohne gegenständliche Motive, eine Akzentuierung der Fläche, die in besseren Beispielen sehr elegant und geschmackvoll sein kann. Im LHs dagegen ist die imitierte Stuckdekoration viel reicher, bedeckt fast die ganzen Zwickel- und Stichkappenflächen und setzt auch altertümlichere Formen ein wie die großen, architektonisch-ornamental gerahmten Kartuschen der mittleren Gewölbezwickel. Die Flächen, die nicht ornamentiert sind, sind sehr schmal. Der Kontrast zwischen dunklerer Ornementmalerei und weißen Flächen ist heute groß; ursprünglich waren aber die nicht ornamentierten Flächen sicher farblich den ornamentierten angepaßt.
A TAUFE JESU. Schauplatz der irdischen Handlung ist eine Flußlandschaft am Jordan, wie öfter bei Heigl, von dichten hohen Bäumen umgeben. Im Vordergrund sieht man zwischen Felsen den Fluß als einen kleinen, weißlich schäumenden Wasserfall. Johannes kniet auf einem steilen Uferfelsen, das Fähnchen Ecce Agnus Dei in der Linken, und tauft mit Wasser aus einer Muschel Jesus, der vor ihm im Wasser steht. Ein großer Engel schwebt neben Jesus und hält ein langes weißes Tuch, dessen Ende um Jesu Hüften geschlungen ist. Das Lamm, Attribut des Täufers, liegt neben ihm. In der engen Felsenszenerie, auf der kleinen Uferwiese und unter hohen Bäumen sind Zuschauer versammelt: am linken Rand zwei dürftig gekleidete Pilger (der vordere hat eine Gurde), dahinter ein vornehm gekleidetes Paar mit Kind; rechts zwei Mütter mit ihren Kindern. Die himmlische Szene ist als weite, lichte Wolkenlandschaft gegeben, an deren Rand der blaue Himmel sichtbar ist. Die Wolken bilden eine gelbliche Glorie, vor der von vielen Engeln begleitet Gottvater thront, mit Zepter und Weltkugel, und nach unten auf Jesus und Johannes blickt, die rechte Hand bestätigend erhoben. Unterhalb Gottvater schwebt in einer eigenen kleinen rosigen Wolkenglorie der Heilige Geist in Gestalt der Taube. Ein breiter Gnadenstrahl in Form eines Kegels hüllt die Taufszene ein.
»Als aber Jesus getauft war, stieg er sogleich aus dem Wasser, und siehe, die Himmel taten sich auf, und er sah den Geist Gottes herabschweben wie eine Taube und auf ihn kommen. Und siehe, eine Stimme kam aus den Himmeln und sprach...
Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe« (Mt 3,16 f.).
A1-4 VIER KIRCHENVÄTER An den Gewölbezwickeln des LHs sind schildähnliche Bildfelder mit ornamentaler Bekrönung, deren Rocaillen den Rahmen des Hauptbildes übergreifen. Über den unteren Rand quellen Wolken, auf denen die Kirchenväter in Ganzfigur thronen.
A1 Gregor der Große trägt Rauchmantel und Papstkappe, hat auf dem Schoß ein geöffnetes Buch und hält die Feder in der Rechten. Neben ihm Kreuz mit drei Querbalken. Er wendet sein Gesicht zur Taube des Hl. Geistes, die ihn inspiriert.
A2 Ambrosius als Bischof, neben ihm Mitra und Pedum. Er blickt von dem Buch auf und hält im Schreiben inne.
A3 Hieronymus mit Kardinalshut und Kreuz mit zwei Querbalken. Er wendet sich mit einer Geste des Schreckens einer Posaune zu, die aus den Wolken ragt.
A4 Augustinus als Bischof gekleidet, neben ihm Mitra und Pedum. Er schreibt in ein Buch auf seinem Schoß.
Aa-d EMBLEME AUF JOHANNES DEN TÄUFER Das Hauptbild wird in den Stichkappen der Ecken durch gemalte Rocaille-Kartuschen begleitet, die hübsche und stimmungsvolle Emblembilder zeigen, motivisch paarweise angeordnet (Sonne/Mond, Adler/Schwan). Lemmata in kleinen Feldern darüber.
Aa Praevia solis (Geht der Sonne voran). Morgenstern über einem Berg am Meer. Am Horizont geht die Sonne auf. Das Emblem tritt häufig auf, um Johannes als Vorläufer Christi zu umschreiben.
Ab Deficit ut crescat (Nimmt ab, um zu wachsen). Abnehmender Mond am bewölkten Himmel über Meereslandschaft mit Berg am jenseitigen Ufer. Picinelli (Lib. I, Nr. 299, s. v. luna, mit Lemma DESINIT UT CRESCAT) bringt das Emblem als Bild für das wechselnde Geschick; hier spielt es auf die Enthauptung Johannes des Täufers an, auf den Verlust seines Lebens und den Gewinn des ewigen Lebens (= Io 3,30: me autem minui).
Ac Ex his ardentior undis (Aus diesen Wellen feuriger). Adler fliegt über einem von Bergen umgebenen See. Nach Picinelli (Lib. IV, Nr. 115, s.v. aquila: EX UNDIS ARDENTIOR) taucht der alternde, in seinem Temperament erkaltende Adler ins Wasser und erhebt sich daraus jugendlich und voller Feuer. Er ist Bild des Menschen, der Verfolgungen durchsteht und dadurch von himmlischem Feuer erfüllt wird: »Illius hoc ectypon est, qui calamitatum aquis probe tinctus, plurimum coelestis ardoris ac sanctimoniae recipit«. Hier ist das Bild möglicherweise auch Hinweis auf die Taufe und ihre spirituellen Wirkungen.
Ad Tangor, non tingor ab undis (Ich werde von den Wellen berührt, aber nicht naß). Im Wasser schwimmender Schwan. Picinelli (Lib. IV, Nr. 339, s.v. cygnus, mit gleichem Lemma) nennt den Schwan als Bild für den Menschen, der sich unter sündigen Menschen rein hält. Angewandt auf Johannes den Täufer spielt das Emblem auf sein Leben am Hof des Herodes an. Motivisch gesehen passt es auch auf die Taufe.
B ENTHAUPTUNG JOHANNES DES TÄUFERS Nach Kupferschmied stellt hier Heigl erstmals einen Innenraum als Schauplatz eines Deckenbildes dar. Es ist ein dunkler hoher Kerker, dessen Gewölbe und Wände die gesamte Bildfläche füllen; roh behauene Steinstufen und ein Quader mit Ringen für Ketten charakterisieren ihn. Eine Gruppe von Menschen sind hier um den enthaupteten Körper des Johannes versammelt. Zwei Männer lösen die Stricke, mit denen er an Händen und Füßen gefesselt war, einer hält den entseelten Körper, aus dessen Halsstumpf Blut schießt. Die Szene wird von einer Fackel erleuchtet, die ein ehrwürdiger Greis hält.
Links führt eine steile Treppe nach oben: das schwere eisenbeschlagene Holztor des Kerkers ist weit geöffnet, und man blickt in ein hell erleuchtetes Treppenhaus. Hier reicht der Henker das Johanneshaupt einer reich geschmückten, blondhaarigen Dame – Salome, die dafür eine Platte bereithält. Ein Fackelträger leuchtet, im Hintergrund sind ein Soldat und eine Magd dargestellt.
In den dunklen Kellerraum sind von oben Wolken eingedrungen. Zwei Putten beobachten den Leichnam des Johannes, zwei große Engel und ein Putto bringen Martyrerpalme und Lorbeerkranz.
Ba-b EMBLEME Zwei Bilder ohne Lemmata; sie beziehen sich auf Johannes den Täufer.
Ba Spiegel, in dem sich ein Gesicht spiegelt. Das Bild könnte sich auf 1 Kor 13,12 beziehen: »Wir sehen nämlich jetzt durch einen Spiegel rätselhaft, dann aber von Angesicht zu Angesicht«, und darauf anspielen, dass Johannes der Vorläufer Christi war.
Bb Laterne. Nach Picinelli (Lib. XV, Nr. 113, s.v. lucerna) ist sie Bild des Täufers, wegen der Worte Christi: »Erat lucern ardens et lucens« (Jo 5,35). Die Laterne vertreibt die Dunkelheit, wie Johannes, der »vivo virtutum ardore... vitiorum cali ginem e Palestina fugavit«.
Quellen und Literatur
Archiv der Diözese Passau, Kirchenrechnungen Burgkirchen 1763.
BSB, Clm 12536, Abtschronik von Raitenhaslach.
BlfD, Akt Burgkirchen, St. Johannes der Täufer.
KDB I OB (8), S. 2503-05
Krausen, Edgar, Burgkirchen a. d. Alz, Geschichte einer kurzlebigen Wallfahrt in Altbayern, in: Bayer. Jahrbuch für Volkskunde 1972/75, S. 186–194.
Kreilinger, Kilian, der bayerische Rokokobaumeister Franz Alois Mayr (= Jahrbuch des Vereins für christliche Kunst 9), 1976, S. 118.
500 Jahre St. Johann Burgkirchen/Alz, Broschüre 1977.
Handbuch des Bistums Passau 1981, S. 145 f.
Kupferschmied, Thomas Johannes, Der Freskant J. Martin Heigl. Arbeiten für Johann Baptist Zimmermann und selbständige Werke (= Schriften aus dem Institut für Kunstgeschichte der Universität München Bd 41), München 1989, S. 54–56.
Demmel, Fritz und Wolfgang Hopfgartner, Die Kirchen der Raitenhaslacher Klosterannalen des 18. Jh. Teil 1, in: Oettinger Land Bd 10, 1990, S. 212–51.
Dehio 1990, S. 167 f.
FEICHTEN AN DER ALZ