Bremen, ehem sog Schellhaßsches Haus, Wachtstraße 29

Laß, Heiko:Bremen, ehem. sog. Schellhaßsches Haus, Wachtstraße 29, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2025, URL: www.deckenmalerei.eu/460475ae-ddea-4e63-b58c-d4fe50070d71

Inventarnummer: cbdd20236

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Eine um 1600 ornamental bemalte Holzbalkendecke nimmt neun Figurenmedaillons auf. In diesen sind Männer und Frauen dargestellt, von denen sechs Allegorien sind. Sie personifizieren unter anderem verschiedene Sinne und Elemente.

Das ehem. sog. Schellhaßsches Haus, Wachtstraße 29, in Bremen

 
Bremen, Wachtstraße 29 um 1914

Kurzbeschreibung und Lage

Das Schellhaßsche Haus[1] stand im südlichen Bereich der Bremer Altstadt zwischen Altem Markt und Weser an der Nordseite der Wachtstraße.

Bau-, Ausstattungs- und Nutzungsgeschichte

Das später Schellhasche Haus genannte Gebäude ist Mitte des 16. Jahrhunderts erbaut worden. Um 1755/60 wurde das Gebäude in den unteren Geschossen umgestaltet und die Fassade mit einer Sandsteingliederung versehen. Vor die linke Fensterachse kam ein zweigeschossiger Standerker. 1927 ist das Haus abgerissen worden.[2]

Beschreibung

Es handelte sich um ein schmales dreigeschossiges Haus von 6,20 Metern Breite mit steilem dreigeschossigem Giebel, dessen Stufen von Halbkreisen bekrönt waren. Der Eingang befand sich in der Mitte. Links von ihm stand der Standerker. Simsbänder trennten die Geschosse voneinander.[3]

Die translozierte Decke

 
Decke aus dem Haus Wachtstraße 29

Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die Holzbalkendecke ist um 1600 farbig gefasst worden. Nachdem sie unter einer Putzdecke verschwunden war, geriet sie in Vergessenheit und wurde erst bei den Abrissarbeiten 1927 wieder aufgefunden. Dieser ursprüngliche Raum ist unbekannt. Die Decke wurde ausgebaut und in das Focke-Museum gebracht und nach 1957 im Haus Riensberg eingebaut. Dabei scheint sie ein wenig an den Schmalseiten eingekürzt worden zu sein. Vermutlich war der ursprüngliche Raum im Gegensatz zum jetzigen nicht rechteckig.[4]

Beschreibung und Ikonographie

Die Holzbalkendecke misst heute 2,50 auf 3,90 Meter und hat ihre originale Farbigkeit bewahrt. Vier kräftige Balken bilden drei Fachen. Die Balkenunterseiten zeigen jeweils zwei plastisch gemalte Ringe in Gold und eine Raute. Sie sind abwechselnd hell oder dunkelgrau gefüllt. Der Zwischenraum ist auf weißlich hellgrauem Grund mit Blatt- und Rankenwerk sowie Früchten gefüllt. Die Balkenseiten ziert Beschlag- und Rollwerk. Hinzu kommen vegetabile Motive wie Fruchtgehänge, Ranken und Trauben sowie Vasen, Schilde und Masken. Ockerfarbene Randstriche begrenzen die Malerei gegen die Fachen auch auf den Balkenkanten. Ebenso werden die Fachen selbst durch ockerfarbene Randstriche begrenzt. Sie nehmen je drei Figurenmedaillons im goldenen Rahmen auf. In der obersten Reihe befindet sich jeweils die allegorische Darstellung eines der Sinne, in der mittleren Reihe außen jeweils das Brustbild eines Herrn sowie in der Mitte das einer Dame und in der untersten Reihe jeweils die Allegorie eines Elements. Die Kartuschen sind alle von Roll- und Beschlagwerk hinterfangen. An ihnen hängen teilweise Bänder herab. Zwischen den Kartuschen sind vor weißlich hellgrauem Grund Grotesken und Blattwerk, Fruchtgehänge, Blattmasken sowie Vögel und Tiere gemalt. Zu diesen gehört ein Pfau, ein Vogelpaar und ein groteskes Pferd. Ferner gibt es ein nacktes Menschenpaar und zwei Männer, die mit einem großen Stößel in einem großen Mörser etwas zerstoßen.[5]

GVSTVS

 

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Schmecken, Blatt 4 der Folge "Die fünf Sinne"
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Beschreibung und Ikonographie

Die linke Kartusche in der obersten Reihe ist beschriftet mit „GVSTVS“ und zeigt das Kniestück einer jungen Frau, die in einen Apfel beißt. Sie allegorisiert den Geschmackssinn.[6]

Vorlagen und Vergleiche

Die Darstellung folgt einem Stich von Jan Sardemann nach Hendrick Goltzius.[7]

TACTVS

 

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Tasten, Blatt 5 der Folge "Die fünf Sinne"
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Beschreibung und Ikonographie

Die mittlere Kartusche in der oberen Reihe ist mit „TACTVS“ überschrieben und allegorisiert den Tastsinn mit der Darstellung eines sich umarmenden Paares.[6]

Vorlagen und Vergleiche

Die Darstellung folgt einem Stich von Jan Sardemann nach Hendrick Goltzius.[7]

SV SV

 

Beschreibung und Ikonographie

Die Darstellung in der rechten Kartusche der oberen Reihe ist mit „SV SV“ überschrieben. Man sieht einen (buckligen?) Mann, der sich über ein Geländer beugt und in die Tiefe sieht. Die Bedeutung dieser Darstellung ist unklar.[8] Sollte es sich um eine weitere Sinnesallegorie handeln, würde sich der Gesichtssinn anbieten. Statt „SV SV“ müsste dann „VISVS“ geschrieben stehen.

Brustbild eines Mannes

 

Beschreibung und Ikonographie

In der linken Kartusche der mittleren Reihe ist ein Mann in zeitgenössischer Mode mit breitem Kragen und einer Art Zylinder zu sehen.[6]

Brustbild einer Frau

 

Beschreibung und Ikonographie

In der Mitte der mittleren Reihe wird eine Frau in rotem Übergewand mit hellem Muster und breitem Kragen gezeigt. Auf dem Kopf trägt sie eine Haube mit herabhängenden Bändern. Ihr Hals wird von einem kleinen, hochstehenden Spitzenkragen bedeckt. Ihr Kopf ist leicht nach links gewendet.[6]

Brustbild eines Mannes

 

Beschreibung und Ikonographie

Die rechte Kartusche der mittleren Reihe zeigt wieder einen modisch gekleideten Mann. Er trägt eine Halskrause und hat den Blick nach rechts gewendet.[6]

TERRA

 

Beschreibung und Ikonographie

Das linke Bild in der unteren Reihe ist mit „TERRA“ überschrieben und zeigt die Dreiviertelfigur einer Frau in weißem Gewand mit Blumen und Füllhorn. Sie allegorisiert das Element Erde.[6]

INGENIS

 

Beschreibung und Ikonographie

Die mittlere Kartusche ist mit „INGENIS“ überschrieben und zeigt eine Dreiviertelfigur in antiker Rüstung mit Fackel. Es dürfte sich um die Eingebung handeln. Im Sinne der Elemente könnte auch das Feuer gemeint sein. Dann aber müsste die Kartusche mit „IGNIS“ beschriftet sein.

AQVA

 

Beschreibung und Ikonographie

Die rechte Kartusche in der unteren Reihe ist mit „AQVA“ beschriftet und zeigt die Dreiviertelfigur einer Frau in grünem Kleid mit weißem Obergewand. Sie steht an einer Konsole mit einem Krug unter dem Arm, aus dem Wasser fließt. Es handelt sich um eine Allegorie des Elements Wasser.[6]

Bibliographie

  • Literatur:
  • Bremen und seine Bauten, 1900. – Bremen und seine Bauten. Bearbeitet und herausgegeben vom Architekten- und Ingenieur-Verein. Bremen 1900.
  • Gramatzki, Holzdecken, 1985. – Gramatzki, Rolf: Bemalte Holzdecken in der Stadt und im ehemaligen Erzstift/Herzogtum Bremen, in: Bremisches Jahrbuch 63 (1985), S. 33-92.
  • Schwartz, Erinnerung, 2018. – Schwartz, Uwe: (Nicht mehr als) Eine schöne Erinnerung: Verlorene Bauwerke der Renaissancezeit in Bremen, in: Denkmalpflege in Bremen 15 (2018), S. 52-68.
  • Stein, Baukunst, 1962. – Stein, Rudolf: Romanische, Gotische und Renaissance-Baukunst in Bremen, 1962.
  • Stein, Bürgerhaus, 1970. – Stein, Rudolf: Das Bürgerhaus in Bremen (Das deutsche Bürgerhaus, 13). Tübingen 1970.

Einzelnachweise

  1. Schwartz, Erinnerung, 2018, S. 53-54; Stein, Bürgerhaus, 1970, S. 40; Stein, Baukunst, 1962, S. 321.
  2. Schwartz, Erinnerung, 2018, S. 54; Gramatzki, Holzdecken, 1985, S. 62; Stein, Bürgerhaus, 1970, S. 40; Stein, Baukunst, 1962, S. 321; Bremen und seine Bauten, 1900, S. 182.
  3. Schwartz, Erinnerung, 2018, S. 54-55; Gramatzki, Holzdecken, 1985, S. 61; Stein, Bürgerhaus, 1970, S. 40; Bremen und seine Bauten, 1900, S. 182.
  4. Schwartz, Erinnerung, 2018, S. 54-55; Gramatzki, Holzdecken, 1985, S. 61-62.
  5. Schwartz, Erinnerung, 2018, S. 55; Gramatzki, Holzdecken, 1985, S. 62-63.
  6. 6,0 6,1 6,2 6,3 6,4 6,5 6,6 Gramatzki, Holzdecken, 1985, S. 62.
  7. 7,0 7,1 Gramatzki, Holzdecken, 1985, S. 63.
  8. Gramatzki, Holzdecken, 1985, S. 62, 64.