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Blainthal, Filialkirche St. Ulrich

Aus Deckenmalerei-Lab


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 7: Landkreis Erding. Hirmer, München 2001, ISBN 978-3-7774-7830-2, S. 54–58, geschrieben von Bauer-Wild, Anna. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

BLAINTHAL

Filialkirche, Pfarrei Hofkirchen (Pfarrverband Taufkirchen/Vils), Gemeinde Taufkirchen/Vils, Erzdiözese München und Freising. Zur Pfarrei Hofkirchen gehörten z. Z. der Ausmalung die kleinen Nebenkirchen Großköchlham (S. 109) und Blainthal, die beide kein eigenes Kirchenvermögen hatten. Die Einöde Blainthal, auch Bluemthal, einst Daxmating, bestand aus dem großen Hof des Bluemthalers, der Grundholde des Klosters Weihenstephan war. Gericht Erding

Patrozinium: St. Ulrich, gelegentlich auch St. Martin

Zum Bauwerk: Spätgotischer Bau. Große Baureparatur mit Neubau des Turms 1669/70 durch Hans Kogler. In der Kirche wurden neue und größere Fenster ausgebrochen. Davon abgesehen, bewahrte der kleine Bau sein spätgotisches Aussehen. LHs zu drei Jochen, Eingang von S im westlichen Joch, Empore im W. Wenig eingezogener AR zu zwei Jochen mit dreiseitigem Schluß. Der Raum ist durch flache Wandpfeiler mit vorgelegten halbrunden Diensten gegliedert und hat ein Sterngewölbe. Belichtung im LHs durch zwei Fenster von S und eines von N, im AR durch zwei große Rundbogenfenster im östlichen Joch von S und N und ein kleines gotisches Fenster in der NO-Schräge.

Auftraggeber: Johann Georg Kirmayr, Pfarrer von Hofkirchen (1722–58), der 1731 die Kirche in Großköchlham ebenfalls von Aiglstorffer ausmalen ließ. Inschrift über der Sakristeitür an der S-Seite des AR Rdo. Dno. Dono. I. G. K. P. I. H K. MDCCXXII (= Reverendo Domino Domino Ioanne Georgio Kirmayr Parocho in Hofkirchen 1722). Unter ihm wurde auch 1754 das Hochaltar-Retabel in Blainthal angeschafft, ein frühes Werk Facklers (frdl. Mitt. Gerhard Koschade).

Johann Georg Kirmayr, der sich um volkstümliche Andachtsformen bemühte, besorgte 1729 Reliquien der hll. Martin, Benedikt und Scholastika und 1755 eine des hl. Korbinian für die Kirche in Blainthal. In Großköchlham förderte er die dort entstehende Wallfahrt (s. S. 109) und gründete 1737 in Hofkirchen die Isidor-Bruderschaft. Er starb am 12.7.1758 »... postquam Ecclesiam suam rexit per 36 annos, restauravit templa ornamentis decoravit, et multa pro devotione populi augenda instituit« (Matrikeln Hofkirchen). Er wurde im Chor seiner Kirche begraben, die er zum Erben eingesetzt hatte.

Zur Zeit der Ausmalung waren Johann Georg und Magdalena Bluemthaler auf Bluemthal für den Mesnerdienst verantwortlich und ihrem Kirchlein auch dadurch verbunden, weil einer ihrer Vorgänger, Hartmann Rieger von Daxmating, 1373 eine Wochenmesse gestiftet hatte, die im 18. Jh. noch gehalten wurde. Ihre finanzielle Beteiligung an der Dekoration ist wahrscheinlich.

Autor und Entstehungszeit: Franz Albert Aiglstorffer (* um 1675 † 1741 Wartenberg; s.S. 238) Datum auf einem Schlußstein 1732; über der Sakristeitür 1722 (s.o.).

Überzeugende Zuweisung erstmals durch Brenninger 1980 (S. 135), der sich für 1732 als Entstehungsdatum der Ausmalung ausspricht. Pfarrer Kirmayr trat sein Amt im April 1722 an, im Juni wurde der Resignationskontrakt mit seinem Vorgänger geschlossen, die Inventarisierung erfolgte im Oktober und die Ratifikation des Vertrags im März 1723, so daß künstlerische Aktivitäten für 1722 eher nicht anzunehmen sind.

Befund

Träger der Deckenmalerei: Spätgotische Rippengewölbe; die drei kleinen Bildfelder A-C sind zwischen den Rippen im Gewölbescheitel angebracht. Bildfelder W1-4 an den Wänden des LHs und Chors.

Rahmen: Gemalte einfache Rahmung. Technik: Fresko; polychrom

Maße: A und C Höhe 6,80 m; 1,40 x 1,20 B Höhe 6,80 m; 1,20 x 1,20

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Restaurierung 1906 mit Neufassung des Raums. Die übertünchten Deckenbilder wurden 1911 gefunden, jedoch aus Kostengründen nicht aufgedeckt. 1952 forderte ein Gutachten des BLfD, »die jetzige ungewöhnlich schlechte Ausmalung ... ist zu beseitigen«. Doch verzichtete man auch bei der nächsten Restaurierung durch Peter Keilhacker auf die Restaurierung der Decken- und Wandbilder, legte aber die drei Deckenbilder ganz grob, nur in ihren Umrissen frei. Gesamtrestaurierung mit Dachstuhlsanierung 1995/96. Sorgfältige Freilegung der drei mittleren Deckenbilder und der Wandbilder 1997/98 durch Ludwig Keilhacker, Restaurierung durch Elisabeth Keilhacker. Es fanden sich während der Arbeiten noch ca. dreißig kleine Bildchen in den Gewölbefeldern, die aber nicht freigelegt wurden, sondern jetzt übertüncht sind. Der Zustand der freigelegten Bilder ist gut, sogar die barocken Inschriften und Verse konnten fast völlig wiederhergestellt werden.

Beschreibung und Ikonographie

Die drei Deckenbilder zeigen jeweils einen heiligen Bischof, den Kirchenpatron Ulrich von Augsburg sowie Martin von Tours und Nikolaus von Myra, die in Blainthal besonders verehrt wurden.

A ST. NIKOLAUS Gehe ein in die Freud deines Herrn Luc 25 (Mt 25,21-23). Nikolaus von Myra thront auf Wolken, von Engeln begleitet, die rechts seinen Bischofstab, links das Buch mit den drei goldenen Kugeln halten. o S. Niclas sih wür bitten / stehe unß armen sindern bey / stell bey Gott dich in die mitten / das er unß genedig sev.

B St. Martin
C St. Ulrich, nach der Renovierung

B St. MARTIN Siehe ein grosser Priester Sirach 44 (nicht wörtlich, aber sinngemäß in Eccli [Jesus Sirach] 45, 6–22 beim Lob des Priesters Aaron). Martin von Tours thront auf Wolken, als Attribute sind ihm Buch und Gans beigegeben. Ein Putto hält das Pedum. S. Martin gantz glorificieret / Ja in grösster Heilligkeit, / sitzt im Himmel, Triumphieret / dorten mit Gott in Ewigkeit.

C ST. ULRICH Vir Magnus coram omni populo (Ein großer Mann vor allem Volk). Ulrich von Augsburg, auf Wolken thronend, das Pedum in der Hand. Engel weisen seine Attribute Buch und Fisch vor. Zu Füßen des Heiligen hält ein Engel die Mitra. S. Ulrich den Sig erhält / auf disem Weltgetimmel / darumb ist er ietzt groß vor der Welt,/ und groß vor Gott im Himmel.

W1-4 Vier große, zum Teil mehrteilige Wandbilder finden sich an der Nordwand des LHs im mittleren Joch (W1), an der nördlichen Chorwand im westlichen Joch (W2), an der NO-Wand des Chorschlusses (W3) und an der SO-Wand des Chorschlusses (W4).

W. MARTIN-SZENEN Das Wandbild ist senkrecht zweigeteilt, über der Nahtstelle hängt ein Kruzifixus.

TOTENERWECKUNGEN DES HL. MARTIN (links) Er hat alle Ding woll gethan. Martin, als Bischof gekleidet, steht mit ausgebreiteten Armen in der Bildmitte. Um ihn sind Helfer dargestellt, die auf Bahren zwei Menschen heranbringen. Diese sind in weiße Tücher gehüllt, um anzuzeigen, daß sie tot waren, haben sich aber, von Martin zum Leben erweckt, aufgerichtet. Es hate einstens sich begeben, / das man ihm hat entdekhet / zwey Todte, die er hat zum Leben / durch Gottes namb erwekhet. Bei dieser Darstellung handelt es sich um eine volkstümliche Abwandlung des Themas, denn eine Erweckung von zwei Toten gleichzeitig durch den hl. Martin ist nicht überliefert.

TOD DES HL. MARTIN (rechts) Ey du fromer und getreuer Knecht. Luc. (Mt 25,21–23). Martin liegt in einfachem Hemd links auf einer Decke. Vier Männer sind bei ihm, einer hält den Sterbenden an den Schultern, einer kniet an seinem Lager. Zu Füßen des Heiligen ist ein Drachen dargestellt. Martins Seele, in Gestalt eines sehr kleinen Kindes, entweicht dem Körper in einem Lichtstrahl zum Himmel. Als er in aschen auf der Erdt / stirbt, und dwelt (die Welt) teth quitieren / hat man die Engel singen ghört / und lieblich mucicieren./ Und als sich hat der Hölle=trakh / Vor ihme sehen lassen,/ hat er ihn gleich in dflucht gejagt / hinab zur Höllenstrassen. Beim Tod des hl. Martin in Gegenwart seiner Mitbrüder erschien nach Sulpicius Severus der Teufel in Gestalt eines Drachen und wurde von dem Sterbenden zurückgewiesen. Nach der Legende lag Martin im Büßergewand auf seinem Sterbebett.

W2, W3, W4 ULRICH-SZENEN Ulrich von Augsburg, aus der Familie der Grafen von Dillingen, wurde 890 in Augsburg geboren, im Kloster St. Gallen erzogen und 923 zum Bischof von Augsburg gewählt. Seiner Mithilfe wird der Sieg auf dem Lechfeld 955 zugeschrieben (Hochaltarblatt). Ulrich starb am 4.7.973 in Augsburg (W4).

Die früheste Vita des Augsburger Dompropstes Gerhard (AASS Julii Tom. II, S. 97 ff.) schildert ihn als gastfreundlich und barmherzig und berichtet, daß er beim Mahl die Speiser mit Bettlern teilte (S. 101): »In quotidianis refectionibus quando cum suis ad mensam sedebat, prima appositio panum atque ciborum, ex maxima parte per aliquem clericum, cui haec commendata sunt, pauperibus dividebatur« (W2). »Er speiste niemals, ohne Arme bey sich zu haben, und ließ ihnen gleich zuerst die Speise aufsetzen« (Placidus Braun, Geschichte von dem Leben ... des heiligen augsburgischen Bischofes Ulrich. Augsburg 1796, S. 15).

Gerhard erzählt in seiner Ulrichsvita die Geschichte vom Ritt durch die Wertach (S. 114f.): Danach wurde Ulrich von seinem Kaplan Herewigus begleitet, als er einst im Winter durch die Hochwasser führende Wertach reiten mußte. Herewigus, dessen Pferd höher war als das des Bischofs, wurde vom Gürtel abwärts völlig durchnäßt, Ulrich dagegen blieb vollständig trocken (W2). Von diesem und einem ähnlichen Ereignis rührt Ulrichs Patronat bei Wassersgefahr und Überschwemmungen her.

Aus dem Bereich volkstümlicher Legenden stammen die Geschichten von der Beendigung der Mäuseplage in Ottobeuren

W. Ulrich-Szenen: Ritt durch die Wertach, Speisung der Bettler und Mäuseplage von Ottobeuren
W4 Freitagswunder (unten) und Tod des hl. Ulrich (oben)

W3-4 Wandfresken im Chorschluss

ren (W2) und vom Freitagswunder (W3 und W4), die in den frühen Viten nicht vorkommen, aber schon im Mittelalter zu den Attributen Fisch (häufig) und Ratten (seltener) führten. Das Freitagswunder gehört zu den am häufigsten dargestellten Ulrichszenen: An einem Donnerstagabend saß Ulrich mit dem Bischof von Konstanz zu Tisch. Dabei führten sie geistliche Gespräche, die sich bis nach Mitternacht hinzogen, und achteten nicht darauf, daß auf dem Tisch noch das Fleisch stand. Da kam ein Bote des Herzogs von Bayern (W3), dem Ulrich, nachdem er seine Botschaft ausgerichtet hatte, zur Wegzehrung ein Stück Fleisch vom Tisch gab. Es war aber inzwischen Freitag geworden. Der Bote kehrte zum Herzog zurück und wollte das Stück Fleisch zeigen, um den Bischof der Verletzung von Fastengeboten anzuklagen. Als er das Stück aber aus seiner Botentasche zog, war es zum Fisch geworden (W4).

W. ULRICH-SZENEN Das Bildfeld ist horizontal drei geteilt

RITT DURCH DIE WERTACH (oben) dan Gott war mit ihm. Act. 10. Ulrich, als Bischof gekleidet, die Mitra auf dem Haupt, reitet auf einem weißem Pferd durch einen Wasserlauf. Vor ihm reitet sein Begleiter, ein Geistlicher mit Hut. Im Hintergrund sieht man ein großes Gebäude. S. Ulrich durchs Wasser Reith, / ohn das er nas ist wordten, / sein Caplan aber allersexts / und sPferth, ist waschnaß worden.

ULRICH SPEIST DIE BETTLER (Mitte) Sellig die Barmhertzigen. Math (Mt 5,7). Das Bild zeigt einen Innenraum mit einem weiß gedeckten, mit Speisen besetzten Tisch in der Bildmitte. St. Ulrich, in Bischofstracht, die Mitra auf dem Haupt sitzt oben am Tisch, zu seiten sitzen vier Bettler. Ulrich wendet sich ihnen zu. Gegen den Armen jederzeit / sich liebreich teth erweisen, / und solche aus Barmhertzigkeit / an seinem Disch ausspeisen.

MÄUSEPLAGE VON OTTOBEUREN (unten) Das Bild ist von oben tief eingebuchtet; dort befindet sich der Apostelleuchter. Im linken Bildteil ist Kloster Ottobeuren dargestellt im rechten Bildteil Bischof Ulrich, die Rechte segnend erhoben. Zu Othobeyrn vom Closter hat / S. ULRICH vertriben All Meiß, und Ratzen, von der statt, / das keine mer gebliben.

W, FREITAGSWUNDER I Das Wandbild ist ungeteilt es hat seine inhaltliche Fortsetzung in W4 unten. Dargestellt is ein Innenraum. Bischof Ulrich sitzt an einem Tisch mit Speisen, bei ihm sind zwei Diener, deren einer einen Leuchter hält rechts sitzt ein Gast. Ein Bote mit Stab, Stiefeln und Tasche kommt von links und breitet die Arme aus. Auß Bayrn ein Poth bey ihm anlangt / vom Hörzog, gschwind mit eylen / mit Brief: vom Hörzog ... (zerstört) / ein Stück Fleisch ihm mit ztheillen / unwisse das der Freytag schon nach mitternacht gebrochen an / dan er bis yber mitternacht, mit geistlichen ... (zerstört).

W. ULRICH-SZENEN Das Bildfeld ist horizontal zweiratailt

TOD DES HL. ULRICH (oben) Mein Herr und mein Gott. Joan. 20. (Jo 10,28). In einem Innenraum rechts liegt in bischöflicher Kleidung der hl. Ulrich in einem Himmelbett. Drei klagende Diener sind bei ihm, einer hält eine Kerze. Auf einem Tisch gegenüber ist eine Mitra zu sehen. Jetzt scheidet er von diser Welt, / und thuet allm abschid geben, / was er alhie für Eitl hält / und fahrt ins Ewig Leben.

FREITAGSWUNDER 2 (unten) Ein Herzog mit Gefolge steht am Tor seines Schlosses. Vor rechts aus der Landschaft kommt sein Bote und zieht einen Fisch aus der Tasche. Der Poth dem Hörtzog, will vom Disch ... (der Rest ist nicht mehr lesbar).

Quellen und Literatur

StAM, LRA 147715: Restaurierung 1906. StAL, Kirchenrechnungen Gericht Erding, 1670

StAL, Regierung Landshut A 4070: Neuer Seitenaltar im 18. Jh. (Pfarrer Kirmayr).

AEM, Pfarrakten Hofkirchen, Pfarrbeschreibung; Filial Blainthal; Bauten II.

AEM, Kunsttopographie, Dekanat 21/Dorfen, Pfarrei Hofkirchen, St. Ulrich Blainthal (Georg Brenninger). BLfD, Blainthal, Kirche St. Ulrich.

Schmidtsche Matrikel, Bd 2, S. 105 f. Mayer-Westermayer, Bd I S 205

KDB I OB (2), S. 1214.

Landkreis Erding 1963, S. 267

Brenninger, Georg, Die Kirchen der Pfarrei Hofkirchen, Kirchenführer Hofkirchen 1979.

Brenninger 1980, S. 135

Brenninger 1982, S. 109.

Landkreis Erding 1985, S. 406

Koschade, Gerhard, Kirchenausstattungen von Matthias Fackler (1721–1792) im Erdinger Raum (Magisterarbeit München 1987), S. 200. A.B.