Beuerberg, ehem. Pfarrkirche St. Johannes u. Paulus
Ehem. Pfarrkirche der Stiftspfarrei Beuerberg, jetzt Friedhofskirche
Patrozinium: St. Johannes und Paulus, Nebenpatrozinium Maria
Zum Bauwerk: Beginn des Neubaus 1643 durch den Maurermeister Martin Zaech von Weilheim und Michael Putzenlechner von Beuerberg. Im späten 18. Jh. erhielt die Kirche eine einheitliche Spätrokokoausstattung.
Saal zu drei Jochen mit Pilastergliederung, Empore im W; eingezogener, sehr langer AR mit geradem Schluß. Belichtung im N und S, LHs zweites und drittes, AR zweites Joch
Auftraggeber: Propst Franziskus Prandtner von Beuerberg (1770–94)
Autor und Entstehungszeit: In einem Brief des P. Possidius Sterzer von Beuerberg an Lorenz von Westenrieder vom 30. Juli 1783 (BSB, Westenriederiana A, 1783) wird folgende Beschreibung gegeben: »Die Pfarrkirche ist sein etlichen Jahren nun ganz umgeändert worden... Die Direction beym Chor führte Thassilo Zöpf von Wessobrunn. Die Nebenaltäre aber legte Franz Doll an . . . Das Gewölbe ist mit drey Gemälden ausgezieret. Eines stellt die Jungfrau Maria vor; unter ihren Schuz begibt sich die Gemeinde. Gemalen hat es Johann Baader ein Schüler des berühmten Knoller [Knoller von Westenrieder durchgestrichen und durch Bergmüller ersetzt]. Man nennt ihn hier schlechtweg den Lechhannsl. Die zwey andern Gemälde verfertigte Aloys Gebler ein noch junger Maler von Kaufbayern . . .«
In B befindet sich am unteren Bildrand die Signatur invenit et pinxit / aloysius Gaibler. 1780. Georg Alois Gaibler (* 1751 Kaufbeuren † 1813 Kaufbeuren) war Maler in Kaufbeuren; die Fresken in Beuerberg sind seine ersten bekannten Deckenbilder. Er zeigt in seiner Malweise viel Verwandtschaft mit den späten Fresken Johann Baaders, den er bei der Arbeit in Beuerberg offenbar ablöste. Wie auch in Froschhausen (S. 331) und Jachenau (S. 191) arbeitet er hier mit dem Stukkator Franz Edmund Doll zusammen.
Daß Johann Baader (* 1717 Lechmühlen † 1780 Schlehdorf) Autor des AR-Freskos C ist, ergibt sich aus oben zitierter Quelle. Aus stilistischen Gründen kommt eine Entstehungszeit von 1767, wie Fuchs vorgeschlagen hat, (Fuchs, S. 31) nicht in Frage. Das Fresko zeigt alle Merkmale von Baaders Spätstil (vgl. Schlehdorf, S. 240, und die Bibliothek in Polling, CBD, Bd 1, S. 459-62). Da Baader bis 1779 in Polling beschäftigt war und Ende August 1780 während seiner Arbeit in Schlehdorf starb, kommt als Entstehungsdatum für Beuerberg der Herbst des Jahres 1779 oder das Frühjahr 1780 in Betracht.
Befund
Träger der Deckenmalerei: LHs (A, B) und AR (C) Tonnen mit sehr tief einschneidenden Stichkappen
Rahmen: A und B profilierte C-Bogen-Rahmung, seitlich von Ornamentkartuschen übergriffen, C Stuckprofilrahmen, an einigen Stellen von stuckierten Wölkchen und Engelsköpfchen überlagert
Technik: Fresko; polychrom
Maße: A Höhe 9,40 m; 4,70 × 4,90
B Höhe 9,40 m; 4,70 × 4,90
C Höhe 9,20 m; 5,00 × 3,60
Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1882 wurden die Deckengemälde weiß übertüncht, 1941/42 durch Weinzierl und Josef Albrecht wiederaufgedeckt. Dabei wurden besonders in A und B die Wolkenpartien mit den Engeln stark verändert. Weitere Übermalungen finden sich besonders in den Gesichtern
Beschreibung
A DIE HLL. NOTBURGA, ISIDOR UND WENDELIN Der Aufnahmestandpunkt der einansichtigen Szene liegt unter dem westlichen Bildrand; die Bildanlage zeigt keine illusionistischen Effekte: lediglich an den Seiten ist die landschaftliche Szenerie, dem Rahmen folgend, nach oben gezogen.
In einer weitläufigen Wiesenlandschaft mit der Kirche von Beuerberg und Bergen im Hintergrund sind die drei Bauernheiligen versammelt. In der Bildmitte steht die Dienstmagd Notburga von Rattenberg neben ihrem Dienstherrn. Die Heilige hat zum Erstaunen ihres Herrn und zweier Feldarbeiter im Hintergrund die Sichel in die Luft gehängt.
Weiter vorne ist auf der rechten Bildseite Isidor von Madrid kniend dargestellt. Er hat die Hände zum Gebet gefaltet, während hinter ihm, auf einem umzäunten Feld, zwei Engel pflügen.
Unter einem roh zusammengefügten Bretterdach sitzt links gegenüber der hl. Wendelin und liest in der Hl. Schrift. Er ist in Tiroler Tracht, mit Hirtentasche und -stab dargestellt. Vor ihm liegen Zepter und Krone. Zu ihm, der als Hirte lebte, gehören die Haustiere im Vordergrund, Pferd, Rinder und ein Geißbock.
In einer Lichtglorie erscheint im Himmel, von Wolken umgeben, von Engeln angebetet, das Symbol der Dreifaltigkeit.
Der Farb- und Lichteinsatz entspricht der tafelbildmäßigen Anlage: In der Bildtiefe ist die Landschaft stark aufgehellt; der Vordergrund zeigt dunklere und intensivere Farbwerte, vor allem Braun-, Grün- und Ockerfarben. Die Glorie, dunkler vor den hellen Grund des Landschaftshimmels gesetzt, bringt als Farbe, die das Überirdische bezeichnet, ein intensives Gelb. Dieses Himmelslicht bleibt der Glorie immanent und tritt nicht in Beziehung zum Bildraum. Reine Buntfarben treten kaum auf; in der Farbgebung wird zwischen Figuren und umgebender Landschaft kein Unterschied in der Farbwertigkeit gemacht.
Das für Gaibler sehr typische Bild zeigt ihn als Vertreter der bäuerlichen Deckenmalerei, die im späten 18. Jh. eine von der »hohen« Kunst losgelöste, eigene Möglichkeit der Volkskunst ist. Dabei ist ein besonderes ikonologisches Verhältnis zueinander getreten: Handlungen – die legendären Wunder – erscheinen noch szenisch, haben jedoch attributiven Charakter (Sichelwunder, pflügende Engel). Ebenso sind Landschaftsteile den dargestellten Personen beigefügt (Wendelins Hütte, Notburgas Kornfeld, Isidors Acker). Daraus ist ein neuer »realistischer« Bildraum zusammengefügt, der gleichzeitig die Landschaft von Beuerberg darstellt.
Heilige verschiedener Herkunft und Zeiten, die in der barocken Deckenmalerei zusammen nur in Wolken, also an neutralem Ort, auftreten, können nun auf diesem irdischen Schauplatz zusammen dargestellt werden. Dabei sind die Personen im Detail möglichst historisch beschrieben (Isidor als ein Spanier durch Pluderhosen, der Bauer als Tiroler durch die Hosenträger). Die Vergegenwärtigung des Historischen geht dabei mit einer neuen Logik Hand in Hand: Das Dargestellte hat mit Illusionistik nichts mehr zu tun, es ist erzählte Wirklichkeit.
B MARTYRIUM DER HLL. JOHANNES UND PAULUS Einansichtige Szene; Aufnahmestandpunkt unter dem westlichen Bildrand. Im Vordergrund führen Stufen in das Bild ein: in dieser Bildschicht sind durch Überschneidungen der Figuren, durch Verkürzungen der Balustraden und durch Untersicht illusionistische Effekte angestrebt. Der Bildraum selbst ist tiefenperspektivisch angelegt. Die Szene spielt in einem breiten, durch übersteigerte Perspektive sich stark nach hinten verjüngenden, klassizistisch dekorierten Raum, der durch Fenster an beiden Längsseiten als Gartensaal bezeichnet ist. Hier ist das Martyrium der beiden Brüder Johannes und Paulus dargestellt. Der dramatische Moment der Enthauptung ist in der Art eines barocken Theaterszenariums wiedergegeben. Auf dem bühnenähnlichen Podest im Vordergrund, das die ganze Bildbreite einnimmt, steht der Henker mit ausgeholtem Schwert hinter einem der Brüder, während der andere bereits enthauptet am Boden liegt. Ein heidnischer Priester weist auf eine kleine Jupiterstatue; Soldaten verfolgen die Handlung. Der theatralische Effekt wird durch einen Vorhang verstärkt, der auf beiden Seiten über der Szene hochgezogen ist. Von oben dringen Strahlen und himmlisches Licht ein, auf Wolken schwebt ein Engel mit Martyrerkranz und Palmzweig nieder. Bühne wie Perspektive sind requisitenhaft und ohne die Möglichkeit einer eigentlichen Raumdarstellung eingesetzt. Volkstümliches Vokabular erreicht hier nicht die als Vorbild angestrebte barocke Grammatik. Gelb- und Ockerfarben, die das Himmelslicht und bei der Figurengruppe und am Schauplatz Gold und Metall bezeichnen, dominieren. Dazu kommen Grau und Graugrün in der Architektur und im Vorhang sowie Braunrotwerte in den Gewändern und im Inkarnat.
C SCHUTZMANTELMADONNA Eine einansichtige Szene ohne illusionistische Effekte; Aufnahmestandpunkt unter dem westlichen Bildrand. Im Zentrum des Bildes thront Maria als Himmelskönigin auf Wolken: schützend breitet sie ihren weiten Mantel aus. Wie ein Zelt wird er von Putti über die Menschen gehalten, die sich zu Mariens Füßen versammelt haben. Die linke Gruppe vertritt die geistliche Obrigkeit: Hier ist Papst Pius der VI. zu sehen, Ludwig Joseph von Welden, Bischof von Freising, und Chorherren, in deren vorderstem wohl Propst Franziskus Prandtner dargestellt ist. Die rechte Gruppe zeigt die weltliche Obrigkeit, den Kurfürsten Karl Theodor mit Gefolge. Hinter den Standespersonen drängt sich jeweils das Volk. In der Mitte die Kirche von Beuerberg. In den Wolken über Maria erscheint der Jesusknabe, auf einer Weltkugel stehend und ein Kreuz hochhaltend. Neben ihm kniet der hl. Joseph und hat den Arm schützend um ihn geschlungen. Das Fresko, kurz vor Baaders Tod entstanden, ist ein typisches Spätwerk. Die steife, achsensymmetrische Komposition, die Reduktion der Farbigkeit auf wenige Grundwerte und die grobe Typisierung der Physiognomien erinnert an die Bibliotheksfresken von Polling (CBD, Bd 1, S 461 f.). Nur an wenigen Stellen, wie etwa bei der Jesuskind-Joseph-Gruppe, ist noch etwas von dem Reiz früherer Werke zu spüren.
[ikonographie]
verblieb und brachte durch dieses Wunder ihren Herrn zur Einsicht (AASS, Sept., Tom. 4, 14. 9., S. 720 f.).
Isidors Kult blühte etwa gleichzeitig mit dem der hl. Notburga im 17. Jh. auf. Beide wurden bald zusammen verehrt und dargestellt.
Der hl. Wendelin (6. Jh.) war nach der Legende ein iroschottischer Königssohn, der die Krone verschmähte, um als Einsiedler und Hirt in den Vogesen zu leben. Später wurde er Benediktiner-Abt von Tholey (AASS, Oct., Tom. 9, 21. 10., S. 342–51).
B MARTYRIUM DER HLL. JOHANNES UND PAULUS Die beiden Wetterheiligen spielen in der bäuerlichen Ikonographie ebenfalls eine große Rolle. Sie waren Brüder aus vornehmem römischen Geschlecht und erlitten das Martyrium unter Kaiser Julian Apostata, dem sie als Christen den Dienst verweigert hatten (AASS, Junii, Tom. 5, 29. 6., S. 158–63). Ihr Patronat umfaßt den Schutz gegen Sturm, Blitz und Hagelschlag, auch gegen die Pest und allgemein die Sorge um gutes Wetter für das Gedeihen der Feldfrüchte. Im Rahmen des Gesamtprogramms treten sie sowohl als Nebenpatrone der Kirche als auch in ihrer Eigenschaft als bäuerliche Schutzheilige auf.
C SCHUTZMANTELMADONNA Die Darstellung im AR bringt ein weiteres Vorbild christlicher Lebensführung: die Hl. Familie. Dabei sind zwei verschiedene ikonographische Bildtypen miteinander verbunden: Schutzmantelmadonna und Hl. Familie. Die kompositorisch und ikonographisch betonte Darstellung Josephs – er und nicht Maria hält den Jesusknaben – bezeugt das Erstarken des Josephskultes; Joseph ist seit 1663 neben Maria auch ein Patron Bayerns. Die Patrona Bavariae ist als Schutzherrin Beuerbergs vorgestellt.
Quellen und Literatur
Pfattrisch, Peter, Geschichte des regulierten Chorherrenstifts Beuerberg, München 1876.
Mayer-Westermayer, Bd 3, S. 619–21.
Rambaldi, Karl von, Geschichte des Schlosses Eurasburg und seiner Besitzer, in: OAVG, Bd 48, 1893/94, S. 1–86. Trautmann, Karl, Westenrieders Inventarisation der Kunstschätze altbairischer Klöster im Jahre 1783 und ihre Ergebnisse für Beuerberg, in: Monatsschrift des historischen Vereins für Oberbayern 4–7, 1895–98.
KDB I OB (1), S. 856–58.
Hartig, Michael, Die oberbayrischen Stifte, München 1935, Bd 1, S. 171–77.
Fuchs, Adolf, Georg Alois Gaibler, in: Kaufbeurer Geschichtsblätter 2, 1955–58, S. 128.
-, Johann Baptist Baader, Der Lechhansl, Kaufbeuren 1959, S. 31.
Dehio-Gall OB, S. 165 f.
Backmund, Norbert, Die Chorherrenorden und ihre Stifte in Bayern, Passau 1966, S. 64–66.
Simon, Adelheid, Die Fresken Johann Baptist Baaders, ungedr. Diss. München 1972/73.
Els, Georg, Beuerberg (= KKF, Nr. 784), München3 1976.