Bernbeuren, Kapelle Mariä Heimsuchung
Kapelle Mariä Heimsuchung, ehem. Wallfahrtskapelle Pfarrei Bernbeuren, Diözese Augsburg
Patrozinium: Mariä Heimsuchung
Zum Bauwerk: Die gotische Kapelle auf dem Friedhof wurde wie die nebenstehende Pfarrkirche beim Dorfbrand von 1720 zerstört. Nach Steichele-Schröder war die Kapelle bis 1728 aus Beiträgen von Wohltätern wieder aufgebaut. Eine Sonnenuhr an der Außenwand der Kirche gibt die Jahreszahl A MDCCXXXV D an. Der Stukkator Josef Fischer von Faulenbach erhielt 1736 für Arbeiten in der Kapelle 20 fl. (Schnell), womit ein Datum für die Fertigstellung und wohl auch für die Ausmalung der Kapelle gegeben ist. - Kleiner dreiachsiger Saal, eingezogener AR mit dreiseitigem Schluß; im W Empore
Auftraggeber: Pfarrer Johann Herz von Bernbeuren (ab 1730), dessen Initialen an die Emporenbrüstung stuckiert sind: I.H.D.P.B. (= Johann Herz, Dominus Praepositus Bernbeurensis).
Autor und Entstehungszeit: Hugo Schnell und Sigfrid Hofmann weisen die durch Signatur und Quellen nicht gesicherten Fresken Johann Heel zu, der das Langhaus der Pfarrkirche freskiert hat. Ein Vergleich mit den Fresken Heels in der Pfarrkirche und in Hohenfurch bestätigt diese Annahme. Das 1738 entstandene Chorfresko Heels in Mauerstetten (Schw., LKr. Ostallgäu) weist Motivwiederholungen auf: den mit Konsolen ausgestatteten Sockel und die – im Vordergrund wiedergegebenen – knienden Figuren von Fresko A der Bernbeurener Kapelle. Da Pfarrer Johann Herz maßgeblichen Einfluß auf das Programm in Bernbeuren hatte, kann das Fresko kaum vor dessen Amtsübernahme 1730 entstanden sein. Es ist anzunehmen, daß die Fresken 1736, gleichzeitig mit der Stuckierung, entstanden sind.
Befund
Träger der Deckenmalerei: A Flachdecke über Hohlkehle, B Laternenkuppel in Holzkonstruktion über Flachdecke Rahmen: A Stuckprofil, B profiliertes Kuppelgesims, 1–15 Kartuschen in später Bandwerkornamentik
Technik: Fresko; A, B polychrom; 1, 2, 7, 8, 14, 15 monochrom violett; 3, 4, 9, 12, 13 monochrom ocker; 5, 6, 10, 11 monochrom karmin
Maße: A Höhe 8,00 m; 4,30 × 3,05
B Scheitelhöhe 9,50 m (Stich 1,80 m, Höhe der Laterne 1,35 m); Ø 3,70
Erhaltungszustand und Restaurierungen: Jahr der Restaurierung nicht bekannt. Ein größeres Mittelstück in A, das herausgefallen war, wurde ergänzt (Wolken, Kniepartie Mariens und des Kindes, Hände des Pfarrers und Kopf des Pflegers). A zeigt mehrere Parallelrisse, die das Lattengerüst erkennen lassen, auch B zeigt größere und zahlreiche feine Risse. Die Farbsubstanz ist in der Oberfläche teilweise angegriffen; in der Ostpartie von B (Heimsuchung) sind Ausbesserungen sichtbar. 1–15 sind teilweise durch Feuchtigkeitseinwirkung – besonders im AR – beschädigt.
Beschreibung und Ikonographie
A DIE BERNBEURER GEMEINDE HULDIGT MARIA Das geschwungene, annähernd längsovale Hauptfresko hat seine Basis im W, der Betrachterstandort liegt unterhalb des östlichen Bildrahmens. Es ist wie fast alle Fresken Heels einansichtig, fast ohne Höhenillusion, in übereinanderliegende horizontale Schichten geteilt und symmetrisch komponiert.
Das Podest, auf welchem die Anbetenden knien, bildet das einzige in Untersicht dargestellte Motiv.
0-------------------------------------- Durch Größe und Bewegung hervorgehoben, kniet im Chorrock Pfarrer J. Herz von Bernbeuren links vor einer Säule; ihm gegenüber der Pfleger Kösel. Dahinter sind die Bürger und Bürgerinnen von Bernbeuren in einem Halbkreis angeordnet. Alle reichen ihr Herz Maria und Jesus dar. Die Madonna thront auf Wolken, zu ihren Seiten je ein Engel. Sie hält in ihrer Rechten ebenfalls ein brennendes Herz und neigt sich zu den Anbetenden hinunter. Den oberen Abschluß bildet ein Putto mit dem Schriftband: Herz umb herz mein liebes Kindt, Lieb mit lieb in mir anzindt. Durch diese Worte und jene am Sockel: dein herz allein — sey eigen mein., wie durch die brennenden Herzen wird auf den Namen des Pfarrers J. Herz angespielt, der offensichtlich der Urheber dieses Programmes war.
In dem durch Ocker-, Karmin- und Grautöne bestimmten Fresko leuchten das kräftige Blau im Gewand Mariens und das Weiß im Chorrock des Pfarrers hervor.
B MARIENSZENEN Die kleine Kuppelmalerei im Chor ist nicht nur eines der besterhaltenen Fresken Heels, sondern auch eines der reizvollsten. Heel gliedert die Kuppel in drei architektonische Zonen. Die unterste Zone über dem Figurennischen rahmen vier querovale Bildfelder und tragen ein Kranzgesims, auf dem wieder eine Balustrade illusioniert ist. Über der Balustrade erhebt sich eine kassettierte Kuppelschale zu der realen Laternenöffnung, in deren Scheitel die Mutter Gottes gemalt ist. Durch die perspektivisch überzeugend konstruierte Dreigliederung erzielt Heel eine stärkere Höhenwirkung als sie in der realen Kuppel gegeben ist. Die Wirkung wird noch dadurch gesteigert, daß hinter der Balustrade ein Umgang vorgetäuscht ist, von welchem ein Paar herabblickt - im Maßstab um vieles kleiner als die Figuren der szenischen Darstellungen darunter.
Die vier szenischen Darstellungen in den Kreuzachsen der Kuppel verlangen je einen eigenen Betrachterstandort. Im S die Immaculata Conceptio. Sie ist als Halbfigur in die Mitte des Bildes vor die Dreiecksglorie der Trinität gesetzt, über ihrem Haupt die Geist-Taube und das Auge Gottes. Weißes Kleid, Mondsichel und Sternenkrone sind apokalyptische Motive (Apoc 12,1), die wie die Tugendsymbole der Lilie und Rosen zu Attributen der Immaculata geworden sind. Die Mondsichel - hier zur Seite Mariens - ist nur mit dem angebissenen Apfel des Paradieses wiedergegeben, die sonst übliche Schlange fehlt. Darüber hält ein Putto ein Kruzifix. Der Apfel weist auf die Erbsünde, von der Maria von Ewigkeit her befreit ist (vgl. Gen 3,15), das Kreuz auf den Erlösertod Christi hin. Im westlichen Bild ist in einem Innenraum die Geburt Mariens (apokryph) dargestellt: im Vordergrund baden zwei Frauen das Neugeborene, hinter ihnen der Vater Joachim; im Hintergrund liegt Anna in einem Baldachinbett, von einer Magd betreut.
Das nördliche Bild zeigt die Verkündigung (Lc 1,26–38): Maria - wieder als Halbfigur - vor einem Gebetpult stehend, empfängt demütig die Botschaft Gabriels.
Das Bild im O nimmt speziell auf das Patronat der Kapelle Bezug, es stellt die Heimsuchung (Lc 1,39-56) dar: Die als Dreiviertelfiguren gemalten heiligen Frauen begrüßen einander vor Elisabeths Haus. Hinter beiden Joseph und Zacharias.
In den Muschelnischen der »Pendentifs« sind Büsten wiedergegeben: rechts von der Immaculata Johannes der Evangelist mit dem Schlangenkelch, es folgen weiter rechts Joseph mit grünendem Stab und Lilie, Johannes der Täufer im Fellgewand mit Kreuzstab und schließlich ein Hoherpriester, wohl Zacharias.
Die Dreigliederung der Scheinkuppel wird durch die Farbgebung unterstützt. Die ornamentale Pendentifzone ist in gedämpften Farben, rosa getöntem Grau, Karmin und Ocker, gehalten. Die vier Ovalbilder darin sind farbig auf diese Skala abgestimmt, es kommen gedämpfte Buntfarben, Karminrot, Blau und Grün, hinzu. Die rotmarmorne Balustrade mit vier in kräftigerem Karminrot und leuchtendem Blau gemalten Draperien weist die intensivsten Farben auf. Die Kuppelschale darüber erstrahlt in hellem Goldocker. Die etwas dunkle reale Laterne der Kuppel wird von lichten Blautönen beherrscht.
1–15 MARIEN-KARTUSCHEN Wie die Hauptbilder sind auch die 15 Kartuschen der Kapelle auf Maria bezogen. Sie zeigen diese als die Mutter Gottes und Mittlerin, als Tugendvorbild und Helferin. Die monochrom gemalten Szenen, die erläutert, sind paarweise geordnet. Je zwei gegenüberliegende Kartuschen sind sowohl durch gleiches Bildformat und Farbe, als auch durch ein gemeinsames inhaltliches und — oder formales Motiv aufeinander bezogen. Die Bezeichnungen (1–15) folgen dieser Ordnung. Die
1 Daß Alter und die Jugent, Lernet von mir die Tugent. – In einem Garten schreitet die mit Rosen bekrönte Maria einer alten Frau und einem jungen Mädchen, die beide mit Dornen bekränzt sind, als Führerin voran. Lilie und Rosenschmuck bezeichnen Maria als Tugendvorbild, die Dornenkränze der Nachfolgenden weisen auf das Leid wie wohl auch auf die Sünde hin (die Rose unter Dornen ist Bild der reinen Maria in der sündigen Welt).
2 Wie die Rosen wird gepflanzt – Schön bey dir die Tugent glanzt. – In einem Garten, begrenzt von einer Thujahecke, thront Maria. Rosen liegen in ihrem Schoß, zwei Engel tragen Rosenkörbe. Der Garten ist wohl eine Anspielung auf den »hortus conclusus« (Cant 4,12), die Rosen sind traditionelles literarisches Schönheits- und Tugendsymbol.
3 Ich will dein bitt – Abschlagen nicht. – Ein König des Alten Testaments sitzt in seinem Zelt im Gespräch mit einer Frau, die auf außerhalb stehende Soldaten weist. Der Löwe neben dem Thron kennzeichnet den König als Salomo. Wiedergegeben ist die Bitte Bathsebas, der Mutter Salomos, für Adonia. Salomo ehrt seine Mutter durch die Antwort »Pete mater mea, neque enim fas est u avertam faciem tuam« (3 Reg 2,20). Salomo und Bathseba präfigurieren Christus und seine Mutter Maria.
Sünde, liegt. Von rechts fliegt eine Taube mit einem Ölzweig herbei, dem Zeichen des Friedens - des von Gott angenommenen Erlösungswerkes.
8 Die im Leiden auf dich hoffen – habens gewißlich wohl getroffen. - Maria sitzt unter dem Kreuz, an dem das dornenbekrönte Herz, mit den Initialen IHS, hängt. Zu ihr fliegt das geflügelte Herz der Hoffnung; zu ihren Füßen die Herzen der Bernbeurer Hoffenden.
9 Da will ich wohnen – Euch zu verschonen. – Über dem Chorbogen (ohne Pendant) das Gnadenbild der Kapelle, eine bekleidete Madonna auf der Erdkugel mit Mondsichel und Schlange stehend, weist auf die im Hintergrund dargestellte Wallfahrtskapelle. Auch hier wieder das Herzmotiv: als Schmuck an einer Halskette Mariens.
10 Kein Makel der Sünden - In dir ist zu finden. -- Maria steht bekränzt mit Rosen vor einem Spiegel, dem »speculum sine macula« (Sap 7,26). Darüber das Jesuskind in Wolken — Maria ist die jungfräulich reine Mutter Gottes. Im Hintergrund der Nährvater Joseph mit dem Stab, den Gottvater der Legende nach zum Erblühen brachte, und dem Reinheitssymbol, der Lilie.
11 Wenn du herzaigst dein liebes Kind — ist niemand, so nit gnaden find. — Die Mutter Gottes kniet vor Gottvater und dem Hl. Geist. erzeige dich. Eine Muetter — diese Worte rufen Maria als Fürbitterin an.
12 Niemand ist der hilff begehrt – den Maria nit erhört. – Maria neigt sich zwei Schiffbrüchigen hilfreich entgegen. Anspielung auf die Gefahren des nahen Lech.
13 Was im himmel, und auf erden – Zu deim lob vereinbart werden. – Die Madonna in Wolken thronend, links musizierende Engel, rechts – auf Erden – eine Schar von Menschen, durch die Initialen Mariens MA (ligiert) als Angehörige einer marianischen Kongregation bezeichnet.
14 Alle theil der ganzen Erden sollen Dir geweihet werden. - Die Wasserstrahlen eines Gnadenbrunnens werden von den Personifikationen der vier Erdteile aufgefangen. Der Gnadenbrunnen (vgl. Ps 35,10; Cant 4,12 und 4,15) ist als solcher durch das Standbild der Madonna bezeichnet.
15 Von Deiner Milch und Christi blut – Alles wird ernährt-und wachsen thutt.-Ein Blutstrahl aus der Seitenwunde Christi und ein Milchstrahl aus der Brust Mariens strömen in einen Spalt der Erdkugel. – Über die Analogie des Bildmotivs - Flüssigkeitsstrahl - hinaus, sind die Darstellungen durch die Vorstellung von der Erlösergnade Christi und Mariens (die Miterlöserin und Mittlerin) verbunden.
Quellen und Literatur
Braun-Augsburg, Bd 1, S. 31.
KDB I OB (1), S. 577
Steichele-Schröder, Bd 4, S. 298 ff.
Schnell, Hugo, Bernbeuren (= KKF Nr. 216/17) München 1935, 21971.
Hofmann, Richard, Die Pfarrkirche in Bernbeuren, in: Bayerland 47, 1936, S. 275–278.
Bauer, Josef, Ein Dorf erhält seine Kunstwerke, in: Aus unserer Heimat, Lech-Isarland 14, 1937, S. 257–260.
Dussler, Hildebrand, Zur Geschichte der Bernbeurener Pfarrkirche, in: Lech- und Ammerrain 6, 1955, S. 3.
Wille, Joseph, Der Maler Franz Xaver Bernhard von Eggenthal, in: Unser Allgäu 12, Nr. 10, 1958.
Hofmann, Sigfrid, Der Landkreis Schongau, München 1959, S. 53.
Fuchs, Adolf, Franz Xaver Bernhard »de Eggenthall« und seine Künstler-Sippe, in: Kaufbeurer Geschichtsblätter 3, 1960, Nr. 5/6, S. 45–51.
Pfarrkirche Kapelle St. Anna S. 397