Bamberg, Unterer Kaulberg 3
Inventarnummer: cbdd20120
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In einem Eckraum mit Blick zum Kaulberg haben sich zwei illusionistisch gemalte, um 1730 zu datierende Wandteppiche erhalten, von denen der mit sitzender Dame vor Balustrade und Landschaftsausblick auf die besondere Raumsituation anzuspielen scheint. Neben der Dame Lautenspielerin und Dienerin.

Haus Unterer Kaulberg 3
Besitz- und grobe Baugeschichte
Das Haus Unterer Kaulberg 3 liegt unterhalb des Chors der Oberen Pfarre. Das Grundstück lässt sich bis in die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts, die Bebauung mit einem Turm bis ins frühe 14. Jahrhundert zurückverfolgen. [1] 1485 trug es den Namen „zum Grünen Baum“ und war im Besitz der Kinder eines Büttners, woraus zu schließen ist, dass es sich damals um einen Gasthof handelte. [2]
Um 1595 erwarb es der fürstbischöfliche Amtmann zu Stufenberg, Wilhelm von Grumbach, der der fränkischen Reichsritterschaft angehörte. Er ließ das Haus unter Mitwirkung des Zimmermanns Ott Bornschlegel neu aufbauen. Aus dieser Zeit stammen der östlichste Bauteil Richtung Tal und der Giebel des südwestlichen Eckbaus. [3] 1611 wurde das Anwesen vom fürstbischöflichen Rat Hans von Hönicke erworben, der es 1618 an den bürgerlichen Georg Neudecker (Neydecker) veräußerte. [4] Georg Neudecker (der Jüngere) war wie sein gleichnamiger Vater Mitglied des Stadtrates. [5] Mit einem Vermögen von geschätzten 100.000 Gulden war er einer der reichsten Männer Bambergs. [6] Im April 1528 wurde er zusammen mit weiteren Amtskollegen und auch seiner Frau im Alter von etwa 50 Jahren Opfer der Hexenverfolgung im Hochstift Bamberg. [7]
Die heutige Baugestalt geht auf die Jahre um 1700–1720 zurück. [8] Aus dieser Zeit datiert auch der Deckenstuck in dem Raum mit den Wandmalereien. Der zeitlich zugehörige Auftraggeber wird im Band der Kunstdenkmäler nicht genannt.
Beschreibung
Das Haus Unterer Kaulberg 3 setzt sich entlang der Straße aus vier dreigeschossigen Traufseithäusern zusammen. [8] Die beiden dem Tal zugewandten Hausteile, von denen der bergseitige als Risalit am weitesten der Straße zugewandt ist, haben je drei Achsen. Der Richtung Berg folgende Teil weist zwei Fensterachsen auf, hinter denen sich im ersten Obergeschoss der Raum mit den Wandmalereien befindet.
Der im Zusammenhang mit dem Renaissancegiebel schon erwähnte südwestlichste, also am weitesten der Oberen Pfarre und dem Kaulberg zugewandte Hausteil hat nur eine Fensterachse. Er tritt gegenüber seinem talseitig gelegenen Nachbar-Hausteil um eine Achse zurück, sodass der Raum mit den Wandmalereien von zwei Seiten über Eck Licht erhält. Die mit Fenstern besetzte Hausecke ermöglicht einen freien Blick auf die Straße Richtung Kaulberg.
Die Fassade öffnet sich im Erdgeschoss in Rundbogenfenstern und einem rundbogigen Eingang jeweils mit ausgeprägten Bogen-und Scheitelsteinen. Die Putzrustika stellt eine Zutat der Zeit um 1900 dar. Die Obergeschosse werden durch ein Gesims unterteilt und durch Eckquader strukturiert. Der als Risalit einachsig vor die Fassade tretende Hausteil neben dem am meisten talseitigen Teil des Hauses wird im ersten Obergeschoss durch ionische, im zweiten Obergeschoss durch korinthische Eckpilaster ausgezeichnet, die im Fall der korinthischen Pilaster ein voll ausgebildetes Gebälk tragen. Alle Fenster besitzen Parapetfelder.
Raum mit Ausblick und gemalten Wandteppichen
Der Raum im ersten Obergeschoss hinter der aussichtsreichen Fensterecke zum Kaulberg besitzt an der flachen Decke einen Unterzug. Der Stuck weist mit kräftigen, aber nur spärlich mit Blättern besetzten Akanthusranken, Muscheln und Akanthusrosetten in die Zeit um 1700 oder auch erst um 1720, wie er im Band der Kunstdenkmäler datiert wird. [9]Wegen des Unterzugs nimmt man die quadratische Grundfläche nicht als solche wahr.
An der Wand gegen den Kaulberg und an der Wand Richtung Tal haben sich über die gesamte Raumhöhe zwei Felder mit gemalten Wandteppichen der Zeit um 1730 erhalten. Die fingierten Behänge beginnen unmittelbar über dem Fußboden, sodass der Raum keinen Lambris besaß. Ebenfalls aus der Bauzeit erhalten haben sich die Türen, bei denen es sich Richtung Kaulberg und Richtung Flur um einflügelige Türen, Richtung Tal um eine zweiflügelige Tür handelt.
Sitzende Dame mit Lautenspielerin und Dienerin

Vor einem Landschaftsausblick sitzt vor einer Balustrade eine feine Dame in einem locker herabfallenden grünen Mantel mit gelbem Rock. Ihr braunes Haar trägt sie über der Stirn hochtoupiert und als Zopf mit schwarzer Quaste zusammengebunden. Sie sitzt am rechten Bildrand. Neben ihr in der Bildmitte steht eine eher ländlich gekleidete Frau mit lockigem Haar, die die Laute spielt. Die feine Dame scheint dem Armgestus nach zu urteilen, ihr etwas zu befehlen. Im Band der Kunstdenkmäler wird sie als singende Dame interpretiert, doch hält sie den Mund geschlossen. [10] Am linken Bildrand ist eine kleine, vielleicht als Dienerin zu deutende Frau dabei, ein Tablett wegzutragen.
Der entlang des linken und des unteren Rands gemalten Blumenbordüre zufolge, handelt es sich um einen gemalten Wandteppich. Die Balustrade und der von einem gerafften Vorhang freigegebene Blick auf Himmel und einen Baum am linken Rand suggerieren einen Altan, der von der besonderen Durchfensterung der Raumecke Richtung Kaulberg inspiriert worden sein könnte.
Stehende Frau

An der Wand Richtung Tal wird der malerisch illusionierte Wandteppich mit Blumenbordüren am unteren Rand und den beiden Schmalseiten von einer einzelnen stehenden Frau eingenommen. Sie trägt das braune Haar offen und blickt versonnen nach unten. Ihr Gewand mit einem Schalkragen und einem langen ausgestellten Rock wirkt bürgerlich. Ob sich der Hintergrund ebenfalls als Landschaft gestaltete, ist wegen des schlechten Erhaltungszustandes nicht sicher zu erkennen.
Programm und Synthese
Die besondere Raumqualität mit einer aussichtreich durchfensterten Hausecke Richtung Kaulberg scheint die Dekoration der Wände mit gemalten Wandteppichen angeregt zu haben. Auf dem Gemälde Richtung Kaulberg sitzt eine Frau vor einer Balustrade, die hinter einem gerafften Vorhang den Blick in die Landschaft freigibt. Das Sujet einer Dame, die einer Lautenspielerin lauscht, könnte sich auf die idyllisch verbrämte Funktion des Raumes als bürgerliches Gesellschaftszimmer beziehen.
Bibliographie
- Eckerlein, Führungsgruppe, 2008 - Marco Eckerlein, Die bürgerliche politische Führungsgruppe in Bamberg zu Beginn der Frühen Neuzeit, in: Bamberg in der Frühen Neuzeit. Neue Beiträge zur Geschichte von Stadt und Hochstift, hrsg. von Mark Häberlein, Kerstin Kech und Johannes Staudenmaier, Bamberg 2008, S. 77–112.
- Gehm, Hexenverfolgung, 2000 - Britta Gehm, Die Hexenverfolgung im Hochstift Bamberg und das Eingreifen des Reichshofrates zu ihrer Beendigung (Rechtsgeschichte und Zivilisationsprozeß, Quellen und Studien, 3), Hildesheim, Zürich, New York 2000.
- KDM Bamberg Bürgerliche Bergstadt, 2. Halbband, 1997 - Die Kunstdenkmäler von Bayern, Regierungsbezirk Oberfranken, Stadt Bamberg, Bürgerliche Bergstadt, 2. Halbband, bearbeitet von Tilmann Breuer und Reinhard Gutbier, Bamberg, München, Berlin 1997, S. 1567–1574.
Einzelnachweise
- ↑ KDM Bamberg Bürgerliche Bergstadt, 2. Halbband, 1997, S. 1567–1568 (Tilman Breuer).
- ↑ KDM Bamberg Bürgerliche Bergstadt, 2. Halbband, 1997, S. 1568 (Tilman Breuer).
- ↑ KDM Bamberg Bürgerliche Bergstadt, 2. Halbband, 1997, S. 1568–1569 (Tilman Breuer).
- ↑ KDM Bamberg Bürgerliche Bergstadt, 2. Halbband, 1997, S. 1569 (Tilman Breuer). Siehe auch Gehm, Hexenprozesse, 2000, S. 174: Neudecker war bei seiner Verhaftung in der Judengasse „bei der Pfarr in Bamberg wohnhaft“.
- ↑ Eckerlein, Führungsgruppe, 2008, S. 80, 82–83.
- ↑ Gehm, Hexenverfolgung, 2000, S. 174.
- ↑ Gehm, Hexenverfolgung, 2000, S. 174–176 und S. 326. Eckerlein, Führungsgruppe, 2008, S. 108–109..
- ↑ 8,0 8,1 KDM Bamberg Bürgerliche Bergstadt, 2. Halbband, 1997, S. 1569 (Tilman Breuer).
- ↑ KDM Bamberg Bürgerliche Bergstadt, 2. Halbband, 1997, S. 1572 mit Abb. 1571 (Tilman Breuer).
- ↑ KDM Bamberg Bürgerliche Bergstadt, 2. Halbband, 1997, S. 1572 mit Abb. 1573 (Tilman Breuer).