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Au am Inn, ehem. Augustiner-Chorherrenstift, ehem. Bibliothek

Aus Deckenmalerei-Lab


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 8: Landkreis Mühldorf am Inn. Hirmer, München 2002, ISBN 978-3-7774-9430-2, S. 59–63, geschrieben von Bauer-Wild, Anna und Böhm, Cordula. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Ehemalige Bibliothek, jetzt Malzspeicher im Brauereitrakt

Bei der Säkularisation ersteigerte die Familie Kreittmayer auf Schernek die gesamten Klostergebäude. Die Klosterbrauerei ging 1844 durch Erbschaft in den Besitz der Familie Gassner, die sie noch heute betreibt.

Zum Bauwerk: Zweistöckiges Gebäude, 1690/1700 entstanden. Der Ostflügel im Wirtschaftshof enthielt auf der Nordseite die Bibliothek im ersten Geschoß. Sie war ursprünglich von dem im Bereich des heutigen Franziskanerinnenklosters gelegenen Treppenhaus aus erreichbar. 1792 wurde die Bibliothek um sechs Fensterstöcke nach S bis zur Mittelachse des Trakts erweitert und eingerichtet. (Chronik Sedlmayr: »1792 ist die Bibliothek um 6 Fensterstöck erweitert und folglich mit vielen Büchern mit großen Unkosten vermehrt worden und philosophischen Instrumenten.«)

Die ehemalige Bibliothek war bedeutend größer. Durch die Trennung des Klosters von der Brauerei ging das nördliche Joch verloren. Auch der südliche Erweiterungsbau von 1792 ist zerstört. Der heutige Restraum (7,30×6,30 m) ist von vier Fenstern nach W beleuchtet. Nach Osten grenzt ein schmaler Raum an. Der Zugang führt durch die Brauerei über eine Stiege. Reicher Stuck mit stark plastischen Putten, Hermen und vegetabilen Ornamenten

Auftraggeber: Propst Franz Millauer (1690-1710), dessen stuckiertes Wappen (springender Hirsch mit Ähren im Maul auf Dreiberg) sich an der S-Seite von A befindet. An der N-Seite das Stiftswappen (drei Wellenbänder, Silber auf Rot).

Autor und Entstehungszeit: Zuweisung an Franz Mareis (* 1664 † 1732 ) nach 1690; Übermalungen von 1792

Glorie der hll. Sebastian und Rochus
B Tag des Gerichts – Verfolgung der Verdammten

Bei Meidinger wird die Bibliothek erwähnt: »Im Refektorium, und Bibliothek sind Malereyen von Rabensteiner«. Diese Angabe beruht auf einer Verwechslung; Johann Baptist Rabensteiner, Maler in Neumarkt, wurde erst um 1700 geboren; von ihm stammt das Fresko K, (Tolle, lege) in der Pietà- Kapelle der Stiftskirche (S. 45).

Mit dem Wappen des Abtes Franz Millauer ist die Datierung zwischen 1690 und 1710 gegeben. Der Stuck steht auf der Stilstufe um 1690. Er ist Giovanni Battista oder Francesco Carlo Brenni zuzuschreiben (vgl. Gars, Grabmal MacKay, und Zangberg, Fürstensaal, S. 306f.). Die Fresken sind offensichtlich stark übermalt. Einige wenige wohl noch originale Partien, z.B. der Matthäusengel und der Putto mit der Mitra, zeigen Ähnlichkeiten mit Engeln in der Krankenkapelle und im Chorfresko der Klosterkirche. Zur Zuschreibung an Franz Mareis s. Kirche und Krankenkapelle, S. 33 und 58.

Befund

Träger der Deckenmalerei: Flachdecke, mittlerer Raumteil (A) erhöht, A1-4 in der Schräge, a-b, W1-2 in der Kehle Rahmen: Stuckprofil

Technik: Secco; A, A1-4, B polychrom, a-b monochrom ocker Maße: A Höhe 5,10 m; 2,80 x 1,70

A. 0.60 × 4.20

A2,4 1,00 × 3,90 (Ansatz der Decke 3,75

B Höhe 3,75 m; 2,00 x 2,7

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Durch die Zweckentfremdung des Raumes als Malzspeicher geriet dieser in Lauf der Zeit in einen desolaten Zustand. Die Decke des südlichen Raumteils, Pendant zum nördlichen mit Fresko B, ist durch den Einbau einer Malzkoje und eines Aufgangs zum Speicher zerstört. Vom nördlichen Raumteil ging durch die Trennung des Traktes vom Kloster ein Joch verloren; die Stuckdecke bricht abrupt ab. Von der beim Umbau von 1792 eingebauten Decke ist nichts übrig; an der Treppenhauswand im S sind aber Reste eines Stuckgesimses zu sehen.

1982/83 wurde eine Restaurierungsmaßnahme durchgeführt, die die Sicherung herabfallender Stuck- und Freskoteile zum Ziel hatte; für den Stuck war Hans Zerle, Reichenhall, für die Gemälde Karl Holzner, Ampfing, verantwortlich. Ein Stück um den Kopf des Augustinus in A und einige größere Putzteile im nördlichen und westlichen Bereich hatten sich von der Lattendecke gelöst.

Die Gemälde sind teilweise stark zerstört. Aufgrund der Seccotechnik machen sich die abgeriebenen bzw. abgefallenen Flächen sofort als Fehlstellen bemerkbar. Umfassende Übermalungen aus dem 19. Jh., erkennbar an den Köpfen, den Tieren, den Interieurs. Wenig originale Substanz zu erkennen. A: Risse, größere Fehlstellen links; A.: links kleine Fehlstelle; A2: abgerieben; A3: große Fehlstelle; A4: die untere Bildhälfte fehlt; B: Risse und kleine Fehlstellen. Der Stuck ist im großen ganzen gut erhalten.

Beschreibung und Ikonographie

A TRIUMPH DES HL. AUGUSTINUS Der hl. Augustinus wird auf dem Triumphwagen gezogen von den Symbolfiguren der Evangelisten: Löwe, Engel, Stier und Adler. Der Engel hält ein rotes Band und ein Hämmerchen. Von den Rädern werden drei Ketzer überrollt. Einer mit Halskrause und chinesischem Flachhut und ein zweiter mit Samtbarett stellen lutherische Reformatoren dar, der dritte mit asiatischem Gesichtstyp und Turban einen Angehörigen des islamischen Glaubens.

Das gleiche Thema ist in der Bibliothek des ehem. Augustiner- Chorherrenstifts in Schlehdorf (LKr. Bad Tölz-Wolfratshausen, s. CDB Bd 2, S. 250) dargestellt. In Benediktinerbibliotheken wird auch der hl. Benedikt auf dem Triumphwagen dargestellt (s. Oberalteich, NB, 1727/30).

A1-4 VIER EVANGELISTEN In den extrem niedrigen und breiten Feldern der Deckenschrägen sind die Evangelisten mit ihren Symbolfiguren dargestellt.

A1 JOHANNES schreibend unter einem Baum; der Adler hält das Tintenfaß im Schnabel.

A2 LUKAS als kahlköpfiger, bärtiger Mann am Schreibtisch, seitlich der Stier. Als Raumdekoration Säulen, Treppen, Podeste mit Vasen.

A3 MATTHAUS unter Bäumen mit dem Engel im Gespräch. Große Fehlstelle.

A4 MARKUS mit dem Löwen, in einem ähnlichen Interieur wie Lukas.

Vier stuckierte Engelshermen sind in den Ecken der Deckenschrägen. Jeder hat als Attribut ein Buch. Direkt über und um ihre Köpfe sind Akanthus-Kartuschen, die verschiedene Gegenstände zeigen. Drei von ihnen sind Attribute der Kirchenväter.

NW Taube über einem Buch (Gregor der Große)

NO Bienenkorb (Ambrosius)

SO Buch mit Inschrift TOLLE / LEGE/RESTI / TUE (Augustinus)

SW Früchtekorb. Der Früchtekorb ist als Attribut von Hieronymus nicht nachgewiesen, wird hier aber offenbar auf ihn bezogen.

a-b Zwei runde Medaillons in Stuckkartuschen an der Längssachse von Fresko A. Die Darstellung in a ist zerstört, die in b, ein heiliger Mönch mit einem Haus links und zwei Gestalten rechts am Boden, ist in den Sinnzusammenhang des ohnehin zerstörten Programms nicht einzuordnen.

B TAG DES GERICHTS – VERFOLGUNG DER VERDAMMTEN Wolkenhimmel, nach oben aufgelichtet, nach unten mit schwarzen Wolkenmassen, aus denen Blitze zucken. Ein großer Engel fährt in dramatischer Pose aus dem Himmel nieder. Er hält ein Schwert in der Rechten und ein Buch mit der Inschrift LI/BER MOR/TIS in der Linken. Putten begleiten ihn, blasend wie Windgötter, weinend, mit Pfeilen, Flammenbündeln, einer Geißel drohend. Es ist hier wohl der Engel des Gerichts am Jüngsten Tag dargestellt, wie er niederfährt, um die Verdammten in die Hölle zu stoßen.

3 Matthäus

Der gegenüberliegende Raumteil hat keine Decke mehr. Es ist zu schließen, daß als Pendant zu B dort eine Darstellung von Engeln war, die den Seligen vom Himmel freudig entgegeneilen, das Buch des Lebens, Liber Vitae, vorweisend.

In Zusammenhang mit dem Hauptfresko A, das den Triumph des Glaubens über die Häresie zeigt, weist B auf das Schicksal der Häretiker hin, C bezog sich wohl auf die Rechtgläubigen. Das Gesamtprogramm zielte auf den Ordensgründer Augustinus ab, der auf der Basis der Evangelien den rechten Glauben gegen die Häresien verteidigte und damit denen, die ihm folgten, den Weg zur ewigen Seligkeit wies. Die Theologie als vornehmste Wissenschaft steht zugleich für alle Wissenschaften, die in der Bibliothek vermittelt werden.

Im 18. Jh. wurde der Bibliothekstrakt noch weiter ausgebaut. Im zweiten Geschoß entstanden ein Festsaal und drei Gästezimmer. Chronik Sedlmayr: »1785 Nova aula pro hospitibus aedificata item 3 cubicula pro hospitibus.« Dieser ehemalige Festsaal liegt im Südosten des Trakts mit fünf Fensterachsen nach Osten. Er zeigt Pilastergliederung mit korinthischen Kapitellen. Flachdecke und Wände sind mit Stuckfeldern gegliedert, in denen sich vermutlich Gemälde befunden haben (angeblich sind sie nach München gekommen). Nach Norden schließen die Gästezimmer an. Auch sie zeigen einfachen Felderstuck. Zu diesen Räumen führte das hinter dem Turmvorbaubau in der Mittelachse gelegene Treppenhaus.

Quellen und Literatur

Archiv Münchner Provinz Redemptoristen: Aloysius Sedlmayr (Chorherr), ASRA: Compendium Annalium Canoniae Augiensis ad Oenum... 1637–1803. (Az. 6001.01.03.). Edgar Lehmann, Die Bibliotheksräume der deutschen Klöster in der Zeit des Barock. Berlin 1996, S. 60, Abb. 61.

4 Markus, mit Medaillon b

Quellen und Literatur

BHStA, KL Au am Inn, Lit. 3 und 4 (hauptsächlich Propstwechsel mit Obsignationen 1610/1761).

AEM, KB 12: Catalogus praepositorum Auensis 1141–1541.

AEM, KB 13: Klosterrechnungen 1629, 1630.

Rechnungsextrakt 1715/23.

AEM, KB 14: P. Wiltenberger, Chronicon Augiense, handschriftliche, sehr ausführliche Chronik des damaligen Dekans vom Beginn des Klosters bis 1631.

AEM, KB 37: Diarium Garsense, Bd 2 und 3.

AEM, KA 27: Visitationsprotokolle 1646–1724

AEM, KA 28: Visitationsprotokolle 1754–77

AEM, Kunsttopographie der Erzdiözese, Dekanat 32/Waldkraiburg, Pfarrei Au am Inn, Pfarrkirche Maria Himmelfahrt (Georg Brenninger).

Archiv Münchner Provinz Redemptoristen in Kloster Gars Andreas Rödle: Chronica des regulierten Chorherrnstiftes Au am Inn und seiner Proebste. 1852, 1. Band (Az. 6001.01.01.) Wening, Rentamt Landshut, München 1723, S. 55/56 (mit Ansicht von ca. 1710).

Meidinger, Franz Sebastian, Historische Beschreibung der kurfürstlichen Haupt- und Regierungsstädte in Niederbayern, Landshut und Straubing, mit einer ansehnlichen Gemäldensammlung der Kirchen verschiedener Städte und hohen Prälaturen, Landshut 1787, S. 313.

Mayer-Westermayer, Bd 2, S. 88–93.

Hartig Bd 1, S. 165–171.

KDB I OB (6), S. 1925–35.

Pückler-Limburg, Siegfried Graf von, Baugeschichte des Klosters und der Kirche Au am Inn (= Wissenschaftliche Veröffentlichungen des Heimatpflegers von Oberbayern, Reihe A, Heft 5), Schongau 1954 (Ms.).

Schmalzl, Peter, Au am Inn, Geschichte des Augustinerchorherrenstifts, Au 1962.

Kaiser, Alfred, Zur Ikonologie der ehemaligen Klosterkirche Au am Inn, in: Das Mühlrad 32, 1990, S. 61–96.

Schuster, Josef, Pfarr- und Klosterkirche Au am Inn, Ottobeuren 1983.

Dehio 1990, S. 62-64.

A.B./C.