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Andechs, Ehem. Benediktinerabtei, Kloster- und Wallfahrtskirche

Aus Deckenmalerei-Lab


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 1: Die Landkreise Landsberg am Lech, Starnberg, Weilheim-Schongau. Hirmer, München 1976, ISBN 978-3-7991-5737-7, S. 289–299, geschrieben von Bauer-Wild, Anna, Böhm, Cordula, Lüdicke, Lore und Werner-Clementschitsch, Heide. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Patrozinium: St. Nikolaus und St. Elisabeth; Marienwallfahrt

Zum Bauwerk: Die spätgotische Kirche wurde um 1425 erbaut; nach manchen Zerstörungen und Umbauten entscheidende Umgestaltung 1751-55 zum 300jährigen Jubiläum der Benediktinerabtei durch I. Merani, L. Sappel und J. B. Zimmermann (1455 war das Benediktinerkloster in Andechs von Herzog Albrecht III. gegründet worden).

Dreischiffige Halle, von drei Pfeilerpaaren getragen; freischwingende, nur im O und W von Stützen getragene Empore rings um den Raum; doppelstöckiger Hochaltar; Seitenaltäre an den vier östlichen Pfeilern

Auftraggeber: Abt Bernhard Schütz von Andechs (1746-59)

Autor und Entstehungszeit: Das große Chorfresko D ist am südöstlichen Bildrand signiert: Zimmermann; Fresko S3 in der nordöstlichsten Ecke: Z: (Die Signatur in D wurde bei der Restaurierung 1941 aufgedeckt.) Sowohl in der Überlieferung als auch in sämtlicher bisher erschienener Literatur hat Zimmermanns Autorschaft immer als sicher gegolten. Quellen dazu sind offensichtlich keine mehr vorhanden. Ursula Röhlig behauptet in ihrer Dissertation über Johann Baptist Zimmermann, die Fresken in Andechs stünden nur in einem losen Zusammenhang mit diesem; sie hält die Fresken nur für Arbeiten der Werkstatt, für die nicht einmal Entwürfe des Meisters zur Verfügung gestanden hätten. Dieser Meinung können wir uns nicht anschließen. Im Gegenteil: Wenngleich manche Bilder schwach sind, wie David (A1), Cäcilie (A2) oder Benedikt (S2), und durchaus Gehilfenarbeiten sein können, wenn auch der Heiligenhimmel (D) als Thema Zimmermann nicht lag und Schwächen zeigt, so sind doch andere Bilder, wie die Himmelfahrt (C), Andechs als Teich Bethesda (B), auch die Szene am Monte Gargano (S4) unverwechselbar zimmermannisch und durchaus auf der Höhe seiner eigenhändigen Werke. Vor allem aber muß man in diesem Zusammenhang die Fresken in Prälatenkapelle, Törringkapelle und Sakristei nennen, die mit zum Besten zählen, was Johann Baptist Zimmermann geschaffen hat. Die Fresken sind 1753/55 entstanden.

Befund

Träger der Deckenmalerei: A, A1-2, B, C, S1-4, Sa-f verschliffenes Kreuzgewölbe; D Flachkuppel; EU, EU1-4 verschliffenes Kreuzgewölbe

Rahmen: A, B, C Stuckprofil, von Rocailleornamenten überspielt; D Stuckprofil mit vergoldeter Innenleiste, Rocailleornamente; A1-2, S1-4 Stuckprofil, sparsam von Ornamenten unterbrochen; Sa-f Rocailleornamente; EU Stuckprofil und Rocailleornamente; EU1-2 Rocailleornament; EU3-4 Stuckprofil und Rocailleornament

Technik: Fresko; alle Fresken polychrom bis auf EU3-4 so wie Sa-f, welche Grisaillen auf Goldgrund sind.

Maße: Höhe des Kirchenraums: 13,30 m; Höhe der Empore: 4,90 m

A 5,00 × 4,30 S1, S4 3,20 × 2,80
A1-2 3,50 × 2,80 S2, S3 3,50 × 2,80
B 5,00 × 4,30 C 5,00 × 4,30 D 8,00 × 8,00 EU1-2 1,40 × 1,20 EU3-4 2,80 × 2,15
A1 David psallens

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Letzte Restaurierung 1941. Die Fresken A-D weisen verschieden starke Risse auf; in Fresko C ein durchgehender Scheitelriß, in EU zwei starke Querrisse. Die auf den Deckel des Hl.- Geist-Lochs gemalte Christusfigur in Fresko C ist stark restauriert. Die Fresken A1-2, S1-4, Sa-f und die Emporenfresken EU, EU1-4 weisen außer Rissen teilweise kleine Fehlstellen und Übermalungen auf; in A1, S2 und S4 größere, wohl durch Wasser verursachte Schäden

Beschreibung

A ENGELSKONZERT Einansichtige Himmels- und Wolkenszene über der Orgelempore. Zarte Wolkenschleier umgeben eine Himmelsöffnung, in der das Dreieck als Dreifaltigkeitssymbol mit dem hebräischen Tetragramm erscheint. Auf den Wolken im Vordergrund sitzen Engel und Erzengel, singend, anbetend oder musizierend. Dazwischen und darüber Putti und Puttoköpfchen.

Die Fresken A, A1 und A2 sind auf einen Betrachter berechnet, der sich nach hinten, nach Westen, gewendet hat. Der Betrachterstandpunkt liegt unterhalb des jeweils nächsten nach Osten liegenden Deckengemäldes.

A1 DAVID PSALLENS Vor einer schönen Waldlandschaft mit Vögeln und einem Hirsch erhebt sich ein steinernes Stufenpodest mit einem thronartigen Sitz, auf dem König David Harfe spielend dargestellt ist. Seine Augen hat er zum Himmel erhoben. Er ist mit Krone und hermelinbesetztem Königsmantel bekleidet.

A2 CÄCILIA Über einem Treppenpodest erhebt sich eine mächtige steinerne Bogenöffnung, unter der die hl. Cäcilia sitzt und Orgel spielt. Sie ist prächtig gekleidet; ihre Augen sind nach oben gerichtet. Seitlich wird ein schwerer, fransenbesetzter Vorhang von einem Putto vor der Szene zurückgezogen.

A2 Hl. Cäcilia

B DER TEICH BETHESDA Einansichtige Szene; der Betrachterstandpunkt liegt unter dem westlichen Gurtbogen. – Vor der Himmelsöffnung, die durch zarte umlaufende Wolkenbänke mit einer Reihe von Puttoköpfchen gebildet wird, erscheint das Andechser Gnadenbild die Madonna mit dem Kind in prächtigem Gewand, Mantel, Krone und Zepter. Es ist von Engeln umgeben. Der irdische Schauplatz wird von einer hohen, geschwungenen Arkadenarchitektur gebildet, welche die Szene im Halbkreis umgibt. Links führen Stufen nach oben; hier schließt die Architektur mit einer Balustrade ab. Der Teich Bethesda, wie ein Brunnenbecken konvex nach vorne geschwungen und von einem Mäuerchen umgeben, liegt im Mittelpunkt der Szene. Ein Engel, über dem Wasser schwebend, bringt es mit einem Kreuzstab in Wallung. Vom Teich steigt eine Wolke auf, die sich nach oben verdichtet und auf der die Madonna thront. Links vom Brunnen ist eine Gruppe von Kranken und Bresthaften, von denen einige mit flehenden Gebärden zum Gnadenbild aufschauen. Einer von ihnen besteigt eben, von einem anderen gestützt, das Brunnenbecken. Auf den Stufen weitere Kranke. Durch eine Öffnung in der Brunnenumfassungsmauer fließt Wasser und bildet eine kleine Quelle im Vordergrund des Bildes, an der zwei Kinder mit einem Gefäß spielen.

Die Farbigkeit des Bildes wird bestimmt durch eine Skala changierender Farbtöne in Ocker, Rosaocker, Grau und Rotbraun in Wolken und Architekturen. Davon heben sich die leuchtenden Weiß-, Gelb-, Rot- und Blautöne in den Gewändern ab.

C HIMMELFAHRT CHRISTI Einansichtige Szene; auch hier liegt der Betrachterstandpunkt unter dem westlichen Gurtbogen. Die Christusfigur — teils auf den runden Deckel, teils auf angefügte Metallstücke gemalt — ist in das Freskobild appliziert.

Den Mittelpunkt des Bildes nimmt die Gestalt des in den Himmel auffahrenden Christus mit der Osterfahne ein.

C Himmelfahrt Christi

Auf einer Wolke wird er nach oben getragen, zu beiden Seiten von schwebenden, anbetenden Engeln umgeben. Gottvater mit der Taube des Hl. Geistes erwartet ihn. Nur mit wenigen Mitteln, einer Blume im Vordergrund, einer aufragenden Palme und einem bewachsenen Felsen ist die landschaftliche Szenerie angedeutet. Links eine Gruppe von acht Aposteln und die Gottesmutter – neben ihr der hl. Johannes –, die mit lebhaften Gebärden das wunderbare Geschehen begleiten. Rechts stehen zwei Frauen und drei Apostel.

Die untere Bildmitte ist freigeblieben; da auch im Himmel Gottvater nicht in der Mitte, sondern etwas seitlich schwebend dargestellt ist, macht die durchgehende Senkrechtachse das Aufwärtssteigen Christi anschaulich.

Eine helle und festliche Farbigkeit herrscht vor. Vor dem heiteren Himmelsblau Engel in gelben und rosa Gewändern, vor den gebrochenen Grüntönen der Landschaft erscheinen in den Kleidern der Frauen und Apostel warme und – außer Blau – gebrochene Buntfarben. Durch das schwere Rot des Mantels und der Osterfahne wird auch farblich Christus zur beherrschenden Gestalt.

D HEILIGENHIMMEL Kuppel mit zentraler Glorie; starke illusionistische Effekte durch Untersichten und Verkürzungen. – In der Glorie erscheint, von strahlendem Licht umgeben, die Monstranz mit den drei Hostien, das

Mantel umkleidet und trägt einen Kurhut; Engel tragen sie und schmücken ihren Sockel mit Blumengewinden. Rund um die Himmelsöffnung ziehen sich Wolkenbänke mit Putti und Puttoköpfen. — Auf den unteren Wolkenkreisen sind Heilige in Anbetung der drei Hostien, fast alle durch Tracht und Attribute kenntlich gemacht. Die Komposition – auch der Farben – ist wenig differenziert und kleinteilig. Die Darstellung der Heiligen beschränkt sich auf bloße Reihung. Die Gestaltung einer großen Himmelskuppel mit Heiligen entsprach thematisch offensichtlich nicht der Kunst Zimmermanns.

S1 DIE STOLA DES HL. JOHANNES Über geschwungenen steinernen Stufen erhebt sich eine Phantasiearchitektur mit Bogen und Säulen, die zusammen mit einer Art Thronaufbau bildet. Dort sitzt Maria und überreicht dem hl. Johannes Evangelista eine Stola. Johannes nimmt dieselbe mit einem ehrfürchtig-rituellen Kuß in Empfang. Neben Maria, auf dem Mäuerchen, steht ihr Arbeitskorb. Im Hintergrund zwei Frauen. Nach links schließt eine quadergefügte Gartenmauer, hinter der hohe Bäume aufragen, die Szene ab.

S2 HL. BENEDIKT In weiter, einsamer, bergiger Landschaft liegt zu Füßen einer alten Eiche der entkleidete Benedikt in Dornen. Im Vordergrund sieht man sein Habit auf der Erde liegen. Hinter dem Baum eine entblößte Frau mit einem Spiegel. Benedikt richtet seine Augen zum Himmel, wo in den Wolken ein Blumenkranz erscheint. Auf dem Baum ein schwarzer Vogel.

S1 Die Stola des hl. Johannes Sb Putti mit Dornenkrone und Schilfrohr

S3 HL. RASSO Geharnischt und zu Pferde, von Berittenen und einem Soldaten zu Fuß begleitet, ruft Rasso mit gezücktem Schwert zur Verfolgung der in eine Schlucht fliehenden Ungarn auf. Die Fahne mit dem Andechser Wappen weht über der Gruppe der Christen, die Fahnenstange endet in einem Kruzifix. Rechts eine Burg auf hochragendem Berg. Ein Putto mit Kranz schwebt über der Szene.

Sehr bezeichnend für den Rokoko-Stil ist die Wandlung des illusionistischen Bildaufbaues: Das Bild mit seiner Aktion entwickelt sich nicht nach vorne in den Raum hinein, sondern zur Tiefe des Bildraums hin. Die Akteure im Vordergrund wenden uns den Rücken zu.

S4 HL. MICHAEL – DAS WUNDER AM MONTE GARGANO In bergiger Landschaft, vor dem Eingang zu einer Höhle, stürzt ein Edelmann, vom Pfeil getroffen, in die Arme seiner beiden Diener. Im Hintergrund, unter einer Gruppe hoher Bäume, beobachtet eine weitere Person händeringend das Geschehen. Vor der Höhle kniet ein Stier. Im Bildvordergrund liegen ein Köcher mit Pfeilen und ein Jagdhorn. Über der Szene schwebt Michael mit seinem Attribut, der Waage. Zimmermann nimmt hier ein Thema auf, das er bereits 1743 als Teil der großen Kuppel in Berg am Laim (München) gestaltete. Die Gruppe des Edelmanns und der Diener ist in Andechs fast identisch, nur seitenverkehrt wiedergegeben.

Saf ARMA CHRISTI In den sechs Kartuschen des nördlichen und südlichen Seitenschiffs jeweils zwei Putti mit Leidenswerkzeugen auf einer Wolke vor Goldgrund. Dieser besteht aus einem ockerfarbenen Fond mit aufgetragenen goldenen Punkten.

FII Fides
EU2 Spes

g). E Ss Hl. Rasso Sd Putti mit Schwamm und Lanze EU, EU1-4 CHRISTLICHE TUGENDEN EU: Auf Wolken thront Fides, mit Kreuz und hocherhobe¬ nem Kelch, mit bedecktem Haupt und weiten, wallenden Gewändern. Unter ihr schwebt die Weltkugel, über die hingestreckt der Teufel und Amor mit gebrochenem Pfeil liegen. Nach rechts flieht eine reich geschmückte weibliche Gestalt mit schwarzer Maske. Die Figur der Fides ragt weit über den oberen Bildrahmen hinaus. Ein rundes, von goldenen Stuckstrahlen umgebe- nes Bildfeld bildet die Glorie für Fides. Das eigentliche Freskofeld hat als Grundton ein abgestuftes Graubraun in Wolken und Himmel, das Glorien- rund aber ein reines und helles Blaugrau. Die Farben Weiß und Lila im Gewand der Fides stehen in einem sehr reizvollen Kontrast zum dunklen Rot im Oberkleid der weiblichen Personifikation. Die Bildanlage ist ungewöhnlich: während im unteren Bildteil perspektivische Verkür- zungen Raumtiefe erzeugen, ist die Figur der Fides unabhängig davon, ganz ohne Raumillusion wiedergegeben. EU1-2 Kartuschfelder oberhalb der Emporenstützen. Vor dunklem, blaugrauem, fast violett getöntem Himmel sitzen auf Wolken Spes und Caritas mit ihren Attributen. Als Buntfarben erscheinen in den Gewändern der Spes (EU2) fahles Karminrot und Grün, der Caritas (EU1) Weiß und gedämpftes Dunkelrot.

EU3-4 liegen seitlich von EU. Die Bilder sind farblich von EU unterschieden. Es sind Grisaillen auf Goldgrund, der mit dem Fond in Ocker und der goldenen Punktierung dem Goldgrund der Kartuschen Sa gleich ist. Auf Wolken lagern Justitia und Prudentia (EU3), Fortitudo und Temperantia (EU4).

Ikonographie

A, A1-2 Mit dem Engelskonzert, der hl. Cäcilia und David psallens erscheinen die über der Orgelempore üblichen Themen. Rechts in A, in der Gruppe der Erzengel, Michael mit Harnisch und Feldherrnstab, Raphael mit dem Wanderstab und Gabriel mit der Lilie.

EU4 Fortitudo und Temperantia

B DER TEICH BETHESDA Dargestellt ist der Teich Bethesda, in dem ein Engel das Wasser in Wallung bringt: Der Erste, der daraufhin in das Wasser steigt, wird gesund (Jo 5, 1-4). Durch das Andechser Gnadenbild, das auf Wolken über dem Teich thront, wird aber deutlich, was gemeint ist: Andechs ist der neue Teich Bethesda, eine Gnadenstätte, wo Kranke Heilung erhalten. (In den Chroniken aus dem 18. Jh. sind die Andechser Wunderheilungen genau verzeichnet.)

Aus dem Brunnen fließt Wasser, das bedeutet den Gnadenstrom, der sich von Andechs aus über das Land ergießt. Eine Gleichsetzung des Teiches mit dem Ammersee, die versucht wurde, ist nicht überzeugend. Kloster Andechs hat sich immer als Stadt auf dem Berge, als Heiliger Berg begriffen; der See spielte in dieser Vorstellung keine Rolle. Das tertium comparationis ist vielmehr die Gnaden-Stätte, der Ort, an dem sich Menschen versammeln, um Heilung zu finden.

C HIMMELFAHRT CHRISTI (Act 1, 9–11) Neben den elf Aposteln und Maria sind zwei Frauen dargestellt, Maria Magdalena und Maria, die Frau des Kleophas

D HEILIGENHIMMEL Die drei heiligen Hostien, die in der Monstranz in der Glorie erscheinen, sind das bedeutendste Heiltum von Andechs. Ihre Geschichte wird im folgenden nach zeitgenössischen Chroniken erzählt: Die erste Hostie wurde von Papst Gregor d. Gr. konsekriert. Das auf ihr erscheinende Fingerglied bekehrte die Königin Elvira von Spanien (Historiola ... Dritter Theil, S. 5).

Die zweite weihte ebenfalls Gregor d. Gr.: Auf ihr erschien ein blutfarbenes Kreuz, »... damit entweder ein Ketzer zu Schanden, oder ein Katholick im Glauben ge-stärket wurde...« (Beschreibung des heiligen Berges Andex, S. 31).

Die dritte Hostie konsekrierte im 11. Jh. Papst Leo IX., um den Ketzer Berengarius zu beschämen. Auf ihr erschien in roten Buchstaben der Name »IESUS« (Historiola... Dritter Theil, S. 5).

Leo IX., damals noch Kardinal, schenkte bei einem Besuch in Bamberg die beiden Hostien Gregors d. Gr. Heinrich II., dem Heiligen, später als Papst die dritte mit dem Namen Jesu Heinrich III., der sie ebenfalls nach Bamberg brachte. Otto d. Gr., Bischof von Bamberg, aus dem Geschlecht der Grafen von Andechs, übergab das Heiltum seinem Vater Berchtold I. für die Burg Andechs.

Die drei Hostien sind in der von Albrecht III., der 1455 das Benediktinerkloster gründete, gestifteten Monstranz im Fresko wiedergegeben.

Über dem Hochaltar ist der hl. Georg als Jüngling dargestellt, mit Mantel, Helm und Sandalen. Als Attribute hat er Lanze und Schild mit dem Georgskreuz. Georg, Patron des von Rathardus gegründeten Klosters in Dießen (s. LKr. Landsberg am Lech) wurde auch im nahen Andechs sehr verehrt.

Fahren wir fort bei der Reihe der Heiligen an der nordöstlichen Seite: Rechts von der nördlichen Rocaille am Rahmen sehen wir mit den drei Hostien Otto d. Gr., Bischof von Bamberg. Neben ihm, barhäuptig und bärtig, in königlicher Kleidung, der hl. Rasso, der bedeutendste

Heilige aus dem Andechser Geschlecht; die Reliquien, die er sammelte, bildeten den Grundstock zu dem größeren Heiltumsschatz. Neben ihm Leo IX., der die Hostien nach Bamberg schenkte, und Papst Gregor d. Gr. mit der weißen Taube. Links neben Georg thronen zwei weitere Päpste: Caius, dessen Leib von dem »Edlen Herrn Georgio von Füll auf eigenen Schultern von München auf den Heil. Berg getragen« wurde (Historiola... Zweiter Theil. S. 73), und Sixtus mit dem Geldbeutel und einem Geldstück.

In der unteren Reihe auf der südöstlichen Seite sehen wir den hl. Bischof Ulrich mit dem Ulrichskreuz, den Patron der Diözese Augsburg. Neben ihm, in Chorkleidung mit Mozzetta und einem Kreuz in Händen, Karl Borromäus, Kardinal von Mailand. Daneben wohl Kaiser Heinrich III. mit Zepter und Kaiserkrone, der in der Geschichte der drei Hostien eine große Rolle spielte. Weiter Benno, der Patron von München im Bischofsornat, mit erhobenen Händen, ihm zu Füßen sein Attribut: auf einem Buch liegend der Fisch mit dem Schlüssel im Maul. Über der südlichen Rocaillekartusche Hieronymus als Eremit mit entblößtem Oberkörper und den Attributen Buch und Löwe. Hinter ihm Augustinus im Bischofsornat, mit Stab und flammendem Herzen.

Die zweite, obere Reihe von Heiligen beginnt links von Georg mit Pantaleon. Er hält den Nagel, sein Attribut in der Hand. Daneben Laurentius mit dem Rost – über Papst Sixtus –, weiter Stephanus mit Steinen, Vitus, Patron von Erling, mit dem Ölkessel, und Sebastian mit den Pfeilen. Dazwischen und dahinter einige Martyrer, zum Teil mit Palmen in den Händen, die nicht näher gekennzeichnet sind. In der gleichen Reihe folgt ein Priester, dessen Amtstracht (Brustschild) und Weihrauchfaß auf einen Hohenpriester hindeuten. Die als einzige zum Alten Testament gehörige Figur läßt sich im Zusammenhang mit den Heiligen dieser Kuppel nicht befriedigend deuten. Neben dem Hohenpriester thronen Bernhard von Clairvaux, der Gründer des Zisterzienserordens, eines Zweigordens der Benediktiner, wiedergegeben mit den Leidenswerkzeugen, und der Ordensgründer Benedikt, mit Abtsstab, Regelbuch und Becher. Zwischen ihnen ein Mönch in der Benediktinerkutte. Es folgen Scholastika mit der Taube, begleitet von einer Benediktiner-Schwester, und Walburga mit dem Ölfläschchen als letzte in der Gruppe der Benediktiner.

In der westlichen Kuppelhälfte sind dargestellt, beginnend an der südwestlichen Seite: Kaiser Heinrich II. mit dem Kirchenmodell, dahinter Kaiserin Helena mit dem Kreuz. Dann Magdalena mit aufgelöstem Haar, Kreuz und Salbgefäß. Daneben eine Matrone mit bedecktem Haupt ohne kennzeichnendes Attribut. Anschließend Katharina mit dem Rad, eine Palme in den Händen. Dann Ursula mit Krone und Fahne; darunter Barbara mit Kelch und Hostie. Es folgt eine Gruppe von Mutter und Tochter; wahrscheinlich handelt es sich um die hl. Jungfrau Paulina, deren Reliquien 1755 feierlich auf dem oberen Choraltar beigesetzt wurden. Sie war die Tochter von Arthemius und Candida. Letztere wurde zusammen mit ihrer Tochter Paulina in einer unterirdischen Gruft zu Tode gesteinigt. Vielleicht ist der Mann, dessen Kopf man links von Candida erblickt, Arthemius, der wegen seines Glaubens enthauptet wurde (Beschreibung des heiligen Berges Andex, S. 137). Weiter, auf Wolken lagernd, der hl. Antonius von Padua in Franziskanerkutte mit einer Lilie. Darüber der Evangelist Johannes mit Buch, Feder und Adler. Weiter nach Norden Maria und Joseph, eine Lilie in den Händen haltend. Zuletzt Johannes der Täufer mit Kreuzstab.

Die Kirchenpatrone, Nikolaus von Myra und Elisabeth von Thüringen, sind nicht innerhalb der Heiligenkuppel dargestellt, sie finden sich als plastische Figuren am Hochaltar.

In mancher Hinsicht ähnelt die Andechser Heiligenkuppel der Dießener, die 1736 entstanden war. Analog zum Coelum Diessense handelt es sich um einen Coelum Andecense. Die Heiligen der Chorkuppel stehen in Beziehung zu Andechs, und zwar in verschiedener Hinsicht. Erstens sind die Heiligen dargestellt, die mit der Geschichte der Gründung der Heiltumssammlung wie auch mit der Geschichte der drei Hostien in Verbindung stehen: Rasso, Otto von Bamberg, Heinrich II. und III., Gregor d. Gr. und Leo IX. Dann aber vor allem die Heiligen, deren Reliquien sich in Andechs befinden, und zwar sind bei ihrer Anordnung in etwa die »Chöre« angedeutet, in die die Reliquien eingeteilt waren, also im Westen »von den heil. Jungfrauen und Wittfrauen«, im Osten und Südosten »von den heiligen Bischöfen, Lehrern und Beichtigern«, in der zweiten Reihe im Osten »von den heiligen Martyrern« (Historiola... Dritter Theil, S. 37 ff.). Alle diese Heiligen, die durch die Versammlung ihrer Reliquien zu Andechser Heiligen geworden sind, verehren Christus im Altarsakrament, den drei Hostien des Heiltums.

Rings um D sind in sechs Zwickeln Wappen gemalt. Links vom Hochaltar Wittelsbach, das Wappen des Gründers Albrecht III. Rechts das der Anna von Braunschweig, seiner Gemahlin. Im SW das Wappen Sigismund des Münzreichen von Tirol, eines Wohltäters der Neugründung, Sohn der Anna von Braunschweig. Der Habsburger Bindenschild im NW soll wohl an Kaiser Friedrich III. und Maximilian I. erinnern, die im Jahrhundert der Gründung durch Gewährung von Privilegien zu Wohltätern des jungen Klosters wurden. Die beiden Wappen im NO und SO, München und Augsburg, sind aus späterer Zeit. Ihre ganze Form ist anders, und sie passen auch nicht in den Zusammenhang. Sie sind wohl im 19. Jh. angebracht worden, als Andechs, in der Säkularisation aufgehoben, von Ludwig I. 1850 der neugegründeten Benediktinerabtei St. Bonifaz in München als Landgut geschenkt wurde. Die Wappen ver

S1 DIE STOLA DES HL. JOHANNES Als Gegenstand der szenischen Handlung ist die sog. Stola des hl. Johannes Evangelista wiedergegeben. Das Fresko zeigt eine breite Stola, wie es der traditionellen Bezeichnung des Andechser Heiltums entspricht, und nicht die tatsächlich gegebene Form der Reliquie, ein schmales Cingulum. Die Stola trägt eine Inschrift, von der deutlich zu lesen ist: ZONA IUSTI. Diese Wörter deuten den auf die Gürtelreliquie eingestickten Vers an: »ZONA JUSTICIE SIC TE PATER OPTIME CINGE UT DIGNE PANEM BENEDICAS MYSTERIALEM« (Ausstellungskatalog, Der Schatz vom heiligen Berg Andechs, Nr. 6, S. 22 f.). Kuß und Kniebeuge des Johannes beziehen sich auf den Ritus beim liturgischen Gebrauch der Reliquie.

Zugleich gibt die Szene die Herkunft der Stola und damit eine heilsgeschichtliche Legitimation der kultisch verehrten Reliquie an. Der lokalen Tradition folgend, stammt die Stola von Maria, die sie gestickt und dem Johannes geschenkt hat (vgl. die Chroniken und Heiltumsverzeichnisse von Andechs, siehe: Ausstellungskatalog a. a. O., mit Abb. 7 und 55 und Nachweis älterer Darstellungen dazu: Chronick des hochberümbten Closters, 1657, S. 52 und 57 f.; Historiola... Zweiter Theil, 1755, S. 61; Beschreibung des heiligen Berges Andex, 1781, S. 108, Nr. 151). So erklärt sich das ikonographisch ungewöhnliche Motiv einer Gürtelspende Mariens an Johannes den Evangelisten; es illustriert eine Legende, die an das Andechser Heiltum geknüpft ist.

S2 HL. BENEDIKT In der von Gregor d. Gr. verfaßten Vita des hl. Benedikt wird aus dessen Einsiedlerzeit von einer Anfechtung des Heiligen berichtet. Der Teufel suchte in Gestalt einer Amsel und einer Frau den Heiligen zu verführen. Zur Abtötung der Sinneslust wälzte sich Benedikt entkleidet in Dornen (AASS Martii, Tom. 3, S. 278). Die Wahl der Szene erklärt sich aus dem Reliquienschatz; Kloster Andechs besaß »etwas von den Gebeinen des Hl. Vaters Benedikt und von den Dörnern, in welchen er sich gewelzet hat« (Beschreibung des heiligen Berges von Andex, S. 94, Nr. 57). Die Frau ist mit einem Spiegel als Sinnbild der Eitelkeit wiedergegeben. Der über der Szene schwebende Kranz von Rosen deutet symbolisch den himmlischen Lohn der Tugend an.

S3 HL. RASSO »Der seelige Rasso, welcher auch Razzo... genennet, ein in der Tugend erhartes Zweig. war Land-Pfleger in dem Land ob der Enß. Sein Leibs- Grösse ist bekannt; noch grösser ware die Treu gegen Gott und dem Kayser. Er lifferte 2. Schlachten denen rauberischen Hunnen (Ungarn) mit nicht minderer Tapferkeit als glücklichen Ausgang, indem solche Anno 948. der teutschen Boden völlig raumen müssen« (Historiola... Erster Theil, S. 13; siehe auch Vita S. Rassonis von Innocentius Keferloher, AASS Junii, Tom. 4,19.6., S. 746) Als Graf von Andechs kämpft Rasso unter der Andechser Fahne. Das Kreuz auf der Fahne ist »Das heilige Kreutz welches dem Kaiser Karl dem Großen vom Himmel zugesendet wurde. Durch dieses hat sowohl der fromme Kaiser, als neben andern unser heiliger Graf Rath oder Rasso viele herrliche Siege wider die Ungläubigen erhalten; darum es den Namen des Siegkreutzes bekommer hat«; das Kreuz befindet sich unter den Reliquien der zweiten Chores (Beschreibung des heiligen Berges Andex S. 96, Nr. 73; Ausstellungskatalog, Der Schatz vom heiligen Berg Andechs, Nr. 12).

S4 HL. MICHAEL – DAS WUNDER AM MONTE GARGANO Ein reicher Bürger aus Sipont, namens Gargano, vermißte in seiner Herde einen seiner schönsten Stiere. Nach langer, vergeblicher Suche fand er ihn schließlich in den Bergen am Eingang einer Höhle. Der Mann schoß wütend einen vergifteten Pfeil auf den Stier, der Pfeil kehrte jedoch zurück und durchbohrte seine eigene Brust. Als die erschreckten Sipontiner ihren Bischof nach dem Grund dieses Unglücks fragten, erschien diesem der heilige Michael und verkündete, jener Ort sei sein Heiligtum und niemand dürfe ihn entweihen (AASS, Sept. Tomus 8, 29. 8., S. 61-63). Ein vom Monte Gargano stammendes Stück wird als Michaelsreliquie verzeichnet (Beschreibung des heiligen Berges Andex, S. 110, Nr. 168).

Sa-f ARMA CHRISTI Putti präsentieren

Sa Rohr und Steinsitz

Sb Dornenkrone und Schilfrohr

Sc Kreuz und Nägel

Sd Schwamm und Lanze

Se Geißelsäule

Sf Kelch und Sudarium

Sa

CHRISTLICHE TUGENDEN

EU, EU1-2 GÖTTLICHE TUGENDEN Fides (EU) mit bedecktem Haupt, Kreuz und Kelch. Zu ihren Füßen stürzen ein Teufel, Amor carnalis und Superbia mit schwarzer Maske und Pfauenfeder.

EU1 Caritas mit Kind und brennendem Herzen

EU2 Spes mit Anker, der in ein Kreuz übergeht

EU3-4 KARDINALTUGENDEN Justitia mit Schwert und Waage, Prudentia mit Spiegel, um den sich eine Schlange (vgl. Mt 10,16) windet (EU3); Fortitudo mit Löwe, Palmzweig und Säulenstumpf, Temperantia mit Krug und Schale (EU4).

Leitgedanke der Gesamtikonologie der Deckenbilder und sonstigen Ausstattung in Andechs ist die Darstellung eines Coelum Andecense. Der Terminus fällt in der

Grabinschrift des Abtes Bernhard Schütz: »In Coelum ascendit . . . Postquam in Coelo Andecensi Tertium Fundationis saeculum celebravit.« - Auch in den Predigten, die zur Säkularfeier und Einweihung der neuen Kirche 1755 gehalten wurden, taucht der Begriff des Coelum Andecense auf, besonders in der achten Predigt von P. Ulrich Apel (Lob- und Danck-Opfer, S. 242): »Betrachte man nur dieses Münster, und Marianischen Gnaden-Tempel, in welchem wir uns befinden, etwas genaueres, o! so wird ja männiglich vor Annehmlichkeit, und Erstaunung mit dem apokalyptischen Adler aufzuruffen sich gleichsam bezwungen sehen: Video coelum novum, dass es nicht so viel einer Kirchen, als irdischem Himmel gleiche. Mit hin mit Fug, diese wenige Wort an dessen Ehren-Portal konnten angehefftet werden: Coe- LVM anDeCense« (= 1755).

Diese Worte standen also offenbar auch über der Triumphpforte der Festdekoration.

Die Legitimation, sich selbst als heiliger Berg und als Himmel zu sehen, findet Andechs erstens in seiner Geschichte, zweitens in der Anwesenheit so vieler Heiltümer und drittens in dem wundertätigen Marienbild.

Wie kaum anderswo wird aus der Geschichte (der Grafen von Andechs, der Heiltumssammlung und des Benediktinerklosters, dessen 300-jähriges Gründungsjubiläum durch Umbau und Neuausstattung gefeiert wurde) die Legitimation einer Darstellung gewonnen, die den Charakter der Heilswahrheit annimmt. Es wird an den großen Heiligen des Hauses Dießen-Andechs, Rasso, erinnert (D und S3). Es werden die Wappen der Stifter und Wohltäter, deren königliches Blut wiederum Andechs zur Ehre gereicht, angebracht. Die Halbfigur von Albrecht III., links seitlich über dem Hochaltar, zeigt den Herzog als betenden Stifter. Große Ölbilder, rechts und links an der Seiten schiffwand neben S2 und S3, berichten von der Gründung. Das nördliche stellt Papst Nikolaus dar, die Konfirmationsurkunde überreichend. Inschrift: CONFIRMAVIT NICOLAVS V. PONT. MAX. MCDLIV. Das südliche Albrecht III. Inschrift: CONSVMMAVIT ALBERTVS III. DVX BAV. MCDLV. Die 26 kleinen Bilder an der Emporenbrüstung rings um den Raum erzählen die Legende des Andechser Heiltums. In D treten die heiligen und historischen Personen auf, die an der Geschichte der drei Hostien beteiligt waren. Das Drei-Hostien-Heiltum, eine Hl.-Blut-Reliquie, nimmt stellvertretend für die göttlichen Personen die Glorie des Heiligenhimmels ein. Die Auswahl der Bildthemen von S1-4 geht vom Heiltumsschatz aus.

Zuletzt kommt als dritte Bedeutungsschicht noch die Vorstellung von Andechs als Gnadenort hinzu, die sich ausdrückt in dem Fresko vom neuen Teich Bethesda – eine weitere Legitimation des Heiligen Berges durch die geschehenen Wunder und Wunderheilungen.

Die Themen der anschließenden und im folgenden behandelten Kapellen stehen in keinem wesentlichen Zusammenhang mit der Ikonologie der Kirche.

Literatur siehe S. 316