Allgau bei Piesenkam, Kapelle St. Gregor der Große
Allgaukapelle, ehem. Marienwallfahrt, Gemeinde Warngau, Pfarrei Sachsenkam, Erzdiözese München und Freising; z. Z. der Ausmalung Pfarrei Hartpenning, auf die Kloster Tegernsee das Präsentationsrecht hatte, Gericht Wolfratshausen
Patrozinium: St. Gregor d. Gr
Zum Bauwerk: Eine Kapelle zu Ehren des hl. Gregor ist seit dem 15. Jh. nachweisbar (Anton Bauer, 1971). 1679/89 Neubau anstelle des 1628 konsekrierten Vorgängerbaus. 1772 »Renovierung« bzw. Innenausstattung der Kapelle. Quadratischer Raum mit eingezogenem, dreiseitig geschlossenem AR, an der N-Seite Sakristei mit darüberliegendem Oratorium; im W Empore mit Zugang zur Eremitenklause.
Auftraggeber: Inschrift an der O-Seite des Chorbogens Anno 1772 / ist dise Marianische Capellen / auf das Neye Renoviert worden / durch Frater Gallus Rautman / Eremit. Gallus Rautmann, Eremit des Dritten Ordens der Franziskaner, 1762–93 in der zur Allgaukapelle gehörigen Klause, ließ vom Ertrag seiner Bienenstöcke die Allgaukapelle und die Filialkirche in Piesenkam ausstatten (weitere Quellen s. Piesenkam, S. 546, und Anton Bauer 1967, S. 127).
Autor und Entstehungszeit: Das Datum 1772 ist durch die Chorbogeninschrift gesichert. Als Autor der Fresken ist sowohl Sebastian Troger (Oskar Seidl, S. 97) als auch Julian Breymeyer (Anton Bauer 1967, S. 127) vorgeschlagen worden. Aus stilistischen Gründen scheiden sowohl Troger, der die benachbarte Filialkirche in Piesenkam freskiert hat, als auch Breymeyer aus, von dem ein Wallfahrtszettel mit der Darstellung der Allgaukapelle existiert. Das 1761 AF bezeichnete Fresko der Filialkirche in Greiling, das den hl. Nikolaus als Patron darstellt, ist mit der Gestalt des hl. Gregor in Fresko A der Allgaukapelle spiegelbildlich identisch in Anlage und Ausführung (Gesicht, Gestik, eckige Gewanddrapierung). So gering die

Vergleichsmöglichkeit im übrigen ist, die das Fresko in Greiling bietet, so reicht doch die Übereinstimmung der beiden Figuren aus, um die Deckenbilder der Allgaukapelle als ein Werk des Wilhelm Anton Fett aus Tölz (* 1739 † 1800) anzusprechen (s. Greiling, S. 185 f., und Bairawies S. 36 f.).
Befund
Träger der Deckenmalerei: A Pendentifkuppel mit im W waagerecht abgeflachten Zwickeln, B Stichkappentonne Rahmen: A gemalter grauer Profilrahmen mit gelben Rocaillen dekoriert, B gemalter gelber Profilrahmen Technik: Fresko; A,B polychrom; B1-2 monochrom karmin Maße: A Höhe 5,70 m; 5,40 × 5,30
B Höhe 5,00 m; 1,50 × 1,20
Erhaltungszustand und Restaurierungen: Auf eine Restaurierung 1945/46 gingen zahlreiche Übermalungen zurück so waren z. B. der Rahmen in A und ein Teil des Baldachins im AR übertüncht. Vor der letzten Restaurierung 1969/70 durch Helmut Knorr, Grafing, waren die Fresken durch Feuchtigkeitsschäden schwer beeinträchtigt Teile des nordöstlichen Pendentifzwickels von Fresko A waren heruntergefallen. Feuchtigkeitsschäden, Risse und Verschmutzungen sind jetzt behoben, die Fehlstellen in A (im Zwickel Mädchen mit blondem Haarkranz) ergänzt Durch Restaurierungsarbeiten am Fundament der Kapelle sind 1974 erneut Risse im Gewölbe und Feuchtigkeitsschäden im südöstlichen Zwickel aufgetreten.
Beschreibung und Ikonographie
A MARIA UND GREGOR PATRONE DER ALL- GAUKAPELLE (Die westlichen Zwickelpartien sind in der Abbildung von der Empore verdeckt.) Umlaufende panoramaartige Szenerie mit Hauptansichtsseite im O Betrachterstandpunkt etwas außerhalb der Mitte nach W versetzt. Schauplatz ist eine weitläufige, sanft hügelige Landschaft mit reichem Baumbestand, die rings um der Bildrand verläuft. Die östlichen Zwickel der Kuppel sind als Repoussoirs in die Szenerie miteinbezogen, Stufer führen von dort zu je einer balkonartigen Anlage, die von einer geschwungenen Balustrade eingefaßt wird. Die westlichen Bildecken zeigen einen Erdquerschnitt. Uber dem westlichen Bildrand erhebt sich inmitten der freien Landschaft ein dritter Balkon.
Die Hauptansichtsseite nehmen in einem Wolkenring die himmlischen Personen ein, Gottvater und Sohn im Dreiecksnimbus (die Geistestaube ist auf den Deckel der Hl.-Geist-Öffnung gemalt), darunter der Patron Gregor mit Papstinsignien und Maria in Begleitung von Engeln. Sie vermitteln bei Gott für die Allgaukapelle und ihre Wallfahrer
In topographisch wiedergegebener Landschaft liegt zu ihren Füßen die Allgaukapelle auf einer Anhöhe. Man erkennt die SW-Seite des Baues, den Klausnertrakt, und die östlich angrenzende Kapelle, teilweise verdeckt vom Bienenstand des Eremiten. In der südöstlichen Zwickelwölbung Frater Gallus Rautmann mit Bienenkörben, deren Erlös er der Kapelle und den Armen zufließen ließ. darunter sitzt ein nackter Mann auf den Stufen (ein Kranker?), er hält einen kleinen Gegenstand in der Hand (ein Pestglöckchen?). Ein Engel trägt auf einer Opferschale Herzen empor zu Gott, Symbol für Gebet und Opfer der Wallfahrer, die hinter Frater Gallus von rechts zur Allgaukapelle heranziehen, angeführt von Fahnen- und Kreuzträgern, gefolgt vom Pfarrer, von singenden und betender Männern und Frauen in Volkstracht. Der Zug gegenüber auf der linken Seite wird aus acht Männern und einer Frau in Bürgertracht gebildet; im Vordergrund auf den Stufen kniet eine Familie mit drei Kindern in Gebetshaltung. Einzelne Wallfahrer unter den Bäumen auf der W-Seite beschließen die beiden Züge. Auf dem Balkon derselber Freskoseite stehen drei Männer in bürgerlicher Kleidung, einer richtet Augen und Gebärde gegen den Himmel, ein anderer weist hinab und scheint Beziehung aufzunehmen zu den Wallfahrern im realen Kirchenraum.

In diesen Männern und in einem Teil der Bittgänger sind wahrscheinlich zeitgenössische, lokalgeschichtliche Persönlichkeiten wiedergegeben. In dem Mann mit seiner Familie, der als Gegenstück zu Frater Gallus im nordöstlicher Zwickel dargestellt ist, kann man möglicherweise einen der »unterschiedlichen Guettätter« sehen, die zur Wiederherstellung der Kapelle beitrugen, wie Frater Gallus 1773 berichtete (Anton Bauer 1967, S. 127). Der die Stufen herabschreitende Mann im bodenlangen Mantel ist vermutlich ein Beamter, der Pfarrer in der Prozession gegenüber wohl der amtierende Pfarrer von Hartpenning, Georg Arnhofer.
Für das Wallfahrtsbild in der Allgaukapelle diente Anton Fett das AR-Fresko Matthäus Günthers von 1737 in der Mariahilfkirche in Tölz (s. S. 27) als Vorbild. Fett übernimmt Einzelheiten der Bildkonzeption. Die seitlich heranziehenden Wallfahrerzüge sind ganz augenfällig von Günthers Fresko inspiriert und zeigen teilweise motivische Übernahmen wie die Figuren des Fahnenträgers, des Pfarrers oder der ihm folgenden Frau mit Gesangbuch. Repoussoirmotive wie die von den Zwickeln aufsteigender Treppen oder die an der O-Seite über dem Bildrahmen gelagerten Bittfiguren gehen gleichfalls auf das Fresko in der Mariahilfkirche zurück. Ahnlichkeiten zeigen auch die Engel, die Maria begleiten.



B DAS GNADENBILD DER ALLGAUKAPELLE Über einem illusionistisch angedeuteten Tambourring ist ein Himmelsausschnitt mit musizierenden Engeln gezeigt. Die Engel huldigen dem Gnadenbild Mariens der Allgaukapelle, das auf Wolken schwebend dargestellt ist. Kronen und Sternenkranz sind mit Spiegelglas dekoriert.
B1 FÜRSPRACHE MARIENS Maria kniet im Fürbittgestus vor Christus. Über der linken Hand Christi schwebt ein Schwert, der rechten entfällt ein Flammenbündel (beides Symbole für Gericht und Strafe). – EIA Unser Mittlerin unser Virsprecherin (ins Deutsche übertragener Vers aus dem »Salve Regina«)
B2 MARIA ALS ZUFLÜCHT DER STERBENDEN Der Schutzengel am Totenbett zeigt einem Sterbenden die Muttergottes mit dem Kinde Jesu. – und Nach disen Elenden Leben zeige uns IESVM (»Salve-Regina«-Vers).
Die Deckenbilder im Chorgewölbe beziehen sich auf Maria, die in der Allgaukapelle in einem Gnadenbild verehrt wurde. Das Gnadenbild, früher in einer Nische des Altares aufgestellt, umgeben von Putti mit flammenden Herzen und Spruchbändern aus der Lauretanischen Litanei (jetzt im Pfarrhof von Sachsenkam deponiert), ist detailgetreu im Deckenbild B wiedergegeben. B1 und B2 illustrieren Anrufungen aus dem »Salve Regina«.
Quellen und Literatur
Seidl, Oskar, Die Kirchen und Kapellen des Dekanates Tegernsee, München 1913, S. 96–98.
Dehio-Gall OB, S. 244.
Bauer, Anton, Allgaukapelle und Allgauklause bei Piesenkam, in: Beiträge zur altbayerischen Kirchengeschichte Bd 25, 1967, S. 119–44.
Bauer, Anton, Neue Quellenfunde zur Entstehung der Allgaukapelle bei Piesenkam, in: Beiträge zur altbayerischen Kirchengeschichte Bd 26, 1971, S. 261 f.