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Öhringen, Schloss

Aus Deckenmalerei-Lab
Seeger, Ulrike:Öhringen, Schloss, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2022, URL: www.deckenmalerei.eu/4a5e06cc-bab6-4187-a0cc-d0169135df88

Inventarnummer: cbdd10195

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Der Text dieses Artikels steht – ausgenommen Abbildungen – unter der Lizenz CC BY 4.0. Dieser Artikel ist lediglich eine Kopie der Originalveröffentlichung auf deckenmalerei.eu und kann veraltet sein; maßgeblich ist die dortige Originalfassung.

Unter Verwendung einer Vorlage aus dem 1782 erschienenen zweiten Band der „voyage pittoresque“ von Saint-Non schuf der Hohenloher Hofmaler Johann Jacob Schillinger im Öhringer Schloss ein Landschaftszimmer, in dem er die sentimentale Bewunderung antiker Ruinen mit dem Lob seines Grafen verband.

Das Öhringer Schloss

Entstehungs- und Baugeschichte des Renaissanceschlosses

Schloss Öhringen entstand 1612–1619 als Witwensitz der Gräfin Magdalena von Hohenlohe-Weikersheim, geborene Gräfin von Nassau-Katzenelnbogen (1547–1633).[1] Von den beiden ihr 1610 nach dem Tod von Graf Wolfgang II. von Hohenlohe-Weikersheim zur Wahl gestellten Witwensitze Schrozberg und Öhringen, entschied sie sich für das zentraler gelegene Öhringen. In Öhringen befand sich das seit 1250 unter Hohenloher Patronat stehende Chorherrenstift mit Stiftskirche und den umgebenden Kuriengebäuden. Dem Schlossneubau an der Südseite der Kirche nahe der Stadtmauer mussten das Schulhaus und die dem Haus Hohenlohe gehörende Kurie „prope Scholastica“ weichen.

Die Errichtung des Renaissancebaus ist durch Quellen sehr gut dokumentiert.[2]Architekt war Georg Kern (1583–1639/43), Spross einer erfolgreichen Steinmetzen-, Bildhauer- und Baumeisterfamilie aus Forchtenberg.[3] Von seiner Hand haben sich der detaillierte Bauüberschlag vom 19. August 1612[4] sowie zwei Sätze von Grundrissen vom 22. September 1613 (nur Erdgeschoss und Substruktionen, in der Legende mit Ziffer 1–52 bezeichnet) und vom 6. Januar 1614 (Erdgeschoss mit Substruktionen, erstes und zweites Obergeschoss, in der Legende mit Ziffer 1–131 bezeichnet) erhalten.[5]

Der Baubeginn datiert von 1612, doch besichtigte Kern schon am 10. November 1610 den Bauplatz.[6] Im Dezember 1611 sind Lieferungen von Bauholz nach Öhringen dokumentiert, im Sommer 1612 rollten die ersten Steinfuhren.[7] Im Januar 1614 plante man die Möblierung mit Betten, Tischen, Stühlen und Truhen, woraus die Fertigstellung des zuerst errichteten östlichen Teils hervorgeht.[8]Der westliche Teil, für den der Grund erst 1614 erworben werden konnte,[9] folgte bis 1616 nach.[10] Am 5. August 1619 inspizierte der Stuttgarter Baumeister Heinrich Schickhart, den man in Hohenlohe des Öfteren als Ratgeber hinzuzog,[11] das fertige Gebäude. Er lobte die innere Aufteilung des Grundrisses und die gemauerten Steingewölbe der Substruktionen. Den Dachstuhl hingegen fand er schlecht konstruiert und aus schlechtem Holz gebaut.[12]

Über die künstlerische Ausgestaltung des Inneren haben sich nur wenige Nachrichten erhalten. Erwähnt wird, wenn auch nur als Tüncher, Christoph Limmerich, der in Weikersheim im Rittersaal die Rollwerkstuckaturen schuf.[13] Er hatte in Öhringen 1613 „6 Stuben und Kammern ganz zu tünchen und weiß zu machen“.[14] Dazu kam das Gipspressen,[15] worunter man das Anfertigen von Quadratur- und vielleicht auch Rollwerkstuck mittels Modeln verstehen könnte. Magdalena starb 1633, sodass sie sich immerhin knapp 20 Jahre an ihrem Witwenschloss erfreuen konnte. Aus dem Jahr 1643 liegt ein Schadensbericht vor, allerdings ohne Einzelheiten zur Innenausstattung.[16]

1681–1683 wurde als Erweiterung des Witwenschlosses nach Westen der im rechten Winkel an das Witwenschloss anschließende Marstallflügel errichtet.[17] Er verlängerte die Fassade zur Kirche um drei Achsen, sodass sie von da an auch zum Marktplatz hin ihre Wirkung entfaltete. Der Schmuckgiebel ist der des Witwenbaus, der nach Westen versetzt wurde.[18]

Beschreibung des Renaissanceschlosses

Das Öhringer Witwenschloss war einflügelig mit neun Doppelfensterachsen in der Länge und zwei Doppelfensterachsen in der Tiefe. Lediglich an der Ostseite, wo der (heute überbaute) Küchengarten anschloss, setzte ein kurzer, im Erdgeschoss verbleibender Seitenflügel nach Süden an. Eine besondere Herausforderung stellten die Substruktionen an der der Kirche abgewandten Südseite dar. Sie ergaben sich durch den Wunsch, an dieser Stelle einen Schlosshof einzurichten, obwohl dort das Gelände zur Stadtmauer und der außerhalb der Stadtmauer fließenden Ohrn steil abfiel. In den bis heute bestehenden Substruktionen brachte Georg Kern Stallungen und Vorratsräume unter.

Die über Kellerfenstern dreigeschossige Front zur Kirche war symmetrisch aufgeteilt mit drei hohen Schmuckgiebeln und einer auf der Mittelachse liegenden Durchfahrt zum Schlosshof. Die beiden äußeren Schmuckgiebel akzentuierten die Ecken, indem sie sich in Pendants an den Schmalseiten und an der Rückseite fortsetzten. Die Mittelachse hatte an der Hofseite keinen Giebel, da dort der oktogonale Treppenturm mit fünf Seiten vor die Fassade trat. Auf die Abschnitte der seitlichen Giebel entfielen an der Fassade zur Kirche zwei weit auseinanderliegende Doppelfensterachsen. Ihr Abstand wurde im 18. Jahrhundert durch eine dazwischengesetzte Achse von Blendfenstern verringert. Außerdem wurden damals die Fenster des ersten Obergeschosses erhöht.[19]

Das Raumprogramm, das wegen Umbauten im frühen und im späten 18. Jahrhundert nicht mehr in seiner bauzeitlichen Aufteilung erhalten ist, umfasste im Erdgeschoss zu beiden Seiten einer Durchfahrt Hofstuben sowie die Küche und eine Bäckerei.[20] An die Küche im Osten schloss ein von Mauern umschlossener Garten an. Eine Besonderheit des Öhringer Schlosses waren seine umfangreichen Substruktionen. Sie stützen den Bau zur deutlich tiefer gelegenen Ohrn hin ab. Kern brachte hier Ställe und Vorratsräume unter und schuf zugleich einen Hof auf der dem Marktplatz abgewandten Seite.

Die vertikale Erschließung erfolgte durch einen Treppenturm, der an der Hofseite ursprünglich mit fünf Seiten, seit dem Anbau eines Korridors im frühen 18. Jahrhundert nur noch leicht vor die Fassade tritt. Im ersten Obergeschoss befand sich ein zwar großer, doch nur eingeschossiger Saal, dessen Holzdecke von zwei Stützen getragen wurde. Außerdem gab es dort insgesamt drei Stubenappartements. Die Gräfin bewohnte ein Stubenappartement im zweiten Obergeschoss, wo an der Westseite das Frauenzimmer lag. An der Ostseite verband ein Gang das Schloss mit der Kirche,[21] der im 19. Jh. abgebrochen wurde.[22]

Die Raumaufteilung nach dem Umbau von 1714–1717

Der Umbau der Jahre 1714–1717[23] veränderte die Raumaufteilung grundlegend. Entlang der Fassade zur Kirche und zum Marktplatz wurden im ersten und zweiten Obergeschoss Raumfolgen in Enfilade eingerichtet, die an der Hofseite durch einen neu angebauten Korridor eine zusätzliche Erschließung erfuhren. Im repräsentativen ersten Obergeschoss nahmen die Räume die gesamte ursprüngliche Flügeltiefe ohne den neu hinzugekommenen Korridor ein. Im zweiten Obergeschoss, in dem 1782 das noch zu besprechende Landschaftszimmer von Johann Jacob Schillinger eingerichtet werden sollte, entstand ein Appartement double, indem der Raumfolge zur Kirche an der Hofseite weitere Räume zugeordnet waren.[24]

Auftraggeber war Johann Friedrich II. von Hohenlohe-Neuenstein-Öhringen (1683–1765), der seit 1710 mit der 1723 verstorbenen Prinzessin Dorothea Sophie von Hessen-Darmstadt verheiratet war. Gleichzeitig mit der Einrichtung zeitgemäßer Appartements ließ er außerhalb der Stadtmauer in Sichtweite des Schlosses einen Schlossgarten nach französischem Muster anlegen.[25]Wie sein Vetter Carl Ludwig von Hohenlohe-Weikersheim in Schloss Weikersheim verzichtete er auf einen Neubau zugunsten der beiden damals als besonders wichtig empfundenen Gestaltungsaufgaben der Innenausstattung und des Gartens.[26]

Der Umbau von 1782

1782 kam Öhringen als Alleinbesitz an die Linie Hohenlohe-Neuenstein.[27] Der damals regierende Graf Ludwig Friedrich Karl von Hohenlohe-Neuenstein-Öhringen (1723–1805) nahm dies zum Anlass, Öhringen nach Osten durch die nach ihm benannte Karlsvorstadt zu erweitern.[28] Im Schloss ließ er die Räume im ersten und im zweiten Obergeschoss neu ausstatten. Um die gewünschte Raumfolge zu bekommen, mussten etliche Zwischenwände herausgenommen, beziehungsweise neu eingezogen werden. Dem Umbau lag ein ehrgeiziger Zeitplan zugrunde, der sich als Dokument vom 22. Januar 1782 erhalten hat.[29]

Die Ausstattungsphase von 1782 hat sich nur im Landschaftszimmer mit den Wandmalereien von Johann Jacob Schillinger erhalten. Die übrigen Räume insbesondere des ersten Obergeschosses erhielten seit 1844 eine Neufassung im Stil der Neorenaissance.[30]

Das Landschaftszimmer mit den Ruinenbildern von Johann Jacob Schillinger

Entstehung des Landschaftszimmers

Das Landschaftszimmer im zweiten Obergeschoss entstand 1782 aus der Zusammenlegung zweier Räume, von denen einer zuvor geteilt wurde. Es hat bei einer Länge von 11,5 Metern nur zwei Fensterachsen, bei denen es sich allerdings um Doppelfenster handelt. Außer der Eingangstür zum Flur besitzt es an jeder Seitenwand eine weitere zweiflügelige Tür.

Gesamtdekoration

Die 1782 oder wenig später entstandene, durchgehend gemalte Wanddekoration füllt fortlaufend alle vier Wände aus. Die insgesamt fünf Ruinenbilder sind innerhalb der Gliederung als Einzelbilder konzipiert, von denen lediglich die beiden links und rechts der Eingangstür symmetrisch als Pendants aufeinander bezogen sind. Alle Gemälde werden von dorischen Pilastern mit grau gerahmten hellgelben Pilasterspiegeln, aber ohne Basen, eingefasst. Als Sockel dient ein hellgrün-gelb abgesetzter Lambris, der sich einer aufgemalten Scheibe in der Mitte auf das jeweilige Format der Ruinenbilder bezieht. Die Ruinenbilder werden von einer gemalten Perlstab-Rahmung eingefasst, die in Ergänzung der Supraporten einen Fries auf hellblauem Grund miteinschließt. Auch die Friese folgen einer zentrierten, auf das jeweilige Ruinenbild bezogenen Anordnung, indem ein Sonnengesicht vor Lorbeerzweigen von Greifen und Akanthuswellenranken flankiert wird.

Die an der Fensterwand und den beiden Seitenwänden innerhalb der Dekoration verbleibenden Wandstreifen nehmen monochrom graue Kandelabergrotesken auf hellblauem Grund auf. Die Supraporten zieren leuchtend blaue Medaillons mit antikischen tanzenden Figuren in Grisaille, die von breitgezogenen hellroten Rauten vor hellgrünen Feldern mit grauen Akanthusranken gerahmt werden. Ergänzt wird die Gliederung des Raumes durch zwei Kaminnischen in den Raumecken zum Flur. Die gemalten Pilaster tragen ein zurückhaltend stuckiertes Gesims, das aus einem laufenden Hund, einer Kehle und einem mit Blättern verzierten Wulst besteht.

Datierung der Dekoration

Speziell zur inneren Ausgestaltung des Landschaftszimmers im Öhringer Schlosses haben sich keine Quellen erhalten, obwohl die zugehörige Neugestaltung der Räume im ersten und zweiten Obergeschoss im Jahr 1782 prinzipiell gut dokumentiert ist.[31] Claudia Neesen vertritt deshalb die Auffassung, die Dekoration des Landschaftszimmers sei erst 1794 entstanden. Sie beruft sich auf einen 1789 von Carl Ludwig Juncker (1748–1797) verfassten Bericht über den Maler Johann Jacob Schillinger, in dem dieser die Ruinenbilder nicht erwähnt, obwohl er von Schillinger im Öhringer Schloss einen (nicht erhaltenen) Plafond mit einer Götterversammlung schildert.[32] 1794 wurden im Schloss weitere Arbeiten ausgeführt, bei denen das Landschaftszimmer allerdings

auch keine Erwähnung gefunden hätte.[33]

Vorlagen und weitere Anhaltspunkte zur Datierung

Die wichtigste graphische Grundlage für die Ruinenbilder war eine Ansicht des Serapis-Tempels in Pozzuoli von Hubert Robert (1733–1808).[34]Sie wurde 1762 von Claude Richard Saint-Non (1727–1791) gestochen und war sowohl als Einzelblatt erhältlich als auch als Teil eines 1782 erschienenen kommentierten Tafelwerks. Da die Tafel des Tafelwerks[35] und das Einzelblatt[36] speziell in der Binnenzeichnung der Statuen voneinander abweichen, lässt es sich feststellen, dass Schillinger die Tafel im 1782 erschienenen zweiten Band des kommentierten Tafelwerks „voyage pittoresque„ von Claude Richard Saint-Non vorgelegen haben muss.[37]

Das Tafelwerk umfasste fünf Bände, die von 1781 bis 1786 erschienen. Ob der Auftraggeber Ludwig Friedrich Karl von Hohenlohe-Neuenstein-Öhringen alle fünf Bände besaß, ob er sie sukzessive oder einzeln erwarb, lässt sich aufgrund fehlender Rechnungen nicht mehr ermitteln.[38] Fest steht jedoch, dass Ludwig Friedrich Karl die Verwendung graphischer Vorlagen förderte und auch veranlasste. Im Zusammenhang mit einer Visitation der Ausstattungsarbeiten im Öhringer Schloss am 15. August 1782 hieß es, dass „mit Schillinger auf der Bibliothek die Kupferstiche zu den Subporten durchzugehen sind.“[39]

Technik

Bemerkenswert ist die materielle Verschränkung der Bildträger des Landschaftszimmers. Die Pilaster sind wie bei einer Fassadenmalerei auf Putz aufgebracht, wohingegen die Ruinenbilder mit Gouache auf grobe Leinwand gemalt sind.[40]

Das Hauptmotiv des Gemäldes besteht aus einem gestelzten Bogen am linken Bildrand, der weitgehend intakt als Eingang in einen Bau mit Lisenengliederung und Blendnischen fungiert. In der Art eines Triumphbogens wird er von mehreren freistehenden korinthischen Säulen mit kannelierten Schäften getragen. Der Verlauf des Bogens ist gestelzt, seine Tonnenwölbung von rechteckigen Kassetten gegliedert. Auf der Mauerkrone haben Büsche und Schlingpflanzen Fuß gefasst. Im Vordergrund steht ebenfalls am linken Bildrand eine antike Gewandskulptur auf einem Sockel, über die sich zwei Reisende lebhaft gestikulierend austauschen. Im rechten unteren Bildrand lehnt ein hochovales Medaillon, allerdings ohne Schrift oder Bild. Dahinter sitzt eine Rückenfigur am Sockel einer monumentalen, wiederum von Büschen und Schlingpflanzen überwachsenen Vase. Die Vase vor einem lichtvoll hellgelb leuchtenden Morgenhimmel diente Schillinger als eindrucksvolles Repoussoir.

Ruinenbild mit Phönix-Kapitell rechts der Eingangstür

Das Gemälde rechts der Tür fungiert insofern als Pendant zu dem Gemälde links der Tür als bei ihm der rechte Bildrand architektonisch besonders hervorgehoben ist. Auch hier ist ein antiker Triumphbogen zu sehen, jedoch mit einem kleineren Durchgang, der zudem in ein Wandstück mit vorgelegten korinthischen Halbsäulen und voll ausgebildetem Gebälk mit Attika integriert ist. Weiterhin betonen den rechten Bildrand eine hohe schlanke Pyramide, eine ovale Vase auf einem Sockel und mehrere kreuz und quer liegende Architekturfragmente. Exponiert am vorderen Bildrand steht akkurat aufrecht das Fragment eines korinthischen Kapitells mit einem auffliegenden Phönix zwischen Akanthuslaub. Der sich aus der Asche erhebende Phönix steht für den Wahlspruch des Hauses Hohenlohe „ex flammis orior“ – Aus Flammen erhebe ich mich. Die Standfestigkeit des Kapitells inmitten der betont unordentlich daliegenden Fragmente darf somit symbolisch für die seit langem andauernde und noch lange weiterzuführende Herrschaft des Hauses Hohenlohe gelesen werden. In der linken Bildhälfte weitet sich der Blick auf eine Wiese mit Wanderer. Am linken Bildrand rahmt ein Brunnen mit angeschlagener Brunnenschale die Komposition.

Ruinenbild mit Nike-Brunnen und Obelisk

An der östlichen Seitenwand fand zwischen Tür und Fenster ein hochrechteckiges Ruinenbild Platz. Es zeigt vor einem Tempelfragment, das aus zwei hoch aufragenden korinthischen Säulen und einem Gebälkstück besteht, einen Brunnen, der von einer antiken Statue in bewegter Schrittstellung mit Siegeskranz in der Hand bekrönt wird. Die Figur wird trotz fehlender Flügel als Nike bezeichnet.[41] Vor und neben dem Brunnen stehen zwei Staffagefiguren. Wie auf den anderen Ruinenbildern lockern auch hier Pflanzen die Architektur in ihrer Strenge und in ihrer Farbigkeit auf.[42]

Ruinenbild mit zwei Tempeln und Vase

An der Fensterwand, nahe der Ecke zur Ostwand, befindet sich das zweitgrößte Gemälde der Serie mit zwei Tempeln, zwischen denen der Blick auf eine bäuerliche Behausung fällt. Als Staffagefiguren wählte Schillinger eine Mutter mit Kind, die sich aus dem Mittelgrund heraus auf den Betrachter zubewegt. Vor dem linken Tempel steht als Repoussoir eine ovale Vase. Die von Schillinger für den Zyklus durchgehend bevorzugte korinthische Ordnung charakterisiert den angeschnittenen Tempel am linken Bildrand. Er ist farblich durch ein leuchtendes Ocker hervorgehoben und dient als weiteres Repoussoir. Der im Bildmittelgrund platzierte graue, zudem blassere ionische Tempel tritt dahinter deutlich zurück und diente vermutlich vor allem der Variation.

Ruinenbild des Serapis-Tempels in Pozzuoli

Das schmale Ruinengemälde der Westwand zeigt einen Rundtempel korinthischer Ordnung, dessen Säulenstellung am Außenbau von drei antiken weiblichen Gewandskulpturen auf sockelhohen Postamenten umstanden ist. Das einstige Gewölbe mit rechteckigen Kassetten ist nur noch fragmentarisch erhalten. Malerisch hängen Schlingpflanzen von der Mauerkrone bis zu den Säulenschäften herab. Der Rundtempel mit den Statuen folgt als Ausschnitt getreu einer Vorlage von Hubert Robert, die 1762 von Saint-Non gestochen und 1782 im Rahmen des kommentierten Tafelwerks der „voyage pittoresque“ in leicht veränderter Form publiziert wurde. Sie stellt den um 1750 ausgegrabenen Serapis-Tempel in Pozzuoli bei Neapel dar. [43]

Wie oben im Zusammenhang mit den Überlegungen zur Datierung bereits ausgeführt wurde, lässt es sich anhand der Binnenzeichnung der Figuren erkennen, dass Schillinger in Öhringen der Version seiner Vorlage in der „voyage pittoresque“ von 1782 folgte und nicht dem Stich von 1762. Diese Feststellung wird durch den Umstand erhärtet, dass Schillinger in anderen Kontexten noch öfter auf das kommentierte Tafelwerk der „voyage pittoresque“ zurückgriff. So entwickelte er beispielsweise ein Temperablatt zur Erziehung des Bacchus[44]aus einer entsprechenden Reproduktion im zweiten Band der „voyage pittoresque“.[45] Supraporten für Schloss Ingelfingen mit Darstellungen des Segesta-Tempels auf Sizilien als Ruine und als Archäologenlager[44] folgten getreu entsprechenden Stichen im vierten, 1785 erschienenen Band der „voyage pittoresque“ (Tf. 66 und 68).

Für die Ruinenbilder des Landschaftszimmers hat Schillinger von dem reichen Bildangebot der ersten beiden 1781 und 1782 erschienenen Bände der „voyage pittoresque“ nur die Ansicht des Serapis-Tempels genutzt. Der Grund dafür dürfte seiner dezidierten Bevorzugung der korinthischen Ordnung als höchstrangige der drei klassischen Säulenordnungen liegen. Abgesehen vom Serapis-Tempel folgen alle anderen Tempel der „voyage pittoresque“ der dorischen, nur in einem Fall einer stämmigen korinthischen Ordnung, die Schillinger offenbar als unangemessen für die Räumlichkeiten seines Auftraggebers empfand. Insofern darf man die in den Ruinenbildern durchgängig dargestellte korinthische Ordnung mit schlanken kannelierten Schäften zusammen mit dem exponiert auf einem korinthischen Kapitell dargestellten auffliegenden Phönix als Verherrlichung des Grafen Ludwig Friedrich Karl von Hohenlohe-Neuenstein-Öhringen begreifen.

Programm und Synthese

Zwei auffällige Merkmale des Ruinenzyklus, nämlich die durchgehende Verwendung der korinthischen Ordnung und die Zurschaustellung eines korinthischen Kapitells mit auffliegendem Phönix, dem Wappentier des Hauses Hohenlohe, darf man nach Ansicht der Autorin als geschickt arrangiertes Herrscherlob begreifen.

Bibliographie

  • Walther-Gerd Fleck, Das Öhringer Schloß, in: Öhringen. Stadt und Stift, hg. von der Stadt Öhringen, Redaktion von Gerhard Taddey, Walter Rößler und Werner Schenk, Sigmaringen 1988, S. 141–143.
  • Eberhard Knoblauch, Die Baugeschichte der Stadt Öhringen vom Ausgang des Mittelalters bis zum 19. Jahrhundert, 2 Textbände und ein Abbildungsband, o. O. [Stuttgart] 1991.
  • Karin Bertalan, Johann Jacob Schillinger, Hof- und Landschaftsmaler zwischen Barock und Klassizismus, in: Schillinger. Künstler. Könner. Ein schönes Buch über Leben und Werke der Hohenloher Hofhandwerker- und Künstlerfamilie Schillinger, Ausst.-Kat. hg. Öhringer Heimatverein, Margarethe Rathe-Seber und Richard Seber, Öhringen 1993, S. 55–92.
  • Claudia Neesen, Johann Jakob Schillinger (1750–1821). Studien zu Leben und Werk eines hohenlohischen Hofkünstlers, in: Württembergisch Franken. Jahrbuch des Historischen Vereins für Württembergisch Franken, 78 (1994), S. 91–204.
  • Walter Rößler, Georg Kern. Der hohenlohische Baumeister 1585–vor 1643, in: Die Künstlerfamilie Kern 1529–1691. Hohenloher Bildhauer und Baumeister des Barock, hg. von der Stadt Forchtenberg anläßlich des 700-jährigen Stadtjubiläums, Sigmaringen 1998, S. 103–113.
  • Claudia Neesen, Johann Jacob Schillinger (1750–1829). Zum 250. Geburtstag des Öhringer Hofmalers, in: Schwäbische Heimat, 51 (2000), S. 186–193.
  • Ausst. Kat. 400 Jahre Schloss Öhringen, hg. von der Stadt Öhringen, Texte von Udo Speth und Rebecca Simpfendörfer, Öhringen 2012.

Einzelnachweise

  1. Zur Baugeschichte von Schloss Öhringen liegen ein knapper, zwar nach den Quellen gearbeiteter, aber die Quellen nicht angebender Artikel von Walter-Gerd Fleck (Fleck, Öhringen, 1988) sowie eine umfangreich auf den Quellen basierende Abhandlung von Eberhard Knoblauch (Knoblauch, Öhringen, 1991, Bd. 1., S. 148–240, 376–424, Bd. 2, S. 717–739) vor. Die hervorragende Quellenlage zum Schloss, die sowohl Planzeichnungen als auch Schriftquellen umfasst, ist also nur Knoblauch zu entnehmen. Knoblauch hat sein Manuskript 1985 abgeschlossen, sodass die angegebenen Signaturen zum Teil nicht mehr den aktuellen Signaturen im Hohenloher Zentralarchiv Neuenstein (HZAN) entsprechen. Als Ergänzung ist ein kleiner 2012 erschienener Bildband heranzuziehen: Ausst. Kat. 400 Jahre Schloss Öhringen, 2012.
  2. Wie Anm. 1.
  3. Zu Georg Kern und seinem Familienkontext: Rößler, Georg Kern, 1998. Außerdem Knoblauch, Öhringen, 1991, Bd. 1, S. 217–222.
  4. Die komplette Transkription dieses Überschlags (HZAN PA 153/4/4) bei Knoblauch, Öhringen, 1991, Bd. 1, S. 149–154.
  5. Knoblauch, Öhringen, 1001, Bd. 1, S. 202–206. Knoblauch hat die Pläne in Umzeichnung publiziert (Knoblauch, Öhringen, Abbildungsbd. Tafel V).
  6. Knoblauch, Öhringen, 1991, Bd. 1, S. 148–149.
  7. Knoblauch, Öhringen, 1991, Bd. 1, Bd. 1, S. 149.
  8. Knoblauch, Öhringen, 1991, Bd. 1, S. 172–173 und 176–177.
  9. Knoblauch, Öhringen, 1991, Bd. 1, S. 180.
  10. Knoblauch, Öhringen, 1991, Bd. 1, S. 194.
  11. Hierzu beispielsweise Knoblauch, Öhringen, 1991, Bd. 1, S. 222.
  12. Der Bericht über die Inspektion Schickardts komplett transkribiert in: Knoblauch, Öhringen, 1991, Bd. 1, S. 200–201.
  13. Knoblauch, Öhringen, 1991, Bd. 1, S. 223.
  14. Knoblauch, Öhringen, 1991, Bd. 1, S. 166 (Verzeichnis vom 8. Juni 1613).
  15. Ebd.
  16. Knoblauch, Öhringen, 1991, Bd.1, S. 201–202.
  17. Hierzu Knoblauch, Öhringen, 1991, Bd. 1, S. 376–391.
  18. Knoblauch, Öhringen, 1991, Bd. 1, S. 390.
  19. Knoblauch, Öhringen, 1991, Bd. 1, S. 212–213.
  20. Siehe hierzu die Pläne in Umzeichnung bei Knoblauch, Öhringen, 1991, Abbildungsbd. Tafel V.
  21. Knoblauch, Öhringen, 1991, Bd. 1, S. 195.
  22. Knoblauch, Öhringen, 1991, Bd.1, S. 215.
  23. Hierzu Knoblauch, 1991, Bd. 1, S. 392–399 und 403–408. Zum Kontext: Fleck, Öhringen, 1988, S. 142–143.
  24. Grundrisse in Umzeichnung bei Knoblauch, Öhringen, 1991, Abbildungsbd., Tafel V.
  25. Ausst. Kat. 400 Jahre Schloss Öhringen, 2012, S. 27.
  26. Seeger, Weikersheim, 2019.
  27. Hierzu Knoblauch, Öhringen, 1991, Bd. 2, S. 533.
  28. Knoblauch, Öhringen, 1991, Bd. 2, S. 550–668.
  29. Knoblauch, Öhringen, 1991, Bd. 2, S. 717.
  30. Hierzu Knoblauch, Öhringen, 1991, Bd. 2, S. 794–807.
  31. Knoblauch, Öhringen, 1991, Bd. 2, S. 717–728.
  32. Neesen, Schillinger, 1994, S. 175–176.
  33. Neesen, Schillinger, 1994, S. 176. Vgl. Knoblauch, Öhringen, 1991, Bd. 2, S. 736–737.
  34. Die Vorlage erstmals bei Neesen, Schillinger, 1994, S. 120 und S. 176.
  35. https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/saintnon1782/0003/image, dort Tafel 6.
  36. http://kk.haum-bs.de/?id=saint-non-j-c-r-d-ab3-0023.
  37. Diese Vorlage auch bei Neesen, Schillinger, 1994, S. 120 und S. 176, allerdings noch ohne von dem älteren Einzelstich zu wissen.
  38. So Neesen, Schillinger, 1994, S. 120 und S. 176.
  39. Zitiert nach Knoblauch, Öhringen, 1991, Bd. 2, S. 728. Diese Textstelle auch bei Neesen, Schillinger, 1994, S. 120 aufgegriffen.
  40. Vgl. Bertalan, Schillinger, 1993, S. 55–56. Die Wanddekoration wurde 1980 durch Horst Wengerter aus Besigheim restauriert (ebd., S. 55).
  41. So bei Bertalan, Schillinger, 1993, S. 58.
  42. Speziell zur Farbigkeit hat sich Bertalan, Schillinger, 1993, S. 55–58 im Zuge ihrer Stilanalyse der Gemälde geäußert.
  43. Die Vorlage erstmals bei Neesen, Schillinger, 1994, S. 120 und S. 176. Das Einzelblatt: http://kk.haum-bs.de/?id=saint-non-j-c-r-d-ab3-0023.
  44. 44,0 44,1 Bertalan, Schillinger, 1993, ohne Abb.-Nr., jedoch mit Bildunterschrift.
  45. https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/saintnon1782/0003/image, dort Tafel 99.