Wilsleben, Gutshaus, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2025, URL: www.deckenmalerei.eu/677e631b-e18e-4ab6-b60f-d633a1e1110e

Inventarnummer: cbdd10444

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Schloss
Schloss

Gut Wilsleben

Vorbemerkung

Der Bearbeiter hatte keine Möglichkeit, Schloss Wilsleben zu besichtigen. Die Untere Denkmalschutzbehörde des Salzlandkreises hat derzeit keinen Kontakt zum Eigentümer. Es konnte nur das Foto- und Aktenarchiv des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt genutzt werden. Dort befinden sich Aufnahmen aller Decken aus dem Jahr 1938 sowie ein Grundrissplan des Hochparterres mit Eintragung aller Decken (Wilsleben 0). Nach der Enteignung des letzten Rittergutsbesitzers 1945 und der Umnutzung des Schlosses wurden alle Stuckdecken durch untergehängte Decken verdeckt, was den Einbau kleinerer Zimmer ermöglichte, oder übertüncht. 2006 wurden drei Decken freigelegt. Ein erheblicher Teil der Deckengestaltungen ist bis heute nicht zugänglich. Daher versucht die folgende Beschreibung, anhand von Plänen und Fotos eine Rekonstruktion des Zustands vor 1945 vorzunehmen. Dies ist mit einigen Unsicherheiten verbunden, da die Fotos von 1938 oftmals nur Deckenausschnitte zeigen.

Bedeutung

Schloss Wilsleben enthält den wohl umfangreichsten Bestand profaner Deckenmalereien aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Sachsen-Anhalt.

Baugeschichte

Schloss Wilsleben ist die Schöpfung eines bürgerlichen Rittergutsbesitzers, des königlich preußischen Kommissarius Friedrich David Gué (gest. 1727). Er hatte das erst im 17. Jahrhundert gebildete Rittergut Wilsleben durch seine Ehe mit Dorothee Sophie Berndes in Besitz gebracht. Noch zu Lebzeiten seines Schwiegervaters Johann Berndes, Eigentümer des Ritterguts von 1691 bis 1714, ließ er auf dem Gutshof vermutlich zwischen 1702 und 1707 einen Schlossneubau errichten. Darauf deutet eine Wappentafel, bezeichnet ANNO 1702, mit den Wappen und Namenszügen DAVID FRIEDRICH GUE und DOROTHE SOPHIA BERNDES. Das Schloss ist ein rechteckiger Bau mit 15 Fensterachsen. Auf der Hofseite tritt ein drei Achsen breiter Mittelrisalit hervor. Die beiden äußeren Fensterachsen sind jeweils auch als Risalite gestaltet. Über dem Sockelgeschoss und Hochparterre folgt ein Mansardenwalmdach, das nur in der Mittelpartie durch ein Obergeschoss unterbrochen ist. Dieser Mittelbereich trägt ebenfalls ein Mansardenwalmdach, bekrönt von einem achtseitigen offenen Pavillon mit Kuppelhaube. Zum Garten fällt das Gelände ab. Dort ist der Sockel ein voll ausgebildetes Erdgeschoss, und der Mittelrisalit ragt demzufolge dort über drei Geschosse auf.

Friedrich David Gué, der sich mit dem Schloss und seiner Ausmalung selbst ein Denkmal setzte, hatte keine Söhne. Seine einzige Tochter Sophie Sibylle Elisabeth Gué heiratete 1710 den Kriegsrat Johann Wilhelm Koch, womit das Rittergut Wilsleben an die Familie Koch überging. Später folgten die Eigentümerfamilien von Windheim und Andreae. 1945 wurde das Rittergut enteignet.

Bestand an Deckenmalereien

Acht Räume im Hochparterre waren vor 1945 mit barocken Stuckdecken sowie teilweise mit Ausmalungen versehen (vgl. schematischer Übersichtsplan Wilsleben 11). In weiteren Räumen scheint die barocke Deckengestaltung schon vor 1938 verloren gegangen sein. Die Gemälde sollen in Ölfarbe auf Putz gemalt sein. Lediglich bei der Decke im Kaminsaal handelt es sich um eine Malerei auf Leinwand.

Decke der Eingangshalle

Stuckdecke mit Mittelfeld, das an den Ecken abgeschrägt ist. Umlaufend sechs ovale Felder, davon vier in den Raumecken. Ein Foto ist nicht überliefert.

Decke des dritten Raumes

Stuckdecke besitzt ein rechteckiges Mittelfeld, umgeben von einer gestuften Stuckrahmung mit Auswölbungen an den Raumecken, die mit stuckierten Rosenzweigen gefüllt sind. Die äußere Umrandung enthält Blumenkörbe und Ranken. Im gemalten Mittefeld ist die Apotheose des Friedrich David Gué dargestellt. In einem Wolkenhimmel, in dem mehrere Putten flattern, wird der Hausherr von einem römischen Feldherrn (oder Gott?) empfangen. Dieser trägt einen Brustharnisch und hat einen flatternden Mantel. Gué ist ebenfalls in einen Mantel gekleidet, dessen Saum mit Hermelin eingefasst ist – ein Pelz, der ikonografisch eigentlich auf einen Kurfürsten verweist. Ein Putto rafft diesen Mantel, ein zweiter schließt Gués springenden Jagdhund in seine Arme. Dass es sich um Gué handelt, verdeutlicht eine Wappenkartusche mit seinem Wappen (drei Rosen), welches ein dritter Putto trägt. Zwei weitere geflügelte Putten tummeln sich in den Wolken.

Decke des zweiten Raumes

Die Stuckdecke besitzt ein ovales Mittelfeld, umgeben von einer fein stuckierten Einfassung mit vegetabilen Ornamenten und einer rechteckigen Einrahmung, die sich an der Mitte aller vier Seiten halbkreisförmig auswölbt. Das gemalte Mittelfeld zeigt zwei weibliche Allegorien in einem Wolkenhimmel. Links sitzt Caritas (Nächstenliebe), die ihre Brust entblößt hat. Ein Kleinkind saugt an einer Brust, während sie mit ihrem linken Arm ein weiteres Kind hält. Wie im Gespräch wendet sich Spes (Hoffnung) zu ihr. Die Allegorie ist an einem Anker zu erkennen, um dessen Mittelteil ein Knabe herumsteigt.

Decke des Großen Saals

Der vier Fensterachsen breite Saal ist der größte Raum im Hochparterre. Er ist auf der südlichen Längswand mit einem großen Kamin ausgestattet. Das Mittelfeld der Stuckdecke besitzt eine mehrfach gestufte Einfassung aus Festons, die mit Bändern umwickelt erscheinen. Dargestellt ist eine Szene, die man in Untersicht betrachtet. Auf Stufen, die zu einer dahinterliegenden Architektur führen, stehen oder knien zehn Personen. Ein bärtiger Mann hält einen großen Plan und misst auf diesem mit einem Zirkel, während weitere Personen zuschauen. In der Mitte umfasst ein bärtiger Mann die Skulptur eines Pferdes. Ein Mann in Harnisch und Mantel schaut nach oben und hebt theatralisch seinen linken Arm empor. Unter ihm sieht man Helm, Schild und Fahne. Über dieser Personengruppe schwebt die Göttin Athena mit Schild, Helm und Fahnenlanze. Rechts außen trägt ein Mann Baumaterial heran, und im Hintergrund sieht man einen Putto, der einen Obelisken trägt. Im Himmel darüber halten zwei geflügelte Putten ein Schwert sowie ein römisches Feldzeichen. Als Hintergrundarchitektur erscheinen zwei Monumentalgebäude. Links ist ein Obelisk abgeschnitten. Das Gebäude daneben hat eine Balustrade, hinter der Menschen (gerüstete Soldaten?) stehen und dem Geschehen zuschauen.

Die genaue Bildthematik konnte bisher nicht ermittelt werden. Es scheint sich um eine Szene aus Homers „Odyssee“ zu handeln. Die Hauperson in der Mitte könnte Odysseus sein. Dieser schlägt König Agamemnon vor, die Trojaner mit einem Pferd zu überlisten, was die Göttin Athena gutheißt.

Decke des Gartensaals

Der Gartensaal im Mittelrisalit besitzt an der Nordseite drei Fenster. Auf der gegenüberliegenden Längsseite öffnet sich eine Tür zum Treppenhaus, an den Schmalseiten befinden sich zwei weitere Türen. Die überlieferten Fotos des Deckenbildes zeigen nur Ausschnitte. Setzt man diese zusammen, sieht man eine gemalte illusionistische Architektur. Es handelt sich um einen ovalen zweigeschossigen Architekturaufbau in starker Untersicht mit Ausblick in den Himmel. Die untere Ebene besteht aus jeweils zwei hintereinander gestaffelten Pfeilern bzw. Säulen, zwischen denen sich eine Balustrade spannt. Hinter dieser Balustrade stehen Personen, die nach unten blicken. Wie es scheint, ist an dieser Decke der Bauherr David Friedrich Gué gleich sechsmal abgebildet! Auf der einen Schmalseite sieht man Gué mit dunkler Allongeperücke neben seiner Ehefrau Dorothee Sophie. Rechts befindet sich ein Herr mit weißer Allongeperücke, der mit einem Zirkel auf einem Grundrissplan des Schlosses Wilsleben eine Strecke abträgt. Es könnte sich hierbei um den Schwiegersohn und Erben Johann Wilhelm Koch handeln. An den beiden Längsseiten erscheint Gué noch viermal als Einzelperson, jeweils aber mit anderer Haltung und anderen Attributen. Die gegenüberliegende Schmalseite zeigt wiederum eine Dreiergruppe, bestehend aus Gué, seiner Ehefrau und – vermutlich – seinem Schwiegersohn. Gué hält einen kleinen runden Gegenstand, seine Ehefrau ergreift eine Porzellantasse, die auf der Balustrade abgestellt ist, und umfasst einen Schoßhund, der auf der Balustrade sitzt. Die dritte Gestalt zeigt in ein aufgeschlagenes Buch. Die ovale Architektur aus Pfeilern und Säulen trägt ein Architrav, über dem sich nochmals eine Balustrade erhebt. Im Wolkenhimmel schweben Putten, die ein flatterndes Tuch halten. In den Raumecken befinden sich große Wappenkartuschen, jeweils flankiert von Figuren, die Blattranken und Körbe mit Blättern und Früchten halten. Muschelbekrönungen über den Kartuschen tragen jeweils weibliche Büsten.

Decke des fünften Raumes

Der zur Gartenseite gerichtete, zwei Fensterachsen breite Raum besitzt eine Stuckdecke, deren gemaltes Mittelfeld von einer stark gegliederten und gestuften Einfassung umgeben ist. Der umgebende Stuckdekor besteht aus Ranken und Zierköpfen. Das Mittelbild zeigt die Göttin Venus auf einer Wolke sitzend. Ein Putto reicht ihr den Pfeilköcher, der die Liebespfeile enthält, und Venus zieht einen davon heraus. Ein zweiter Putto mit dem Bogen scheint auf der Wolke zu schlafen. Die Mittelszene ist von drei weiten Putten umgeben, die Blumen und Blumenkörbe halten. Die Partie rechts war jedoch in der Aufnahme von 1938 bereits stark abgängig.

Decke des sechsten Raumes

Der Raum hat zwei Fenster zur Gartenseite und verfügt auf der gegenüberliegenden Längsseite über einen Kamin. Das gekurvte Mittelfeld weist an allen vier Seiten Auswölbungen auf. In den Raumecken sind vier Tondi angeordnet. Das gemalte Mittelbild zeigt eine Szene aus dem Urteil des Paris: Hermes bringt Venus zu Paris. Links sitzt Paris in einer Landschaft, ausgerüstet mit einem Hirtenstab und begleitet von einem Hund. In der Mitte erscheint Merkur mit Flügelhelm und Caduceus. Er blickt zu einer frau mit entblößter Brust, die sich einem Putto zuwendet. Dieser trägt einen Pfeilköcher. Der zugehörige Bogen ist weiter unten zu sehen. Die rechte Partie wies im Zustand von 1938 eine größere Fehlstelle auf. In der rechten Auswölbung sieht man zwei Tauben. Diese gelten als Boten der Göttin Venus. Von den vier Tondi war das in der südöstliche Raumecke 1938 nicht mehr erhalten. Die drei anderen Rundfelder zeigten Männer und Frauen im Brustausschnitt. Die Aufnahme von 1938 zeigt ihre Attribute nur undeutlich, so dass nur vermutet werden kann, dass es sich um Personifikationen der vier Jahreszeiten handelt.

Decke des siebten Raumes

Der Raum wird durch zwei Fenster zur Hofseite belichtet, während sich an der nördlichen Schmalseite ein Kamin befindet. Das ovale Mittelfeld der Decke wird durch stuckierte Festons und Rahmen eingefasst. Die mittlere Rahmenleiste beschreibt ein Oval mit acht halbkreisförmigen Auswölbungen, die äußere ist rechteckig. Festons füllen den Zwischenraum. Das Foto von 1938 zeigt ein weißes Deckenfeld. Es ist anzunehmen, dass sich unter der weißen Tünche ein barockes Deckengemälde befindet, das aufgrund von Schäden/Fehlstellen übertüncht wurde.

Datierung und künstlerische Einordnung

Das Deckengemälde im Gartensaal soll den Namenszug des Malers Johann Peter Krause sowie die Jahreszahl 1721 tragen. Dies deutet auf eine Ausmalung der Decken um 1720 hin. Die Deckenstuckaturen dürften jeweils älter sein. Über Johann Peter Krause ist sonst nichts weiter bekannt, weitere Werke mit seinem Namen sind nicht überliefert.

Die Darstellungen auf den Deckenfeldern wurden teils eigens für Wilsleben komponiert – das Bild im Gartensaal sowie die Apotheose Gués –, teils wurden sie vermutlich zeitgenössischer Druckgrafik entnommen. Dies lässt sich vor allem bei den beiden Szenen vermuten, die Darstellungen aus dem Mythos des Paris/Odysseus zeigen. Die betreffenden Vorlagen konnten bislang nicht aufgefunden werden.

Bibliographie

  • Bednarz, Ute/Cremer, Folkhard (Bearb.): Georg Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler. Sachsen-Anhalt I. Regierungsbezirk Magdeburg, München/Berlin 2002, S. 1015.

Einzelnachweise