Widdersberg, Filialkirche St. Michael
WIDDERSBERG
Filialkirche, Gemeinde Herrsching, Pfarrei Frieding, Diözese Augsburg; z. Z. der Ausmalung Pfarrei Erling; diese war dem Kloster Andechs inkorporiert, Klosterhofmark Andechs
Patrozinium: St. Michael
Zum Bauwerk: Kleiner Saalbau, 1521 unter Abt Johannes Schrattenbach erbaut; Innenausstattung zweite Hälfte 18. Jh. – Langhaus drei Joche, eingezogener AR mit 3/8-Schluß
Auftraggeber: Abt Josef Hörl von Andechs (1767–75). Wappen des Abtes am Chorbogen
Autor und Entstehungszeit: Die Regierung des Abtes Josef Hörl von Andechs gibt uns als Entstehungszeit den Zeitraum 1767/75 an. Der Maler der Deckenbilder ist nicht überliefert. Der Figurentypus, besonders die Michaelsgruppe in A und der große Engel in B erinnern an die Werke von 1776 des Malers Joseph Mathias Ott
(*1735 München †1791 München) in Seefeld und in Grün sink (siehe dort). Die bizarr bewegten Körper, die wallenden Gewanddraperien, der elegant-preziöse Typus stimmen überein. Die Vereinzelung der Figuren und das Fehlen einer bildräumlichen Konzeption im Sinne des Illusionismus sind in den signierten Werken ähnlich. Der schlechte Erhaltungszustand – vor allem der Farbsubstanz – verunsichert die Zuschreibung an Joseph Ott.
Befund
Träger der Deckenmalerei: A und B Stichkappentonne
Rahmen: A und B Stuckprofil Technik: Fresko; polychrom Maße: A Höhe 6,95 m; 6,45 × 4,95
Erhaltungszustand und Restaurierungen: Bei einer Restaurierung 1939 wurden die Fresken stark übermalt. Die Farben sind bräunlich verschmiert; häufige, kleine Freskoputzbeschädigungen besonders in Fresko A.
Beschreibung und Ikonographie
A DER TRIUMPH MICHAELS Betrachterstandort unterhalb der Mitte des Freskos. Einansichtige Bildanlage; himmlische Szenerie, nur am östlichen Bildrand wird ein terrestrischer Streifen sichtbar. Wenig Verkürzungen und Untersichten. Die starke Verkleinerung der Figuren, die Auflichtung der Farben und Auflockerung der Formen nach oben hin bewirken jedoch eine gewisse Höhenillusion, obwohl der kompositionelle Bildaufbau keinen räumlichen Zusammenhang gibt.
Hoch oben in den Wolken thront Gottvater neben der Weltkugel, das Zepter befehlend nach unten gesenkt. Von Gottvater aus zieht ein Wolkenzug in einer weitgezogenen Spiralenwendung nach unten. Darauf sind die guten Engel im Kampf mit den Teufeln, den gefallenen Engeln, wiedergegeben (Engelsturz). Von dieser Himmelsszene getrennt, ihr gleichsam wie ein plastisches Bild vorgeblendet, ist die großfigurige Michaelsgruppe dargestellt. Der geharnischte Erzengel, von einem faltenreichen Mantel umflattert, setzt seinen Fuß auf den Anführer der bösen Engel, Luzifer. Er hat das Flammenschwert gegen seinen Feind gezückt. Unter der Teufelsgestalt, die ein Flammenbündel in der Hand trägt (lucifer!), öffnet sich feurig die Erde als Höllenschlund.
Michael trägt einen Schild mit seinem lateinischen Namen Quis ut Deus und der Darstellung der Immaculata, des Jesuskindes mit dem Kreuz und des Drachens. Die Bildmotive stammen aus dem 20. Kapitel der Apokalypse. Neben dem Triumph Michaels ist in untergeordneter Form das apokalyptische Weib dargestellt.
Der lichtblaue Brustpanzer Michaels ist mit einem weißen Kreuz geschmückt, dessen Enden die vier Buchstaben F./P./F./P. zeigen. Dieses Kreuz ist ein Abzeichen der bayerischen St.-Michael-Bruderschaft; die Buchstaben geben eine Devise an: Fideliter, Pie, Fortiter, Perseveranter – so sollten die Mitglieder ihrem Schutzpatron dienen. Das Kreuz hat die bayerischen Farben, diese sind hier in geringfügiger Abwandlung auf Brustpanzer und Kreuz verteilt (vgl. Ludwig Trost, Die Geschichte des St.-Michaels-Ordens in Bayern und der St.-Michaels-Bruderschaft seit dem Jahre 1693 bis auf die Gegenwart ..., München-Leipzig 1888, S. 10 f.). - In der Literatur ist kein Hinweis auf eine Michaelsbruderschaft in Erling und Widdersberg zu finden.
B TRIUMPH DER FIDES-ECCLESIA Das Bildfeld über dem Hochaltar wird nahezu ganz von einer himmlischen und einer irdischen Figurengruppe eingenommen; himmlischer und irdischer Schauplatz stehen zu diesen in keinem konsequent perspektivischen – messbaren Verhältnis, sondern wirken geradezu attributiv.
Fides-Ecclesia, hinterfangen von einer großen Strahlenglorie, thront auf einer Wolkenbank, die Linke ist an ein Kirchenmodell gelehnt, die Rechte schleudert vernichtende Blitze. Ein Engel zur Seite stützt den modellartigen Kirchenbau neben Ecclesia. Die Wolken mit den himmlischen Gestalten haben sich auf einen irdischen Berg herabgesenkt. Am Fuß des Berges winden sich die herabgestürzten Feinde der Ecclesia am Erdboden: Den feuerspeienden Drachen Satan trifft der himmlische Blitz. Ein nackter Mann, Schlangen in den Haaren, eine brennende Fackel (oder Schriftrolle?) in der Hand verkörpert die Häresie. Zwei Männer in lutherischer Amtstracht repräsentieren die Reformatoren als Häretiker.
Ecclesia ist über einem Berg gemäß Mt 16,18 dargestellt. Im Sinne der Gegenreformation ist die Personifikation mit dem Papsttum identifiziert (Pluviale, Tiara, Papstkreuz) und in Antithese zur Häresie gesetzt (vgl. Ripa, Venedig 1645, s. v. heresia und religione). Als Häretiker werden vor allem die das Papsttum bekämpfenden Reformatoren bezeichnet. Die Inschrift Sicut / in / caelo / et / in terra (Mt 6,10, aus dem Pater noster) auf dem Buch in Händen der Reformatoren ist wohl als Anspielung auf den in Fresko A dargestellten Engelsturz zu verstehen.
Die beiden Freskodarstellungen sind thematisch eng aufeinander bezogen: Der himmlischen Auseinandersetzung ist die irdische – in einer allegorischen Darstellung – gegenübergestellt. Michael, der Patron der Kirche, ist zugleich als der Patron der für den rechten Glauben streitenden Kirche der Gegenreformation bezeichnet.
Quellen und Literatur
Braun-Augsburg, Bd 1, S. 362 f. (s. v. Erling). Dehio-Gall OB (1964), S. 153.
LANDKREIS WEILHEIM-SCHONGAU