Weilkirchen, Filialkirche St. Georg


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 8: Landkreis Mühldorf am Inn. Hirmer, München 2002, ISBN 978-3-7774-9430-2, S. 286–293, geschrieben von Böhm, Cordula. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

WEILKIRCHEN

Filialkirche, Pfarrkuratie Zangberg (Pfarrverband Ampfing), Gemeinde Zangberg, Erzdiözese München und Freising; z. Z. der Ausmalung gehörte Weilkirchen zur Pfarrei Lohkirchen, Erzdiözese Salzburg. Weilkirchen war Herrensitz im Besitz der Grafen von der Wahl auf Zangberg. Salzburgisches Vogtgericht Mühldorf, Gericht Neumarkt.

Patrozinium: St. Georg

Zum Bauwerk: Der Bau besteht aus einem noch spätromanischen, außen durch Friese gegliederten Rechteckchor und einem gotischen LHs (Weihe 20.4. 1518). Der Glockenturm aus Backstein steht auf dem Hang, den das Hochufer der Iser bildet, etwa 100 Meter nördlich der Kirche. Es gibt nur spärliche Hinweise zu Umbau und Ausstattung der Filialkirche. Das Datum der Barockisierung ist unbekannt, sie könnte schon im späten 17. Jh. im Zusammenhang mit neuen Seitenaltären erfolgt sein, vielleicht auch 1765/66 unter der Bauleitung von Johann Georg Hechel (565 fl.). Damals übermalte der Neumarkter Maler Anton Zelcker die spätgotischen lebensgroßen Apostelfiguren (1906 wieder freigelegt) und freskierte ornamental gerahmte Apostelleuchter. Neuer Hochaltar 1789 (Altarblatt Nepomuk della Croce). Ausmalung 1796.

Saal (13,80×7,80 m) zu vier Jochen, eingezogener zweijochiger AR (6,60×5,50 m) mit geradem Schluß, Pilastergliederung. Sakristei mit darüberliegendem Oratorium im westlichen AR-Joch auf der S-Seite. Belichtung durch Rundbogenfenster in LHs und AR; Rundfenster im Westen hinter der Orgel und im Osten hinter dem Altar.

Auftraggeber: Maria Josepha Gräfin von der Wahl, geb. von Neuhaus, Hofmarksherrin von Zangberg (1759–1807). Pfarrer von Lohkirchen z. Z. der Ausmalung waren Joseph Johann Nepomuk Weiß (1777–95) und Georg Franz Schauer (1796–1816). Pfarrer Weiß hat sich mit seiner Gemeinde auf dem Altarblatt des Johann-Nepomuk-Altars (südlicher Seitenaltar) porträtieren lassen, das wie auch das nördliche Seitenaltarblatt mit dem hl. Sebastian als Werk Franz Xaver Hornöcks anzusehen und damit in die Zeit der Ausmalung zu datieren ist. Pfarrer Weiß hatte die Pfarrkirche Lohkirchen, die eine der reichsten im Gericht war, 1779/1790 im Stil des Rokoko umgestalten lassen (1869 regotisiert) und dazu die gleichen Künstler beauftragt: die Brüder Johann Philipp und Johann Michael Wagner für Stuck, Altäre, Kanzel und Tabernakel, Johann Nepomuk della Croce für Altarbild und Franz Xaver Hornöck für Fresken.

Autor und Entstehungszeit: Franz Xaver Hornöck (* 1752 Schönau bei Eggenfelden † 1822 Salzburg) Signatur in B: Xaver Hornök / Pinxit. 1796.

Franz Xaver Hornöck ist ein sehr später Vertreter der Deckenmalerei in Bayern. Er war 1777/96 fast ausschließlich im Bereich des Gerichtes Neumarkt bzw. der Klosterhofmark St. Veit als Faß-, Altarbild- und Freskomaler tätig. Die Ausmalung von Weilkirchen, die späteste Deckenmalerei im Landkreis, steht als einziges gut erhaltenes Werk Hornöcks vor uns. Einzelne Motive zeigen deutliche Anklänge an den Augsburger Rokokomaler Johann Wolfgang Baumgartner, dessen Werk in Stichen weitverbreitet war.

 
Der Kirchenraum
 

Befund

Träger der Deckenmalerei: LHs und AR Tonne mit tief herabgezogenen Stichkappen (verschliffenes gotisches Kreuzgewölbe)

Rahmen: A, B, C, 1-6, C1-2, W1-4 goldfarbene Stuckprofilrahmen, a-h gemalte Rocaillekartuschen in Stuckprofilfeldern, die die Stichkappen einfassen, EU Holzprofilleiste

Technik: A-C, 1-6, C1-2, W1-4 Fresko; polychrom; a-h, C1-2 Fresko; abwechselnd monochrom gelb (a, c, f, h) bzw. grün (b, d, e, g, C1-2); EU Öl auf Leinwand; polychrom

Maße: A Höhe 7,20 m; 4,40 × 3,10 B Höhe 7,20 m; 5,60 × 3,20 C Höhe 6,70 m; 4,80 × 2,55 1-6 1,90 × 1,90 a-h ca. 0,40 × 0,40 EU 1,70 × 1,50 W1-4 Durchmesser 0,50

Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1893/94 Entfeuchtungsmaßnahmen; ein Gotisierungsprojekt kam nicht zur Durchführung. Bei der Innenrestaurierung 1904 durch Firma Josef Elsner, München, wurden durch den Münchner Kunstmaler Max Vogt spätgotische Wandmalereien freigelegt: Zehn Apostel, und über der Eingangstür an der N-Seite die Darstellung des Falls Jesu unter dem Kreuz. C1-2 und a-h, die Malereien in den Zwickeln des ARs und in den Stichkappen, sind neubarocke Gemälde, die von Elsner entworfen und von den Kunstmalern Anton Ranzinger und Christian Lessig ausgeführt wurden. Die vom BLfD damals als Vorbedingung für deren Ausführung angeordnete Suche nach originalen barocken Malereien verlief offenbar ergebnislos; bzw. es ist nicht bekannt, inwieweit die neubarocke Ausführung auf aufgefundenen Vorlagen beruht (BLfD, Akten Weilkirchen). 1948 Innenrestaurierung durch Ludwig Keilhacker, 1976 durch Karl Holzner, Ampfing.

Die originalen Deckenbilder A–C und 1–6 sind gut erhalten und technisch in gutem Zustand. Geringfügige Übermalungen; Scheitelriß und kleinere Wasserschäden in C bei der Henkergruppe und in W4 am Stier des Lukas. Die Evangelisten W1-4 sind teilweise beschädigt und übermalt.

 

Beschreibung und Ikonographie

GEORGS-ZYKLUS Die Dekoration des spätesten 18. Jh. verzichtete völlig auf Stuck oder ornamentale Malerei. Die Haupt- und Nebenfresken bilden einen umfangreichen Zyklus aus dem Leben des hl. Georg. Alle Bilder sind nach einem einheitlichen Schema komponiert: Die bildparallelen Handlungsbühnen sind mit wenigen architektonischen Versatzstücken charakterisiert, die vom hellen und ruhigen Himmelsgrund klar abgesetzt sind. Auf der vorderen Ebene agieren die Personen mit theatralischen Gebärden, sie sind postiert wie ausgeschnittene Figurinen. Die gekonnte Licht- und Schattenführung verstärkt den Rampenlicht-Effekt. Die Farbgebung der Fresken ist geradezu delikat, mit wirkungsvoll eingesetzten Buntfarben vor den farblich fein differenzierten Hintergründen. Gelb ist sparsam verwendet, nur zum Changieren der Draperien und als Beleuchtungseffekt. Weiß hat Farbcharakter, es wird vereinzelt ungebrochen eingesetzt wie z.B. in einer Fahne oder einem Engelsflügel, was brillante Wirkungen erzielt, in größeren Partien (Inkarnat, Mauerwerk) rosafarben oder graugrün gebrochen, wodurch der Gesamteindruck der Fresken ein sehr heller ist.

Auffallend ist die Darstellung des hl. Georg, der mit Ausnahme von drei Marterszenen als hübscher junger Mann gezeigt ist, wie ein barocker Bühnenheld aufgeputzt, mit hellblauem Obergewand und ebensolchen kurzen Höschen, als Reminiszenz der Rüstung ein kurzes rotgoldenes rockähnliches Gebilde um die Hüften. Auch der Helm ist hellblau, mit weißen Federn, die weißen Strümpfe und Schuhe sind mit hellblauen Schleifen versehen.

Der Zyklus schildert die wichtigsten Stationen seines Martyriums, folgend am ehesten Surius-Via (deutsche Ausgabe München 1574–80, Bd 2, S. 515–20), aus dem im Folgenden zitiert wird.

»Georg lebte um 300 unter der Regierung Diokletians und seines Beraters Magnentius. Er war im Heer Rang eines Feldobristen aufgestiegen, als er vom Kaiser zu einem Reichsrat miteinberufen wurde, auf dem über das Schicksal der Christen entschieden werden sollte. Einstimmig wurde deren Vernichtung beschlossen, als Georg hervortrat, sich zu Christus bekannte und mit dem Kaiser und seinem Berater einen Disput eröffnete (Fresko A). Der erzürnte Kaiser ließ ihn mit Prügeln schlagen (2) und anschließend ins Gefängnis werfen (3). Dort wurde er mit einer großen Stein-«

platte beschwert (4) und sprach: »Ich sage dir danck mein Gott, das ich gewirdiget, solche Bürden zu empfangen, die mir auff meine Brust gelegt: welche meiner Bekantnussen Bestendigkeit bevestigen sol« (S. 517). Tags darauf ließ Diokletian ein Rad zimmern, das mit Messern besteckt und auf einer mit Messern gespickten Platte befestigt war (5). Georg wurde auf das Rad geflochten und zerstückelt, in der Abwesenheit Diokletians aber von einem Engel befreit und geheilt. Nun forderten Diokletian und Magnentius Georg zu einem Gottesbeweis auf: er sollte einen Toten erwecken. »Da erhebt sich gehelich ein Erdbeben am selben Ort, der Deckel vom Grabe fellt abe auff die Erden, und einer aus den Todten, die darinnen gelegen, ist hinaus gangen«, trat zu Georg und bekannte sich zu dessen Gott (6), dem Heidentum, unter dem er vor Christi Geburt gelebt hatte, abschwörend (S. 518). Die Kaiserin Alexandra, schon längst durch die Wunder an Georg bekehrt, trat vor ihren Mann und verkündete öffentlich ihren Glauben, worauf Diokletian beide zum Tod durch Enthauptung verurteilte. Auf dem Weg zur Richtstätte brach Alexandria zusammen und starb (B). Georg aber pries Christus und empfing am Karfreitag (23.4.) den Todesstreich (C)

 
B Georg wird zur Richtstätte geführt – Tod der Kaiserin Alexandra
 
Enthauptung des hl. Georg, C, Putten (Elsner 1904)
 
 
I Georg kämpft mit dem Drachen

C1-2, a-h Die Malereien in den Stichkappen von LHs und AR und die AR-Zwickel sind neubarocke Ergänzungen. Die Mariensymbole a-h kommen in ähnlicher Zusammenstellung in Frauenornau, in Mößling und in Wald vor.

C1-2 PUTTEN Je drei Puttenköpfchen auf Wolken an der Zwickeln zu seiten des Chorfreskos C, Grisaillen auf hellgrünen Grund.

a - h Mariensymbole in gemalten Rocaillekartuschen. a Weihrauchfaß, b Arche, c Haus, d Wachtturm, e elfenbeinerner Turm mit zwei Elefantenköpfen, f Himmelspforte, g Rose, h Kelch, von Geisttaube bekrönt.

EU DREIFALTIGKEIT Das Ölgemälde an der Emporenunterseite ist dem Augenschein nach ein adaptiertes Auszugsmedaillon, das Johann Nepomuk della Croce zuzuschreiben ist (Dieter Goerge). Es war möglicherweise für den Hochaltar vorgesehen, an dem jetzt eine plastische Bekrönung mit den Symbolen der Heiligsten Dreifaltigkeit von den Brüdern Wagner angebracht ist (Zepter, Weltkugel mit Kreuz, Geisttaube), paßte dann vielleicht stilistisch nicht zu della Croces Hochaltarbild, das Georg mit dem Drachen und Marterattributen zeigt (signiert und datiert 1789).

 
 

Quellen und Literatur

StAL, Pfleggericht Neumarkt, Kirchenrechnungen (bis 1793) AEM, Pfarrakten Lohkirchen, Pfarrbeschreibung. BLfD, Akt Weilkirchen, Kirche St. Georg.

Mayer-Westermayer, Bd 2, S. 568-72 KDB IOB (2), S. 2202

Krausen, Edgar, Franz Xaver Hornöck (1752–1822), in: Mark miller 1982, S. 125–34, 263 (mit weiteren Literaturangaben zu Hornöck).

Historischer Atlas Bd 36, Mühldorf (Helmuth Stahleder) München 1976, S. 200, 203, 232.

Dehio 1990, S. 1267f

Goerge, Dieter, Johann Nepomuk della Croce 1736–1819. Leben und Werk (= Burghauser Geschichtsblätter 50), 1998, S. 160 und 269.

 
 
W. Markus
 
 
4 Georg wird vom Stein beschwert
 
 
Georg erweckt einen Toten