Dreyer, Angelika:Walchsing, Schloss, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2022, URL: www.deckenmalerei.eu/6b46de7b-169c-4c1b-8d81-3f9f685754a0

Inventarnummer: cbdd10318

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Das ehemalige Schlösschen Walchsing der Grafen Goder im niederbayerischen Landkreis Passau zeigt mit seinem stattlichen Kernbau und den Resten seiner Ausstattung typische Merkmale der Zeit vor und nach 1500 und stellt ein markantes Beispiel von lokalhistorischer Bedeutung dar.

Walchsing, Schloss
Walchsing, Schloss

Lage, Geschichte und Besitz-Geschichte

Schloss Walchsing: Lage, Geschichte und Besitzgeschichte

Das Schloss Walchsing[1] stand ehemals frei und war in die sanft hügelige Landschaft des Unteren Vilstales eingebettet. Ursprünglich lag es mehrere Kilometer von Ort und Kloster Aldersbach entfernt, seit der Gebietsreform 1972 gehören die Ortschaft und das ehemalige Schloss Walchsing zur Großgemeinde Aldersbach.[2]

Walchsing, das „zu den ältesten Siedlungsorten“[3] in dieser Region zählt, wird erstmals als „Walkesing“[3] im Jahre 1100 in einer Urkunde schriftlich erwähnt.

„1115 kommt ein Ascuin de Walkgesing vor, der als Zeuge bei einer Schenkung an das Passauer Kloster [Sankt Nikola] genannt wird. Die adeligen Herren von Walchsing treten bald darauf als Salmänner, das heißt als Notare, in vielen mittelalterlichen Urkunden auf.“[3]

Als im Jahre 1496 die Brüder „Christoph und Johann aus dem Geschlechte der schon länger im benachbarten Kriestorf ansässigen Goder die Hofmark von dem Kanzler Wolfgang Kolberger“[4] kauften, gelangte „das ziemlich verzweigte Geschlecht zu großem Ansehen und Besitz. Im Jahre 1700 wurde es in den Reichsgrafenstand erhoben. 1789 starb der letzte männliche Goder.“[4]

Mit dem Aussterben des letzten Goder fiel der Besitz an Bayern.[5] „Allodialerbin der Goder war die verwitwete Freiin von Dachsberg, eine geborene Gräfin Goder. Kurfürst Karl Theodor verlieh den Sitz an Elisabeth Reichsgräfin von Bettschard zu durchgehendem Manns- und Weibsritterlehen 1790 am 16. August. Doch bereits in darauffolgendem Monat kaufte der Prälat von Aldersbach diesen Sitz zusammen mit Schönerting und Kreistorf mit lehensherrlicher Ratifikation von der Gräfin Bettschard. Bei Aldersbach verblieb es bis zur Klosteraufhebung [1803].“[6] „[N]ach der Säkularisation erwarb die bisherige Pächterin Margareta Rieger das Schloss, das bis heute in der gleichen Familie (Hauser) geblieben ist.“[4]

Das Bauwerk

Das Bauwerk

Das ehemalige Schloss ist ein dreigeschossiges Gebäude über rechteckigem Grundriss und mit einem Steildach und Krüppelwalm versehen. „Die Hauptschauseite ist die nach Süden liegende Hofseite. Sie hat in der Mitte eine schlichte Spitzbogentüre mit rechteckigem Oberlicht. Das dritte Geschoss ist durch ein Kaffgesims geschieden. Die je vier großen Fenster der beiden Obergeschosse liegen nicht in durchgehenden Achsen.“[4] Zu beachten ist zudem ein Größenunterschied der Fenster im 2. Obergeschoss.

„Charakteristisch [sind] die kräftig gezahnten Rauputzrahmungen des Portals und der Fenster. Sie zieren die zum ehem. Hof gewendete südliche Breitseite und die östliche Schmalseite. Auch die Ecken des Gebäudes sind in derart stilisierter Rustika betont.“[7] „In der Mitte des zweiten Geschosses Sonnenuhr mit Goderwappen.“[4]

Die Baugeschichte

„Nach einer Bauinschrift wurde das Schloss 1459 durch Simon Püczner erbaut.“[4] „In der Ostwand [des zweiten Geschosses] ist eine Inschrifttafel (Minuskel) eingelassen: Das . paw . hat . anghebt . Syman Püczner . Anno . Dny . m . cccc . lvıııı.[4]

„Im 17. Jahrhundert wurden auch die Erkertürmchen an die vier Ecken angebaut durch Bartholomäus Viscardi [...]. Nach der Säkularisation wurden dieselben wieder entfernt [...].“[4]

„Das Schloss wurde bald danach zum Teil abgebrochen und in ein Bauernhaus umgewandelt.“[2] 1980 wurde das ehemalige Schloss restauriert „und dient [seitdem] als Hotel mit zehn Gästezimmern.“[8]

Auftraggeber und Ausstattungsgeschichte

Ausstattungsgeschichte

Das 1459 errichtete Schloss baute man in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts um und/oder ließ es neu einrichten.[4] Die überlieferten „Jahreszahlen 1557/61, 1569, 1583“[4] zeugen dabei von mehreren Ausstattungskampagnen.

Auftraggeber

Der „Umbau und die Neueinrichtung fand statt durch Joseph Goder [1535–1609], der selbst ausübender Künstler war.“[4] Möglicherweise ist sein Porträt in dem Brustbildnis in Rundblende auf dem 1569 geschnitzten Unterzug als Rest der ursprünglich im kleinen Saal vorhandenen Holzdecke zu erkennen.[9]

Der Saal

Saal

Im dritten Obergeschoss des Schlosses liegt „[g]egen Osten [...] ein saalartiger Raum von 1 zu 2 Fensterachsen. Er wurde von 1569–1581 neu ausgestattet. Er hat zwei Türen mit eingelegter Arbeit und Renaissancebeschlägen. Die Wände waren ehemals bemalt. [...] Der Saal hatte wohl sicher [...] eine vollständige Holzdecke.“[10]

Die Holzdecke

Die Holzdecke

Von der in dem Saal ehemals bestehenden Holzdecke ist heute „nur noch ein prächtig geschnitzter Unterzug vorhanden. Er ist profiliert und auf der Unterseite mit Akanthusgerank und einer Mittelrose verziert. An den Seitenflächen befindet sich ebenfalls Akanthusschnitzerei und in der Mitte auf der einen Seite, von Fischmännchen und Fischweibchen gehalten, das Ehewappen Goder-Dietrichinger, mit der Jahreszahl 1569 dazwischen, auf der anderen in Rundblende männliches Brustbild, das wohl Joseph Goder darstellt.“[10]

Die Wandmalerei

Die Wandmalerei

Die Wände des Saales im dritten Geschoss „waren ehemals bemalt.“[4] 1926 waren Fragmente der Ausmalung an der Nordwand aufgedeckt. „An der gleichen Wand neben der Türe ein springender Hirsch, ein zweiter an der gegenüberliegenden Fensterwand, beide ehemals mit wirklichen Geweihen. Über der Türe das Ehewappen des Joseph Goder und seiner Frau Benigna, geb. Dietrichinger, und die Jahreszahl 1581. An der Westwand ist in einer Nische die Sündflut dargestellt. Sonst dekorative Malereien. Soweit sich beurteilen lässt, sind die Arbeiten von tüchtiger Hand.“[4]

Nordwand: Hirsch mit Geweih neben der Türe

„An der gleichen Wand neben der Türe ein springender Hirsch, [...] ehemals mit wirklichen Geweihen."[4]

Südwand: Springender Hirsch an der Fensterwand

„Ein zweiter [Hirsch] an der gegenüberliegenden Fensterwand, beide [Hirsche] ehemals mit wirklichen Geweihen.“[4]

Nordwand: Ehewappen des Joseph Goder und seiner Frau Benigna, geb. Dietrichinger

„Über der Türe das Ehewappen des Joseph Goder und seiner Frau Benigna, geb. Dietrichinger, und die Jahreszahl 1581.“[4]

Westtwand: Die Sündflut

An der Westwand ist in einer Nische die Sündflut dargestellt. Sonst dekorative Malereien. Soweit sich beurteilen lässt, sind die Arbeiten von tüchtiger Hand.“[4]

Nordwand: Das Festmahl

Das Festmahl an der Nordwand

„[A]n der Nordwand in einer Stichbogennische hinter dem Ofen über der Sitzbank [sieht man] die Darstellung eines Festmahles: in einer Gartenhalle vor architektonischem Hintergrund sitzt die Tafelgesellschaft, im Vordergrund ein Lautenspieler.“[4]

Nordwand: die Jagdszene

Nordwand: Die Jagdszene unter der Sitzbank

„Unter der Sitzbank ist eine Jagdszene dargestellt.“[4]

Programm und Synthese: Musik als Sinnbild der Harmonie

Musik als Sinnbild der Harmonie und das Lautenspiel als Sinnbild der Sinneslust

Aufgrund einer genaueren Autopsie des Fotobestandes sind an der publizierten aufzählenden Beschreibung gestalterische Korrekturen und interpretatorische Ergänzungen hinzuzufügen.[11]

Im Vordergrund des vielfigurigen Freskos mit einer Tafelgesellschaft ist nicht ein Lautenspieler zu sehen, sondern eindeutig eine Frau, die zudem barbusig ist und mit ihren beiden Händen dem Musikinstrument zarte Töne entlockt. Diese Vermutung ergibt sich daraus, weil rechts neben ihr ein Mann mit einer die Knie freilassenden Bekleidung sitzt. Dieser hat sich der Lautenspielerin mit einer Körperdrehung zugewandt und versucht, ihr Gesicht mit seiner rechten Hand seinem eigenen Kopf nahe zu bringen. Man kann oder muss in diesen beiden Personen sowohl ein Liebespaar sehen wie auch diejenigen Musikanten, welche die Tafelgesellschaft bei dem Festmahl unterhalten.

Beide sitzen vor dem sie ausgrenzenden Bereich der „Gartenhalle,“[4] unter der sich die Festgäste versammelt haben. Sowohl ihre körperliche Zuneigung wie auch die bildwirksam inszenierte Laute spielen allgemein einerseits „auf die Kunst der Musik und damit auf die Harmonie“[12] an, eine Eigenschaft, die im Zusammenhang eines Festmahls, das auf liebevolle Art von musikalischen Weisen begleitet wird, überzeugend ist.

Andererseits können symbolische Aussagen über die Laute den Sinngehalt etwas genauer präzisieren. So weist das Musikinstrument auch auf die damit verbundenen „weltliche[n] Freuden“[13] hin. Das Lautespiel kann man aber genauso, wenn man es mit einem moralischen Unterton belegt „[...] für oberflächliche und sinnlose Beschäftigung[...]“[14] halten. Eine erotische Komponente bekommt die Laute zudem dadurch, weil sie auf die Sinneslust[15] verweisen kann und deswegen verwundert es nicht, dass die Laute „zur Musik im Umkreis der Göttin Aphrodite/Venus gehört.“[12]

Die interpretatorische Verlockung ist groß, die beiden Liebenden in einen allegorischen Zusammenhang mit dem Ehepaar Goder-Dietrichinger zu bringen, deren Ehewappen in direkter räumlicher Nähe über der Türe prangt.

Die im Fresko wiedergegebene Architekturstaffage im Bildhintergrund könnte sich mit ihren gotischen und spätgotischen Bau- und Zierformen einerseits auf das hohe Alter des Ortes und des Besitzes und auf den Kauf durch die Goders kurz vor 1500 beziehen.

Bibliographie

  • Bauer/Rupprecht, Corpus, 1976 ─ Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 1, München 1976.
  • Bauer/Büttner/Rupprecht, Corpus, 2003 ─ Bauer, Hermann/Büttner, Frank/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 9, München 2003.
  • Brix, Niederbayern, 2008 ─ Brix, Michael: Bayern II. Niederbayern (Dehio, Georg, Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Bayern II. Niederbayern), München/Berlin 2008.
  • Jungmann-Stadler, Vilshofen, 1972 ─ Jungmann-Stadler, Franziska: Landkreis Vilshofen. Der historische Raum der Landgerichte Vilshofen und Osterhofen (Historischer Atlas von Bayern, Teil Altbayern, Reihe I, Heft 29, Landkreis Vilshofen), München 1972.
  • Kretschmer, Lexikon, 2008 ─ Kretschmer, Hildegard: Lexikon der Symbole und Attribute in der Kunst, Stuttgart 2008.
  • Mader/Ritz, Kunstdenkmäler, 1926 ─ Mader, Felix/Ritz, Joseph Maria: Die Kunstdenkmäler von Niederbayern. Band 14: Bezirksamt Vilshofen, München 1926.
  • online

Einzelnachweise

  1. Hausergasse 5, 94501 Aldersbach-Walchsing; Denkmal-Nr.: D-2-75-114-76.
  2. 2,0 2,1 https://wikipedia.org/w/index.php?title=Walchsing&oldid=207597886[zuletzt aufgerufen am: 29.09.2021].
  3. 3,0 3,1 3,2 https://www.aldersbach.de/index.php/ct-menu1-item14/ct-menu1-item16/ct-menu1-item18[zuletzt aufgerufen am: 29.09.2021].
  4. 4,00 4,01 4,02 4,03 4,04 4,05 4,06 4,07 4,08 4,09 4,10 4,11 4,12 4,13 4,14 4,15 4,16 4,17 4,18 4,19 Mader/Ritz, Kunstdenkmäler, 1926, S. 388.
  5. Jungmann-Stadler, Vilshofen, 1972, S. 215.
  6. Jungmann-Stadler, Vilshofen, 1972, S. 215–216.
  7. Brix, Niederbayern, 2008, S. 734.
  8. https://wikipedia.org/w/index.php?title=Schloss_Walchsing&oldid=207209620[zuletzt aufgerufen am: 29.09.2021].
  9. Mader/Ritz, Kunstdenkmäler, 1926, S. 389–390.
  10. 10,0 10,1 Mader/Ritz, Kunstdenkmäler, 1926, S. 388–389.
  11. Bei den folgenden Bemerkungen ist zu berücksichtigen, dass das Wandfresko tatsächlich nur nach dem einzig erhaltenen Foto begutachtet werden konnte. Eine Besichtigung des Originals war nicht möglich.
  12. 12,0 12,1 Kretschmer, Lexikon, 2008, S. 258.
  13. Bauer/Büttner/Rupprecht, Corpus, Band 9, 2003, S. 110.
  14. Bauer/Büttner/Rupprecht, Corpus, Band 9, 2003, S. 201.
  15. Bauer/Rupprecht, Corpus, Band 1, 1976, S. 409.